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Ritter, Adolf Martin. Alte Kirche. Vol. 1 of Kirchen- Und Theologiegeschichte in Quellen. Ed. Heiko A. Oberman. 4 vols. Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag, 1977, 19-20.
12. Aus den Lehren des Stoikers Epiktet
In der Zeit, als sich das Schwergewicht des Christentums vom palästinischen auf den griechisch-römischen Bereich verlagerte und es ihm gelang, nach und nach auch in den Bildungsschichten des römischen Reiches Fuß zu fassen, behaupteten eklektisch verfahrende Weltanschauungen das Feld; unter ihnen dominierte anfänglich noch die Stoa (griech. >Säulenhalle<), d. h. die nach der Stätte der Lehrvorträge ihres Gründers, Zenon von Kition (ca. 300 v. Chr.), benannte jüngste unter den vier großen athenischen Philosophenschulen, die gerade im lateinischsprachigen Raum, in der römischen Mittel- und Oberschicht (Mark Aurel!), die größte Breitenwirkung ihrer Geschichte erzielte. - Einer ihrer letzten bedeutenden Vertreter war der einstige Sklave Epiktet aus Hierapolis in Phrygien (ca. 50-120), dessen nur mündlich vorgetragene Lehren der Nachwelt - mindestens teilweise - in drei von seinem Schüler Arrian etwa ein Jahrzehnt nach seinem Tode veranstalteten Sammlungen erhalten sind: in 8 Büchern »Diatriben«, 12 Büchern »Homilien« und einem »Encheiridion« seiner wichtigsten Gedanken, das in der Spätantike und dann wieder im 16.-18. Jahrhundert ein vielgelesenes Trost- und Erbauungsbuch war.
Grundprinzipien stoischer Philosophie (Handbüchlein 1,1-13)
(1,1) Von allem, was ist, steht das eine in unserer Macht, das andere nicht (ta men estin eph' hemin, ta de ouk eph' hemin). In unserer Macht steht: unser Vorstellen, unser Trachten, Begehren und Meiden - mit einem Wort: alles, was wir selbst [zu] bewirken [vermögen] (hosa hemetera erga). Nicht in unserer Macht dagegen steht: unser Leib, unser Besitz, unser Ansehen, unser Wirkungskreis [>Amt<] - kurzum: alles, was außerhalb unserer Einwirkungsmöglichkeit liegt. (2) Ferner: was in unserer Macht steht, das ist von Natur aus frei, kann weder gehindert noch gehemmt werden; was aber nicht in unserer Macht liegt, ist hinfällig, unfrei, leicht zu hindern, fremd[em Einfluß ausgesetzt] (allotria). (3) Denke nun daran, daß du dann, wenn du das von Natur aus Unfreie für frei und das Fremde für dein eigen hältst, nur Unannehmlichkeiten haben, [nur] klagen, verwirrt sein und Göttern und Menschen Vorwürfe machen wirst; hältst du aber nur das für dein Eigentum, was wirklich dein eigen ist, das Fremde dagegen für fremd, wie es sich ja auch in Wirklichkeit verhält, so kann niemand je Zwang auf dich ausüben, niemand dir Hindernisse in den Weg legen, . . . wirst du keinen Feind haben; denn du wirst dann überhaupt keinen Schaden erleiden.
b) Die Umstände sind nichts; nur unsere Einstellung zu ihnen ist wichtig (Gespräche 1,12,17)
[Unsere Erziehung hat nicht den Zweck], die Umstände zu ändern (das ist uns weder gegeben noch nützlich); vielmehr [zielt sie darauf ab], daß wir angesichts der Umstände, wie sie nun einmal notwendigerweise sind, uns selbst in das, was geschieht, willentlich einfügen.
c) Der Mensch als ein Teil Gottes (Gespräche 2,8,11-14)
(11) Du aber bist [anders als die übrigen Geschöpfe] ein Wesen von erstrangiger Bedeutung, bist ein Stück (apospasma) von Gott; du hast ein Teilchen von ihm in dir selbst. Warum verkennst du [diese] deine Verwandtschaft? (12) Warum weißt du nicht, woher du stammst? Willst dessen nicht gedenken, während du issest, wer du bist, der da ißt, und wen du ernährst? Willst dessen nicht gedenken, während du Geschlechtsverkehr hast, . . . in Gesellschaft bist, dich Leibesübungen unterziehst, dich unterhältst . . . ? Einen Gott trägst du mit dir herum und weißt es nicht, du Elender! . . . (14) Wenn auch nur eine Bildsäule des Gottes dastünde, würdest du dich nicht erkühnen, etwas von dem zu tun, was du tust. Dagegen schämst du dich nicht, dergleichen zu denken und zu tun, wo doch Gott selbst in dir gegenwärtig ist und alles sieht und hört. Wie wenig erkennst du deine Natur! Wie sehr mußt du Gott mißfallen!
d) Vom Vertrauen in die göttliche Vorsehung und von der Dankbarkeit für Gottes Gaben (Gespräche 2,16,42 f.; 1,16,15-21)
(2,16,42) Brauche mich hinfort, [Gott,] wozu du willst. ich bin mit dir eines Sinnes; ich bin der Deine. Gegen nichts will ich mich sträuben, was du mir ausersehen. Führe mich, wohin du willst; bekleide mich mit einem Gewand, wie du willst. Ist es dein Wille, daß ich ein Amt führe? Daß ich Privatmann sei? Daß ich in der Heimat bleibe? Daß ich in die Verbannung muß? Daß ich arm, daß ich reich sei? [Was immer es sei:] in allem werde ich dein Fürsprecher vor den Menschen sein; (43) ich werde zeigen, welches die wahre Natur eines jeden Dinges ist.
(1,16,15) [Vorausgeht eine Schilderung der göttlichen Vorsehung, wie sie sich in der zweckvollen Ordnung der Natur und alles Geschaffenen bekundet.] Sind dies die einzigen Werke der Vorsehung an uns? Ja, und welche Worte reichen hin, sie gebührend zu loben . . . ? Was sollten wir doch, so wir Vernunft hätten, anderes tun - gemeinsam und jeder für sich -, als Gott (to theion) zu loben und zu preisen und seine mannigfachen Wohltaten (charites) zu verkünden? (16) Müßten wir nicht beim Pflügen und Graben, beim Essen und Trinken den Lobgesang Gottes anstimmen? »Groß ist Gott, denn er schenkte uns dies Werkzeug, die Erde zu bebauen; (17) groß ist Gott, denn er schenkte uns Hände, schenkte uns Genießen und Verdauen, Wachsen, ohne daß wir's merken, und Erquickung im Schlaf?« (18) So müßten wir singen bei jedem Werk; doch den höchsten und göttlichsten Lobgesang müßten wir dafür anstimmen, daß er uns die Kraft gab, all dies zu begreifen und richtig zu gebrauchen. (19) Nun aber, da ihr anderen großenteils verblendet seid, muß da nicht einer sein, der diesen Platz ausfüllt und für alle den Lobgesang anstimmt zu Gottes Preis? (20) Was kann ich lahmer Greis denn anderes tun, als Gott zu loben? Wäre ich eine Nachtigall, so täte ich, was die Nachtigall kann . . . Nun aber bin ich ein vernunftbegabtes Wesen; darum muß ich Gott lobsingen. (21) Das ist mein Amt; ich erfülle es und bleibe auf diesem Posten, solange es mir vergönnt ist; und euch rufe ich auf, einzustimmen in diesen selben Lobgesang.
Quelle: H. Schenkl, Epicteti Dissertationes ab Arriano digestae, BT, (1894) 2/1916.