Lehrerprofessionalisierung

Entwicklung, Erprobung und Evaluation von Lehrerfortbildungsmaßnahmen für Biologielehrkräfte

Martin Linsner

Die Weiterentwicklung des professionellen Handelns von Lehrkräften als individueller Entwicklungs- und Lernprozess beruht vor allem auf der Reflexion des eigenen Handelns. Dieses Lehrerleitbild des reflektierenden Praktikers lässt sich z. B. in sog. „learning communities?“ verfolgen. In diesen „learning communities“ findet ein kollegialer Austausch über das Unterrichtsgeschehen statt, um zu verhindern, dass die Entwicklung der Lehrerexpertise allein auf den subjektiv erlebten und verarbeiteten Praxiserfahrungen beruht. Wie Ergebnisse der Schulqualitätsforschung deutlich machen, ist die berufsbezogene Kooperation ist ein zentraler Faktor für die entwickelte Professionalität von Lehrkräften. Erfahrungen aus dem Lehreralltag zeigen jedoch, dass eine gemeinsame Reflexion und Optimierung des Unterrichtsgeschehens durch den Austausch von Erfahrungen unter Kollegen kaum stattfindet. Oft werden persönliche, zeitliche bzw. schulorganisatorische Gründe dafür angegeben.

Ziel des Forschungsvorhabens ist die Entwicklung, Erprobung und Evaluation von Lehrerfortbildungsmaßnahmen, die durch den Einsatz von Unterrichtsvideos die Analyse und Reflexion unterrichtlicher Prozesse anregen sollen. Hintergrund dieses Ansatzes sind Hinweise darauf, dass die Videoanalyse von eigenem bzw. fremdem Unterricht eine geeignete Methode sein kann, professionelles Lehrerhandeln zu entwickeln. Bisher gibt es dafür jedoch nur wenige konzeptionelle Ansätze bzw. empirische Belege, keine im Fach Biologie. Das geplante Forschungsvorhaben kommt diesem Desiderat nach und leistet gleichzeitig einen Beitrag zur Weiterentwicklung der Lehrerfortbildung im Fach Biologie in NRW und ist daher in Aktivitäten des MSW NRW eingebunden. Darüber hinaus sind Synergieeffekte in der Lehrerfortbildung und Betreuung durch Kooperation mit dem Projekt Ganz In der Stiftung Mercartor geplant. Im Projektergebnis werden empirische Belege für die Wirksamkeit verschiedener Varianten des Einsatzes von Unterrichtsvideos in Fortbildungsveranstaltungen auf Lehrer-, Schüler- und Unterrichtsebene erwartet in Abhängigkeit von moderierenden Variablen wie subjektive Theorien, unterrichtliches Handeln oder Berufserfahrung.

Dissertationsprojekt

Typische Unterrichtsmuster im Fach Biologie und ihr Zusammenhang zu Lehrer- und Schülermerkmalen

Kirsten Matthes

Schulleistungsstudien, wie TIMSS und PISA geben zwar Hinweise auf Probleme des deutschen Bildungssystems, liefern aber kaum Ursachenanalysen oder Hinweise auf Handlungsalternativen. An diesem Punkt setzen unter anderem Videostudien an, die versuchen Handlungsroutinen aufzuzeigen und Zusammenhänge zwischen Unterrichtsskripts, Lehr-/Lernprozessen und Lernerfolgen analysieren. Während sich die ersten großen internationalen Videostudien (TIMSS Video Study 1995, 1999) auf den Mathematikunterricht beziehen und vor allem nach Erklärungen für die unterschiedlichen Leistungen der Schüler im internationalen Vergleich suchen, existieren bisher wenige Videostudien im Bereich der naturwissenschaftlicher Fächer, v.a. im Bereich der Biologie.

Die vorliegende Studie nimmt den Biologieunterricht in den Focus der Beobachtung. Es wird nach Unterrichtsskripten, also nach routinisierten Handlungsmustern gesucht, wie sie die TIMS-Video-Studie für den Mathematikunterricht einzelner Länder beschrieben hat, und die auch für den deutschen Physikunterricht untersucht wurden (Seidel 2003). Zudem wird danach gefragt, wie die Lehrerpersönlichkeit die Unterrichtsgestaltung beeinflusst. Neuhaus (2005) unterscheidet auf der Grundlage ihrer Einstellung zum Biologieunterricht drei verschiedene Biologielehrertypen, den pädagogisch-innovativen Typ, den fachlich-innovativen Typ und den fachlich-konventionellen Typ. Auf Seite der Unterrichtsführung beschreiben Klieme und Rakoczy (2003) im Mathematikunterricht drei verschiedene Grunddimensionen von Unterrichtsqualität, in denen sich Unterricht innerhalb Deutschlands systematisch unterscheidet. Diese Grunddimensionen sind angelehnt an drei schulpädagogische Traditionen: Die herbartianische Tradition betont die klare Planung, den Aufbau in wohl definierten Phasen und die störungsfreie Klassenführung, die reformpädagogische Tradition fördert schwerpunktmäßig das aktive, selbsttätige Lernen der Schüler und die fachdidaktische Tradition setzt den Schwerpunkt auf die inhaltliche Klarheit und Strukturiertheit des Unterrichts.

Im Rahmen der vorliegenden Studie wird der Zusammenhang zwischen den von Klieme und Rakoczy (2003) beschriebenen Unterrichtsmustern und entsprechenden Lehrer- und Schülervariablen im Biologieunterricht analysiert. Sie ist als Querschnittsstudie im quasi-experimentellen Design angelegt. Im Rahmen der Studie wird Unterricht der Jahrgangsstufe 9 in Gymnasien von NRW zum Themenbereich Genetik videographiert und mithilfe eines Kodiersystems analysiert. Diese Daten werden mit Schüler- und Lehrerfragebögen in Beziehung gesetzt. Die Ergebnisse der Videostudie werden eine Variationsbreite von erfolgreichem Biologieunterricht präsentieren und so dem Praktiker Handlungsalternativen aufzeigen und sein Repertoire zur erfolgreichen Gestaltung von Lehr-Lernprozessen erweitern.