Universität Duisburg-Essen

FACHBEREICH BILDUNGSWISSENSCHAFTEN


PROF. DR. GISELA STEINS - ALLGEMEINE PSYCHOLOGIE UND SOZIALPSYCHOLOGIE

LEHRER DER REGELSCHULE

Als Lehrperson eines kranken Kindes können Sie eine Menge bewirken. Dabei sehen wir die folgenden Punkte als besonders wichtig an:

  1. Überprüfen Sie das Klima ihrer Klasse
  2. Informieren Sie Ihre Klasse über Probleme von Schülern
  3. Gestalten Sie die Interaktion mit den Eltern des Schülers positiv
  4. Gestalten Sie die Interaktion mit dem Schüler positiv
  5. Stärken Sie den Kontakt bei Abwesenheit des Schülers
  6. Stellen Sie den Kontakt mit der Schule für Kranke her
  7. Gestalten Sie den Übergang nach der Krankheitsphase des Schülers in die Klasse mit

1. Überprüfen Sie das Klima ihrer Klasse

Wie sind die Interaktionen zwischen Ihnen und den Schülern gestaltet? Und wie interagieren die Schüler in Ihrer Klasse miteinander? Ein Klassenklima ist als positiv zu bezeichnen, wenn die Interaktionen als respektvoll und freundlich wahrgenommen werden. Die Forschung hierzu zeigt, dass ein positiv wahrgenommenes Klassenklima dazu beiträgt, dass die Motivation der Schüler höher ist, d.h. ein positives Klassenklima wirkt sich auch indirekt auf die Leistungsmotivation der Schüler aus. Dazu kommt: Schüler und Lehrer fühlen sich gleichermaßen wohler, wenn das Klassenklima freundlich ist. Das ist für die Personen von großer Wichtigkeit, die unter einem negativen Klima besonders stark leiden. Menschen unterscheiden sich darin, wie gut sie mit negativen sozialen Faktoren klar kommen und gerade die sensiblen Personen hinsichtlich dieses Aspekts haben es besonders schwer. Ein schlechtes Klassenklima ist natürlich nicht die Ursache einer psychischen Erkrankung eines Schülers, aber ein gutes Klima kann eine großartige Unterstützung bieten und präventiv wirken. Stellen Sie sich konkrete Fragen, um Ihr Klassenklima zu überprüfen:

  1. Können Schüler jederzeit Fragen stellen und sich zu Worte melden, ohne ausgelacht zu werden oder negative Kommentare zu ernten?
  2. Gibt es verbindliche Regeln für einen guten Umgang untereinander?
  3. Wurden diese Regeln mit allen diskutiert?
  4. Sind diese Regeln transparent und sichtbar?
  5. Gibt es ein konsequent eingehaltenes Sanktionssystem bei Nichtbeachtung der Regeln?
  6. Überprüfen Sie durch anonyme Fragebogen von Zeit zu Zeit das Klassenklima Ihrer Schüler?
  7. Können die Schüler Sie auch außerhalb des Unterrichts erreichen?
  8. Unternehmen Sie auch etwas mit Ihren Schülern außerhalb des Unterrichts?

2. Informieren Sie Ihre Klasse über Probleme von Schülern

Wenn ein Schüler erkrankt und aufgrund seiner Krankheit längere Zeit abwesend ist, machen sich die Mitschüler Gedanken darum. Wenn Sie sie nicht aufklären, wird es niemand tun und es werden sich Mythen um die Krankheit des erkrankten Schülers ranken, die zu Stigmatisierungsprozessen beitragen. Eine Information über die Erkrankung kann nicht unbedingt Stigmatisierung verhindern, wenn diese Information jedoch mit einem übergreifenden Ziel verbunden wird, dann kann sie dazu beitragen, dass Vorurteile abgebaut werden und bei manchen erst gar nicht entstehen. Ein übergreifendes Ziel kann sein, dass Sie darauf hinweisen, dass Ihre Klasse ja das Ziel hat, dass alle miteinander gut auskommen und sich hier wohl fühlen. Es hat sich auch bewährt, dass man sich als Lehrer hierfür Hilfe von außerhalb holt, zum Beispiel indem man Kontakt mit Beratungsstellen oder der Psychiatrie vor Ort aufnimmt und darum bittet, eine hierfür zuständige Person zu schicken. Sollte es eine solche Kooperation nicht geben, empfiehlt es sich, die Informationen über das Krankheitsbild altersgemäß zu formulieren. Hier existiert sicherlich noch eine Wissenslücke, die wir auf dieser Seite Schritt für Schritt auffüllen möchten.

3. Gestalten Sie die Interaktion mit den Eltern des Schülers positiv

Viele Eltern sind verängstigt, insbesondere wenn ihre Kinder an einer psychischen Krankheit leiden. Sie fühlen sich schuldig und haben Angst. Dass die Umwelt ihren Kindern einen Stempel aufdrückt und sie in eine Schublade steckt, aus der sie nie wieder heraus kommt. Die Stigmaforschung zeigt, dass diese Ängste leider nicht irreal sind. Allerdings zeigt sie auch, dass dennoch ein offener Umgang mit den Problemen des Kindes ganz entscheidend dazu beiträgt, dass die Kinder schneller und besser wieder integriert werden. Warum? Wenn wir offen mit einem Problem umgehen können, weil wir die Ängste vor den Reaktionen der anderen beiseite schieben, dann holen wir uns auch schneller Hilfe und haben mehr Vertrauen. So können Eltern, die die Probleme ihres Kindes aus Angst nicht bagatellisieren oder verstecken, schneller die involvierten Personen mobilisieren, offener mit ihnen reden und so ihrem Kind die nötige Hilfe sichern.
Sie werden als Lehrkraft leider oft erleben, dass Eltern sie auch für die psychischen Probleme ihres Kindes verantwortlich machen. Sie werden erleben, dass ihre ganze Schule dafür verantwortlich gemacht wird und dass der Kontakt zu ihnen abgebrochen wird.
Es gibt im Vorfeld einige überlegenswerte Vorgehensweisen, um dieses elterliche Verhalten im Vorfeld zu vermeiden.

1. Üben Sie sich in Empathie!
Eltern reagieren dann abweisend, wenn sie den Verdacht haben, dass sie sowieso nicht auf Verständnis stoßen werden. Wie können Sie es erreichen, dass man Ihnen Verständnis zuschreibt? Versetzen Sie sich in die Lage von Eltern mit einem kranken Kind! Versuchen Sie sich von außen aus der Perspektive der Eltern wahrzunehmen. Eltern wollen vor allem, dass Lehrer ihre Kinder verstehen und sie wollen diese nicht von Lehrern verurteilt wissen. Ohne es zu wollen und zu wissen, signalisieren aber leider viele Lehrer nicht eine Verständnisbereitschaft. Das aber ist entscheidend. Nehmen Sie die Probleme der Eltern ihrer Schüler ernst und vor allem: Moralisieren Sie nicht – das hilft keinem weiter.

2. Informieren Sie sich über die Krankheiten ihrer Schüler!
Verständnis allein läuft ins Leere, wenn Sie keine Ahnung von der Materie haben. Deshalb ist es besser zu verstehen, was man zu verstehen hat, indem an sich Informationen über das betreffende Krankheitsbild besorgt. Wir versuchen unsere Seite so aufzubauen, dass Sie dies mittelfristig auch über diese Seite machen können. Eine gute Vorgehensweise ist es auch, mit der psychologischen Beratungsstelle vor Ort Kontakt aufzunehmen um den Informationsbedarf zu stillen. Ist Ihr Schüler bereits in einer Schule für Kranke empfiehlt es sich auch mit dem Lehrer dieser Einrichtung Kontakt aufzunehmen. Das Lehrpersonal einer Schule für Kranke ist über die entsprechenden Krankheiten Ihrer Schüler bestens informiert und wird dieses Wissen gerne an Sie weitergeben.

3. Reden Sie mit den Eltern!
Eltern betroffener Schüler suchen mitunter selber das Gespräch mit Ihnen. Nutzen Sie dieses Kontaktangebot und beraten Sie zusammen mit den Eltern wie man die kritische Phase des Schülers von diesen beiden Seiten so gestaltet, dass alle den Schüler bestens darin unterstützen während seiner Krankheit stabilisiert zu werden und nach seiner Krankheit reintegriert zu werden. Falls sich die Eltern nicht bei Ihnen melden, nehmen Sie Kontakt auf und versuchen ein Treffen zu arrangieren. Je besser die Zusammenarbeit, desto besser für den Schüler.

4. Gestalten Sie die Interaktion mit dem Schüler positiv

Besonders bei einer psychischen Erkrankung hört sich diese Maßnahme einfacher an als sie ist. Wenn Sie beispielsweise einen Schüler mit der Diagnose Hyperaktivität in Ihrer Klasse haben, ist es eben eine Facette dieser Diagnose, dass der Schüler sich oft nicht angemessen verhalten kann, sonst wäre er kaum als krank zu bezeichnen. Um Ihre Interaktion mit dem Schüler positiv zu gestalten, sollten Sie zunächst das tun, was alle Lehrer einer Schule für Kranke ganz selbstverständlich tun: Informieren Sie sich. Der nächste wichtige Schritt ist dann, sich selber zu fragen, welche Einstellung Sie selber gegenüber dem Schüler haben: haben Sie wirklich verstanden, dass er unter einer Krankheit leidet oder machen Sie ihn doch für sein Verhalten verantwortlich. Im ersten Fall werden Sie über Unterstützungsmaßnahmen nachdenken, im zweiten Fall werden Sie sich oft über den Schüler ärgern und ihm damit nicht weiterhelfen.
Auf dieser Seite sollen nach und nach evidenzbasierte Überlegungen für eine positive Interaktionsgestaltung mit kranken Schülern publik gemacht werden.

5. Stärken Sie den Kontakt bei Abwesenheit des Schülers

Lehrer einer Regelschule warten oft erst einmal ab, ob der Schüler nach seiner Behandlung überhaupt zurück kehrt. Diesem Verhalten liegt die rein zeitökonomische Kalkulation zugrunde, dass es sich ja nicht lohnen würde, zu investieren für einen Schüler, der möglicherweise nicht wiederkommt und für den Sie dann ja auch nicht mehr verantwortlich sind. Dabei ist gerade in Krisenzeiten jede Form der sozialen Zuwendung und Unterstützung hilfreich! Dazu kommt, dass Unterstützung und Kontakthalten nicht besonders viel Zeit kostet, gemessen an der Zeit, die eine ineffiziente Reintegration kostet.
Sie können Ihrem Schüler zusammen mit der Klasse regelmäßig einen Brief schreiben. Sie können ihm Fotos schicken! Sie können es koordinieren, dass mit den anderen Lehrern zusammen genaue Angaben darüber gemacht werden, was im Moment unterrichtet und verlangt wird und dies ebenfalls an die Schule für Kranke weiterleiten. Sie können ihm ab und an zusammen mit der Klasse ein kleines Geschenk machen.

6. Stellen Sie den Kontakt mit der Schule für Kranke her

Lehrer, die an einer Schule für Kranke arbeiten, stellen normalerweise den Kontakt zu den heimatschulen her. Aber genau wie Sie auch sind auch die Lehrpersonen dieser Einrichtung eingespannt in viele sehr unterschiedliche aktuelle Verpflichtungen, die alle am besten immer sofort erledigt werden müssen. Es hilft in diesem Fall, wenn sich alle involvierten Personen verantwortlich fühlen und auch so verhalten. Hören Sie nichts von einem Lehrer einer Schule für Kranke, dann melden Sie sich! Besprechen Sie mit dem Lehrer der Schule für Kranke den Lernstand, die aktuellen Anforderungen, Wissenslücken des Schülers, Fördermöglichkeiten und generieren Sie schon im Vorfeld Ideen für eine gelungene Reintegration, denn bekanntlich sind Übergänge schwierig.

7. Gestalten Sie den Übergang nach der Krankheitsphase des Schülers in die Klasse mit

Aus diesem Grunde ist es unerlässlich den Übergang aktiv mitzugestalten. Wenn ein Schüler in die Klasse zurückkommt, lohnt es sich, ihn anzurufen und ihm mitzuteilen, was er mitbringen soll, welche Veränderungen es möglicherweise gegeben hat und mit ihm zu reden, ihn zu fragen, wie es ihm geht. Damit nimmt man den Schülern häufig die vielleicht entstandene Berührungsangst. Sorgen Sie dafür, dass der Schüler einen Platz hat, wenn er in die Klasse kommt und sich nicht erst einen suchen muß. Machen Sie die Ankunft offiziell und teilen es öffentlich der gesamten Klasse mit, dass der Schüler wieder da ist. Sollten Sie ihn nicht zu Beginn dieses Tages in Ihrem Unterricht haben, ist es wichtig, dass Sie sich diese zehn Minuten nehmen und ihn offiziell wieder einführen.
Achten Sie in den ersten zwei Wochen besonders auf Ihren Schüler und versäumen Sie es nicht, die Eltern in dieser Zeit zumindest einmal zu kontaktieren um sich zu vergewissern, dass Sie nichts übersehen haben, was auf eine schlechte Reintegration schließen läßt.


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