Laute
0. Werkstoff Sprache: Funktion und Substanz der Laute
Es ist die Funktion der Laute, die Sprache wahrnehmbar zu machen und Bedeutungen zu unterscheiden. Die Substanz, welche die Wahrnehmbarkeit möglich macht, ist mehrfach bestimmt, da in mehreren Bereichen vorhanden.
In der Hirnforschung1 hat man einiges über den Aufbau und das Funktionieren des Gehirns erarbeitet. Stichworte sind: Sprachzentrum, zwei Hemisphären mit den eher logischen, rationalen Sprachfunktionen (bei den meisten Menschen links) und den eher musischen, emotionalen, rhythmisch-klanglichen (entsprechend rechts), die offenbar zusammenwirken.
Bei gebundener, also rhythmisierter, Klanggestalteter, gereimter, gar gesungener bzw. von Musik begleiteter Sprache wird wahrscheinlich das Gehirn insgesamt stärker aktiviert, wohl bis ins Stammhirn (Motorik); das könnte die stärkere Wirkung solcher Äußerungen und den entschieden höheren Erinnerungswert von Liedern, Verstexten und auch Sprichwörtern/Redensarten erklären. Kommt rhythmische Körperbewegung, z. B. Tanz, hinzu, steigert das die Wirkung.
1 Vgl. Rupprecht S. Baur: Superlearning und Suggestopädie. Grundlagen - Anwendung - Kritik - Perspektiven, Berlin und München 1990; in Kapitel 2.1.1 (S. 17 ff.) wird die Arbeitsweise des Gehirns dargestellt.
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Bim, Bam, Bum |
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Ein Glockenton fliegt durch die Nacht, |
Doch BIM, dass ihrs nur alle wisst, |
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Er sucht die Glockentönin BIM, |
Der BAM fliegt weiter durch die Nacht |
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ªO komm,´ so ruft er, ªkomm, dein BAM |
Gesammelte Werke, Piper, München 1967, S. 196 f. |
Schwanengesang
Was wollen die Schwäne uns sagen?
Wir leben und schweben
wir kreisen und weisen
wir finden und binden
wir ketten und retten
wir halten und walten
wir schlichten und richten
wir sind überhaupt ganz tolle Vögel -
das wollen die Schwäne uns sagen.
Robert Gernhart. Wörtersee, 2001, Ffm. 1981, S. 10
1. Zur Substanz der Laute: das Artikulieren
1.1 Laute
Die Klangqualität eines Lautes wird durch die Artikulation bestimmt. Besonders für das Stilmittel der Klangmalerei durch Assonanz ist die Nähe der Artikulation ähnlich klingender Laute bedeutsam. Die Artikulationsorgane wirken bei der Artikulation eines Lautes im Großen und Ganzen folgendermaßen zusammen:
Die Artikulation der Laute erfolgt nacheinander, also entsteht eine Lautfolge. Die wahrnehmbare Seite der Sprache ist eine lineare Folge von Lauten/Buchstaben, von Wörtern, von Satzgliedern, von Sätzen. Die Linearität wird auf jeder Strukturebene zugleich, weil konstitutiv, befolgt und in gewisser Weise aufgehoben. Darüber wird jeweils auf den Strukturebenen zu sprechen sein.
1. 2 Silben
Genau genommen sind allerdings die Grundeinheiten des Sprechens nicht die einzelnen Laute, sondern die Silben. Eine Silbe enthält mindestens einen Vokal bzw. Diphthong, um den herum sich Konsonanten gruppieren können. Da gibt es ganz verschiedene Möglichkeiten:
a-ber, Ei, Ei-mer, da, ab, blau, alt, braun, Schloss , Strumpf, lus-tig, Was-ser-lei-tung, ...
Wörter sind ein- oder mehrsilbig. Die Silbengrenzen können mit Morphemgrenzen (Grenzen der Wortbausteine) zusammenfallen oder auch nicht: glück-lich, aber be-glei-ten mit Morphemgrenzen be/gleit/en
Bei mehrsilbigen Wörtern wird zwischen betonten und unbetonten Silben gewechselt (nicht unbedingt immer, aber im Grunde doch regelmäßig). Die Betonung ist teilweise durch die sprachstrukturelle Qualität/Funktion der Wortbausteine, welche durch die Silben ausgedrückt werden, bestimmt.
Sprechen Sie einmal: Wenn wir das Schild nicht umfahren wollen, müssen wir es umfahren.
Die Silbenstruktur eines Textes ist ein wesentlicher Werkstoff für den Rhythmus (siehe dazu weiter unten). Silbisches Sprechen ist ein natürliches Sprechen. Schon Kinder gliedern Texte durch silbisches Sprechen, z. B in Abzählversen.
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Eins - zwei - drei - vier - fünf - sechs - sie-ben, |
Ich - und - du, |
Probieren Sie die Macht des Rhythmus an sich selbst aus. Lesen Sie die folgenden Wörter ganz schnell hintereinander.
Münsterländer
Hinterwäldler
Enterbender
Benebelter
1.3 Tonhöhe
Beim Sprechen senkt und hebt man die Stimme relativ zu einer Normalstimmhöhe. Funktional wird dieser Werkstoff zur Kennzeichnung von Satzarten und in der Satzprosodie eingesetzt.
In einigen Sprachen, den tonigen Sprachen, hat der Wechsel von Tonstufen phonematische, bedeutungsunterscheidende Funktion. Im Deutschen gibt es das bei einigen Interjektionen (Abtönungspartikeln), insbesondere den reduplizierenden (silbenwiederholenden) wie aha, haha, hmhm, nana(nanana), oho usw.
2. Zur Systematik der Laute: Laute als Phoneme
Die Laute der Sprache haben zwei Grundfunktionen:
Nach dieser phonologischen Funktion und der phonetischen Substanz ist das Lautinventar (technisch Phoneminventar) einer Sprache ausgelegt. Das Deutsche hat etwa 43- 45 Phoneme, je nach systematischer Einordnung einiger Laute. Die Inventare der Sprachen schwanken zwischen 25 und über 60. Bedeutungsunterscheidende Funktion haben auch Vokale, die lang und geschlossen oder kurz und offen gesprochen werden: Stahl/Stall, Beet/ Bett, Liebe/Lippe, Ofen/offen, Höhle, Hölle, Fuder/Futter, Krüge/Krücke,...
Im Deutschen gibt es Aussprachevarianten. Zwei Beispielgruppen:
Aus diesem Werkstoff werden die Klangwirkung und der Rhythmus aufgebaut:
Wille Wahl Wirkung: Die Lautung der Wörter ist vorgegeben; Auswahl und Anordnung können auch unter lautlichen Gesichtspunkten erfolgen, wobei die grammatischen und semantischen Grundregeln der Sprache einzuhalten sind. Aber durch den Halt, den die zweite Formebene, insbesondere der Versrhythmus, dem Text gibt, können syntaktische Muster so variiert werden, dass nicht alle Satzbauregeln eingehalten werden.
3. Prosa und gebundene Sprache
Eine grundlegende Unterscheidung von Sprechstilen/Sprachstilen ist die zwischen Prosa und gebundener Sprache. Die Laute entfalten ihre Wirkung besonders in gebundener Sprache, die Klangmuster und rhythmischen Muster werden hier systematisch eingesetzt und bilden eine zweite formale Ebene neben der grammatischen Ebene der Syntax. Das wirkt zwar auch schon in Prosatexten in Zwillingsformeln wie hier und heute, drunter und drüber, mit Mann und Maus, Ross und Reiter nennen. Wir werden diese Alliteration, die Lautgleichheit am Wortanfang, noch genauer besprechen, jedenfalls beruht in gebundener Sprache, in Reimen und Versen, ein erheblicher Teil der Wirkung auf Klang und Rhythmus.
Sie merken am folgenden Text sogleich, dass da etwas nicht stimmt.
Weltlauf
Ein Mensch, erst zwanzig Jahre alt, beurteilt Greise ziemlich kalt und hält sie für verkalkte Deppen, die zwecklos sich durchs Dasein schleppen. Der Mensch, der junge, wird nicht jünger: Nun, was wuchs denn auf seinem Dünger? Auch er sieht, dass trotz Sturm und Drang, was er erstrebt, zumeist miss lang, dass , auf der Welt als Mensch und Christ zu leben nicht ganz einfach ist, hingegen leicht, an Herrn mit Titeln und Würden schön herumzukritteln. Der Mensch, nunmehr bedeutend älter, beurteilt jetzt die Jugend kälter, vergessend frühres Sich-Erdreisten: "Die Rotzer sollen erst was leisten!" die neue Jugend wiedrum hält ... Genug das ist der Lauf der Welt!
EUGEN ROTH (1895-1976): Ein Mensch. Heitere Verse. Hanser, München 1985 (Textanordnung verändert)
4. Gebundene Rede: Vers, Klang/Reim,
StropheAuch wenn Sie keine Gedichte schreiben wollen, lohnt es, sich mit den Mitteln der gebundenen Rede zu beschäftigen. Man erhält einen genaueren Einblick in die klanglichen und rhythmischen Elemente des Werkstoffes Sprache und kann von dieser Basis aus die schwieriger zu verstehenden, weil nicht nach festen Regeln gebildeten, klanglichen und rhythmischen Muster der Prosa durchschauen. Zudem gibt es auch im "prosaischen" Leben des Nicht-Dichters immer wieder Gelegenheiten, einige Verse zu schmieden oder zumindest klanglich und rhythmisch gut gebaute und somit wirkungsvolle Titel, Slogans und Überschriften usw. zu formen. Außerdem hilft es beim Lesen und Zuhören, wenn man die Technik ein wenig durchschaut. Das ist bei Gedichten nicht anders als beim Fußball: Wer etwas davon versteht, hat auch als passiver Zuschauer mehr davon als der Laie. Bert Brecht hat dazu einiges gesagt.
Zerpflücke eine Rose ...
Hier wird nun keine Einführung in die Verslehre für literaturwissenschaftliche Studien gegeben, sondern es werden nur die Grundmuster vorgestellt, damit man das für die Wirkung und Lesbarkeit von Texten wichtige Phänomen des Rhythmus versteht.
In der Dichtung finden wir gebundene Sprache, also Verse, in allen drei Gattungen:
In jedem Fall muss das Muster etabliert werden, müssen also einige Elemente des Werkstoffes Sprache häufiger und geregelter auftreten als in der Prosa und im spontanen Sprechen.
Volkspoesie
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Es grüßen blaue Blümlein licht |
Eine kleine Blume |
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Durch den Bäumen |
In der Morgenstund |
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Wir protestieren auf allen Vieren! Hi ha ho der FC ist k.o.! |
Alle, die schimpfen über Elche, |
4.1 Klang
(1) Assonanz
: Häufung gleich und ähnlich klingender, artikulatorisch nahe beieinander liegender Laute:Wenn Männer den Mädchen mal Ständchen bringen
im Nachen mit neckischem Brummen und Singen,
dann murmeln die Muhmen mit Nasenrümpfen
empfindsam und meinen, man müsse nun schimpfen
Assonanzen sorgen für klangliche Grundstimmungen wie "hell" oder "dunkel", besonders wenn sie mit Alliterationen verbunden werden. Bei der Analyse des Gedichtes Das Karussell von Rilke werden wir das herausarbeiten (s. S. ).
Das Hemmed
Kennst du das einsame Hemmed?
Flatterata, flatterata.
Es knattert und rattert im Winde
Windudurei, windudurei.
Ders trug ist bass verdämmet!
Flatterata, flatterata
Es weint wie ein kleines Kinde
Windudurei, windudurei.
Das ist das einsame Hemmed
Christian Morgenstern, a.a.O. S. 227
(2) Alliteration
: Häufung gleicher Laute im Anlaut:Die Zwillingsformeln vom Typ mit Kind und Kegel wurden oben schon genannt.
Das ist übrigens nicht der Kegelverein auf dem Familienausflug, die Kegel waren in alter Zeit die in der Erbfolge anerkannten Kinder mit der Nebenfrau; die nicht anerkannten, in unserem Sinne unehelichen und darüber hinaus rechtlosen waren die nicht im Bett sondern auf der Bank oder sonstwo gezeugten Bankerte.
(3)
Stabreim: Alliteration in Versen; der Stabreim war Stilmittel der althochdeutschen Zeit, die den Endreim erst aus lateinischen Texten kennenlernte; deshalb wurde der Stabreim von Wagner im "Ring der Nibelungen" eingesetzt: Winterstürme wichen dem Wonnemond... Ha, Freche du, frevelst du mir...Das Hildebrandlied, das in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts im Kloster Fulda aufgeschrieben wurde, ist im Stabreim geschrieben. Hier als Auszüge der Anfang, der Beginn der Wehklage und der Kampf.
Quelle: Das Hildebrandlied. Faksimile der Kassler Handschrift mit einer Einführung von Harrtmut Broszinski. Johannes Stauda Verlag Kassel 19852 (ohne Seitenzählung) Quellenangabe dort: In Anlehnung an: Althochdeutsches Lesebuch, 16. Aufl. bearb. von A. Ebbinghaus, Tübingen Niemeyer 1979, S. 84-85.(In der Übersetzung in eckigen Klammern Zusätze von KDB).
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Ik gihorta dat seggen, |
Ich hörte das sagen, |
(4) Endreim
Wenn man fragt, was besonders charakteristisch für ein Gedicht ist, wird wohl zuallererst der Endreim genannt. Wir werden sehen, dass auf der Ebene der lautlichen Substanz der Rhythmus im Grunde entscheidender ist; aber Reime fallen mehr auf. Rhythmisierte und gereimte Sprache prägt sich besser ein, weil beide Hirnhälften beteiligt sind. (S. o. S. n ).
Ein Blick in die Sprachpraxis des Alltags bestätigt das. Merkverse, Bauernregeln, Sprichwörter nutzen den Endreim und auch den Rhythmus , um dem Text eine feste, unveränderliche Gestalt zu geben.
Sieben - fünf - drei |
Drei - drei - drei |
Iller, Lech, Isar, Inn |
Ist der Mai recht kühl und nass , |
Rutscht dem Bauern im Juli die Hose, |
Ja, Geschlechter kommen, Geschlechter gehen, |
Sich regen bringt Segen. |
Morgenstund hat Gold im Mund |
Quäle nie ein Tier zum Scherz, |
Ziehst du deine Hemden aus, |
In den Merkversen und Bauernregeln ist der Reim in seiner einfachsten Form genutzt; er bindet zwei aufeinanderfolgende Zeilen aneinander. Es gibt durchaus komplexere Reimmuster. In den Poetiken werden diese Reimschemata durch kleine Buchstaben gekennzeichnet. Drei Grundmuster sind:
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Paarreim |
Kreuzreim |
Schweifreim |
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Die Ameisen Zwei Ameisen, a Joachim Ringelnatz (1883-1934), ªFlügel der Zeit´ S. 96 |
Ohne Titel Das Fräulein stand am Meere a Mein Fräulein, sein sie munter, c Heinrich Heine (1797-1856), Conrady S. 473 |
Der Abend Schweigt der Menschen laute Lust: a Joseph Freiherr von Eichendorff (1788-1857), Conrady S. 385 |
Aus diesen Grundmustern werden bei Strophen mit fünf und mehr Zeilen häufig Kombinationen hergestellt. Das Herbstgedicht von Rilke S. 12 ist ein Beispiel für komplexe Gestaltung des Schweifreims. Ganz besonders raffiniert geht Christian Morgenstern in einem kleinen Gedicht mit dem Reim um; er macht das zugleich scherzhaft zum Thema des Gedichtes.
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Das ästhetische Wiesel Ein Wiesel Wisst ihr Das Mondkalb Das raffinier- Christian Morgenstern (1871-1914), Conrady S. 608 |
a b c b |
Der Reim entsteht im Deutschen mit dem Sprechmuster betonter und unbetonter Silben (s.u. S. n "dynamischer Akzent") über die betonten Silben (Hebungen) und eventuell zugeordnete unbetonte Silben (Senkungen)
Indem Heine das Wort sehr im Reim zu sehre dehnt, gibt er der Sonnenuntergangsseligkeit des Fräuleins einen gehörigen Schuss Ironie bei.
Kadenz: Am Verszeilenende unterscheidet man weiterhin, ob die Verszeile mit einer betonten Silbe abschließt oder nicht. Man spricht von Kadenzen (zu lat. cadere fallen; deutsch auch Silbenfall) und unterscheidet:
Das gilt auch in Versen ohne Reim. Häufig wird zwischen klingenden und stumpfen Kadenzen gewechselt.
In den Poetiken werden noch sehr viele genauer Beobachtungen zur Reinheit der Reime gemacht. Moniert werden Reime von kurzen und langen Vokalen: begrüßt küsst, von stimmhaften und stimmlosen Konsonanten spannte Lande, Größe Getöse, von langen Vokale und ähnlich klingenden Diphthongen Tür hier, von Umlauten und ähnlich klingenden Vokalen tönen sehnen usw. Unreinheit beim Paarreim stört mehr als bei auseinander liegenden Rei-men. Einzelheiten, auch weitere Monita im Sinne einer strengen Poetik, finden Sie bei Kayser (Versschule S. 83-89).
Nicht fehlen darf der berühmte ªFrankfurter Reim´ in Goethes Faust (Szene Zwinger), der Beginn und Schluss von Gretchens Gebet vor einem Andachtsbild der Mater Dolorosa
Ach neige,
Du Schmerzensreiche,
Dein Antlitz gnädig meiner Not.
(Faust I, 3586- 89 und 3617-19, zitiert nach Faust I [s. S. n ], S. 114 und 115.) Wenn man die ersten beiden Zeilen mit Frankfurter Akzent spricht, hat man einen Reim mit dem ich-Laut.
(5) Binnenreim
Vom Binnenreim spricht man, wenn innerhalb einer Verszeile gereimt wird. In Heines Gedicht vom Fräulein am Meer finden wir: Und seufzte lang und bang...
Hier reimen also lang und bang. Der Binnenreim verstärkt die Klangwirkung natürlich, bringt er doch den Gleichklang doppelt. Im Gedicht Ein alter Tibetteppich von Else Lasker-Schüler (S. n ) finden wir den Binnenreim
Süßer Lamasohn auf Moschuspflanzenthron.
In einem ganz alten Gedicht eines unbekannten Verfassers hat die erste Zeile einen Binnenreim. Das Gedicht sei auch deshalb hier vollständig wiedergegeben, weil es eines der ersten gereimten deutschen Gedichte ist.
Dû bist mîn, ich bin dîn: zz ist wie scharfes ss zu lesen. Du bist mein, ich bin dein:dessen sollst du gewiss sein. Du bist verschlossen in meinem Herzen: verloren ist das Schlüsselein du musst für immer drinnen sein. Übersetzung von Max Wehrli; Conrady S. 4-5 |
Ganz raffiniert geht Rainer Maria Rilke mit dem Binnenreim in seinem Herbstgedicht um: Er bringt ihn in der Mitte der folgenden Verszeile; hier nur die ersten drei Zeilen, zugleich die erste Strophe des Gedichtes. (Text S. 12)
Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.
(6).Scherzform Schüttelreim
Schüttelreime sind eine beliebte Spielform. Schauen Sie selbst, wie das geht:
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Er denkt, er schreibt nen Schüttelreim, |
Und es steigt aus dem Schattenreich |
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Da hinten hört man Kinder heulen, |
Wer denkt denn schon am Sonntagmorgen |
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Lasst uns unsre Nierenbecken |
Wenn ich auch aus der Rolle tanz, |
4.2 Verse: Metrum und Rhythmus
Rhythmus sitzt tief in uns, im Unbewussten. Er steuert unseren Herzschlag, lässt uns rhythmische Bewegungen machen, beim Laufen, erst recht beim Tanzen. Musik umgibt uns, geprägt vom Rhythmus. Rhythmisierte Sprache behalten wir ganz anders als Prosa. Das nutzen seit jeher Merksprüche, Bauernregeln, Sprichwörter usw.
Die Elemente des Rhythmus der Sprache sind:
In der Sprechlehre wird auch vom Akzent gesprochen. Man unterscheidet:
Die Stillehren kennen beschreibende Begriffe zur Kennzeichnung des Rhythmus. Braak a.a.O. S.75ff nennt für Vers-texte (mit Verweis auf Wolfgang Kayser, Kleine deutsche Versschule, 1946, S. 114ff):
fließender Rhythmus, strömender Rhythmus, bauender Rhythmus, spröder/gestauter Rhythmus, tänzerischer Rhythmus.
Für die Prosa nennt er (S. 59ff) Gegensatzpaare; sie seien hier nur genannt, wir kommen später darauf zurück:
gespannt ungespannt; ruhig unruhig; wechselnd einförmig in den Satzfiguren;
nebenordnend (parataktisch) unterordnend (hypotaktisch).
Der Vollständigkeit halber: als Übergangsformen werden rhythmische Prosa und freie Rhythmen (s.o. S. n ) genannt.
Im Folgenden soll versucht werden, dem Rhythmus nicht beschreibend, sondern vom Werkstoff Sprache her nachzuspüren. Für die gebundene Rede wird dabei das Metrum als Ausgangspunkt genommen. Auch hier gilt wie beim Reim: Ein Muster wird etabliert. Aber hier gilt verstärkt: Das Muster darf nicht stur eingehalten werden, sonst wird es langweilig, sonst gerät man beim Lesen ins Leiern. Mittel, die das Metrum variabel halten oder teilweise durchbrechen
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Ich habe dich so lieb Ich habe dich so lieb! Ich habe dir nichts getan. Vorbei verjährt |
Die Zeit entstellt Ich lache. Ich habe dich so lieb. Joachim Ringelnatz (1883-1934) aus: Deutsche Liebeslyrik (Hg. Hans Wagner), Reclam Stuttgart 1982, S. 269 |
Die griechischen und lateinischen Namen der Verspoetik weisen auf die Quelle in den antiken Regellehren zur Dichtkunst hin. Sie sind in den romanischen Ländern erhalten und besonders in der Renaissance "wiederbelebt" worden. Für die klassischen Sprachen ist dabei Länge und Kürze der Silben wichtig; man spricht vom silbenmessenden Prinzip. Für die romanischen Sprachen ist das genaue Abzählen wichtig, man spricht vom silbenzählenden Prinzip. Für die deutsche Sprache wie für die englische ist der Wechsel betonter und unbetonter Silben, der sogenannte dynamische Akzent, wichtiger. In den Poetiken des 17. Jahrhunderts, besonders im Buch von der deutschen Poeterey (1624) von Martin Opitz (1597-1639), ist das silbenmessende Prinzip umgedacht worden zum die betonten Silben hervorhebenden silbendwägenden Prinzip, das mit dem silbenzählenden verbunden wurde. Manche Literaturwissenschaftler empfehlen deshalb, die griechischen Begriffe für das Deutsche gar nicht zu verwenden, sondern nur von "steigend, fallend" oder vom "Steiger, Doppelsteiger, Faller, Doppelfaller" zu sprechen, je nach Anzahl der unbetonten Silben vor oder hinter der betonten Silbe (z.B. Braak a.a.O.).
Dieser Blick in die Geschichte soll zeigen, dass die Übernahme von Traditionen, die für eine Sprache entwickelt wurden, in andere Sprachen ein langwieriger Prozess ist, bei dem die Eigenheiten des in unserem Falle Deutschen erst nach und nach entdeckt wurden. Das gilt für poetische Regeln wie für die Grammatik und im Grunde auch für die Rechtschreibung, wo wir ja wie das ganze westliche Abendland mit den lateinischen Buchstaben schreiben.
Leitspruch
Ein armer Dichter, wenig nur bekannt,
der sagt sich, meine Weis is überspannt,
bei dem Sonetten- und Terzinendreck
bleibt mir am End die ganze Kundschaft weg,
i setz mi hin un schreib auf wienerisch,
was i so reden hör am Wirtshaustisch,
damit das Publikum der entern Gründ
halt auch einmal sein Dichter findt, ja, ja:
Des hat kan Goethe gschriebn, des hat kann Schiller dicht
is von kan Klassiker, von kan Genie,
des is a Weaner, der mit unsern Goscherl spricht,
und segnS, erst des is für uns Poesie.
Josef Weinheber, zitiert nach ªFlügel der Zeit. Deutsche Gedichte 1900-1950´,
Fischer Bücherei 113, Frankfurt a.M. 1956, S. 113
Begriffe der Verslehre
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DreihebigerJambus In einem kühlen Grunde |
Vierhebiger Trochäus Schläft ein Lied in allen Dingen,Die da träumen fort und fort, Und die Welt hebt an zu singen, triffst du nur das Zauberwort. Eichendorff: Wünschelrute; Conrady S. 382 |
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Alexandriner, sechshebiger Jambus mit Zäsur Du siehst, wohin du siehst, nur Eitelkeit auf Erden. Andreas Gryphius, Conrady S. 110 |
Knittelvers, vier Hebungen, beliebige Senkungen Ha be nun, ach! Philosophie,Juristerei und Medizin Und leider auch Theologie Durchaus studiert, mit heißem Bemühn. Johann Wolfgang Goethe Faust I, Goethes Werke, Band III, Christian Wegner Verlag Hamburg 1954_, S.20 |
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Ein Gleiches Über allen Gipfeln Johann Wolfgang Goethe (1749-1832), |
Gedichte Leben, Narben, Aufgezeichnete Christine Busta (*1915), Conrady S. 907 |
Das Gefieder der Sprache Das Gefieder der Sprache streicheln Hilde Domin (* 1912), Conrady S. 925 |
Der Titel von Goethes ªEin Gleiches´ verweist auf ein anderes Gedicht mit dem Titel ªWanderers Nachtlied´, das Gedicht könnte also heißen ªNoch ein Nachtlied des Wanderers´. Goethe hat es an die Bretterwand einer Holzhütte auf dem Berg Kickelhahn im Thüringer Wald geschrieben, wo er auf Wanderungen manchmal übernachtete.
In Cristine Bustas Gedicht haben wir in den ersten beiden Strophen Zeilenstil, in der dritten sind die ersten beiden Zeilen durch Enjambement verhakt. So bereitet Busta den Schluss vor. Auch Hilde Domin arbeitet so in dem Kurzgedicht von vier Zeilen, von denen die ersten beiden Zeilenstil sind, die letzten beiden verhakt.
5. Strophen
Strophen sind wiederkehrende Folgen von Verszeilen, nicht selten durch wiederkehrende Anordnungen von Reimen gekennzeichnet. Grenzfälle sind einzeilige Strophen in mehrstrophigen Gedichten und einstrophige Gedichte. Es gibt viele Strophenformen; da hier keine Poetik entwickelt wird, werden hier nur Grundelemente angesprochen.
Strophen in Gedichten in Kirchenliedern heißen sie Verse sind meistens gleich lang, d. h. sie haben gleich viele Verszeilen. Die Verbindung zum Lied ist deutlich, die Melodie kann wiederholt werden. Das ist typisch für das Volkslied. Im Kunstlied werden Strophen allerdings nicht unbedingt wiederholt, die Lieder werden durchkomponiert.
Am häufigsten findet man die sogenannte Volksliedstrophe: 4 Zeilen im jambischen Versmaß, gewöhnlich 3 oder 4 Hebungen. Eichendorffs "Das zerbrochene Ringlein" ist so gebaut und zum Volkslied geworden.
Liedgedichte enthalten oft einen Refrain, die Wiederkehr von einer oder mehreren Verszeilen am Strophenende. Als Beispiel stellen wir zwei Gedichte von Goethe gegenüber: das Heidenröslein und Gefunden. Beide sind Blumengedichte und zugleich Gedichte über die Liebe zwischen einem Mann und einer Frau. Allerdings schildert das erste Gedicht im Grunde eine Vergewaltigung. Die Liebe bricht als zerstörerische Macht über die Menschen herein, der Mann "bricht" das Heideröslein, er zerstört die Würde der Frau, vielleicht sogar ihr Leben. Goethe hat das Gedicht in seiner Straßburger Zeit geschrieben, eigentlich nachgedichtet, denn damals sammelte man auf Anregung von Herder Volkspoesie. Ganz anders Gefunden. Hier nimmt der Mann das Blümchen mit nach Hause "mit allen seinen Würzlein", so dass es nun zweigen und blühen kann, immerfort. Goethe schickte dieses Gedicht mit dem Datum "vom 26.08.1813" mit einem Brief an seine Frau Christiane, geb. Vulpius. Das Datum war beiden bedeutsam, 25 Jahre davor hatten sie einander gefunden.
Beide Gedichte sind zu Volksliedern, aber auch als Kunstlieder vertont, Heidenröslein von Franz Schubert, Gefunden von Richard Strauss.
Gefunden ist in der Volksliedstrophe geschrieben, hat sogar nur zwei Hebungen. Heidenröslein ist komplizierter gebaut: 5 Zeilen + 2 Refrainzeilen. Vielleicht achten Sie auch einmal auf die Reime. Zudem gibt es im Heidenröslein im Refrain das Stilmittel der Wiederholung, wobei der Refrain die zweite Zeile aufgreift, die in der letzten Strophe leicht abgewandelt wird (Stilmittel der Variation).
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Heidenröslein Sah ein Knab ein Röslein stehn, Knabe sprach: Ich breche dich, Und der wilde Knabe brach Johann Wolfgang Goethe (1749-18932), Conrady S. 238 |
Gefunden Ich ging im Walde Im Schatten sah ich Ich wollt es brechen, Ich grubs mit allen Und pflanzt es wieder Johann Wolfgang Goethe (1749-1832), Conrady S. 266 |
Strophen in Gedichten entsprechen in gewisser Weise Absätzen in der Prosa; sie enthalten gewöhnlich in sich abgeschlossene Gedanken oder Bilder. In den beiden Goethe-Gedichten wird das ganz deutlich. Sie können es auch an anderen Gedichten des Skriptes nachprüfen.
Es gibt ganz unterschiedliche Strophenlängen. In Erzählgedichten, etwa Schillers Balladen, findet man 6 Verszeilen (Der Ring des Polykrates) oder 8 Verszeilen (Die Kraniche des Ibykus). Die Strophen in Gedichten müssen nicht immer die gleiche Anzahl von Zeilen haben. In Schillers Der Handschuh haben die Strophen unterschiedliche Länge (Anzahl von Verszeilen). Diese Texte werden hier im Skript aus Platzgründen nicht abgedruckt.
Besonders in modernen Gedichten findet man nicht selten variierende Strophenlänge. Es folgen zwei Beispiele.
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Ein alter Tibetteppich Deine Seele, die die meine liebet, Strahl in Strahl, verliebte Farben, Unsere Füße ruhen auf der Kostbarkeit, Süßer Lamasohn auf Moschuspflanzenthron, Else Lasker-Schüler (1869-1945), Conrady S. 701 |
Herbsttag Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß. Befiehl den letzten Früchten, voll zu sein; Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Rainer Maria Rilke (1875-1926), Conrady S. 639 |
Eine schwierige Strophenform ist die Terzine, ein Dreizeiler, weil hier eine Verszeile im Grunde frei steht; sie wird dann aber mit der folgenden Strophe durch den Reim verknüpft.
Terzinen (III)
Wir sind aus solchem Zeug, wie das zu Träumen,
Und Träume schlagen so die Augen auf
Wie kleine Kinder unter Kirschenbäumen,
Aus deren Krone den blassgoldnen Lauf
Der Vollmond anhebt durch die große Nacht.
Nicht anders tauchen unsre Träume auf,
Sind da und leben wie ein Kind, das lacht,
Nicht minder groß im Auf- und Niederschweben
Als Vollmond, aus Baumkronen aufgewacht.
Das Innerste ist offen ihrem Weben;
Wie Geisterhände in versperrtem Raum
Sind sie in uns und haben immer Leben.
Und drei sind eins: ein Mensch, ein Ding, ein Traum.
Hugo von Hofmannsthal (1874-1929), aus ªFlügel der Zeit´, S. 18
Hofmannsthal zitiert in der ersten Zeile aus dem berühmten Monolog des Prospero in Shakespeares spätem, wahrscheinlich letztem Stück, der Komödie ªDer Sturm´ (The Tempest):
We are such stuff
William Shakespeare (1564-1616): The Works of William Shakespeare, London 1957, S. 17
6. Gedichtformen
Vom Versfuß über das Versmetrum und die Strophenform kommen wir zur größten Einheit, der Gedichtform. Hier ist in strengen Formen die Anzahl von Verszeilen und teilweise Strophen vorgeschrieben, bei manchen auch die Anordnung der Zeilen und ein Reimschema. Wir stellen eine Reihe solcher Formen vor.
Die kürzeste Form ist das Distichon (zu griechisch dis ,zwei' und stichos ,Vers'): Distichen werden in Kurzgedichten und Sinnsprüchen (Epigrammen), verwendet.
Wie willst du weiße Lilien zu roten Rosen machen?
Küss eine weiße Galathee, sie wird errötend lachen.
Gottfried Keller (1819-1890) hat dieses Distichon als Motto über seinen Novellenzyklus Das Sinngedicht gestellt.
Schillers Charakterisierung des Hexameter S. n
ist ebenfalls ein Distichon, und auch seine entsprechende Charakterisierung des Pentameter, der trotz des Namens (penta = fünf) aus sechs Takten besteht mit deutlicher Zäsur zwischen zwei Hebungen in der Mitte und stumpfer Kadenz; die griechische Poetik zählte zwei Halbtakte, deshalb Pentameter.
Im
Hexameter steigt des Springquells flüssige Säule,In seinen Xenien, die oft zugespitzte, antithetische Formulierungen aufweisen, verwendet Goethe die Form des Distichon, wiederum aus Hexameter und Pentameter geformt.
Der Sprachforscher
Der Purist
Sinnreich bist du, die Sprache von fremden Wörtern zu säubern;
Nun, so sage doch, Freund, wie man Pedant uns verdeutscht.
Goethes Werke, Band 1, Hamburg 1956_, S. 213
In Rundgesängen spielen solche Formen als feste Strophenmuster mit Refrain eine Rolle. Sie kennen solche Rundgesänge: Man beginnt mit dem Uhu und dem Wiedehopf und geht dann über zu Anwesenden:
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Der Uhu, der Uhu, |
Der Wiedehopf, der Wiedehopf, |
Ein ähnliches Muster, das wie ein Rundgesang immer neu ausgefüllt wird, ist der Limerick. Er stammt aus England, bekannt geworden ist er durch das Book of Nonsense von Edward Lear (1846). Das Vers- und Reimschema ist fest: 5 Zeilen, Zeile 1,2 und 5 dreihebig und reimend, Zeilen 3 und 4 zweihebig und reimend. Man sagt zwar, der Limerick sei spezifisch englisch, aber schon einer der bekanntesten Learschen lässt sich übertragen, wenn man andere Tiere nimmt, also das Gänschen statt der Henne und das Rotschwänzchen statt des Zaunkönigs.
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There was an Old Man with a beard, |
Es war mal ein Mann mit nem Bart, |
Eine häufig zu findende Form greift Orts- oder Personennamen auf. Probieren Sie das doch selbst einmal. Hier einige Anregungen, auch wie man das noch vergnüglicher gestalten kann mit Orthographiespielchen.
Die Anregung entnehme ich dem Büchlein ªLimericks. Nonsense-Dichtung´ (Hg. Alexander Benjamin, Heyne Ex Libris, München 1985, Kapitel Linguistericks S. 109ff.), die Limericks sind von K.-D.B.
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Da war mal ein Mädchen aus Steele, |
Zwei Urlaubsgäste auf Krk, |
Da war mal ein Engländer aus Worcester, |
Wenn wir schon bei Spielformen sind: Eine ziemlich raffinierte ist das Triolett, das Wolfgang Kayser in Das sprachliche Kunstwerk vorführt. Auch hier habe ich eine Übertragung versucht. Die Bauform müssen Sie selbst herausfinden.
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Triolet Easy is the Triolet, W.E.Henley, aus Wolfgang Kayser: Das sprachliche Kunstwerk. Bern 19595, S. 93 |
Triolett Ein Triolett ist leicht zu dichten, k.-d. b. |
Anspruchsvoller ist das Rondel, von dem häufig das Rondel von Trakl in den Antologien aufgeführt wird. Hier werden ebenfalls Zeilen wiederholt. Trakl füllt das Schema in fünf Zeilen: 1 2 3 2 1.
Rondel
Verflossen ist das Gold der Tage,
Des Abends braun und blaue Farben:
Des Hirten sanfte Flöten starben
Des Abends blau und braune Farben
Verflossen ist das Gold der Tage.
Georg Trakl (1887-1914), Conrady S. 720
Wir behandeln in der Praktischen Stilistik die Gedichte in diesem Kapitel vom Werkstoff Sprache her, wie sie geformt sind. Wir beschäftigen uns also hier nicht mit Gedichttypen, die von thematischen und inhaltlichen Gesichtspunkten bestimmt sind wie die Ballade (als Erzählgedicht), die Ode, die Hymne, die Elegie usw., obwohl das natürlich auch Auswirkungen auf den Stil hat. Wir werden aber, unter bestimmten anderen Stilgesichtspunkten, einige Balladen behandeln (S. n und n ).
Zum Abschluss der von der Sprachgestalt her bestimmten Gedichtformen kommen wir zur anspruchsvollsten Form, dem Sonett, wörtlich: ªKlanggedicht´. Sonette bestehen aus genau 14 Zeilen. Es gibt zwei Typen: das Shakespeare-Sonett und das Petrarca-Sonett.:
Das Shakespeare-Sonett : Shakespeare hat viele Sonette geschrieben, in den Complete Works sind sie bis CLIV (154) durchnumeriert, und es folgen noch weitere, eingebunden in Zyklen . Das Skespeare-Sonett hat 12 Zeilen im Kreuzreim und zwei abschließende im Paarreim. Hier zwei Sonette, jeweils mit Übertragungen von Otto Gildemeister (Fischer Bücherei Exempla Classica 5, 1960, S.22/3 und S. 134/5). Wir werden später beim Thema "sprachliche Bilder" auf sie zurückgreifen.
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18 Shall I compare thee to a summers day? |
18 Vergleich ich dich mit einem Sommertage? |
Der Dichter ist nicht unbedingt bescheiden; nur durch ihn, durch sein Gedicht, lebt diese Frau in jugendlicher Schönheit; und ganz unrecht hat er nicht: durch ihn lebt sie hunderte von Jahren später immer noch jung und schön.
Ganz anders sieht der Dichter, oder sagen wir besser: das lyrische Ich, die Frau im Sonett 130. Aber eigentlich macht er sich über die Kollegen Poeten mit ihren Klischees lustig.
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130 My mistress eyes are nothing like the sun; |
130 Mein Mädchen hat nicht Augen wie zwei Sonnen, |
In Deutschland ist das Shakespeare-Sonett kein Vorbild geworden, wohl aber das Petrarca-Sonett, genannt nach dem italienischen Dichter Francesco Petrarca (1304-1374), der zu seinem Sonettzyklus mit Liebesgedichten durch eine unbekannten, geheimnisvollen Laura inspiriert wurde.
Das Petrarca-Sonett schreibt 4 Strophen vor: 4-zeilig, 4-zeilig, 3-zeilig, 3-zeilig; das kunstvolle Reimschema lautet abba, cddc, eef, ggf, also im Grundmuster Kreuzreim, dann Paarreim mit Schweifreim gekoppelt. Die letzte Strophe soll sich inhaltlich deutlich von den anderen absetzen, eine Art Schlussfolgerung ziehen, einen Schlusspunkt markieren.
Es folgen zunächst zwei deutsche Sonette aus ganz unterschiedlichen Zeiten in ganz unterschiedlicher Stillage von Andreas Gyphius und Heinrich Heine und dann noch zwei, die die Form selbst zum Thema machen.
Tränen des Vaterlandes von Andreas Gryphius wird in alter Schreibweise vorgestellt. Gryphius verwendet als Metrum den Alexandriner (s.o. S. n ) mit der Zäsur, hier durch die Virgel (den Schrägstrich) angezeigt; sie war der Vorläufer unseres Kommas, das aber nur noch grammatisch gesetzt wird, nicht auch zur formalen Textgliederung. Gryphius schrieb dieses Gedicht mitten im Dreißigjährigen Krieg; die strengste Form in der Zeit der größten Wirren. Die letzte Strophe geht von der Kriegsschilderung über zu den überlebenden Menschen und den Kriegsfolgen, die heute mit psychologischen und sozialpsychologischen Kategorien erfasst wird. Wenn man das Gedicht liest, darf man sowohl an Deutschland im 17. Jahrhundert als auch an den Balkan an das, was einmal Jugoslawien war in den 1990er Jahren denken, man muss nur das Schwert durch die Kalaschnikow und die Carthaun durch Raketen, Bomben und Landminen ersetzen. Damals waren es Katholiken und Protestanten, diesmal katholische Christen, orthodoxe Christen und Muslims und Volksnationalisten, die für die Ideologien sorgten.
Threnen des Vatterlandes / Anno 1636
Wjr sindt doch nuhmer gantz / ja mehr den gantz verheret!
Der frechen voelcker schaar / die rasende posaun
Das vom blutt fette schwerdt / die donnernde Carthaun
Hatt aller schweis / vnd fleis / vnd vorraht aufgezehret.
Die türme stehn in glutt / die Kirch ist vmgekehret
Das Rahthaus ligt im graus / die starcken sind zerhawn.
Die Jungfrawn sindt geschaendt / vnd wo wir hin nur schawn
Ist fewer / pest / vnd todt der hertz vndt geist durchfehret.
Hier durch die Schanz und Stadt / rint alzeit frisches blutt.
Dreymall sindt schon sechs jahr als vnser ströme flutt
Von so viel leichen schwer / sich langsam fortgedrungen.
Doch schweig ich noch von dem was aerger als der todt.
Was grimmer den die pest / vnd glutt vndt hungers noth
Das nun der Selen schatz / so vielen abgezwungen.
Andreas Gryphius (1616-1664)
Wiederum g
anz anders in Thematik und Stil das Sonett von Heine, der die vaterländische Burg-, Rhein- und Studentenromantik auf die Schippe nimmt.Die Nacht auf dem Drachenfels
An Fritz v.B.
Um Mitternacht war schon die Burg erstiegen,
Der Holzstoß flammte auf am Fuß der Mauern,
Und wie die Burschen lustig niederkauern,
Erscholl das Lied von Deutschlands heilgen Siegen.
Wir tranken Deutschlands Wohl aus Rheinweinkrügen.
Wir sahn den Burggeist auf dem Turme lauern,
Viel dunkle Ritterschatten uns umschauern,
Viel Nebenfraun bei uns vorüberfliegen.
Und aus den Trümmern steigt ein tiefes Ächzen,
Es klirrt und rasselt, und die Eulen krächzen;
Dazwischen heult des Bordsturms Wutgebrause.
Sieh nur, mein Freund, so eine Nacht durchwacht ich
Auf hohem Drachenfels, doch leider bracht ich
Den Schnupfen und den Husten mit nach Hause.
Heinrich Heine (1797-1856), Conrady S. 474
Das Sonett ist eine anspruchsvolle und schwierige Form. Vielleicht versuchen Sie selbst einmal, ein Sonett zu schreiben. Als Ermunterung folgen noch vier Sonette, wiederum in sehr unterschiedlicher Stillage, in denen thematisiert wird, wie schwierig diese Form zu gestalten ist. Zunächst zwei Sonette von Goethe aus der frühen klassichen Zeit, in denen er sich mit dieser Form auseinandersetzt, die ganz andere Anforderungen stellt als die freien Rhythmen der Hymnen oder von Ein Gleiches. Später hat Goethe einen ganzen Sonettzyklus geschrieben. Sie werden, nebenbei gesagt, einem Geflügelten Wort begegnen, das aus dem zweiten der beiden Sonette stammt.
Das Sonett Sich in erneutem Kunstgebrauch zu üben, Denn eben die Beschränkung lässt sich lieben, So möcht ich selbst in künstlichen Sonetten, Nur weiß ich hier mich nicht bequem zu betten, Natur und Kunst, sie scheinen sich zu fliehen Es gilt wohl nur ein redliches Bemühen! So ists mit aller Bildung auch beschaffen: Wer Großes will, muss sich zusammenraffen; Johann Wolfgang Goethe (1749-1832), Goethes Werke 1, Hamburg 1956_, S. 245 |
In Thomas Manns È Lotte in WeimarÇ sagt Goethes Sekretär Riemer in einem Gespräch mit Lotte über Goethe:
"Ein Gedicht", habe ich ihn sagen hören, "ist eigentlich gar nichts. Ein Gedicht ist wie ein Kuss,
den man der Welt gibt. Aber aus Küssen werden keine Kinder."
Thomas Mann: Lotte in Weimar. Fischer Bücherei 300, Frankfurt am Main und Hamburg 1959, S. 77
Nun zum Abschluss zwei Sonette in ganz anderer Stillage; Gerhard Rühm gibt dabei eine Handlungsanweisung, wie man Sonette schreiben kann. Ansonsten ist mein Kommentar: "Kein Kommentar."
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Materialien zu einer Kritik der bekanntesten Sonette find ich sowas von beschissen, hat, heute noch son dumpfen Scheiß zu bauen; darüber, dass son abgefuckter Kacker Ich tick nicht, was das Arschloch motiviert. Robert Gernhardt: Wörtersee. Zweitausendeins Frankfurt am Mein 1981, S. 165 |
erste strophe erste zeile zweite strophe erste zeile dritte strophe erste zeile vierte strophe erste zeile Gerhard Rühm (*1930), Conrady S. 977 |
Wollen Sie einmal ausprobieren, Reimen zu schmieden und in Versen zu schreiben? Wenn Sie sich nicht selbst trauen, versuchen Sie es mit dem Übersetzen, besser Übertragen. Stillage, Versmaß, Reim und Rhythmus sind wichtiger als wörtliches Übersetzen. Es muss ja nicht eine solche interkulturelle Transformation werden wie in folgendem Beispiel.
Auf S. finden Sie Goethes Gedicht ªEin Gleiches´. 1902 wurde das Gedicht ins Japanische übertragen. 1911 wurde es als japanisches Gedicht ins Französische übertragen. Von dort wurde es als Beispiel für ein japanisches Gedicht ins Deutsche übertragen und lautet nun so:
Stille ist im Pavillon aus Jade.
Krähen fliegen stumm
zu beschneiten Kirschbäumen im Mondlicht.
Ich sitze
und weine.
Quelle: David Crystal: Cambridge Enzyklopädie der Sprache, Frankfurt/New York 1993, S. 346
Aufgabe siehe Sonderblatt
5. Verse und auch Reime in Dramen, Epen und anderen Erzähltexten
5.2 Vorbemerkung: Geflügelte Worte
Er kann mich am Arsche lecken!
Machen wir ein kleines Quiz. Ordnen Sie die Geflügelten Worte den Autoren und Quellen zu. In der Liste stehen sie so, wie man sie als Geflügelte Worte verwendet, also nicht immer so wie in den Quellen.
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1 Tu, was du nicht lassen kannst! [ ] |
22 Dem Manne kann geholfen werden. [ ] |
Autoren mit Quellen alphabetisch nach Autoren; nicht wenige Werke/Titel kommen mehr als einmal vor
(* = Gedichte).Wilhelm Busch: A Die fromme Helene B Tobias Knopp C Die Haarbeutel
Johann Wolfgang Goethe: D Faust I (Urfaust), II E Iphigenie F Torquato Tasso G Diner zu Coblenz im Sommer* H Erinnerung*
I Das Göttliche* J Wilhelm Meister (Lied Mignons)* K Erlkönig*
Heinrich Heine: L Deutschland Ein Wintermärchen M Nachtgedanken N Lore-Ley*
Gotthold Ephraim Lessing: O Emilia Galotti P Nathan der Weise
Friedrich Schiller: Q Die Räuber R Wilhelm Tell S Don Carlos T Wallenstein-Trilogie U Ode ªAn die Freude´* V Der Taucher*
W Die Glocke*
Lösungen
1 O, 2 R, 3-11 D, 12-14 E, 15 F, 16 G, 17 H, 18 I, 19 J, 20-21 K, 22-23 Q, 24-24 R, 26 S, 27-29 T, 30 U, 31 V, 32 W, 33 L, 34 M, 35 N, 36-38 A, 39-40 B, 41 C5.2 Wichtige Versmaße von Dramen und Epen
Das Versmaß (Metrum) ist der Begriff kann ganz wörtlich verstanden werden die in Versfüßen abgemessene Verzeile, die Anzahl von Takten in bestimmten Versfüßen. Bei der Einführung der Versfüße wurden unter dem Stichwort Metrum schon einige Versmaße kurz vorgestellt, die für Gedichte von Bedeutung sind: der drei- oder vierhebige Jambus des Volksliedes, der Alexandriner der Barock-Sonette und auch der Knittelvers (s.u. S. n ). Auch die bei der Gedichtform des Distichons vorgestellten Pentameter und Hexameter sind Versmaße. (s. S. n )
Die Versmaße werden hier noch einmal gründlicher vorgestellt, soweit sie für Dramen und Epen von Bedeutung sind.
Blankvers
Ungereimter (englisch blank wie deutsch blank `frei von') fünfhebiger Jambus, das Versmaß Shakespeares und in seiner Folge vieler Versdramen der deutschen Klassik; Lessing hat ihn ins Deutsche eingeführt; Schiller, Goethe, Kleist haben ihn verwendet, deshalb werden hier mehrere Beispiele gegeben. Achten Sie jeweils darauf, dass das Muster selten streng ausgeführt wird, sondern dass immer wieder Variationen auftreten: Das Grundmuster ist da und zugleich die Variation, die Spannung dagegen. Lessing hat das in seinen theoretischen Schriften hervorgehoben. Die Varianten in der Betonung sind von mir nach meinem Verständnis der Texte eingebracht, also keine poetologische Vorschrift.
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Beispiel 1 |
Mit Hervorhebung der Betonungen, der Hebungen: |
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To be, or not to be; that is the question: |
To be, or not to be; that is the question: |
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Beispiel 2 |
Mit Hervorhebung der Betonungen, der Hebungen: |
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Nathan: ... Dies ist die Kernpassage der Ringparabel, in der Nathan dem Herrscher Saladin das Toleranzgebot zwischen den drei Religionen Jerusalems nahelegt, weil jede auf demselben göttlichen Ursprung beruht, aber keine die absolute Wahrheit beanspruchen darf. |
Nathan: ... Man sieht hier an der letzten Zeile, wie eine Verszeile zwischen verschiedenen Sprechern aufgeteilt werden kann. |
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Beispiel 3 |
Mit Angabe der Hebungen und Senkungen |
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Durch diese hohle Gasse muss er kommen, |
Durch diese hohle Gasse muss er kommen, |
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Beispiel 4: |
Mit Angabe der Hebungen und Senkungen: |
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Obrist Kottwitz Golz Obrist Kottwitz Kleist, Prinz Friedrich von Homburg, II,1; Obrist Kottwitz |
Obrist Kottwitz Golz Obrist Kottwitz *Das die ist im Versmaß zu betonen, aber wohl kaum beim Sprechen; wir haben ein Beispiel für den Aufbau von Spannung durch und zugleich gegen das Grundmuster. In dieser Zeile ist das Komma bemerkenswert, das syntaktisch und orthographisch nicht gerechtfertigt ist, aber zu einer kurzen Pause beim Sprechen anregt (s.a. n zum Kleistschen Komma). |
Hexameter
Nun zum Hexamter, der auf S. n bereits kurz vorgestellt wurde, zum Versmaß der antiken Epen, aber nicht nur dieser.
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Schwindelnd trägt er dich fort auf rastlos strömenden Wogen, |
Schwin delnd trägt er dich fort auf rastlos strömenden Wogen,Hinter dir siehst du, du siehst vor dir nur Himmel und Meer. (Hebungen so, wie ich das sprechen würde, also als Pentameter, s. o. S n ) |
Schillers Distichon charakterisiert den Hexamter als ein Versmaß, welches den Erzähler und Zuhörer in die Erzählung, das Epos, hineinzieht und vorwärts treibt. Beispiele von Homer und Goethe stellen den Hexameter als Erzählmetrum vor. Wenn man laut liest, wird man ganz im Schillerschen Sinne fortgetragen.
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Sage mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Mannes, Als wir das grüne Gestade Thrinakias jetzo verlassen, Homer, Beginn der Odyssee; übertragen von Johann Heinrich Voss, Sturz von den Seiten den Kiel, und trug die eroberten Trümmer; Schmetterte dann auf den Kiel den Mastbaum nieder; an diesem Hing noch das Segeltau, von Ochsenleder geflochten. Jetzo legten sich schnell die reißenden Wirbel des Westes; Doch es erhub sich der Süd, der, mit neuen Schrecken gerüstet, Wieder zurück mich stürmte zum Schlunde der wilden Charybdis. Und ich trieb durch die ganze Nacht; da die Sonne nun aufging, Kam ich an Skyllas Felse und die schreckenvolle Charybdis. Diese verschlang anjetzo des Meeres salzige Fluten; Aber ich hob mich empor, an des Feigenbaumes Gezweige Angeklammert, und hing wie die Fledermaus und vermochte Nirgendwo mit den Füßen zu ruhn noch höher zu klimmen. Denn fern waren die Wurzeln und nieder schwankten die Äste, Welche, lang und groß, Charybdis mit Schatten bedeckten. Also hielt ich mich fest an den Zweig, bis der Kiel und der Mastbaum Wieder dem Strudel entflögen; und endlich nach langem Harren Kamen sie. Wenn zum Mahle der Richter aus der Versammlung Kehrt, der viele Zwiste der hadernden Jüngling entschieden; Zu der Stunde entstürzten Charybdis Schlunde die Balken. Aber ich schwang mich eilend darauf und ruderte fort mit den Händen. Aber Skylla ließ mich der Vater der Menschen und Götter Nicht mehr schaun; ich wäre sonst nie dem Verderben entronnen. Und neun Tage trieb ich umher; in der zehnten der Nächte |
Die Vorausdeutung (rhetorisches Mittel, s .S. n ) weist auf eine Episode im 12. Gesang, wo die hungrigen Gefährten, die gerade den Gefahren von Skylla und Charybdis entronnen sind, auf der Insel Thrinakia gegen Odysseus Verbot die Rinder schlachten und essen, während er schläft. Sie werden alle im Sturm umkommen, nur er treibt auf den Trümmern des Schiffes noch einmal an Skylla und Charybdis vorbei und wird schließlich bei der Nymphe Kalypso an Land getrieben.
Skylla und Charybdis bezeichnen wahrscheinlich die Meerenge von Messina zwischen dem italienischen Festland und Sizilien mit tückischen Strömungen; Charybdis wird als Strudel dargestellt, Skylla als Felsen. Der "Schwefeldampf" könnte auf den Vulkan Ätna hinweisen.
Im zweiten Text finden Sie diese Erzählung von Schiffbruch und Rettung. Zugleich haben Sie eine weitere Fundstelle für ein Geflügeltes Wort.
Das zweite Beispiel ist von Goethe, von dem zwei Versepen in Hexametern bekannt sind: Hermann und Dorothea und Reineke Fuchs; weniger bekannt ist das Epos Achilleis, das in Homers Welt führt, in eine Episode im Kampf um Troja.
Unser Beispiel ist der Beginn von Reineke Fuchs. Goethe gestaltet diesen alten Erzählstoff neu; der Stoff gehört landschaftlich an den Niederrhein; Goethe hatte die Tiergeschichten in Gottscheds Übersetzung schon als Kind geliebt. Der Stoff ist im Mittelalter vielfach bearbeitet worden, in volkstümlichen Geschichten, schließlich in Epen auf Lateinisch, Französisch und 1498 auf Niederdeutsch.
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Pfingsten, das liebliche Fest, war gekommen; es grünten und blühten Nobel, der König, versammelt den Hof; und seine Vasallen |
Niemand soll fehlen! und dennoch fehlte der Eine, Isegrim aber, der Wolf, begann die Klage; von allen Johann Wolfgang Goethe, Reineke Fuchs. In zwölf Gesängen Goethes Werke, Band 2, Hamburg 1949, 19563, S. 285 |
In der Passage "...und sprach die gerichtlichen Worte" spielt Goethe auf Homer und den häufig wiederkehrenden Passus "...und sprach die geflügelten Worte" an. Aus diesem Passus stammt der von Büchmann geprägte Begriff der ªGeflügelten Worte´ (s.o. 5.1), und Sie haben schon an Skylla und Charybdis bemerkt, dass die Antike, namentlich die griechischen Mythologie, eine bedeutsame Quelle Geflügelter Worte und bildhafter Begriffe ist: Herkulestaten vollbringen, den Augiasstall ausmisten, gegen die Hydra kämpfen, den Stein des Sisyphus wälzen, Kassandrarufe, becirzen/bezirzen (die Nymphe Circe hatte Odysseus Gefährten für eine Zeit in Schweine verwandelt und ihn selbst als Liebhaber genommen), ...
Knittelvers
Der Knittelvers wurde S.n schon kurz eingeführt als Vers mit vier Hebungen, aber unregelmäßig verteilten/verteilbaren Senkungen. Zur Erinnerung:
Hans Sachs war ein Schuh-
macher und Po-et dazu.*
*Der Bindestrich soll darauf hinweisen, dass hier deutlich zwei Silben zu sprechen sind.
Der Name Knittelvers auch Knüppelvers und ähnliche Namen gab es und das Beispiel deuten schon darauf hin, dass dieser Vers als kunstlos galt; er war in der altdeutschen Volkspoesie zu Hause. Hinter dem Namen steht das Bild des Knüppelweges: Man springt von einem Knüppel zum anderen über den Dreck und Schlamm hinweg, also von einer betonten Silbe zur nächsten über die unbetonten, unwichtigen hinweg.
Goethe hat den Knüppel-/Knittelvers wiederbelebt im Urfaust und in geglätteter Form im Faust, wie im Anfangsmonolog S. n schon vorgestellt. Als Beispiel hier eine Passage aus dem sogenannten ªOsterspaziergang´; die Markierungen der Hebungen entsprechen meinem rhythmischen Gefühl. Das Beispiel zeigt deutlich, wie unregelmäßig dieser Knittelvers ist (Faust Erster Teil, Verse 903-915, Faust spricht, Wagner hört zu).
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Vom Eise befreit sind Strom und Bäche |
Exkurs: ... diese sehr ernsten Scherze ... Einige Vers- und Reimspiele in Faust Zweiter Teil
Die sehr ernsten Scherze sind eine Bemerkung aus Goethes letzten Lebenstagen zu Faust Zweiter Teil, der ihn sein Leben lang begleitete und den er erst posthum veröffentlichen ließ (Brief an Wilhelm von Humboldt vom 17.03.1832, 5 Tage vor Goethes Tod; Quelle: Hamburger Ausgabe, Briefe Band 4, S. 481). In Faust - Zweiter Teil setzt sich Goethe unter anderem mit Mythen, Philosophemen und zugleich der Poetik der Antike auseinander, und zwar im 2. Akt Klassische Walpurgisnacht und im 3. Akt, dem sogenannten "Helena"-Akt, an drei Schauplätzen. Wir wollen hier weder inhaltlich noch poetologisch ins Detail gehen, sondern drei Passagen herausstellen, in denen Versmaß, Reim und andere klangliche Mittel eine besondere Rolle spielen.
Als Vorbemerkung noch so viel: In Faust Erster Teil wird Helena als Inbegriff einer begehrenswerten Frau schon einmal erwähnt. Faust hat in der Szene Hexenküche einen Zaubertrank, und zwar einen Verjüngungstrank, getrunken. Im Spiegel hat er eine Frau gesehen; folgender Wortwechsel mit Mephisto bringt das Helena-Motiv (Verse 2599-2604):
Faust. Lass mich nur schnell noch in den Spiegel schauen!
Das Frauenbild war gar zu schön!
Meph. Nein! Nein! Du sollst das Muster aller Frauen
Nun bald leibhaftig vor dir sehn.
Danach begegnet Faust Gretchen, und die Gretchen-Tragödie des ersten Teils nimmt ihren Lauf.
Nun zum Helena-Akt des zweiten Teils. Er beginnt mit dem Auftritt Helenas Vor dem Palaste des Menelas zu Sparta, also nachdem Helena aus Troja zurückgekehrt ist, in Begleitung von gefangenen Trojanerinnen, die die Rolle des Chors der antiken Tragödie übernehmen. Die erste Verszeile ist berühmt bei Schauspielerinnen als großartiger Auftrittstext. Goethe benutzt hier das Versmaß der griechischen Tragödie, den sogenannten iambischen Trimeter, bei dem zwei Iamben zu einem Takt gehören, sechs Iamben ergeben also das Metrum. Reime kommen nicht vor (Verse 8488-8493).
Helena. Bewundert viel und viel gescholten, Helena,
Vom Strande komm ich, wo wir erst gelandet sind,
Noch immer trunken von des Gewoges regsamem
Geschaukel, das vom phrygischen Blachgefild uns her
Auf sträubig-hohem Rücken, duch Poseidons Gunst
und Euros Kraft, in vaterländische Buchten trug
Im Helena-Akt tritt, wie schon in der Klassichen Walpurgisnacht eine Figur Phorkyas auf, ein Gespenst aus drei Körpern mit nur einem Auge; gespielt wird sie immer vom Mephisto. Sie ist hier Wirtschafterin der in Menelas Palast. Phorkyas ist in der Antike das Sinnbild der Hässlichkeit, somit ist sie auf der Symbolebene Gegenspielerin Helenas. Mephisto andererseits ist nicht mehr das Böse schlechthin, sondern das Hässliche. Phorkyas-Mephisto macht Helena neugierig auf eine Burg; Nebel breitet sich aus, und während Menelas Siegestrompeten erschallen, verwandelt sich die Szene zu einer mittelalterlichen Burg, auf der dann bald Faust erscheint und der Turmwärter Lynkeus, der in der dramaturgischen Technik der Teichoskopie, des Berichtes über Dinge außerhalb der Szene in Strophen mit vierhebigen Jamben und Reimen spricht (hier als Kostprobe, Verse 9218-9225):
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Lass mich knien, lass mich schauen, |
Harrend auf des Morgens Wonne, |
Faust und Helena kommen ins Gespräch, sie bemerkt die fremdartigen Reime, die Lynkeus gesprochen hat. Im Wechselgepräch mit Faust lernt nun Helena das Reimen; der Versfuß ist der Iambus (Verse 9365-9380).
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Helena. Vielfache Wunder seh ich, hör ich an, |
Helena. So sage denn, wie sprech ich auch so schön? |
Der Chor spricht noch einmal in antikem Versmaß, dann wechseln Helena und Faust noch einige Worte, jetzt beide in Reimen. Die Szene, in der Helena das Reimen lernt, wird als symbolische Vermählung von Faust und Helena und das wiederum als Symbol der wechselseitigen Durchdringung von Antike und christlichem Abendland gedeutet. Dazu gehört natürlich auch die Doppelgestalt Phorkyas-Mephisto, die denn auch, der Tektonik des gesamten Werrkes gemäß, in die Idylle einbricht. Zum Abschluss des Exkurses also noch die Reimseligkeit von Faust und Helena und dann Phorkyas beißend ironischer Kommentar, gespickt mit Assonanzen und Wortspielen, wo die Reimerei als lächerliches Geplänkel auf die Spitze getrieben wird (Verse 9411-9425).
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Helena. Ich fühle mich so fern und doch so nah, Faust. Ich atmne kaum, mir zittert, stockt das Wort; Helena. Ich scheine mir verlebt und doch so neu, Faust. Durchgrüble nicht das einzigste Geschick! |
Phorkyas, heftig eintretend Buchstabiert in Liebesfibeln, |
Menelas rückt an mit seinem Heer, es gibt allerhand Bühnenzauber. Die Regieanweisung lautet: Signale, Explosionen von den Türm,en, Trompeten und Zinken, kriegerische Musik, Durchmarsch gewaltiger Heereskraft (vor Vers 9442). Faust hält große, gereimte Reden in Strophenform und besänftig am Ende die Heerführer. Das soll uns hier nicht weiter beschäftigen.
Der Exkurs sollte die Vers- und Reimsymbolik vorstellen, die Verschmelzung antiker und für die Goethe-Zeit, moderner Versformen. Auch von hier aus lässt sich der Begriff der ªWeimarer Klassik´ verstehen.
Zitiert wurde nach Goethes Werke, Band III, Hamburg 19542, S. 35 (Osterspaziergang) und S. 282-285 (Helena-Akt).
Alexandriner
Der Alexandriner wurde S. n vorgestellt als Versmaß des barocken Sonetts. Er ist nach dem altfranzösischen Alexanderlied benannt und in der französischen Klassik häufig benutzt worden. Der Alexandriner ist ein sechshebiger Jambus. Charakteristisch ist, dass die Verzeile geteilt wird, eine Zäsur enthält. Diese Zweiteilung kam dem Anliegen der Barockdichter entgegen, die gern in Gegensätzen, d. h. mit der rhetorischen Figur der Antithese, arbeiteten, weil sie Himmel und Hölle, Leben und Tod usw. gern gegenüberstellten. Weil der Alexandriner in deutschen Dramen von Rang nicht vorkommt, sei hier als Beispiel eine Passage aus Molières Der Menschenfeind angeführt. Die Passage ist zugleich Kommentar zu formaler, hohler Klischee-Poetik, und zwar mit einem Gegenbeispiel. Molière zieht über die Hofpoeten her.
Ein Höfling, Oronte, liest dem Alceste er ist der Menschenfeind (Misanthrop), der sich vom hohlen Hofleben zurückzieht ein Machwerk vor, das dieser zunächst widerwillig, aber dann beißend kommentiert. Ein Freund Alcestes, Philinte, hört zu und versucht zu beschwichtigen. Auch die Übersetzung zieht alle stilistischen Register. Die Gedichte sind nicht im Alexandriner geschrieben, aber Wechselgespräch und Kommentar. Es wird nicht das ganze ªGedicht´ Oronotes wiedergegeben. Die Markierung des Metrums wird nur für einen Teil vorgenommen.
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Oronte (liest vor)Es kann die Hoffnung unser Sehnen Philinte Ich bin schon ganz entzückt von diesen kleinen Proben! Wie? Haben Sie die Stirn, dies blöde Zeug zu loben? |
Oronte (fortfahrend)Dein Wort, dein Blick, dein Gruß sie waren |
Nach einigem Hin und Her, an dem sich auch Philinte beteiligt, gibt Alceste schließlich sein Urteil ab.
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Alceste |
Ich rate: Lassen Sies in ihrem Pult verschwinden. |
So der König mir böt
Seine Hauptstadt Paris,
Wenn entsagen ich tät,
Wenn mein Lieb ich verließ,
Spräch zum König ich gleich:
Armer Fürst, o vergib!
Für Paris, für dein Reich
Ist mein Lieb mir zu lieb.
Die Reime sind nicht rein, die Sprachform ist naiv,
Und doch geht es uns nah, und doch ergreifts uns tief,
Weil statt des Firlefanz, dem jeder Sinn entschwand,
Hier wahre Leidenschaft die richtigen Worte fand.
[...]
So spricht, der wirklich liebt.
Zitiert nach Reclam
In diesen Verszeilen wird man beim Lesen eher die unterstrichenen Silben betonen, nicht die im formalen Schema der Versfüße als Hebungen vorgesehenen. Sie sind hier trotzdem fett markiert, um das Schema zu verdeutlichen. Auch hier haben wir Beispiele dafür, dass "guter Stil" nicht die sture Erfüllung des Musters bedeutet, sondern dass es etabliert wird und dass dann hin und wieder davon abgewichen wird.
Kleinexkurs
In Alcestes Kritik kommt eine Reihe von Stilfiguren und rhetorischen Figuren vor, die wir später in Kap. F im Einzelnen abhandeln werden. Hier seien sie im Zusammenhang mit dem Text nur kurz aufgegriffen:
Im out of my mind, Im out of my wits: |
Oh Musensohn, dass dus nur weißt: |
Mit sprachlichen Bildern werden wir uns in Kapitel D gründlich beschäftigen.
Weil noch Platz ist, hier einige deutsche Gedichte im Stil der galanten Lyrik mit Elementen der Anakreontik, also der Rokokolyrik, in die Elemente der Schäferlyrik (Kunstnatur) eingebunden sind. (Rechtschreibung jeweils wie in der Vorlage)
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Der erste Kuß Leiser nannt ich deinen Namen Und du nanntest meinen Namen; O! es war ein süßes Neigen; Johann Georg Jacobi (1740 1814) |
Der Kuss Ich war bei Chloen ganz allein, Ich wagt es doch, und küsste sie Christian Felix Weisse (1726-1804) |
Das Schreien Nach dem Italienischen Jüngst schlich ich meinem Mädchen nach, Johann Wolfgang Goethe (1749-1832) |
In der Zeit des Minnesangs, also etwa 550 Jahre früher, hätte man hier wohl von niederer inne gesprochen. Erinnern Sie sich noch an das Gedicht von Walter von der Vogelweide?
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Under der linden |
Ich kam gegangen |
Dô het er gemachet |
Daz er bî mir læge, |
Abgesang
Wir verlassen den Bereich der Laute und des Klangs, des Versfüße, Metren und Rhythmen, indem wir einem Dichter in die Werkstatt schauen. Das Insel-Bücherei-Bändchen 1010 enthält die Handschriften von Goethes ªRömischen Elegien´ als Faksimile-Ausgabe und natürlich auch die Texte. Man kann verfolgen, wie der Dichter, nachbessert und ändert. Hier die VI. Elegie. Sie hat durchaus mit unserem Thema zu tun. Zunächst der Text gedruckt, dann das Faksimile der Handschrift.
Froh empfind' ich mich nun auf klassischem Boden begeistert! 27]
Lauter und reizender spricht Vorwelt und Mitwelt zu mir.
Ich befolge den Rath durchblättre die Werke der Alten
Mit geschäftiger Hand täglich mit neuem Genuss.
Aber die Nächte hindurch hält Amor mich anders beschäftigt;
Werd ich auch halb nur gelehrt, bin ich doch doppelt vergnügt.
Und belehr ich mich nicht? wenn ich des lieblichen Busens [28]
Formen spähe, die Hand leite die Hüften hinab.
Dann versteh ich erst recht den Marmor, ich denck und vergleiche,
Sehe mit fehlendem Aug, fühle mit sehender Hand.
Raubet die Liebste denn gleich mir einige Stunden des Tages,
Giebt sie Stunden der Nacht mir zur Entschädigung hin.
Wird doch nicht immer geküsst es wird vernünftig gesprochen;
Überfällt sie der Schlaf, lieg ich und dencke mir viel.
Oftmals hab ich auch schon in ihren Armen gedichtet
Und des Hexameters Maas, leise, mit fingernder Hand,
Ihr auf den Rücken gezählt, sie athmet in lieblichem Schlummer 29]
Und es durchglühet ihr Hauch mir biss ins tiefste die Brust.
Annor schüret indess die Lampe und denket der Zeiten
Da er den nähmlichen Dienst seinen Triumvirn gethan.