Schart, Aaron, last edited:
2007-04-05
Die Textkritik am Alten Testament
Die Textkritik versucht, auf der Basis der antiken Handschriften den Abschreibprozeß
zu analysieren. Ziel ist es, den "ursprünglichen" Text zu rekonstruieren.
Der Begriff "ursprünglicher Text" gehört fest in die Geschichte
dieses Methodenschritts. Er beinhaltet jedoch mehrere Schwierigkeiten:
- Vorausgesetzt wird die Vorstellung, dass ein Autor
ursprünglich nur einen Text geschrieben haben kann, die Mehrzahl
verschiedener Textfassungen sich also den verschiedenen Abschreibern
verdankt. Das ist auch einleuchtend, aber der Exegese kommt es nicht auf den
ursprünglichen Autor, der den Text verfasst hat, sondern auf die
religöse Gemeinschaft an, die den Text kanonisiert hat. Im Zuge des
Gemeinschaftsgebrauchs hat der ursprüngliche Text in aller Regel mehrere
redaktionelle Bearbeitungen erfahren. Die absichtsvolle Veränderung des
Textes im Rahmen des Abschreibeprozesses ist nur die Fortsetzung dieser
redaktionellen Tätigkeit. Wo soll man eine Grenze ziehen?
- Im Gemeinschaftsgebrauch eines Textes bestehen mehrere
Kopien desselben Textes nebeneinander. Dass diese Kopien völlig identisch
sind, ist auf der Basis handschriftlicher Überlieferung ausgeschlossen.
Eher wird man regionale (Palästina - Alexandria) und andere Differenzen
zwischen verschiedenen Texttypen voraussetzen können. Welchen Texttyp will
man rekonstruieren?
Vorgehen der Textkritik
- Die antiken Handschriften werden ausgegraben, Fragmente zusammengefügt, die Schrift
wird sichtbar gemacht, entziffert und transkribiert.
- Die Manuskripte werden miteinander verglichen und Abweichungen festgestellt.
- Die verschiedenen Varianten werden beschrieben und analysiert. Um welche Art von
Abweichung handelt es sich. Wie verändert sich der Sinn des Textes?
- Die ursprüngliche Variante wird nach der Regel ermittelt:
- Diejenige Lesart ist die ursprüngliche, die am besten das
Zustandekommen der anderen Lesarten erklären kann.
- lectio difficilior: Die in grammatischer oder inhaltlicher Hinsicht schwierigere,
anstößigere Variante erklärt in der Regel das Zustandekommen der einfacheren Lesart als
bewußte Vereinfachung eines Abschreibers.
- lectio brevior: Die kürzere Lesart erklärt die längere als Auffüllung.
- Abschreibversehen: Verwechslung ähnlicher Buchstaben, Augensprung, u.a.
- Läßt sich dem auf diese Weise gefundenen ursprünglichen Text kein befriedigender Sinn
entnehmen, ist es berechtigt, ohne Anhalt an der handschriftlichen Tradition den
ursprünglichen Text zu rekonstruieren. (= Konjektur)
Geschichte des alttestamentlichen Textes
Die Urexemplare aller atlichen Schriften sind verloren gegangen! Ihr Text ist nur durch
Abschriften überliefert.
Die ältesten Textfunde (Qumran, Ketef Hinnom) zeigen, dass man ursprünglich
nur die Konsonanten schrieb. Die richtige Vokalisation wurde mündlich dazu
überliefert. Die Qumranfunde zeigen auch, dass religiös bedeutsame Texte auf
Lederrollen geschrieben wurden (z.B. 1QJes(a)). Noch heute wird die Tora im
Judentum auf Lederrollen geschrieben.
Die ältesten Bibelhandschriften stammen aus den Höhlen bei Qumran (seit
1947) stammen aus dem 2. und 1.Jh. vor. Chr. Sie sind aber bis auf wenige
Ausnahmen nur fragmentarisch erhalten. Die älteste komplett erhaltene
Handschrift, die das gesamte AT umfasst ist der Codex Leningradensis aus dem
Jahr 1008 (fol. 40b).
Im Mittelalter (ca. 500 bis 1000 n.Chr.) entwickelten die Masoreten
Zeichensysteme, um die Vokalisation, die musikalische Darbringungsform, die
Satzgliederung und andere Bestandteile der Textüberlieferung, wie z.B. gelehrte
Randnotizen, festzuhalten. Im westlichen Europa setzte sich das System der
Masoretenfamilie Ben Ascher durch und wurde in die frühen Druckausgaben des 16.
Jahrhunderts übernommen.
Die älteste Übersetzung des hebräischen Textes wurde in hellenistischer
Zeit (3./2.Jh. v.Chr.) in Ägypten, und zwar ins Griechische vorgenommen. Zunächst wurde
nur die Tora, dann auch die weiteren Schriften übersetzt. Diese sogenannte
Septuaginta, benannt nach den angeblich 72 Übersetzern (so die Legende des
Aristeasbriefs), enthielt auch Schriften, die im hebräischen Kanon nicht zu
finden waren.
Die Christen rezipierten ihr Altes Testament weitgehend auf der Basis der
griechischen Übersetzung und lasen es im Zusammenhang mit dem Neuen Testament.
Die ältesten komplett erhaltenen griechischen AT-Handschriften sind christliche
Handschriften, die den ersten Teil einer kompletten christlichen Bibel bilden.
- Sinaiticus, Symbol ")" (=hebräisches Alef) (01) stammt aus dem frühen 4. Jh. und wurde von
C.v.Tischendorff im Sinaikloster entdeckt. Er enthält AT und NT und Barnabasbrief und
Hirt des Hermas. Sehr wertvoller Zeuge.
- Vaticanus, Symbol "B" (03) frühes 4. Jh. AT und NT bis Hebr
9,14 (Schluß verloren), sehr wertvoll.
Ab dem 2. Jh. n. Chr. gab es auch lateinische Übersetzungen. Der Gelehrte
Hieronymus schuf in der zweiten Hälfte des 4. Jh. nach umfangreicher Sichtung des
Handschriftenbestandes die Vulgata, die die herrschende Bibel der
römisch-katholischen Kirche wurde.
Literatur:
- Kreuzer, Siegfried, (1949-)., Dieter Vieweger, Jutta Hausmann, (1951-). and Wilhelm Pratscher. Proseminar I AltesTestament: Ein Arbeitsbuch. Stuttgart / Berlin / Köln: Kohlhammer,
1999, 26-48.
- Würthwein, Ernst, (1909-1996). Der Text des Alten Testaments. Eine Einführung in
die Biblia Hebraica. 4
ed. Stuttgart: 1952; reprint, Stuttgart: Württembergische Bibelanstalt,
1973.
- Tov, Emanuel: Textual Criticism of the Hebrew Bible. Minneapolis / Assen: Fortress Press / Van Gorcum,
1992.
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Last modified:
April 05, 2007