|
|
Universität Duisburg-Essen, Institut für Evangelische Theologie[ Home | Aktuelles | Sekretariat | Studiengänge | Bereiche | Lehrveranstaltungen | Lehrpersonen | Prüfungen ] |
Schart, Aaron, Stand: 2007-04-05
„Nicht jeder Text kann auf jede Frage eine Antwort geben, aber jeden können wir zumindest fragen!“
Der Sinn einer Exegese ist es, viele solcher Fragen zu stellen, um herauszufinden, was der Text und dessen Autor (genau) aussagen möchte. Diese Arbeitsblätter mit all ihren Fragen und Arbeitsschritten können Ihnen das Schreiben einer Exegese hoffentlich erleichtern.
o) Formalien
Bei der formalen Bewertung Ihrer Arbeit lege ich das Arbeitspapier „Einführung in das wissenschaftliche Arbeiten“ zugrunde (für 1 DM im Sekretariat Ev. Theologie AR-C 3.3.09). Weitere Hilfe - z. B. bei Abkürzungen und Literatursuche - finden Sie auch in meiner Liste: „Hilfsmittel zum Studium des Alten Testaments“.
I) Ziel
Diese Arbeit soll Sie mit der wissenschaftlichen Exegese vertraut machen. An ihr sollen Sie zeigen, dass Sie die exegetischen Methoden bewusst und ertragreich anwenden und die Ergebnisse der Sekundärliteratur eigenständig und kritisch verarbeiten können.
II) Umfang
Ca. 20 Seiten (Grenzwerte 15 und 25 Seiten), Text 1,5 - zeilig,
Fussnoten 1 – zeilig, am unteren Rand jeder Seite.
III)
Aufbau
1) Titelblatt
2) Inhaltsverzeichnis
3) Übersetzungsvergleich
4)
Exegese
5) Literaturverzeichnis
III.1) Titelblatt
Das Deckblatt enthält den Titel Ihrer Arbeit, - mit Namen, Adresse, Semesterzahl,
Datum des Abschlusses der Arbeit und das Fach, in dem Sie die Arbeit einreichen.
III.2) Inhaltsverzeichnis
Eine einheitliche syntaktische Gestaltung ist schön, die Angabe der jeweiligen
Seitenzahlen nötig.
III.3) Übersetzungsvergleich
(siehe unter „Arbeitsschritte“)
III.4) Exegese
Sie sollten die exegetischen Arbeitsschritte nicht mechanisch, sondern mit etwas Fantasie anwenden. Ihre Gliederung und Ihre Gewichtung einzelner Schritte muss sich nach der Sache richten. Also: Je nach Ertrag können Sie einzelne Fragestellungen am Rande behandeln, exkursmäßig erweitern oder miteinander verbinden.
Die Fussnoten/Anmerkungen dienen der Entlastung des Textes und nehmen Literaturverweise, Auseinandersetzung mit Andersmeinenden und -denkenden, am Rand der Erörterung Liegendes, Querverweise innerhalb der Arbeit u. ä. auf. Diese Anmerkungen machen Sie durch Ziffern im Text kenntlich, die am besten hoch gestellt sind. Bezüglich der Formulierung und der Interpunktion gestalten Sie die Fußnoten bitte wie einen „normalen“ Satz, d.h.: groß beginnen und mit einem Satzzeichen abschließen! Die Anmerkungen sollen unten an jeder Seite stehen.
Beispiel: Vgl. Gunkel, Hermann, Genesis, 186.
III.5.2) Zitierung
III.5.2a) Literatur
Sie können Literatur heranziehen entweder durch freie Wiedergabe größerer Zusammenhänge oder durch wörtliches Zitat einzelner, besonders prägnanter Sätze. Übernehmen Sie wörtliche Zitate äußerst genau (Sprache, Orthografie, Interpunktion, Unterstreichungen usw.). Eigene Unterstreichungen innerhalb des Zitats sind in der Anmerkung als solche kenntlich zu machen, Auslassungen durch Einfügen von Pünktchen ® (...).
Den Kontext von Zitaten berücksichtigen Sie bitte so, dass ihm keine Gewalt angetan wird. Der Autor sollte seine Meinung unverfälscht wiedererkennen können. Geben Sie bei jedem Zitat in der Anmerkung den Fundort an (Verfasser, Titelkurzfassung, Seitenzahl). Mehrmaliges Zitieren desselben Werkes lässt sich durch „aaO.“ abkürzen, dieselbe Seite durch „ebd.“.
Freie Wiedergabe kennzeichnen Sie bitte durch „vgl.“ oder „so“, dies auch, wenn Sie eigene Gedankengänge anderswo bestätigt finden (Beispiel: s. oben.).
III.5.2b) Bibelstellen
Folgende Interpunktion hat sich eingebürgert: Gen 47,1; 48,2b.4-7a.8f.; 49-51.
III.5.2c) Abkürzungen
Abkürzungen von Lexika, Kommentaren, Zeitschriften usw. verwenden Sie bitte nach der Theologischen Realenzyklopädie (TRE), d. h. nach S. Schwertner, Internationales Abkürzungsverzeichnis für Theologie und Grenzgebiete, 2. erw. Aufl., Berlin 1994. Einige kleine Liste s. in dem Papier „Hilfsmittel zum Studium des Alten Testaments“.
III.5.2d) Die Abkürzungen biblischer Bücher
folgen dem Ökumenischen Verzeichnis der biblischen Eigennamen (Loccumer Richtlinien). Darin haben sich evangelische und katholische Kirchen erstmals auf eine gemeinsame Schreibung der bibl. Eigennamen und Abkürzungen bibl. Bücher geeinigt.
Gen Genesis 2 Chr Das 2. Buch der Chronik
(1 Mose = Das 1. Buch Mose) Esra Das Buch der Esra
Ex Exodus Neh Das Buch Nehemias
(2 Mose = Das 2. Buch Mose) Tob Das Buch Tobit
Lev Levitikus (= das Buch Tobias)
(3 Mose = Das 3. Buch Mose) Jdt Das Buch Judit
Num Numeri Est Das Buch Ester
(4 Mose = Das 4. Buch Mose) 1 Makk Das 1. Buch der
Dtn Deuteronomium Makkabäer
(5 Mose = Das 5. Buch Mose) 2 Makk Das 2. Buch der
Jos Das Buch Josua Makkabäer
Ri Das Buch der Richter Ijob Das Buch Hiob (Hiob =
Rut Das Buch der Rut Das Buch Hiob)
1 Sam Das 1. Buch Samuel Ps Die Psalmen
2 Sam Das 2. Buch Samuel Spr Das Buch der
1 Kön Das 1. Buch der Könige Sprichwörter
2 Kön Das 2. Buch der Könige (= Die Sprüche Salomos)
1 Chr Das 1. Buch der Chronik
Koh Das Buch Kohelet Dan Das Buch Daniel
(Pred = Der Prediger Hos Das Buch Hosea
Salomo) Joel Das Buch Joel
Hld Das Hohelied (= Das Hohelied Am Das Buch Amos
Salomos) Obd Das Buch Obadja
Weish Das Buch der Weisheit Jona Das Buch Jona
(= Die Weisheit Salomos) Mi Das Buch Micha
Sir Das Buch Sirach Nah Das Buch Nahum
Jes Das Buch Jesaja Hab Das Buch Habakuk
Jer Das Buch Jeremia Zef Das Buch Zefania
Klgl Die Klagelieder des Hag Das Buch Haggai
Jeremia Sach Das Buch Sacharja
Bar Das Buch Baruch Mal Das Buch Maleachi
Ez Das Buch Ezechiel
(Hes = Das Buch
Hesekiel)
Mt Matthäusevangelium 1 Tim 1. Timotheusbrief
Mk Markusevangelium 2 Tim 2. Timotheusbrief
Lk Lukasevangelium Tit Titusbrief
Joh Johannesevangelium Phlm Philemonbrief
Apg Apostelgeschichte Hebr Hebräerbrief
Röm Römerbrief Jak Jakobusbrief
1 Kor 1. Korintherbrief 1 Petr 1. Petrusbrief
2 Kor 2. Korintherbrief 2 Petr 2. Petrusbrief
Gal Galaterbrief 1 Joh 1. Johannesbrief
Eph Epheserbrief 2 Joh 2. Johannesbrief
Phil Philipperbrief 3 Joh 3. Johannesbrief
Kol Kolosserbrief Jud Judasbrief
1 Thess 1. Thessalonicherbrief Offb Offenbarung des
2 Thess 2. Thessalonicherbrief Johannes
III.6) Literaturverzeichnis:
Jeden in der Arbeit verwendeten Titel führen Sie mit seinen vollständigen Angaben im Literaturverzeichnis auf. Das Verzeichnis ordnen Sie am besten nach Quellen und Hilfsmittel (Wörterbücher, Konkordanzen, Grammatiken usw.) sowie Sekundärliteratur an. Innerhalb dieser Spalten sortieren Sie bitte die Verfassernamen nach Alphabet.
Im einzelnen sieht das dann folgendermaßen aus:
® Bücher:
Autor (Vorname - evtl. abgekürzt - Nachname), vollständiger Titel, Reihe,
Erscheinungsort, Auflage - ab der zweiten Auflage Zahl als hochgestellte
Ziffer vor die Jahreszahl) und schließlich das Erscheinungsjahr (Verlagsangabe nicht nötig).
Beispiele: Stolz, Fritz, Einführung in den biblischen Monotheismus, Darmstadt 1996.
Gunn, David M., The Story of King David. Genre and Interpretation,
JSOT Suppl. Series 6, Sheffield 1978.
® Wörterbücher und Lexikonartikel:
Verfasser, Titel des Artikels, Titel des Wörterbuches / Lexikons mit Auflage,
genaue Seiten- bzw. Spaltenzahl.
Beispiel: Schreiner, Josef, Art. Jeremia, NBL II, Sp. 287 - 290.
® Aufsätze:
Verfasser, Titel, Fundort (Zeitschrift abgekürzt, mit Band und Jahrgang),
Fest- Gedenkschrift mit Namen des zu Ehrenden und evtl. Herausgeber),
vollständige Seitenangabe,
Beispiele: Delekat, Lienhard, Tendenz und Theologie der David - Salomo Erzählung,
in: Das nahe und das ferne Wort, FS für L. Rost, Hrsg. Maass, F.,
BZAW 105, Berlin 1967, 12-36.
Rost L., Die Überlieferung von der Thronnachfolge Davids, in: ders.;
Das Kleine Credo und andere Studien zum AT, Heidelberg 1965,
119 - 253.
Aufsätze in Zeitschriften:
Rad, G. von, Beobachtungen zur Moseerzählung Exodus 1 - 14:
EvTh 31, 1971, 579 - 588. (
Merke: EvTh (Zeitschrift: Evangelische Theologie), 31 (Jahrgang),
1971 (Erscheinungsjahr), 579-588 (Seitenzahlen des Aufsatzes)
Unter den vielen verschiedenen Möglichkeiten, Werke zu zitieren (siehe z. B. Handhabung des Vornamens) sollten Sie sich für eine Variante entscheiden und diese dann konsequent durchhalten.
IV) Umgang mit Sekundärliteratur
Ziehen Sie Sekundärliteratur erst zu Rate, nachdem Sie sich intensiv in der sprachlichen Analyse mit Ihrem Text beschäftigt haben. Danach aber gehen Sie neugierig, lernfähig und kritisch mit den Leseerfahrungen anderer AutorInnen um. Exzerpieren Sie Gelesenes schriftlich (Karteikarten), sonst ist nach drei Tagen außer vagen Erinnerungen nichts mehr präsent. Ordnen Sie Ihre Exzerpte nach sachlichen Gesichtspunkten.
V) Beurteilungskriterien Ihrer Exegese
• sachlicher Gehalt (grundlegende Kenntnisse)
• Planung und Aufbau
• Methodenbeherrschung
• Erkennen unterschiedlicher Argumentationen/Abwägen ihrer Stichhaltigkeit.
• Gedankenführung, sprachliche Gestalt
• Umgang mit Sekundärliteratur (Verständnis der wissenschaftlichen Diskussion und
eigene Urteilsfähigkeit)
• Grundkenntnisse in wissenschaftlicher Darstellungstechnik gemäß der „Einführung in das wissenschaftliche Arbeiten“.
00) Die einzelnen Arbeitsschritte einer Exegese
1) Der Ersteindruck (- oder Gedanken und Gefühle beim Wiederlesen)
Legen Sie sich persönlich darüber Rechenschaft ab, was Ihnen an diesem Text gefällt, oder missfällt, was Sie interessant oder abstoßend finden und mit welchen persönlichen Erfahrungen dieser Text bei Ihnen verkoppelt ist. Auf diese Weise kommen Sie Ihrem Vorverständnis auf die Spur, also den Perspektiven, Erkenntnisinteressen, Vorurteilen und Wünschen, die Sie im subjektiven Vorgang der Textinterpretation begleiten und bestimmen. Seien Sie kritisch auch gegen sich selbst, denn wir neigen dazu, unsere Wunschgedanken in einen Text hineinzuprojezieren. Formulieren Sie eine Arbeitshypothese über die Zielrichtung des Textes, die sie im Verlauf der Exegese verifizieren oder falsifizieren können.
Am Ende der Exegese sollten Sie sich noch einmal daraufhin befragen, ob Ihre kritische Beschäftigung mit dem Text Ihr „Vorverständnis“ inzwischen verändert hat.
2) Übersetzungsvergleich
Der Vergleich unterschiedlicher Übersetzungen schärft das Verständnis dafür, dass Übersetzungen dem Urtext nur in Näherungswerten gerecht werden können, denn sie übersetzen Sprache und Denken eines Textes in einem anderen Sprach- und Denkzusammenhang. Der Grad der Urtext-Nähe bemisst sich vom speziellen Anliegen einer Übersetzung her. So ist z. B. die „Gute Nachricht“ bzw. die „Bibel im heutigen Deutsch“ stärker an einer heute verständlichen Sprache interessiert als an einer möglichst großen Nähe zum Urtext.
Als relativ urtexttreu können folgende Übersetzungen gelten: „Neue Elberfelder“, „Zürcher“, „Einheitsübersetzung“, während die „Lutherbibel“ stärker dem deutschen Volk ´auf‘s Maul geschaut` hat.
Besondere Beachtung verdienen auch jüdische Übersetzungen, so die von Naftali Herz Tur-Sinai, die von Leopold Zunz oder auch die sprachgewaltige „Verdeutschung der Schrift“ der beiden jüdischen Gelehrten Martin Buber und Franz Rosenzweig. Hier wird in einer expressionistischen Sprachgestalt etwas vom Geist der hebräischen Sprache sogar im Deutschen wahrnehmbar.
Für eine Exegese ist auch auf die Übersetzungen in den Kommentaren zu verweisen, die sich um besondere Nähe zum hebräischen Text bemühen.
Ziel des Vergleichs ist es, die Textstellen herauszufinden, bei denen unterschiedliche Übersetzungen stärker abweichen, weil dies auf Textprobleme im Urtext hindeuten kann.
Wählen Sie drei deutsche Übersetzungen aus:
1. allgemeine Ausgabe (Elberfelder, Zürcher, Einheitsübersetzung),
2. Übersetzung aus einem Kommentar,
3. Eine jüdische Übersetzung.
(Die drei Übersetzungen sollten nicht abgeschrieben werden, nur bei markanten Unterschieden sollten die Variationen im Text ihrer Arbeit aufgeführt werden.)
Beschreiben Sie nur markante inhaltliche Divergenzen. Nur diese geben Hinweise auf einen schwierigen oder mehrdeutigen Urtext. Versuchen Sie die Frage zu beantworten, warum es zu diesen markanten inhaltlichen Divergenzen kommt. Beachten Sie auch bei deutlichen Abweichungen, dass alle Übersetzungen den gleichen hebräischen Text vor sich haben.
3) Die sprachliche Analyse
1) Wahrnehmung eines Textes in seinem literarischen Zusammenhang
a) Beginn und dem Ende einer Texteinheit:
• Der Anfang eines Textes stößt das Tor in eine neue Situation auf und macht
den Leser neugierig auf etwas Neues. Erwartungen werden provoziert. Ein
Vorverständnis wird nicht vorausgesetzt;
• Das Ende ist dann erreicht, wenn inhaltlich ein Abschluss oder ein neuer
Anfang gesetzt ist;
b) Leitfragen zur Einordnung in den übergreifenden literarischen Zusammenhang (Kontext):
• In welchem literarischen Zusammenhang steht mein Text (z.B. innerhalb des Pentateuch und speziell der Urgeschichte)?
Was steht vorher?, Was steht nachher?, Was ist die Intention des übergreifenden Textzusammenhangs und welche Rolle nimmt mein Text darin ein. Was steht zuvor, was folgt danach? Warum steht der Text gerade an dem literarischen Platz, an dem wir ihn vorfinden?
2) Sprachliche Analyse
• Zwischen Anfang und Ende eines Textes entsteht eine Gewirr von allerlei
Informationen: Syntaktische Bezüge, gegenseitige Verweise und Anspielungen,
Pronomen beziehen sich auf Personen, Orts- und Zeitangaben werden
aufgegriffen, Leitworte, Metaphern und Charakterisierungen werden versteckt.
Um den Text besonders genau wahrnehmen zu können, müssen Sie sich Folgendes fragen: Was steht da? und Was steht nicht da?, Wer oder was nimmt auf wen oder was Bezug?
Praktische Hinweise: Rücken Sie vom Kleindruck der Bibelausgaben ab. Schreiben Sie Ihren Text - syntaktisch gegliedert - mit ausreichendem Rand und Zeilenabstand auf ein Blatt Papier und markieren Sie alle Ihre Beobachtungen und Fragen darauf.
a) Versuchen Sie den Text sinnvoll zu gliedern und analysieren Sie zunächst den Gedankengang der einzelnen Sätze.
Dann verfeinern sie die Analyse auf der Wort- und der Satzebene. So gewinnen Sie ein differenziertes Bild der Bedeutungsbreite von Worten, des Stils und der Argumentationsstruktur.
b) Wortebene
· Wie ist der Gebrauch von Verben, Substantiven, Präpositionen und Partikeln?
(Zeitform, Erzähltempus, Tempuswechsel, Partizipien u. a.)
· Wo liegt auffälliger Wortgebrauch vor?
· Sind Wortgruppen miteinander verbunden? (Chiasmus u. a.)
· Werden Worte oder Wurzeln aufeinander bezogen?
· Gibt es besonders hervorgehobene Worte? (Leitworte)
· Bedeutungsspektrum signifikanter Worte (s. THAT, ThWAT)
c) Satzebene
· Welche Satzarten finden sich und wo?
· Wie wechseln kurze, gedrängte Verbalsätze mit langen beschreibenden Sätzen?
· Wie ist der Anfang und der Schluss eines Textes syntaktisch gestaltet?
· Wie werden die direkten Personenreden syntaktisch gestaltet?
· Welche Sätze haben Signalfunktion für das Folgende und warum?
· Weisen Sätze über den Text hinaus?
· Gibt es besondere sprachliche Stilmittel? (Alliteration, Assonanz, Paronomasie,
Parallelismus membrorum usw.)
Sie können die sprachliche Analyse in Erzähltexten von Anfang an auch gut unter konkreteren Fragestellungen der Erzähltextanalyse erarbeiten, sofern Ihnen die hier einzeln aufgeführten Fragen als zu abstrakt erscheinen. Es ist nicht nötig, jede Frage einzeln `abzuhaken`! Behandeln Sie nur die Fragen ausführlich, von denen Sie meinen, dass sie Ihnen für die Erarbeitung Ihres Textes von Nutzen sein können!
d) Textpragmatik und Argumentationsstruktur (Was will ein Text bewirken und wodurch?)
· Bewegt sich der Text auf einer emotionalen oder kognitiven Sprachebene?
· Dominieren Wertungen (besonders oft bei Adjektiven), Übertreibungen bzw.
Kontraste?
· Was will der Text bei seinen Lesern erreichen (informieren, unterhalten, belehren, drohen, trösten, überzeugen, anklagen u.a.)? bestimmte Reaktion bewirken?
e) Funktion der Beobachtung
Alle Einzelbeobachtungen bleiben stumm, wenn sie nicht daraufhin befragt werden, welche Funktion sie für die Wahrnehmung des ganzen Textes haben. Binden Sie Ihre Beobachtungen deshalb in eine möglichst genaue Beschreibung der äußeren Gestalt und Rhetorik Ihres Textes sowie in eine ebenso sorgfältige Beschreibung des Gedankengangs ein.
f) Zusätzlich bei poetischen Texten (wie u. a. bei Psalmen, Prophetensprüchen)
· Gibt es einen besonderen Klang, Laut, Rhythmus? ® fonetische Betrachtung
4) Die Form- und Gattungskritik
· Nehmen Sie Beobachtungen aus der sprachlichen Analyse auf und fragen Sie:
Benutzt der Text bestimmte geprägte Sprachformen oder ist er selbst als Ganzes
eine besondere Sprachform?
Diese Sprachformen können stehende Wendungen, Formeln oder auch umfangreichere Gattungen (Sprüche, Lieder, unterschiedliche Erzählgattungen) sein. Dass es sich um geprägte Sprachformen handelt, kann dann als sicher gelten, wenn sich diese in mindestens zwei literarisch unabhängigen Texten finden lassen, so dass sich die Ähnlichkeit nicht mit literarischer Abhängigkeit, sondern nur durch die Annahme eines hinter den Einheiten stehenden Sprachmusters erklären lässt.
Aus der Verwendung derselben sprachlichen Form in unterschiedlichen Texten können Sie auf eine „ideale Form“ zurückschließen, die hier überall zu Grunde liegen muss. Diese „ideale Form“, die sich an bestimmten Merkmalen erkennen lässt, wird „Gattung“ genannt.
Zwei Beispiele:
a) Hinter den ähnlich aufgebauten Berufungsgeschichten Moses, Gideon, Jeremias und Jesaias ist die Gattung: „Prophetische Berufungsgeschichte“ erkennbar und beschreibbar.
b) Hinter vielen unterschiedlichen, aber doch im Aufbau ähnlichen Psalmen ist eine zugrundeliegende Liedgattung „Klagelied des Einzelnen“ zu erkennen und zu beschreiben.
Einige Gattungen:
Sage, Mythos, Märchen, Fabel, Predigt, Ermahnung, Bekenntnis, Lehrererzählung, Gleichnis, Parabel, Bildwort, Prophetenspruch, Gesetzesspruch, Weisheitsspruch, Sprichwort, Rätsel, Rede, Vertrag, Liste, Gebet und Lied.
Von diesen großen Gattungen können Sie die meisten noch weiter differenzieren:
z. B. das Lied ® Hymnen, Klagelieder (des Volkes, des Einzelnen), Danklieder, Spottlieder, Kampflieder, Siegeslieder, Leichenlieder, Hochzeits- und Liebeslieder.
Geprägte Sprachformen weisen Sie auf einen typischen Lebenshintergrund hin, nämlich auf die soziologische Verankerung, von Sprachformen. Dieser typische Lebenshintergrund wird „Sitz im Leben“ genannt.
Beispiele:
|
Geprägte Sprachform |
„Sitz im Leben“ |
|
Grußformel ® |
Begrüßung, Abschied |
|
Predigt ® |
Gottesdienst |
|
Prophetenrede ® |
öffentlicher, prophetischer Auftritt |
|
Botenformel ® |
Diplomatensprache (Beauftragung) |
5. Die Traditionskritik
Selbst wenn in einem Text nicht ausdrücklich die Rede ist von weltanschaulichen Grundeinstellungen, theologischen Denkmustem, mehr oder weniger festen Motiven und Erzählstoffen, also Prägungen einer „bestimmten geistigen Welt“, ist der Text dennoch durch sie geprägt. Sie werden vom Autor als selbstverständlich vorausgesetzt und deshalb nicht erwähnt. Der Versuch, geprägte Inhalte aufzuspüren, die den geistigen Rückraum eines Textes bilden, sollte nun Teil Ihrer Exegese sein. Auch in Israel hat man nicht immer und überall das Gleiche gedacht. Wie also ordnet sich ein konkreter Text in die alttestamentliche Geistesgeschichte ein?
[Klärung einiger Begriffe:
Der Begriff „Tradition“ meint hier nicht den Vorgang der Überlieferung, sondern einen „geprägten Inhalt“, der überliefert wird (traditum – „das Überlieferte“.
Solche Traditionen sind z.B. theologische Konzeptionen - ganze Systeme, die aus einer Vielzahl von geprägten Inhalten, Motiven, usw. bestehen.
· Weisheitstradition („Tun - Ergehen - Zusammenhang“, Gegenüberstellung Frevler – Gerechter u.a.)
· Exodustradition (Befreiung aus der ägyptischen Knechtschaft, Wortfeld der Befreiung)
· Königstheologie („Themen und Begriffe [Hirte, König, Herrscher, Gesalbter, Thron] die zur Tradition des Königtums gehören (vgl. Ps 2)
· Jerusalem- und Zionstheologie
· Schöpfungstheologie
· Deuteronomistische Theologie (Geschichtstheologie, die Israel Geschick unter dem Aspekt der Sünde (Abfall von den Geboten vom Sinai) versteht (Vgl. dtr. Geschichtswerk)
· Prophetische Theologie
· Priesterliche Denktraditionen (z.B. Toraerteilung, Unterscheidung rein- unrein)
Solche größeren Konzeptionen bestehen aus einer Vielzahl einzelner Themen und Motiven. Wird ein Motiv zitiert, muss jeweils die ganze Konzeption mitgedacht werden.
® Inhalte, die sich keiner größeren Konzeption eindeutig zuordnen lassen. Sie tauchen verschiedentlich auf und bringen bestimmte Erfahrungen in ein Bild (Metapher) oder
auf den Begriff (Thema).
® Erzählerische Muster und Einzelzüge, mit denen ein Erzähler arbeitet. Bestimmte Erzählmuster tragen bestimmte Bedeutungen, die der Erzähler gezielt für seine
Zwecke einsetzt. Teilweise ist es Altes, Vertrautes, also Konventionelles. (z. B.: Ein Reiter seiner Brüder ist oft der jüngste Sohn oder einer, der aus bescheidenen
Verhältnissen kommt.)]
Ein Inhalt gilt erst dann als ein geprägter Inhalt, wenn er in literarisch unabhängigen Texten nochmals vorkommt. Der Vergleich mit anderen Texten ist also notwendig. Hier dürfen Sie folgende Frage nicht aus dem Kopf verlieren, um tatsächlich nur Vergleichbares miteinander zu vergleichen (und nicht Analogien - Eine Analogie ist immer eine „Ähnlichkeit inmitten noch größerer Unähnlichkeit“)! Also: Worin besteht die Vergleichbarkeit, die kritisch gesicherte Ähnlichkeit zweier Texte?
Folgen Sie bitte bei der Traditionskritik den folgenden Arbeitsschritten:
1) Was lässt in Ihrem konkreten Text auf einen geprägten Inhalt schließen? (Erste eigene Vermutungen, dann Konkordanz, denn „Geprägte Redewendungen“ hängen an festen Redewendungen, z. B. „Bund“, „Tag Jahwes“ „Menschensohn“
® außerdem: Suche nach Vergleichstexten, in denen Ähnliches vorkommt – in und außerhalb der Bibel;
• Welche Bedeutung haben solche Inhalte im Alten Testament? Zum Verständnis der einzelnen Themen helfen vor allem die Lehrbücher zur Theologie des Alten Testaments (W.Zimmerli, G.von Rad, W.H.Schmidt, H.-D. Preuss, O.Kaiser), aber auch die Wörterbücher (z. B.: Theologisches Begriffswörterbuch, THAT oder ThWAT).
Haben Sie einen oder mehrere geprägte Inhalte gefunden, beantworten Sie bitte folgende Fragen:
• Wie lässt sich die geistige Welt beschreiben, die hier zitiert wird? Worauf wird angespielt?;
• Auf welche Weise wird ein geprägter Inhalt im Text benutzt?, Welche Funktion
hat er im vorliegenden Text?, Entspricht diese Funktion der sonst üblichen
Verwendung des Motivs, Themas usw.? (typischer oder untypischer Gebrauch?);
• An welcher Stelle in der Traditionsgeschichte eines Themas käme Ihr Text zu
stehen? (z. B.: Völkerkampf am Zion?).
Die hebräische Bibel ist ein Stück altorientalische Literatur und hat viele Themen und literarischen Formen gemeinsam mit der übrigen altorientalischen Literatur, die in abertausenden Schriftdokumenten vorliegt. Das Besondere der Hebräischen Bibel ist ihr Bezug auf den israelitischen Gott Jhwh. Aber niemand bestreitet heute ernsthaft, dass Psalmen und Weisheitssentenzen beliebte altorientalische Gattungen waren, dass Ps 104 ein ägyptisches Vorbild und Ps 29 und 69 deutlich kanaanäische Vorbilder haben, dass Gen 1 den babylonisches Schöpfungsmythos kennt und darauf reagiert und dass die Kindheitsgeschichte des Mose (Ex 2) Erzählmotive aufnimmt die sich schon in den Legenden König Sargons von Akkade (3. Jt.v.Chr.) finden (Aussetzung in einem Kästchen ins Wasser).
Wichtige Sammlungen altorientalischer Zeugnisse sind vor allem TUAT und RTAT, aber auch AOT, AOB, ANET, ANEP, TGI.
Der religionsgeschichtliche Vergleich prüft die Verbindungslinien, die zu Texten aus der Umwelt des Alten Testaments führen und bedenkt Gemeinsamkeiten wie Unterschieden. Auf diese Weise wird das Profil des Textes im altorientalischen Kontext verwandter oder ähnlicher Phänomene herausgestellt.
Praktische Vorgehensweise:
· Verfolgen Sie entsprechende Hinweise in den Kommentaren.
· Suchen und Studieren Sie die angegebenen Quellen und bilden Sie sich ein eigenes Urteil.
6) Literarkritik
Biblische Literatur ist in der Regel nicht aus der Feder eines Autors geflossen, sondern über lange Zeiträume entstanden. Daher sollen Sie nun prüfen, ob ihr Text verschiedenen Stimmen aus verschiedenen Zeiten enthält, die sich literarkritisch unterscheiden.
1. Die Frage nach literarischer Einheitlichkeit und Uneinheitlichkeit
Gibt es Anzeichen dafür, dass ein Text, nachdem er einmal aufgeschrieben worden ist, später verändert (ergänzt, korrigiert, umgearbeitet) wurde, beurteilen wir ihn als „literarisch uneinheitlich“.
Indizien dafür, dass ein Text „Wachstumsspuren“ zeigt, sind beobachtbare „Unstimmigkeiten“, „störende Wiederholungen“ oder „unvereinbare Spannungen“.
Nachträge können unterschiedlicher Natur sein. Sie können zu
• spontanen Nachinterpretationen gehören (Einfügung von Einzelsätzen) oder
• zu einer Kompositions- oder Redaktionsarbeit, die größere Textzusammenhänge
übergreift.
Fragen Sie dann bitte nach:
• Doppelungen (einzelner Formulierungen, ganz Sätze oder Textabschnitte);
• Widersprüche und Spannungen,
> Unebenheiten in Terminologie und Stil (Sprachliches),
> Inhaltliche Brüche,
> Nachträgliche Verknüpfungen verschiedener Texte,
> Unterschiede des historischen Hintergrundes (zeit-, kult-, rechts- und /
oder
> theologische Gegebenheiten);
• Schichtenspezifisches (für bestimmte Textschichten der Quellen typische
Redewendungen, Spracheigentümlichkeiten oder theologische Anschauungen).
Falls Sie unterschiedliche Textsegmente literarkritisch unterscheiden konnten, versuchen Sie eine relative Chronologie zu erstellen (ältere und jüngere Bestandteile).
2. Einordnung Ihrer Ergebnisse – zwei Wachstumsmodelle biblischer Texte kommen in Betracht:
• „Wildes Wachstum“: spontanes Fortschreiben der Texte ganz aus dem
Augenblick heraus, keine übergreifende Gestaltungsabsicht;
• Planvolle Redaktionsarbeit größerer Textzusammenhänge.
Die Beschreibung der Wachstumsgeschichte eines Textes (von der schriftlichen
Erstfassung bis zur kanonischen Endfassung) ist Aufgabe der Redaktionsgeschichte (s. dort!).
7) Die Überlieferungskritik
Bevor die meisten biblischen Texte niedergeschrieben worden sind, haben sie eine
mehr oder minder lange mündliche Überlieferungsgeschichte durchlaufen, da das alte Israel wie alle traditionalen Geselleschaften durch eine mündliche Kultur geprägt war. Kriterien, die uns auf die mündliche Überlieferungsgeschichte eines Textes schließen lassen, sind naturgemäß schwierig aufzustellen und sehr spekulativ. Doch ist die Frage sinnvoll. Wenn z.B. das gleiche Thema „Die Preisgabe der Ahnmutter“ in Gen 12, Gen 20 und in Gen 26 in dreifacher Variation und mit unterschiedlichen Protagonisten erzählt wird, kann gefragt werden, ob es nicht auf dem Wege der mündlichen Überlieferung zu diesen Variationen des selben Themas gekommen ist.
Die Überlieferungskritik fragt danach, ob sich Hinweise auf mündliche Vorformen der Texte finden lassen. Solche Hinweise könnten sein:
• Mehrfachüberlieferung des selben Themas, wobei literarische Abhängigkeit (einer schreibt vom andern ab) ausgeschlossen werden kann.
• Spannungen inhaltlicher (selten sprachlicher) Art, die nicht literarkritisch zu
erklären sind;
• Unvollständigkeit des Textes, weil die volle Form der mündlichen Überlieferung
in den literarischen Kontext eingebaut worden ist. (zusammenhanglos?);
• Es treten mehrerer Ziele und Aussagehorizonte auf, weil evtl. einige ursprünglich
selbstständige Texte miteinander verschränkt worden sind, oder weil entweder
die mündliche oder die schriftliche Überlieferung im Laufe der Zeit aktualisiert
worden ist.
• Analogien und Parallelen in der altorientalischen Literatur, die für eine größere mündliche Verbreitung eines Themas sprechen.
8) Die Redaktionskritik
Auch nach dem Verschriftlichen der mündlichen Überlieferungen sind die alttestamentlichen Texte immer wieder verändert worden. Nur was theologisch relevant war, wurde aufgenommen. Es treten in vielen Texten neben älteren Überlieferungen neue Bearbeitungen auf, die diese verändert, geordnet, gewertet, ja auch interpretiert haben. Spuren dessen sind noch häufig in Texten zu finden. Deshalb sollte Ihr besonderes Interesse hier erst einmal dem Wachstum eines Textes gelten.
Behalten Sie dabei bitte folgende Fragen im Kopf:
> Was ist die Arbeitsweise und Intention der Redaktoren? Kann man sie
geschichtlich einordnen? Ist auch israelitische Glaubens- und
Auslegungsgeschichte zu erkennen?
a) Art der zu bearbeitenden Texte
• Einige frühe Sammlungen von Sagen und Prophetenworten, die evetuell vorher
nur mündlich weitergegeben worden sind.
• Schriftliche Texte, wie z. B. Prophetenbücher, Erzählwerke, Einzelgeschichten
b) Formen der Bearbeitung dieser Texte
• Verschiedene Textsammlungen sind kombiniert oder miteinander verschränkt
worden.
• Es sind Texte gesammelt und aus ihnen nur eine Auswahl getroffen worden.
• Durch Überleitungen sind Einzelteile angeordnet und miteinander verbunden
worden.
• Kommentierungen, Erklärungen, Rahmen und Ergänzungen sind hinzugefügt
worden.
c) Bevorzugte Stellen der redaktionellen Bearbeitung an Texten
• Rahmenformulierungen (Ein- und Ausleitungen), „Ränder“
• Verbindungsstücke
• Redestücke und Gebete
9) Der historische Ort
Ein biblischer Text wird aus einem politischen, sozialen, kulturellen und religiös-geistigen Lebenszusammenhang heraus geschrieben und richtet sich an die Leute, die auch aus diesem Lebenszusammenhang kommen. Um den von seinem Verfasser beabsichtigten Sinn eines Textes zu verstehen, sollen Sie hier versuchen, sich so gut wie möglich in die Zeit seiner Entstehungsgeschichte hinein zu versetzen.
Dazu sollten allerdings spätestens jetzt alle unklaren „äußeren Begebenheiten“ (Realien) geklärt sein, wie z. B. Eigennamen, Pflanzen, Tiere, Architektur, historische Einzelfragen, Landschaften, Orte usw.!
Folgende Fragen zielen hinter den Text auf dessen konkrete Entstehungsbedingungen:
a) Datierung
• Gibt es Datierungen im Text oder im übergreifenden Umfeld (+ Überschrift!), die kritisch zu prüfen wären?
• Sind irgendwelche Hinweise auf zeitgenössische oder zurückliegende Ereignisse gegeben?
• Setzt der Text andere Texte voraus oder verarbeitet er sie, die ihrerseits datierbar wären?
• Lassen sich aus traditionsgeschichtlichen oder gattungsgeschichtlichen
Überlegungen Ansatzpunkte für eine Datierung gewinnen?
• Kann man aus dem relativen Verhältnis zu anderen Überlieferungskomplexen
oder Redaktionsschichten Anhaltspunkte für eine zeitliche Einordnung gewinnen?
Da nur selten genaue Datierungen erkennbar sind, lässt sich die zeitliche Einordnung oft nur annähernd bestimmen. Die zwei folgenden Fachbegriffe bestimmen jeweils diesen Annäherungswert:
„terminus post quem“ ® (t. p. q.) ® Zeitpunkt, nachdem ein Text entstanden sein muss;
„terminus ante quem“ ® (t. a. q.) ® Zeitpunkt, vor dem ein Text entstanden sein muss.
b) Historische Situation
• Was teilt der Text an historischen Geschehnissen, Einstellungen, Denkmustern
und Befindlichkeiten mit (weltpolitische Situation)?
• Lässt der Text Rückschlüsse auf spezifische und konkrete Welterfahrungen von
einzelnen Menschen zu?
Komplizierter werden die Fragen noch einmal bei Texten, die sich selbst mit geschichtlichen Ereignissen beschäftigen:
• Welche Geschichte erzählt der Text selbst? („erzählte Geschichte“);
• Wie verhält sich die erzählte Geschichte zur historisch konstruierbaren,
„tatsächlichen Geschichte“? (Þ Wie und mit welchem Ziel hat der Autor ein
Ereignis erzählt / interpretiert?).
Bitte beachten Sie den Unterschied zwischen
|
der Frage nach dem „Sitz im Leben“ « |
u. der Frage nach dem „historischen Ort“. |
|
• meint den typischen Lebenshintergrund einer bestimmten literarischen Gattung (z. B. Liturgie aus dem Tempelkult) |
• meint die konkrete Entstehungssituation eines bestimmten Textes (z. B. in Juda in der Exilszeit)
|
10) Die Gesamtinterpretation als historische Sinnbestimmung eines Textes
Die Wesentlichen Ergebnisse ihrer Analyse fließen jetzt ein in eine sorgfältige Vers- für Vers vorgehende Interpretation ihres Textes im Kontext des historischen Israel. Was sagt der Text nach dem Willen seines Autors in seiner ursprünglichen Kommunikationssituation nun eigentlich genau und differenziert alles aus? Was meint der Autor? (Also auch das, was im Text nicht gesagt, aber vorausgesetzt, assoziiert, intendiert und immer mit gemeint ist.)
Geben Sie Antwort auf die Frage(n): Wer - hat - wem, - was, - was, - wie - und warum gesagt (und gemeint)?.
Achtung: Es ist keine mehr oder weniger gute oder erbauliche Nacherzählung des Textes gemeint! Jemand, der nur die Gesamtinterpretation liest, muss alles für die Interpretation des Textes Wesentliche mitgeteilt bekommen.
In begründeten Fällen kann auch ein anderes Vorgehen als die Versexegese gewählt werden:
a) Sie beschränken sich auf die detaillierte Beschreibung signifikanter Textpartien (besonders bei längeren Texten). Allerdings dürfen Sie nichts unterschlagen, was zum Verständnis des Textes notwendig ist.
b) Sie interpretieren den Text, indem Sie jeweils die einzelnen Wachstumsstufen zum Ausgangspunkt nehmen.
• der Grundtext in seiner Ursprungssituation,
• der erweiterte, umformulierte und damit neue Text in dessen neuen
Ursprungssituation.
11) Die Bedeutung für unsere Gegenwart
Dadurch, dass der Text nun schriftlich vorliegt und durch die Jahrhunderte überliefert worden ist und wird, ist er längst von seiner Ursprungsituation abgekoppelt und beansprucht als Text der Heiligen Schrift der jüdischen und christlichen Religion eine besondere Geltung für alle kommenden, neuen Generationen - „Gegenwarten“ -, auf die er trifft. Es gibt auch einen Sinn der Texte, der ihnen in neuen Situationen neu zukommt, ohne dass er in deren Ursprungssituation angelegt war.
Hilfestellungen durch Fragen:
• Welche Impulse setzt der Text, der für andere Menschen in einer „anderen
Welt“ verfasst war, für unsere eigene Welt- und Gotteserfahrung, für unseren
Glauben in unserer Welt frei?,
• Welche Impulse können Sie als Exeget / als Exegetin an eine moderne,
gegenwartsbezogene Theologie weitergeben (kritische, ergänzende oder auch
erweiternde Impulse)?.
|
|
Die historischen Interpretationen soll uns helfen, einen Text in seiner Eigentümlichkeiten in der Welt zu verstehen, der er entstammt. Wenn wir dies wahrnehmen lernen, können wir besser weiterfragen, was ein biblischer Text nun auch für unsere / für meine Wahrnehmung der modernen Welt in der Perspektive biblisch gegründeten Glaubens bedeuten kann und was dies mit mir als Religionslehrerin und Religionslehrer zu tun hat.
Nun kann ich Ihnen nur noch „Viel Spaß und Erfolg“ wünschen!!!
Prof. Dr. Thomas Naumann (unter Mitarbeit von Christiane Teifel)
Zum Weiterlesen und Weiterlernen:
Kreuzer, Siegfried u.a.(hg.) Proseminar Altes Testament. Ein Arbeitsbuch, Stuttgart u.a. 1998.
Steck, Odil Hannes, Exegese des Alten Testaments – Leitfaden der Methodik, 14. Aufl., Neukirchen-Vluyn 1999.
Adam, Gottfried; Kaiser, Otto; Kümmel, Werner Georg; Merk, Otto (hg.), Einführung in die exegetischen Methoden, 7., vollständig überarb. Aufl., Gütersloh 2000.
Alter, Robert, The Art of Biblical Narrative, 1981.
Bar Efrat, Shimon, Narrative Art in the Bible, Sheffield 1989.
Berg, Horst Klaus, Ein Wort wie Feuer, Wege lebendiger Bibelauslegung (Handbuch des Biblischen Unterrichts I), 3. Aufl., Stuttgart 1998.
Fischer, Georg, Wege in die Bibel, Stuttgart 2000.
Oeming, Manfred, Biblische Hermeneutik. Eine Einführung, Darmstadt 1998.