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Schart, Aaron, Stand: 2007-05-07
26./27. Januar 2002, London – SOAS, University of London – Brunei Gallery
Dies war eine der Kernaussagen, die ich mitgenommen habe von der Konferenz „Generations of Genocide“ – Generationen von Völkermorden. Diese Worte wurden von Peter Pulzer von der University of Oxford in seinem bewegenden Referat „Memory, Community and Identity“ gesprochen.
Erinnern und Erinnerung waren auch Gründe für mich, zu dieser Konferenz zu fahren. Wie, wo und wann oder wen können wir erinnern? Diese Frage stellt sich mir angesichts der auf der Konferenz vorgetragenen Sachverhalte nicht mehr: Die vorgestellten Opferberichte, Feldstudien von Ruanda, Armenien oder Jugoslawien oder auch die psychischen Nachwirkungen der Shoa auf Opfer und Angehörige drehten die Frage um. Wie kann jemand überhaupt vergessen, was geschehen ist? Die nächste Frage, die sich dann stellt, ist: Wieso hat man aus früheren Völkermorden nicht gelernt? Wie kann man es zulassen, dass sich ein Geschehen wie der Holocaust wiederholt, zwar mit anderen Vorzeichen, in anderen Ländern und aus anderen Gründen, aber doch so, dass ganze Völker, bzw. große Bevölkerungsteile vernichtet werden.
Dieser Frage ging Dr. Greg Stanton, Präsident der „Genocide Watch“, der koordinierenden Organisation für die Internationale Kampagne zur Beendigung von Völkermord, auf den Grund. „Hätte man den Völkermord in Ruanda verhindern können?“, lautete der Titel seines Vortrages, in dem er die unterschiedlichen Stadien des Völkermordes beschrieb: Classification – symbolization – dehumanization – organisation of extremists – polarization – trial massacres. Er ging auch darauf ein, dass die ersten 2 Stadien einer jeden Gesellschaft zugehören; sind wir also vielleicht alle nahe an einer Gesellschaft mit der Neigung zum Völkermord? Oder welche Eigenschaften kommen bei uns eventuell nur latent zum Tragen? In welchem Stadium hat die „Weltpolizei“ geschlafen, als es um Armenien, Ruanda oder Jugoslawien ging? Wichtig ist für Stanton vor allem, den Völkermord so früh wie möglich als Völkermord zu benennen. Nur nach ehrlicher und mutiger Klarstellung kann man reagieren und etwas gegen die Mörder unternehmen.
Margret Cox von der Bournemouth University sprach in ihrem Vortrag über den Beitrag, den ihr Fachgebiet, die forensische Archaeologie, zur Beendigung, bzw. zur Identifizierung des Völkermordes beitragen kann, während Prof. William Shabas vom „Irish Centre for Human Rights“ eine Definition zum Völkermord gab. Diese entsprach der von Stanton geforderten Ehrlichkeit. Des weitern gab es eine ganze Reihe von Feldstudien, angefangen von Ruanda, über Armenien, Jugoslawien, bis hin zur kontinuierlichen Verfolgung der Sinti und Roma in fast allen europäischen Staaten. Es war ebenso bewegend wie überzeugend, dass betroffene Opfer und Angehörige, Juden, Armenier, Türken u.a. Erfahrungen unmittelbar zur Sprache brachten und zugleich die Perspektive von Menschen, auch Verantwortlichen auf der Täterseite, sorgfältig, solide und fair mit einbezogen.
Kurt Grünberg, Psychoanalytiker am Freud-Institut in Frankfurt mit einer Großzahl an „Holocaust-Patienten“, sprach in seinem Vortrag „Unloseable Times“ die Vererbung von psychischen Folgen des Holocaust von der 1. Generation (also den direkten Opfern) auf die 2. Generation (deren Nachkommen) nur kurz an, aber man konnte erahnen, dass hier eine große Zahl von weiteren Opfern in den Blick kommt. Opfer, die in den Statistiken über das Nazi-Regime gar nicht vorkommen, denn sie sind ja Überlebende...
Ein eben solcher Überlebender war Kemal Pervanic, der eindrucksvoll und sensibel seine Gefühle und Erinnerungen aus einem Konzentrationslager in Bosnien schilderte und zum Schluss der Konferenz eine Perspektive gab, warum es sich lohnt, weiter zu kämpfen. Ebenso übrigens wie Linda Melvern, die als „investigating journalist“ noch immer auf der Suche nach Antworten darauf ist, warum es zum Völkermord in Ruanda kam und warum niemand die offensichtlichen Zeichen richtig gedeutet hat.
Es war eine der Stärken der Londoner Tagung, dass vor allem die Fragen geschärft wurden, vorschnelle Patentantworten, die in der Politik leider üblich sind, dagegen niemand anbieten wollte.
Was kann eine solche Tagung erreichen? Und warum ist es wichtig, dass sich die führenden Kräfte der unterschiedlichen Forschungsansätze zum Thema Völkermord austauschen?
Durch die Zusammenführung der diversen Referenten – quer durch Länder, Kontinente, Kulturen und Religionen - wird auf einer solchen Konferenz ein breites Spektrum an Meinungen und Forschungsergebnissen geboten. Man erkennt Gemeinsamkeiten und Unterschiede und kann so ein klareres und realistischeres Bild in Bezug auf die Thematik erarbeiten.
Zudem kann man eine Allianz zum Schutz von bedrohten Völkern bilden. Denn die Regierungen nehmen in den untersuchten Fällen oft gerade nicht den Schutz von Völkern auf ihrem Staatsgebiet wahr. Eine staaten- und regierungsunabhängige Institution ist deshalb unerlässlich. Persönliches Engagement, zuverlässige Sacharbeit, politischer Wille und in allem Solidarität mit den Menschen müssen zusammengehen.
Schließen möchte ich nun mit einem Zitat vom letzten Referenten, Prof. Henry Huttenbach, der allen Beteiligten aus der Seele sprach und sich an den Titel der Konferenz anlehnte: