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Schart, Aaron, Stand: 2007-05-07

(von links nach rechts: Rabbi Stein, Schultze, Westermann; alle Fotos auf dieser Seite von Dirk Mävers)
Auf die Frage: Hat Gott die Holocaust-Opfer im Leid allein gelassen? brachte Rabbi Stein, der aus London angereist war, die theologische Problematik scharf pointiert zum Ausdruck:
„Wenn Gott die Shoa zugelassen hat, dann kann dieser Gott nicht gut sein. Wenn Gott dagegen weggeschaut hat, dann hat Gott eine zweite Chance.“ (Rabbi Stein)
Jörg Czichon, Gunilla Dorn und Gabriele Tscherpel, die als Sprecher der studentischen Vorbereitungsgruppe agierten, begannen die Veranstaltung mit der Frage, wie man unmittelbar neben der Gedenkstätte Theresienstadt heute normal leben könne. Sie berichteten über ihr Befremden, als sie mitten im ehemaligen Konzentrationslager, in dem zigtausende von Menschen zu Tode gebracht wurden, Kinder spielen und Weihnachtssterne blinken sahen. Schnell weitete sich diese Frage aus: Wie kann man überhaupt in einem Land, in einem Volk leben, das für die Shoa die Verantwortung zu übernehmen hat? Wie kann man die Kinder, die in Theresienstadt und an den vielen Orten des Grauens überall in Deutschland relativ unbelastet von der Vergangenheit spielen, an die geschehenen Verbrechen in angemessener Weise erinnern? Das Thema Shoa ist seit langem in verschiedenen Fächern im Schulunterricht fest verankert. Die Lerneffekte sind bisher, so Rabbi Stein, so gering, dass man sagen kann: „Wir Opfer haben verloren!“. Einige Gäste konnten aus eigener Schulerfahrung berichten, dass Schüler mit dem Thema Shoa übersättigt seien und inzwischen mit Aversionen reagieren, wenn es erneut zum Thema erhoben werde.
Mit diesem desillusionierenden Fazit wollten sich die anderen Mitglieder auf dem Podium, Wim Westermann von der Universität Amsterdam und Herbert Schultze von der Evangelischen Theologie an der Universität Essen, allerdings nicht zufrieden geben. Es gebe ermutigende Beispiele, wozu eben dieser Anne Frank-Tag auch zu rechnen sei. Einige Dinge könne man doch für erfolgreichen Umgang mit dem Thema nennen:
Wichtig sei der unmittelbare Kontakt mit den Opfern und Tätern, die noch leben. Noch leben einige wenige, deren Zeugnis so gut wie möglich für die Nachwelt erhalten werden muss.
Die Unterrichtenden müssten ganz und gar verinnerlicht haben, dass die Shoa alle anderen menschlichen Grausamkeiten, selbst andere Genozide und ethnische Säuberungen (etwa Ausrottung der Indianer, Verschleppung der Schwarzen nach Amerika, Armenier, Ruanda, Ex-Jugoslawien), in ihrem Ausmaß bei weitem übersteige.
Wenn man Exponate von Opfern einsetze, müsse man dem schweigenden Aushalten des Erschreckens Raum geben.
Auf alle billigen Effekte ist gerade bei diesem Thema ganz bewusst zu verzichten. Der Vorschlag, Schüler im ehemaligen KZ Theresienstadt die Straße fegen zu lassen, um ihnen ihre Verantwortung spürbar zu machen, zähle zu dieser Kategorie des billigen Effekts.
Auch bei der Frage nach Gott müsse zunächst einmal die Erfahrung der Abwesenheit Gottes in aller Schärfe thematisiert werden. Wohl gab es Menschen, die bis zuletzt in Hoffnung gebetet haben. Seine eigene Tante habe zu diesen Menschen gehört, sagte Rabbi Stein. Auch wenn das persönlich ehrenwert und höchst respektabel sei, ändere das doch nichts an der kollektiven Gesamterfahrung, dass Gott eben nicht da war.
Alle diese Punkte, so sprachen sich mehrere Voten aus, seien nur zu gut verständlich, führten sie aber nicht zu lähmendem Entsetzen? Könne man Schüler an diesen Punkt des Entsetzens führen, ohne sich dann auch der Frage zu stellen: Wie sollen wir nun damit leben? Wie sollen wir noch an den Gott glauben können, der sein Volk nicht vor den Gaskammern bewahrt hat?
Einen wirksamen Kontrast stellte die Gospelgruppe THE EXPLOITS dar, die etwa mit ihrem Song „God is with us“ die Freude über die Erfahrung zum Ausdruck brachte, dass Gott sein Volk durch alle Zeiten, gerade auch durch Phasen der Unterdrückung und des Leidens, begleitet. Mit der Frage, wie beide Glaubenserfahrungen miteinander vermittelt werden könnten, wurden die Gäste entlassen.
Prof. Aaron Schart von der Evangelischen Theologie versprach, dass es im nächsten Jahr einen 10. Anne Frank Tag geben werde, der an dieser Stelle die Diskussion wieder aufnehmen solle. Die im Saal aufgestellte vorzügliche Fotoausstellung vom Besuch der Vorbereitungsgruppe in Theresienstadt, die Frau Gunilla Dorn organisiert hatte, werde zudem im Gang der Evangelischen Theologie (R12 T04 F-Gang) sowie auf den Webseiten der Fachgruppe zu sehen sein.

(The Exploits; Foto Dirk Mävers)