1. Was ist Stil? Was ist Sprachstil?
  1. Allgemeine Überlegungen

Von allem etwas?

Von allem etwas. Und das macht die Frage schwierig. Die Kompliziertheit macht aber auch sofort klar: Es gibt keine eindeutige Urteile, daß nur eine bestimmte Ausdrucksweise guter Stil sei. Es hängt immer von vielerlei ab, zumindest von der Zeit, in der man lebt, von den Schreibabsichten, vom Texttyp, vom Gebrauchszusammenhang des Textes, von den Eigenheiten des Schreibers, aber auch von der Erwartungshaltung und damit den Sprachgewohnheiten des Leser, und das gilt für Schreiberin und Leserin natürlich in gleicher Weise.

Wir werden einige der oben in den Fragen genannten Aspekte als Stilbegriffe aufgreifen, wollen aber in der Praktischen Stilistik keine ausführliche Stiltheorie entwickeln, sondern einen knappen, handhabbaren Stilbegriff, der eine Basis für die praktischen Überlegungen darstellen kann. Deshalb sagen wir kurz und bündig:

Sprachstil ist die vom Verfasser oder der Verfasserin gewählte sprachliche Ausdrucksweise eines Textes. Guter Stil ist eine angemessene und deshalb wirkungsvolle Ausdrucksweise für den jeweiligen Text; guter Stil ist somit abhängig vom Gebrauchszusammenhang des Textes. Und da Schreiber und Schreiberin in einer historischen Zeit und in einem gesellschaftlichen Umfeld leben, wird der Stil von beidem beeinflusst sein.

Weil bei dieser Definition die Funktion des Textes und damit seiner sprachlichen Formen im kommunikativen Geschehen als Maßstab für angemessenen Sprachgebrauch gilt, nennt man einen solchen Stil "Funktionalstil".

Schon der Definitionstext demonstriert die Abhängigkeit des Sprachgebrauchs von Zeit und Gesellschaft: "Verfasser oder Verfasserin, Schreiber und Schreiberin" — diese Doppelformen sind vor einem Jahrzehnt kaum, vor zwei Jahrzehnten gar nicht in Buchtexten erschienen; im mündlichen öffentlichen Sprachgebrauch etwa der Politik begann man, von Bürgern und Bürgerinnen, Genossen und Genossinnen, Wählern und Wählerinnen zu sprechen. In der schriftlichen Form begann dann alsbald die Suche nach einer geeigneten Form: StudentInnen, Studenten/-innen, Studenten und Studentinnen oder, wie einige Vertreterinnen der feministischen Linguistik, zum Beispiel ... Pusch forderten, zur Abwechslung nach Jahrhunderten des ausschließlich maskulinen generischen Plurals einmal nur der feminine, also Studentinnen. Heute spricht man in den Asten nun noch von Studierenden, die Universitäten haben den Studentenausweis durch den Studienausweis ersetzt, die Formulare enthalten die Bindestrich-Formen, was allerdings bei Prüflingen Probleme macht. Man könnte es ja einmal mit Prüflingin versuchen; das klingt zwar zunächst seltsam, aber man hat ein gutes Vorbild, nämlich Friedrich Hölderlin, der in ªBrot und Wein´ dichtet:

 

[…]

Jetzt auch kommet ein Wehn und regt die Gipfel des Hains auf,
Sieh! Und das Schattenbild unserer Erde, der Mond,

Kommet geheim nun auch; die Schwärmerische, die Nacht kommt,
Voll mit Sternen und wohl wenig bekümmert um uns,

Glänzt die Erstaunende dort, die Fremdlingin unter den Menschen,
Übergebirgeshöhn traurig und prächtig herauf

Diese Veranschaulichung ist an dieser Stelle weniger akademisch, als es erscheinen mag, denn wie soll es in diesem Skript geschehen? Das Skript ist kein virtueller Text im Computer, wo man am Anfang einen Wahlbutton eingeben könnte und fragen: Wie möchten Sie als Leserin oder Leser gern angesprochen werden? Klicken Sie die gewünschte Form an! — woraufhin der Computer alle entsprechenden Formen in die gewünschte Fassung brächte.

Doch zurück zum Stilbegriff. Ehe wir uns weiteren Stilbegriffen zuwenden, grenzen wir Stil gegen Sprachgebrauch und Grammatik ab, stilistische Angemessenheit und Qualität gegen Sprachebene (Varietät) und grammatische Korrektheit.

Beim Sprechen und Zuhören, Schreiben und Lesen achtet man normalerweise auf die Inhalte, auf das Was? (Inhalt, Thematik) und Warum? (Rede- oder Schreibabsicht, Hör- und Leseerwartung), weniger auf das Wie? (sprachliche Gestaltung). Man verhält sich kommunikativ. Nun gibt es aber keine Gedankenübertragung ohne sprachliche Formulierung — wir lassen hier Bilder und andere Verständigungsmittel außen vor. Also gibt es immer ein Wie. Auf dieses achtet man im Grunde nicht, außer — und das ist ganz entscheidend auch für den Stil — außer, wenn jemand gegen die Form verstößt, besser gesagt: gegen die Erwartung, was in dieser Situation für diesen Typ Text die angemessene Form ist. In diesem Moment verhält man sich extrakommunikativ; die Form spielt nun eine Rolle; wenn das dann auch noch kommentiert wird, verhält man sich metakommunikativ, aber das ist nicht ausschlaggebend für die Wirkung der sprachlichen Form in einer Äußerung. Beispiele:

  1. Jemand spricht nicht Hochdeutsch, sondern regionale Umgangssprache mit entsprechendem Akzent. Oder jemand spricht mit ausländischem Akzent. Man registriert das sofort und reagiert entsprechend, das heißt, man stuft jemanden als heimatverbunden (positiv) oder ungebildet (negativ), als Ausländer usw. ein und wertet alles, was nun gesagt wird, vor diesem Hintergrund.
  2. Jemand benutzt eine Stillage bzw. Sprachebene (technisch: Varietät), die in der Situation oder zu der Textsorte nicht paßt, sei es das Einflechten von Fachsprache in einen gemeinsprachlichen Text (Urteil: "hochtrabend, Klugscheißer"), sei es des Einbringen derber Ausdrücke in förmliche Texte (Urteil: "Kann sich nicht benehmen"), sei es der Gebrauch poetischer Elemente, z. B. zu "schöner" sprachlicher Bilder, in Sachtexte (Urteil: "Schöngeist") usw.
  3. Jemand macht grammatische Fehler. Beim Sprechen wird man das unter (1) verbuchen. Beim Schreiben ist man da empfindlicher; das hat damit zu tun, daß die grammatischen Regeln im Grunde für die Schriftsprache ªHochdeutsch´ gelten, für eine überregionale Standardsprache, weniger für den mündlichen Sprachgebrauch. Gewissen Freiheiten haben hier auch die Dichter, besonders in Gedichten, in denen neben dem Satzbau ein zweites formales Gerüst wirkt; davon handelt Abschnitt B Laute.
  4. Jemand macht Rechtschreibfehler. Wenn man sie bemerkt, reagiert man je nachdem verärgert bis erbost, jedenfalls wird man vom Text abgelenkt. In sprachspielerischen Texten ist das dann anders. Hier soll ja der Inhalt über die Form vermittelt werden.

Stil als angemessene Ausdrucksweise wirkt also im Spannungsfeld zwischen angemessenem Sprachgebrauch im Rahmen einer kommunikativen Situation, genauer sprachlichen Handlung, zwischen Sprecher/-in und (Zu)Hörer/-in, Schreiber/-in und Leser/-in. Der Funktionalstilbegriff ist ein pragmatischer, handlungsbezogener.

Stil wirkt zugleich auf der Folie grammatischer Korrektheit, welche wiederum auf den Sprachgebrauch, auf die Varietät bezogen ist. Für schriftliche Texte — und sie sollen im Zentrum unserer Überlegungen stehen — ist die Hochsprache (Standardsprache, Gemeinsprache) die Varietät, an der sich grammatische Richtigkeit orientiert. Die drei Begriffe zielen auf unterschiedliche Normvorstellungen, aber im Kern auf dieselbe Sache.

Somit haben wir eine Bezugsgröße für den Sprachgebrauch, in der sprachliche Richtigkeit nicht nur von grammatischer Korrektheit abhängt, sondern auch von einem individuellen Normgefühl oder einem Normgefühl gesellschaftlicher Gruppen, in denen ein Text wirken soll. Dabei ist allerdings die grammatische Korrektheit weniger umstritten als die Wortwahl.

Versuchen wir also eine Abgrenzung.

Wahl — Wille — Wirkung
Auswahl aus mehreren Möglichkeiten mit dem Willen, durch diese Wahl Wirkung zu erzielen.

Für die Wahl, für das Umsetzen des Stilwillens in die sprachlichen Formulierungen eines Textes, lassen sich idealtypisch zwei Gestaltungsprinzipien festhalten:

  1. Man formuliert so, daß die Sprache den Inhalt, die Rede-/Schreibabsicht direkt überbringt, daß beim Zuhören oder Lesen nichts an der Form auffällt. Hier wird das Angemessenheitskriterium im funktionalen Sinne zum Maßstab. Alltagstexte, informierende und berichtende journalistische Texte, Fachtexte sollten so formuliert sein.
  2. Entschuldige, jetzt erinnere ich mich. Es war gestern vor Hitze im Bett fast nicht auszuhalten. Erschöpft ging ich in den Garten. Und weil die Nacht so angenehm und wohlriechend war, legte ich mich hier nieder.

  3. Man formuliert so, daß die sprachliche Form auffällt. Literarische Texte wirken gewöhnlich gerade auch durch die sprachliche Form; bei Gedichten zum Beispiel fällt das sofort "ins Auge", weil die Zeilen nicht dem Satzspiegel entsprechen, auch bei Versepen und Versdramen. Man reimt ja auch normalerweise nicht, gebraucht keine rhythmisierte Sprache und verdichtet den Text nicht in Symbolen und sprachlichen Bildern, abgesehen von den bildhaften sprichwörtlichen Redensarten, die in der Alltagssprache viel Raum einnehmen.

Vergib! Ich weiß nun schon. Es war, du weißt, vor Hitze
im Bette gestern fast nicht auszuhalten.
Ich schlich erschöpft in diesen Garten mich,
Und weil die Nacht so lieblich mich umfing,
Mit blondem Haar, von Wohlgeruch ganz triefend —
Ach! Wie den Bräutgam eine Perserbraut,
So legt ich hier in ihren Schoß mich nieder.

Auch in der Werbung ist die äußere Form und somit die Sprache "Teil der Botschaft", soll Aufmerksamkeit wecken und neugierig auf den Inhalt machen. So hat die Deutsche Bahn die alten Personenzüge, Nahverkehrszüge, Eilzüge, Schnellzüge, Fernschnellzüge abgeschafft und befördert uns in bestem Deutsch und bester deutscher Rechtschreibung im InterCityExpress, ICE-Sprinter, EuroCity, InterCity, InterRegio, IntercityNight, EuroNight auf der CityNightLine, und selbst der TouristikZug wird gegen die Rechtschreibregeln geschrieben (Quelle: Städteverbindungen 1997/98, S. 3-5).

An beiden Beispielen wird zugleich deutlich, wie die Wirkung entsteht: Ein bestimmtes sprachliches Muster wird etabliert, es wird statistisch häufig im Text verwendet als es in einem "normalen" Text. Wenn das der Varietät entspricht, also der Erwartungshaltung der Leser/-innen entgegenkommt, haben wir den funktional angemessenen Stil.

Wenn sich auf einer Zeitungsseite (ªUmwelt, Wissenschaft, Technik´, Süddeutsche Zeitung Nr. 206, 8. September 1998, S. V2/11), wo es um neue Techniken der Zahnmedizin geht, die Überschriften "Zwischen Bohrer & Bürste", "Zahnersatz für Zahlungskräftige" und die Zwischenüberschriften "Mit Kleber und Klammern" und "Kräftiger Knochen" finden, ist das kein Zufall, sondern Stilwillen, mit dem Mittel der Alliteration (Gleichklang der Wortanlaute) Wirkung zu erzielen.

Wir haben stiltheoretisch hier zugleich den statistischen Stilbegriff: Häufigkeit über die Normalverteilung hinaus etabliert ein Muster. Nun kann aber Wirkung auch genau anders entstehen, durch einen gezielten, einmaligen Verstoß gegen das entwickelte Muster; das entspricht dem normativen Stilbegriff. Goethe macht uns das vor:

Beruf des Storches

Der Storch, der sich von Frosch und Wurm
An unserm Teiche nähret,
Was nistet er auf dem Kirchenturm,
Wo er nicht hingehöret?

Dort klappt und klappert er genung,
Verdrießlich anzuhören;
Doch wagt es weder alt noch jung
Ihm in das Nest zu stören.

Wodurch — gesagt mit Reverenz —
Kann er sein Recht beweisen
Als durch die löbliche Tendenz,
Aufs Kirchendach zu ...

Johann Wolfgang Goethe (1749-1832), Conrady S. 274

Die drei Pünktchen deuten an, daß Goethe nicht mehr der junge Stürmer und Dränger war, als er dieses kleine Gedicht schrieb. Aber das Wort scheißen ist leicht zu ergänzen und damit im Wortschatz der Wechsel in die Sprachebene der Umgangssprache bzw. in die Stilebene, die in Wörterbüchern meistens ªderb´ genannt wird. Im Götz von Berlichingen hat Goethe den berühmten Ausspruch Er aber, er kann mich am Arsche lecken ... durchaus ausgeschrieben; erst in späteren Ausgabe sind hier drei Pünktchen gesetzt worden.

Neben dem Stilbegriffs des pragmatischen Funktionalstils, der in unserer Praktischen Stilistik zu Grunde gelegt wird, gibt es eine ganze Reihe anderer Stilbegriffe, zum Beispiel:*

* Eine umfassende Aufstellung und Charakterisierung findet sich bei Bernhard Sowinski: Deutsche Stilistik. Beobachtungen zur Sprachverwendung und Sprachgestaltung im Deutschen. Fischer Taschenbuch Verlag. Frankfurt a. M.,
überarb. Ausg. 1978, S. 12-30)

 

Einige weitere Stilbegriffe

Zeitstil Stil abhängig von der historischen Zeit, d. h. von der Gesellschaft in einer historischen Epoche und vom Sprachstadium, von der Gemneinsprache/Standardsprache dieser Zeit

Epochenstil Äquivalent des Zeitstils als literaturwissenschaftlicher Begriff, bezogen auf eine literarische Epoche

Textsortenstil Stil einer Textsorte (pragmatischer Stilbegriff), z. B. journalistische Textsorten wie Nachricht, Reportage, Bericht, Kommentar, Glosse oder Telegrammstil oder Fachtexte und ihr fachsprachlich geprägter Stil im Kontext der fachsprachlichen Ebenen und Textfunktionen

 

Gattungsstil: Äquivalent des Textsortenstils als literaturwissenschaftlicher Begriff, bezogen auf literarische Gattungen, wobei lyrischer, epischer und dramatischer Stil nicht auf die jeweilige Gattung beschränkt sind, sondern in den jeweils anderen Gattungen vorkommen können. Ein gutes Beispiel ist Goethes Ballade ªDer Erlkönig´, in der alle drei Stiltypen vertreten sind: Es handelt sich um ein Erzählgedicht (epische Elemente), es nutzt die poetischen Mittel von Reim, Versmaß und Strophe sowie (lyrische Elemente) und das dramatische Geschehen spielt sich im Wechselgespräch zwischen Vater, Sohn und Erlkönig ab.

Erlkönig

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?

Es ist der Vater mit seinem Kind;

Er hat den Knaben wohl in dem Arm,

Er fasst ihn sicher, er hält ihn warm.

Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht? —

Siehst, Vater, du den Erlkönig nicht?

Den Erlenkönig mit Kron‘ und Schweif? —

Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif. —

ªDu liebes Kind, komm geh mit mir,

Gar schöne Spiele spiel ich mit dir;

Manch bunte Blumen sind an dem Strand,

Meine Mutter hat manch gülden Gewand.´ —

Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht

Was Erlenkönig mir leise verspricht? —

Sei ruhig, bleibe ruhig mein Kind,

In dürren Blättern säuselt der Wind. —

ªWillst, feiner Knabe, du mit mir gehn?

Meine Töchter sollen dich warten schön,

Meine Töchter führen den nächtlichen Rein,

Und wiegen und tanzen und singen dich ein.´ —

Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort

Erlkönigs Töchter am düsteren Ort? —

Mein Sohn, mein Sohn, ich seh‘ es genau,

Es scheinen die alten Weiden so grau. —

ªIch liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt;

Und bist du nicht willig; so brauch ich Gewalt.´ —

Mein Vater, mein Vater, jetzt fasst er mich an!

Erlkönig hat mir ein Leids getan! —

Dem Vater grauset‘s, er reitet geschwind,

Er hält in Armen das ächzende Kind

Erreicht den Hof mit Mühe und Not;

In seinen Armen das Kind war tot.

Johann Wolfgang Goethe 1749-1832)

(Aus: Goethes Werke, Band I, hg. von Erich Trunz. Hamburg, 3. Auflage 1956, S. 154 f.)