C. Ausdruck und Stil: der Wortschatz

Ich habe mich des geflissen im Deutschen, dass ich rein und klar Deutsch geben möchte: Und ist uns wohl oft begegnet, dass wir vierzehn Tage, drei, vier Wochen haben ein einziges Wort gesucht und gefragt, habens dennoch zuweilen nicht gefunden.

Die Luthersche Bibelübersetzung ist auch deshalb ein für die deutsche Sprachgeschichte so bedeutsames und einflußreiches Werk geworden, weil Luther und seine Mitarbeiter oft so lange nach einem Wort gesucht haben. Machen auch wir uns auf die Suche. Es hilft dabei wiederum, sich den Werkstoff Sprache genauer anzuschauen, jetzt im Hinblick auf die Bedeutungsseite des Wortschatzes.

C 1. Sprachbedeutung

Sprache ist ein Zeichensystem: Wörter, Sätze und Texte sind Sprachzeichen, sie haben — wie alle Zeichen — eine wahrnehmbare äußere Form und eine Bedeutung, und wie alle Zeichen meinen sie nicht sich selbst, sondern verweisen mit dieser Bedeutung auf etwas anderes, auf Lebewesen, Dinge und Sachverhalte in der Welt, auf Gedanken, Gefühle von Menschen usw. Diese Bedeutungsseite der Sprache wird kurz analysiert, weil sich dann die besonderen stilistischen Möglichkeiten des Gebrauchs anschaulicher, bildhafter Sprache und Fragen des sprachlichen Ausdrucks besser verstehen lassen.

Die Semantik (Bedeutungslehre zu griechisch sem ‘Bedeutung’) hat es im Kern mit der Frage zu tun, wie Sprache und Wirklichkeit sich zueinander verhalten, wie das menschliche Denken, geformt durch die (Mutter)Sprache, die Welt erfaßt und deutet. Die Spannung zwischen Sprache und Wirklichkeit muss von beiden Seiten her erfaßt werden:

Was Kraut ist, läßt sich von der Wirklichkeitswahrnehmung her erfassen (Referenzsemantik), was Unkraut ist, hat damit zu tun, für wie nützlich die Menschen ein bestimmtes Kraut halten (Bedeutungssemantik).

Die Sprachgemeinschaften haben dabei durchaus unterschiedliche Sichtweisen auf die Wirklichkeit in ihren Wortschatz aufgenommen. Im Deutschen bringt man etwas von hier nach da oder von da nach hier. Im Englischen unterscheidet man zwischen bring (zum Sprechenden hin) und take (vom Sprechenden weg).

Versuchen Sie einmal, die letzten beiden Zeilen der folgenden Verse aus Heinrich Heines "Deutschland — ein Wintermärchen" ins Englische zu übertragen:

Es wächst hinieden Brot genug
Für alle Menschenkinder,
Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust,
Und Zuckererbsen nicht minder.

Ja, Zuckererbsen für jedermann,
Sobald die Schoten platzen!
Den Himmel überlassen wir
Den Engeln und den Spatzen.

 

Wenn wir durch das Internet surfen, dann ist die Übertragung der Bedeutung kaum von der Sache her gesteuert, vom Anklicken bestimmter Icons und dem, was sich dann auf dem Bildschirm abspielt, sondern von einem Lebensgefühl, in dem Abenteuer, Freiheit, Wahlmöglichkeiten usw. eine Rolle spielen (s.u. Konnotationen). In der Stilistik spricht man dann von einer Metapher (Bedeutungsübertragung; s.u. S. 6 ff.). Und eine Metapher liegt wohl auch vor, wenn unser Computer abstürzt. Wenn wir dann vor Verzweiflung in die Kneipe gehen und dort böse abstürzen, sind wir immer noch nicht vom Himmel gefallen oder von einer Felswand. Auch das Wort abstürzen hat im Wortschatz mehrere Bedeutungen und ist ein Polysem (mehrdeutiges Wort, s.u.) geworden.

Zwischen diesen beiden Polen, zwischen dem, was wir wahrnehmen, und dem, wie die geistige Auseinandersetzung der Sprachgemeinschaft im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende mit dieser Wahrnehmung umgegangen ist, sind die Wortbedeutungen "verankert"; das Bild von der Verankerung soll zugleich ausdrücken, dass da noch gewisse Bewegungsfreiheit herrscht, so wie das Schiff zwar fest am Anker hängt, aber abhängig von der Länge der Ankerkette mit den Strömungen und Windrichtungen dreht; die Wortbedeutungen sind nicht präzise definiert wie bei wissenschaftlichen Begriffen, sondern sie werden in einem Text, in einem Wechselgespräch genauer festgelegt, sind kontextbestimmt. Außerdem sind sie bestimmt durch andere Wörter des Wortschatzes, die wir mit denken. Deshalb sind in einem Exkurs einige wichtige Ordnungsbegriffe der Wortschatzsemantik aufgeführt (s. u. C 3). Sie helfen, wenn wir den stilistischen Wirkungen nachgehen, die von der Bedeutungsseite des Sprachzeichens her gesteuert sind.

C 2. Der Wortschatz des Deutschen und Änderungen im Wortschatz

Der deutsche Wortschatz enthält mehrere hunderttausend Wörter. Für die Rechtschreibung erfaßt man sie, wenn man etwa 80.000-120.000 in ein Rechtschreibwörterbuch aufnimmt. Große Universalwörterbücher mit Bedeutungserklärungen nehmen 300.000 und mehr auf. Darunter sind dann im Prinzip — von Ausnahmen abgesehen — keine Eigennamen von Personen wie Karl der Große, Papst Johannes II, Königin Elisabeth, Röntgen (wohl aber das Verb röntgen) usw., keine geografischen Namen vom Typ Rocky Mountains, Jakarta, Ganges, Pazifik usw., wie sie enzyklopädische Lexika aufnehmen, wohl aber kommen Begriffswörter wie Abakus, Basilika, Basilikum, Chrysantheme, Zypresse usw. in beiden Typen von Nachschlagewerken vor, also in Wörterbüchern und Enzyklopädien. Spezielle Wörterbücher, wie z. B. Fremdwörterlexika, Synonymenwörterbücher, Abkürzungswörterbücher und Fachlexika ergänzen das reichhaltige Angebot an Nachschlagewerken, in denen man etwas über Wörter und über Sachen und Begriffe erfahren kann, die mit Wörtern benannt sind.

Man sollte diese Nachschlagewerke ständig nutzen, denn unser passiver Wortschatz von Wörtern, die wir verstehen oder durch Nachschlagen verstehen lernen, ist erheblich umfangreicher als der aktive Wortschatz von Wörtern, die wir tatsächlich gebrauchen. Man kann seinen aktiven Wortschatz aber ständig ausbauen; beim Schreiben bleibt Zeit zum Nachschlagen. Ein Hinweis zur Größenordnung eines aktiven Wortschatzes: Goethe hat in allen seinen Werken unterschiedlichster Textsorten etwas über 20.000 Wörter benutzt.

Der Wortschatz einer Sprache ändert sich ständig, tagtäglich kommen neue Wörter hinzu, weil neue Dinge benannt werden und neue Eigennamen oder geografische Namen — die ja auch Wörter sind, aber eben auf Individuelles in der Welt verweisen, nicht auf Verallgemeinerbares —, weil irgendwo ein Vulkan ausbricht, ein Wissenschaftler oder Dichter den Nobelpreis erhält, ein Krieg ausbricht, ein Öltanker verunglückt usw., worüber die Medien berichten wollen. Es gibt einen Normausschuss der deutschsprachigen Presseagenturen, der Rechtschreibung und Aussprache dieser fremdsprachigen Wörter regelt. Wenn ein Ereignis, ein Mensch usw. das Weltgeschehen eine Zeit lang beeinflußt, wird der Name geläufig. Wenn ein von ihm abgeleitetes Verfahren, Prinzip o. ä. allgemeine Bedeutung erlangt, entsteht ein Fremdwort wie z. B. morsen (nach Samuel Morse) oder das deutschen Wort röntgen nach dem deutschen Physiker Wilhelm Konrad Röntgen, der die Röntgenstrahlen entdeckte. Drei Hauptprinzipien der Erweiterung des Wortschatzes lassen sich feststellen, und alle drei haben Relevanz als Stilmittel.

C 2.1 Übernahme aus anderen Sprachen: Fremdwörter (Internationalismen)

Wie schon in der Vorbemerkung angedeutet, werden ständig Namen aus anderen Sprachen in den täglichen Sprachgebrauch übernommen. Ob sie nur kurze Zeit, so lange ein Ereignis wichtig ist, in journalistischen Texten und somit Alltagsgesprächen erscheinen oder länger verweilen und somit in den Wortschatz eingehen, läßt sich kaum vorhersagen. Wohl aber werden Wörter laufend aus anderen Sprachen übernommen, in der Aussprache und Rechtschreibung dem Deutschen etwas angenähert, jedoch den fremdartigen Charakter behalten sie lange. Das Wort Baby ist seit über 150 Jahren im Deutschen, die Wörter der klassischen Musik wie Kapelle, Orchester, Sinfonie, Oper, Operette, Violine, Cello, Sopran, Alt, Tenor, Bariton, Bass usw. mehr als 100 Jahre länger, die Wörter für eine andere Musik stammen aus dem 20. Jahrhundert: Jazz, Band, Rock, Pop, Beat, Sound, Stage Show, ... Wörter der Diplomatie (Enquete), Mode (beige, aubergine, Plisset) und Kochkunst (Cuisine, Dessert, pochieren) kommen aus Frankreich, Wörter für Küchengewürze und Drogeriewaren aus dem Arabischen durch die Kreuzfahrer vor über 700 Jahren (Zucker z. B., Droge, Mokka, Estragon). Das geht ständig so: Eine Kultur und damit Sprachgemeinschaft kommt mit einer anderen in Berührung und übernimmt etwas und damit die Wörter. Da viele dieser Wörter in mehrere Sprachen übernommen werden, sind viele dieser Wörter einerseits Fremdwörter im Deutschen, aber zugleich Internationalismen: Theater (deutsch) — theatre (englisch) — théâtre (französisch) — teatro (italienisch) — teatr (polnisch) und in vielen weiteren Sprachen; alles geht zurück auf lateinisch theatrum, und das kommt aus griechisch théâtron zum Grundwort théâ ‘schauen’.

In den Wissenschaften ist es Tradition des Abendlandes, die Fachtermini nach Wörtern des Griechischen und Lateinischen zu benennen: Theologie, Philosophie, Philologie, Mathematik, Physik, Chemie, Biologie, Geographie/-grafie, Medizin usw., und wenn diese Wörter dann mit den Sachen in die Gemeinsprache übergehen, sind sie Teil des allgemeinen Wortschatzes wie z. B. FCKW (Fluorkohlenwasserstoff), das als Kürzel in den heutigen Sprachgebrauch eingegangen ist, wie auch PC, das — wie viele Computerwörter — über das Englische kommt, dort aber vom Lateinischen bzw. Griechischen (Icon, Format, formatieren, Makro, Hexadezimalcode, kurz Hex) hergeleitet ist. Zum gesamten Wortschatz gehören sie als Fachbegriffe und Elemente der Fachsprache sowieso, und sie prägen den Stil fachsprachlicher Texte.

Bedeutung von Fremdwörtern und Internationalismen für den Stil

Für Fachtexte ist der Gebrauch von Internationalismen selbstverständlich. Der Libero im Fußball ist eben kein Mittelläufer alter Prägung, aber der Torwart muss nicht zum Goalie werden.

Sprachkritiker pflegen immer wieder die "Fremdwörterei" anzuprangern, aktuell das "Denglisch". Im Laufe der Sprachgeschichte sind auch Eindeutschungen vorgenommen worden, die sich durchgesetzt haben, zum Beispiel im Bereich des (Eisenbahn)Verkehrs (Abteil für Coupé, Bahnsteig für Perron, Fahrkarte für Billett, Schaffner für Kondukteur; aber der Chauffeur bleibt als Pkw-Chauffeur neben dem Fahrer). Allerdings kauft man heute seine Fahrkarte wieder im Ticket Center und wird sie demnächst dann wohl auch Ticket nennen.

Im Sprachgebrauch der Medien, insbesondere des Fernsehens mit seinen Moderatoren, Showmasters, Stars und Talkshows usw. sind die Internationalismen kaum fortzudenken.

Im Normverständnis eines Funktionalstilbegriffs wird man Internationalismen zulassen, aber auf Konsistenz achten.
(Siehe dazu oben Kap. A .)

Es folgen drei Beispiele, die ersten beiden zum Unterschied von Texten im Fachbuch (vom Fachmann für den Fachmann) und im Sachbuch (vom Fachmann für den Laien). Das dritte ist dem Roman "Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull" von Thomas Mann entnommen. Hier ist die Fachsprache nicht fachsprachlicher Sprachgebrauch sondern Stilmittel, um eine Person zu charakterisieren.

Text 1

Die Menschenaffen sind zwar die nächsten lebenden Verwandten des Menschen, doch entwickelte sich der Mensch aus keiner der lebenden Menschenaffenarten. Statt dessen stammen sowohl wie seine heutigen Menschenaffenvettern von einem gemeinsamen Ahnenstamm ab, der sich noch nicht extrem ans Hangeln angepasst hatte. Wann, wo und wie die Trennung zu den beiden Linien Menschenaffen und Mensch genau erfolgte und wer der gemeinsame Vorfahre war, sind noch immer umstrittene Fragen. Fossiles Beweismaterial deutet aber darauf hin, dass sich die Hominiden, also die Gruppe, die zum heutigen Menschen führte, vor etwa 20 bis 25 Millionen Jahren vom Stamm der Menschenaffen abzweigte und eine selbständige Entwicklung einschlug.

Text 2

Ahnenreihe des Menschen

Auf Grund der anatomischen und physiologischen Befunde und der bekannten fossilen Überreste von Primaten ist es möglich, sich eine hinreichend genaue Vorstellung von der stammesgeschichtlichen Entwicklung des Menschen zu machen.

Zu Beginn des Tertiärs, also vor 70 Millionen Jahren, blühte der Säugetierstamm auf. Von dem Hauptstamm der Primaten zweigten schon im frühen Eozän die Neuweltaffen ab, die sich in dem isolierten Südamerika getrennt entwickelten. Menschenaffen und Menschen hatten wahrscheinlich in einer vor 30 Millionen Jahren lebenden, Propliopithecus genannten Form des Oligozäns eine gemeinsame Ausgangsgruppe. Die trennten sich schon im oberen Oligozän oder zu Beginn des Miozäns (vor rund 25 Millionen Jahren) von der Stammesgruppe der Menschen. Von der Propliopithecusgruppe führt eine Stammlinie über eine in Ägypten gefundene Form (Aegyptopithecus zeuxis) zur Gruppe der Dryapithecinen. Es handelt sich um Menschenaffen, die im Miozän lebten und von denen Zahn- und Knochenfunde aus Europa (z. B. Schwäbische Alb), Afrika und Asien vorliegen. Nach dem Bau ihres Gebisses waren sie Allesfresser, und die Knochenreste deuten auf relativ unspezialisierte Baumbewohner. Aus dieser Gruppe miozäner Menschenaffen entwickelten sich die h Menschenaffen vermutlich als drei getrennte Gruppen.

3. Thomas Mann: Aus ªDie Bekenntnisse des Hochstapler Felix Krull´

Zur Situation: Felix Krull fährt an stelle eines Freundes, des Marquis de Venosta, von Paris nach Lissabon. Der Marquis, mit Rufnamen Loulou, hatte sich in Paris mit einer Schauspielerin und Tänzerin namens Zaza angefreundet, was seine Eltern missbilligten. Deshalb wollten sie ihn auf eine Weltreise schicken. Er zog es aber vor, in Paris bei seiner Geliebten zu bleiben. Felix Krull reiste nur zu gern als Marquis in die Welt. Im Speisewagen des Zuges wurde er zu einem älteren Herrn an den Tisch gesetzt, den Professor Kuckuck, dem Direktor des Botanischen Gartens und des Paläontologischen Instituts von Lissabon. In Lissabon wird Felix die Tochter des Professors Zouzou (Kosename von Suzanna) verführen und dann seinerseits von Kuckucks Frau ins ihr Bett gebeten zu werden. Das wird hier erwähnt, um die Namensspielereien vorzuführen: Loulou, Zaza, Zouzou und Kuckuck sind reduplizierende, also silbenwiederholende, Laut- und zugleich Wortbildungsspiele mit Anspielung auf den Vogel beim Professor, dem die Frau in Felix Krulls Arme davonflattert. Zur Situation in der Bahn siehe auch weiter unten S. 5.

ªUnd Sie, Herr Professor, waren in Paris gewiss im Auftrag Ihres Museums?´

ªSie erraten es. Zweck meiner Reise war, vom Paläozoologischen Institut ein paar uns wichtige Skelettfragmente zu erwerben, — Schädel, Rippen und Schulterblatt einer längst verstorbenen Tapir-Art, von der über viele Entwicklungsstufen hin unser Pferd abstammt.´

ªWie, das Pferd stammt vom Tapir?´

ªUnd vom Nashorn. Ja, Ihr Reitpferd, Herr Marquis, hat sehr verschiedene Erscheinungsformen durchlaufen. Zeitweise, obgleich schon Pferd, hatte es Liliput-Format. Oh, wir haben gelehrte Namen für alle seine früheren und frühesten Zustände, Namen, die alle auf ‚hippos‘, ‚Pferd‘, ausgehen, angefangen mit dem ‚Eohippos‘, — jener Stamm-Tapir lebte nämlich im Erdalter des Eozäns.´

ªIm Eozän. Ich verspreche Ihnen, Professor Kuckuck, mir das Wort zu merken. Wann schrieb man das Eozän?´

ªKürzlich. Es ist Erdenneuzeit, etwelche hunderttausend Jahre zurück, als zuerst die Huftiere aufkamen. — Übrigens wird es Sie als Künstler interessieren, dass wir Spezialisten beschäftigen, Meister ihrer Art, die nach den Skelettfunden all die vergangenen Tierformen höchst anschaulich und lebensvoll rekonstruieren, wie auch den Menschen von einst.´

ªDen Menschen?´

ªWie auch den Menschen.´

ªDen Menschen des Eozäns?´

ªDas wird ihn schwerlich gekannt haben. Wir müssen gestehen, sein Andenken verliert sich ein wenig im Dunkeln. Dass seine Ausbildung sich spät, erst im Rahmen der Entwicklung der Säugetiere vollzogen hat, liegt wissenschaftlich auf der Hand. Er ist, wie wir ihn kennen, ein Spätkömmling dahier, und die biblische Genesis hat vollkommen recht, in ihm die Schöpfung gipfeln zu lassen. Nur kürzt sie den Prozess ein wenig drastisch ab. Das organische Leben auf Erden ist schlecht gerechnet fünfhundertfünfzig Millionen Jahre alt. Bis zum Menschen hat es sich Zeit genommen.´

C 2.2 Wortbildung

Es ist charakteristisch gerade für die deutsche Sprache, dass man mit produktiven Wortbildungsmustern neue Wörter bilden kann. Komposita (Ballett + Tänzer = Balletttänzer*, Ballett + Truppe = Balletttruppe*; Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitän) und Ableitungen (Ballettttänzer + -in = Balletttänzerin, fahren ð Fahrt, Fahrer, Fahrerin, fahrig, abfahren, Abfahrt; fuhr ð Fuhre, führen, Führer, verführen, Verführer, Verführung usw.) Die Wörter sind aus den Mustern heraus verständlich. Wenn sie für etwas Neues im Sinne der Referenzsemantik (s.o.) entwickelt werden, gehen sie in den Wortschatz ein. Die Grenzübergänge sind fließend, weil man nie weiß, ob ein neu gebildetes Wort für eine neue Sache sich durchsetzt und ob die Sache selbst bald vergessen ist oder bleibt. So ist in diesen Tagen, während diese Zeilen geschrieben werden, ein neues Wort plötzlich da: der Elchtest; zunächst gebraucht als Umschreibung eines schwedeschen Autotests (Umfahren eines plötzlich auf der Straße stehenden Elches), den ein neues Mercedes-Auto nicht bestand, findet man zur Zeit das Wort in vielerlei Kontexten. Ob es bleibt, wird man sehen.

*Mit tt die alte Rechtschreibung, mit ttt die neue, die in Balletttruppe sowieso gilt, weil ein Konsonant folgt.
Der Elchtest ist als Wort heute, also 2002/3, bereits veraltet.

Interessant sind Neubildungen mit Halbpräfixen vom Typ Ö/öko-, B/bio-, E/euro- (Ökotrip, Biobauer, eurozentriert) ... und mit Halbsuffixen vom Typ -berg (Butterberg, Schülerberg, Lehrerberg) und -schwemme (Milchschwemme, Weinschwemme), die Entwicklungen unserer modernen Welt gerecht werden, also etwa der Brüsseler Eurobürokratie. Ein aktuelles Halbpräfix ist z. B. G/global-; Halbpräfix meint, dass das Wort auch allein noch vorkommt, aber zugleich reihenbildend in der Wortbildung wirkt. Das gilt auch für verstärkende Halbpräfixe wie bombensicher, astrein, supergenau, ...

Charakteristisch für die moderne Welt sind darüber hinaus Abkürzungen und Kurzwörter wie die oben erwähnten PC und FCKW oder Hex für Hexadezimal; unsere Sprachwelt ist voll von Kürzeln: ARD, ZDF, WDR, RTL, Sat1, ... InterCity, Regio, ... 1. FC, BVB, HSV, ... Auto (aus Automobil), Kat, A1, A 40, ...

Bedeutung der Wortbildung für den Stil.

Immer wieder ist das Normverständnis eines Funktionalstils für Möglichkeiten der Wortbildung offen. In der Sprache der Wissenschaften und der Verwaltungssprache spielt zum Beispiel die Nominalisierung/Substantivierung eine große wichtige Rolle, weil hier Dinge und oft komplexe Vorgänge auf den Begriff zu bringen sind; Begriffswörter sind der Wortart nach Nomen/Substantive, und durch das Suffix -ung werden aus Verben Nomen, wie die Termini selbst vorführen.
Siehe dazu Beispiele (1) und (2) und Nominalstil Kap. E.

Aber mit der Wortbildung kann man auch in Texten mit literarischem Anspruch Wirkung erzielen, sie zum sprachlichen Stilmittel und damit Stilzug wählen, wie die Beispiele (3), (4), (5) und (6) zeigen.

Die ersten beiden Beispiel aus einer Zeitschrift eines Automobilclubs (Auto & Reise November 11/1997, S. 6) zeigen — im Funktionalstil — den Gebrauch von Wortbildungsmustern, und zwar sowohl typische Verwaltungssprache als auch Techniksprache. Beachten Sie Schreibungen mit Bindestrich und mit Ziffern oder Buchstaben als Schreibzeichen für Zahlwörter. Die Wortbildungen sind im jeweils zweiten Text unterstrichen, getrennte Verben sind halbfett gekennzeichnet.

 

Beispiel (1)

Kat sei Dank!

Die verkehrsbedingten Emissionen in der Bundesrepublik nehmen nach einer Meldung des Mineralölwirtschaftsverbandes kontinuierlich ab. Bei Abgaskomponenten wie Benzol oder Kohlenwasserstoffen sei wieder das Niveau der 60er Jahre erreicht. Nicht ganz so gut sieht die Bilanz bei den Partikeln und den Stickoxiden aus, doch auch hier sinken die Belastungen seit 1990 ständig, obwohl sich die Zahl der Pkw hierzulande nach 1950 nahezu versechzigfacht hat und es darüberhinaus sechsmnal so viele Lkw und Omnbusse gibt.

 

Kat sei Dank!

Die verkehrsbedingten Emissionen in der Bundesrepublik nehmen nach einer Meldung des Mineralölwirtschaftsverbandes kontinuierlich ab. Bei Abgaskomponenten wie Benzol oder Kohlenwasserstoffen sei wieder das Niveau der 60er Jahre erreicht. Nicht ganz so gut sieht die Bilanz bei den Partikeln und den Stickoxiden aus, doch auch hier sinken die Belastungen seit 1990 ständig, obwohl sich die Zahl der Pkw hierzulande nach 1950 nahezu versechzigfacht hat und es darüberhinaus sechsmal so viele Lkw und Omnibusse gibt.

Beispiel (2)

Noch kürzer:

Audi verlängert ab dem Modelljahr 1998 die Garantie gegen Durchrostung der Karosserie von zehn auf zwölf Jahre.

Inline-Skating ist eine riskante Art der Fortbewegung: Wie der DVR* berichtet, stellten die rasanten Rollschuhfahrer im vergangenen Sommer ein Fünftel der Patienten mit Sportverletzungen.

Weil selbst Leute, die tagsüber keine Brille brauchen, bei schwindendem Tageslicht Sehschwierigkeiten bekommen können, rät die Deutsche Verkehrswacht* allen Autofahrern, ihr Dämmerungssehvermögen testen zu lassen.

 

Noch kürzer:

  • Audi verlängert ab dem Modelljahr 1998 die Garantie gegen Durchrostung der Karosserie von zehn auf zwölf Jahre.
  • Inline-Skating ist eine riskante Art der Fortbewegung: Wie der DVR berichtet, stellten die rasanten Rollschuhfahrer im vergangenen Sommer ein Fünftel der Patienten mit Sportverletzungen.
  • Weil selbst Leute, die tagsüber keine Brille brauchen, bei schwindendem Tageslicht Sehschwierigkeiten bekommen können, rät die Deutsche Verkehrswacht* allen Autofahrern, ihr Dämmerungssehvermögen testen zu lassen.

Die Beispiele zeigen, wie in verdichteten Texten alle denkbaren Varianten der Wortbildung eingesetzt werden. Bemerkenswert das Dämmerungssehvermögen, das getestet werden soll, so dass auch leicht noch ein Dämmerungssehvermögenstest denkbar wäre. Das Muster funktioniert, weil die Grundstruktur einfach ist: Das letzte Teilwort besagt, was es ist (Grundwort), das bzw. die davor stehenden bestimmen es näher (Bestimmungswort). dass hin und wieder Fugenlaute (alte Genitive oder Gleitlaute) eingeschoben werden, ist eine Frage der Grammatik und dient manchmal der Bedeutungsdifferenzierung: Nicht jeder Sonntag ist ein Sonnentag und umgekehrt, und ein Kindskopf ist kein Kinderkopf, sondern sitzt einem Erwachsenen auf dem Hals.

 

Noch einmal Thomas Mann "Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull". In der folgenden Passage spielt Thomas Mann mit einem Kompositum. (a. a. O. S. 283)

Beispiel (3)

An dem Tischchen saß bereits, mit den Hors-d’œvres beschäftigt, ein älterer Herr, zierlich von Figur, etwas altmodisch gekleidet (mir schwebt ein vatermörderähnlicher Kragen vor, den er trug) und mit grauem Bärtchen, der, als ich ihm artig den Abendgruß bot, mit Sternenaugen zu mir aufblickte. Ich bin außerstande zu sagen, worauf eigentlich das Sternenartige seines Blickes beruhte. Waren seine Augensterne besonders hell, milde, strahlend? Gewiß, das waren sie wohl, — aber waren es darum schon Sternenaugen? ªAugenstern´ ist ja ein geläufiges Wort, aber da es nur etwas Physisches sachlich bei Namen nennt, deckt es sich keineswegs mit der Bezeichnung, die sich mir aufdrängte, da doch etwas eigentlich Moralisches im Spiele sein muß, wenn aus Augensternen, die jeder hat, Sternenaugen werden sollen.

Beispielgruppe (4): Während Thomas Mann mit den Sternenaugen und Augensternen so spielt, dass der Text zugleich ernsthaft und leicht ironisch wirkt, zeigen die folgenden Beispiele, wie mit der Wortbildung kraftvoll neue sprachliche Dimensionen erschlossen werden. Goethe hat in seinen ªHymnen´ in der Sturm-und-Drang-Zeit stilistische Möglichkeiten entwickelt, indem er gewissermaßen die Grenzen des Werkstoffes Sprache erprobt hat. Er hat freie Rhythmen geschrieben, hat die Syntax teilweise aufgehoben und ist wortschöpferisch tätig geworden, wobei in den späteren Ausgaben einiges geglättet wurde; in der ªHamburger Goethe-Ausgabe, Zweiter Band´ (a.a.O. S. 33) sind die Wortschöpfungen erhalten. In den Beispielen sind einige angeführt (Groß und Kleinschreibung wie im Text, d. h. bei Zeilenanfang auch Nicht-Substantive groß. wie bis 1901/2 üblich):

 

Beispiel

Sturmatmende Gottheit ...

Den bienensingenden
Honiglallenden
Freundlichwinkenden
Theokrit.

Freudehell ...
Jünglingsfrisch ...
Schlangewandelnd ...
... silberprangend ...
Freudebrausend ...

Quelle

ªWanderers Sturmlied´




ªMahomets Gesang´

(auffallend hier die Partizipien)

Beispiel

... Wolkendunst
... Knabenmorgen-Blütenträume ...

Umfangend umfangen …

 

Ekles Schwindeln zögert
Mir vor die Stirne dein Haudern.

Diesen schäumenden Trunk
Und den frischen Gesundheitsblick!

Entzahnte Kiefern schnattern
Und das schlockernde Gebein —

Quelle

ªPrometheus´

ªGanymed´


ªAn Schwager Kronos´

 

Die folgenden Beispiele zeigen nun, wie man spielerisch mit den Möglichkeiten der Wortbildung umgehen kann. Dabei arbeitet Christian Morgenstern so, dass man die theoretischen Konzepte der Bedeutungssemantik (Semasiologie) und der Referenzsemantik (Onomasiologie) exemplarisch wiederfindet. Die Tiere, die er benennt (das wäre Referenzsemantik), gibt es gar nicht, er erfindet sie in der Sprache (Bedeutungssemantik); zugleich macht er durch die Syntax, den einfachen Vorgang des Nennens, glauben, dass es sie selbstverständlich gibt (referenzsemantisches Namen-Geben).

Neue Bildungen, der Natur vorgeschlagen

Der Ochsenspatz
Die Kamelente
Der Regenlöwe
Die Turtelunke
Die Schoßeule
Der Walfischvogel
Die Quallenwanze
Der Gürtelstier
Der Pfauenochs
Der Werfuchs

 

Die Tagtigall
Der Sägeschwan
Der Süßwassermops
Der Weinpinscher
Das Sturmspiel
Der Eulenwurm
Der Giraffenigel
Das Rhinozepony
Die Gänseschmalzblume
Der Menschenbrotbaum

Quelle: Christian Morgenstern: Alle Galgenlieder. Insel Verlag Frankfurt a. M. 1968

Morgenstern hat mit solchen Abwandlungen gern gearbeitet; so hat er zum Wildschwein das Zahmschwein erfunden, weiterhin die Klabauterfau und die Lämmerwolke, die sich verläuft und nach dem Mutterschaf, also nach der "Schäfchenwolke", blökt; wir finden bei ihm das Mondschaf .iund das Nasobem, die Tagnachtlampe und anderes mehr.

 

C 3.3 Umdeutung 1: Metaphern

Die Metapher, besser: der metaphorische Prozess des Umdeutens, des Übertragens eines Wortes aus einem Referenz- und Bedeutungsbereich in einen anderen, kann als Charakteristikum menschlichen Sprechens gar nicht hoch genug veranschlagt werden. Theorien zur Metapher gibt es seit Aristoteles, der von einem verkürzten Vergleich sprach. Hier soll keine Metapherntheorie oder Geschichte der Metapherntheorien entwickelt werden. Allen gemeinsam ist im Grunde, dass das Entstehen von Metaphern ein Vorgang ist, bei dem ein Wort aus einem Bedeutungs- und damit häufig Bildbereich in einen anderen übertragen wird und dass der metaphorische Prozess des Übertragens, die Einbettung des Wortes in den Kontext des neuen Bereichs, die kreative Leistung ausmacht und die Wirkung bestimmt. Die Linguistik, die Rhetorik und die Poetik haben hier viele Typen beschrieben und klassifiziert; sie werden weiter unten behandelt (s. D 3).

Für den Ausbau des Wortes sind die lexikalisierten Metaphern bedeutsam, die gewöhnlich aus Sprachnot gebildet wurden und werden, weil etwas Neues sprachlich bewältigt werden muss. Hier einige Beispiele aus verschiedenen Bereichen:

Jeder von uns gesprochene Text, jeder Zeitungstext ist voll von solchen Alltagsmetaphern, die wir gar nicht mehr bemerken. Hier Beispiele für solche Metaphorik, die durch unsere Sprache unser Denken mitgestaltet:

Das Wort Ring war in vielen germanischen Sprachen zu Hause wie in englisch, dänisch, schwedisch ring noch heute; es bezeichnete einen Kreis und alles Kreisförmige. Und diese Bedeutung hat Ring heute noch: Sie gilt für den Trauring am Finger, der wohl ein Goldring ist, ebenso wie für den Nasenring, den Ohrring, den Serviettenring und den Einweckring, der ein Gummiring ist. Die Bedeutung gilt für den Hexenring, im Mittelalter für diejenigen Frauen, die man für Hexen hielt, heute wohl nur noch für den Ring von Pilzen, die aus einer Myzel (ªPilzwurzel´) wachsen. Rund ist auch der Rettungsring, der echte im Schwimmbad und der, den wir um unsere Körpermitte ansetzen, so wie die Bäume ihre Jahresringe ansetzen.

Auch der City-Ring enthält den Gedanken des Umkreisens, wenn er auch nicht mehr kreisrund ist, aber er führt uns wohl auf den Verteilerring und der dann auf den Autobahnring ; und auch der Verteidigungsring muss sich den topographischen Gegebenheiten des Geländes und der Straßenführung anpassen. Der Boxring allerdings ist viereckig, der Führring, durch den Pferde vor einem Rennen oder bei der Auktion geführt werden, hat wieder Rundliches zu bieten.

Dann gibt es die gedanklich oder auch vertraglich zusammengefaßten Gruppen: den Spionagering, den Agentenring, den Theaterring. Anders herum haben wir die Ringvorlesung, den Ringelreihen, die Ringelblumen und die Ringelnatter, die sich davonringelt. Nicht dazu gehören der Hering und der Häring.

Die Ringe werden nach verschiedenen Merkmalen benannt (hier sind weitere aufgeführt):
— nach dem Material: Silberring, Brillantring, Holzring, ...
— nach der Funktion und dem Gebrauchszusammenhang: Gardinenring, Herdring, Kolbenring, Kugelstoßring, ...
— nach einem ideellen Wert, verbunden mit Funktionen: Ehrenring, Wappenring, Siegelring, ...
— nach gedanklicher oder gesellschaftlicher Zusammengehörigkeit: Drogenring, Schmugglerring, Besucherring, ...

Noch sind längst nicht alle ªRing´-Wörter aufgezählt, wir haben die Ringer noch nicht genannt, die im Ringkampf miteinander ringen; das tun auch Politiker, aber nicht auf der Ringmatte. Wir haben den Ringelpulli, die Ringelsöckchen, die Ringeltaube und auch den Ringelpiez. Lassen wir es genug sein mit unserer Ringfahndung, die zugleich eine ªRing´-Fahndung war. Die Beispiele zeigen, in wie vielfältiger Weise der Wortschatz mit den Mitteln der Wortbildung in Verbindung mit metaphorischer Umdeutung ausgebaut wird.

 

 

C 3. Ordnungsbegriffe der Wortschatzsemantik

Der Wortschatz ist grammatisch geordnet in Wortarten, damit die Wörter in Sätze und über Sätze in Texte eingebaut werden können. Davon handeln wir in Kapitel E. Der Wortschatz ist auch unter Bedeutungsgesichtspunkten geordnet; die Bedeutungsordnungen sind für die Stilistik von Belang. Zunächst wird die Sachlage geklärt, dann werden Hinweise zur Relevanz für Stil und Ausdruck gegeben.

C 3.1 Denotation (Grundbedeutung) und Konnotation (Mit-/Nebenbedeutung)

Die Grundbedeutung eines Wortes ist häufig von der Referenz her bestimmt, wenn es nicht um abstrakte Sachverhalte geht: Mund, Hund, schlafen, ... Konnotationen sind Nebenbedeutungen, die oft emotionale oder gruppenspezifische Merkmale enthalten: Maul, Schnabel, Schnauze, Fresse, Schnute, Mäulele — Köter, Töle — pennen. Nicht selten sind hoch konnotierte Wörter Metaphern, wie die Tiermetaphern für den menschlichen Mund zeigen. Die Nebenbedeutung entsteht hier, indem aus dem jeweiligen tierischen Bereich Elemente auf den Menschen übertragen werden. Wortpaare wie Hautarzt — Dermatologe, Würde — Dignität usw., die unterschiedlichen Sprachvarietäten und somit Stilebenenen angehören, unterscheiden sich nicht in den Denotationen, sondern in ihren Konnotationen, wodurch sie als < Alltagsstil> gegenüber < wissenschaftlich gehobener Stil> gekennzeichnet werden können.

Die Offiziere transpirieren kolossal, und die Soldaten schwitzen wie die Schweine. Dafür speisen und trinken die Offizieren im Kasino, und die Soldaten fressen und saufen in der Kantine.

Kommt der Sepp vom Abort zurück, fragt ihn der Alois: "Alles klar mit den Tüchern?" — "Aber ja, steht doch dran: A für Arsch und G für Gesicht." — "Mein Gott, bist du ungebildet: A für Antlitz und G für Gesäß!"

Bedeutung von Denotation und Konnotation für den Stil

Denotation: den präzisen Ausdruck in der Sprachvarietät suchen/finden. Die Wörterbücher geben dazu häufig Hinweise auf fachsprachlichen, regionalen oder gruppensprachlichen Gebrauch, z. B. Luv < seemannsprachlich> , Mangan < Geologie> , Topfen < österreichisch> , malochen < ungangssprachlich> .
Konnotation: die mitschwingenden Stimmungselemente und Stilebenen treffen. Die Wörterbücher versuchen entsprechende Hinweise zu geben, zum Beispiel Arschloch < derb> , entschlafen < verhüllend> , Haupt < gehobener Stil> .

In der öffentlichen Debatte für und wider die Rechtschreibreform zwischen 1996 und 1998 sprangen die Gegner der Reform nicht eben zimperlich mit den Befürwortern und den Kommissionsmitgliedern um, die die neuen Regeln erarbeitet haben, und auch die Neuregelung selbst wurde mit kernigen Ausdrücken belegt. Hier eine Auswahl von Wörtern mit verschiedenartigen negativen Konnotationen (zitiert aus der Magisterarbeit von Nadja Mlinarzik ªDie Rechtschreibreform in der Diskussion, Essen FB 3 1997):

In literarischen "fiktionalen" Texten sind Namen oft mit Konnotationen besetzt. In Thomas Manns ªTonio Kröger´ ist die Spannung der Erzählung bereits im italienischen Vornamen Tonio und im trocken norddeutschen Nachnamen Kröger enthalten. Adrian Leverkühn im ªDoktor Faustus´ ist ein weiterer solcher Name. Und in ªDie Bekenntnisse des Hochstapler Felix Krull´ spielt Thomas Mann mit dem Namen des Professors Kuckuck (s. o. S. 4 und 5).

Auch bei Künstlernamen spielen Konnotationen eine Rolle wie auch lautliche und rhythmische Wirkungen: Marilyn Monroe klingt schon anders als Norma Jean Mortensen (Geburtsname) oder Baker (erste Ehe)

Namen in fiktionalen Texten haben oft mitschwingende Konnotationen, hier einige weitere Beispiele:

Nun noch einige Gedichte, in denen das Mund-Thema durchgespielt wird.

Auf den Mund

Mund! der die Seelen kann durch Lust zusammenhetzen,
Mund! der viel süßer ist als starker Himmelswein,
Mund! Der du Alikant des Lebens schenkest ein,
Mund! den ich vorziehn muss der Inden reichen Schätzen,
Mund! dessen Balsam uns kann stärken und verletzen,
Mund! der vergnügter blüht als aller Rosen Schein,
Mund! den die Gratien mit ihren Quellen netzen;
Mund! ach Korallenmund, mein einziges Ergetzen!
Mund! Lassmich einen Kuss auf deinen Purpur setzen.

Schwäbischer Volksmund

Lass doch doin Mäulele
noch ein kloins Woilele
auf meinem Mäulele,
dass ich mit moinem Mäulele
noch a kloins Woilele
auf doinem Mäulele
schlochzele kaa.

Christian Hofmann von Hofmannswaldau (1617-1679),
Conrady S. 131

[Alikant: dunkler spanischer Süßwein]

 

 

Da wir gerade beim Küssen sind, folgen noch zwei Gedichte zur Kuss- und Küsskultur durch die Jahrhunderte. Paul Fleming könnte dabei vom römischen Dichter Catull angeregt sein.

Wie er wollte geküsset sein

Nirgends hin als auf den Mund:
Da sinkt’s in des Herzens Grund;
Nicht zu frei, nicht zu gezwungen,
Nicht mit gar zu fauler Zungen.

Nicht zu wenig, nicht zu viel:
Beides wird sonst Kinderspiel;
Nicht zu laut und nicht zu leise:
Bei dem Maß ist rechte Weise.

Nicht zu nahe, nicht zu weit:
Dies macht Kummer, jenes Leid;
Nicht zu trocken, nicht zu feuchte,
Wie Adonis Venus reichte.

 

Nicht zu harte, nicht zu weich,
Bald zugleich, bald nicht zugleich,
Nicht zu langsam, nicht zu schnelle,
Nicht ohn Unterschied der Stelle.

Halb gebissen, halb gehaucht,
Halb die Lippen eingetaucht,
Nicht ohn unterschied der Zeiten,
Mehr alleine denn bei Leuten.

Küsse nun ein jedermann,
Wie er weiß, will, soll und kann!
Ich nur und die Liebste wissen,
Wie wir uns recht sollen küssen.

Paul Flemimg (1609-1640), Conrady S. 84

 

Ohne Titel

Ich halte ihr die Augen zu
Und küsssie auf den Mund;
Nun läßt sie mich nicht mehr in Ruh,
Sie fragt mich um den Grund.

Von Abend spät bis morgens fruh,
Sie fragt zu jeder Stund:
Was hältst du mir die Augen zu,
Wenn du mir küßt den Mund?

Ich sag ihr nicht, weshalb ich’s tu,
Weiß selber nicht den Grund —
Ich halte ihr die Augen zu
Und küsssie auf den Mund.

Heinrich Heine (1797-1856)

 

C 3.2 Extension und Intension

Wörter mit hoher Extension enthalten Verallgemeinerungen, sie können für vieles verwendet werden: Gebäude, auch noch Haus; gehen, sagen, ... Wörter mit hoher Intension haben eine ganz spezifische Bedeutung, können also nur dann gebraucht werden, wenn die Bedeutung in ihrer Genauigkeit zutrifft: Villa, Schuppen, Jagdhütte; hüpfen, stolzieren, marschieren, schlendern; flüstern, nuscheln, fragen, antworten, drohen, bitten, beten, ... Für jede Funktionalstilistik ist dieser Aspekt der Wortbedeutung wichtig, denn der Abstraktions- oder Präzisionsgrad der Bedeutung eines Ausdrucks wird entscheidend von der Textsorte und dem dahinter liegenden kommunikativen Zusammenhang gesteuert. Für viele Zusammenhänge genügt es, von Lauten und Buchstaben zu sprechen. Wenn es um Rechtschreibung und Erstlesen/Erstschreiben geht, muss man genauer unterscheiden zwischen Phonen (Sprechlauten im konkreten Sprechakt) und Phonemen (Sprachlauten des Sprachsystems), Buchstaben als Elementen des Alphabets und Graphemen als Schriftzeichen einer Orthographie, worunter auch Buchstabenkombinationen wie sch, ch, ck, ph, th, au, ei, eu usw. fallen.

Bedeutung von Extension und Intension für den Stil

In der Stilistik spricht man mehr vom Allgemeinen und Besonderen. Es gilt, jeweils das passende Abstraktionsniveau zu treffen. Das ist besonders für Sach- und Fachtexte von Bedeutung, weil in Fachsprachen Begriffspyramiden ein Feld logisch gliedern.

Beispiel 1: Abstraktionsstufen:

Vogel — Singvogel — Krähenvogel — Elster.
Die Tatsache, dass Elstern zu den Singvögeln gehören, welche gesetzlich geschützt sind, führt zu viel Ärger in der Bevölkerung, weil Elstern böse Nesträuber sind und die Vögel, die wir eigentlich als Singvögel empfinden, dezimieren.

Beispiel 2: Abstraktionsstufen mit Verzweigungen

1. Ebene

Text

2. Ebene

literarischer Text

journalistischer Text

Fachtext

3. Ebene

erzählender, epischer Text

gebundener, lyrischer Text

dramatischer Text, Spieltext

informierend

meinungsbildend

 

4. Ebene

kleine epische Formen

Gedichtformen

Bühnentexte

Reportage Bericht

Kommentar Gloss,

Dissertation,
Fachmonographie, wissenschaftlicher Aufsatz

  1. Ebene

Fabel, Märchen, Anekdote, Witz, Kurzgeschichte
Kalendergeschichte, …

Volksliedstrophe, Sonett, Limerick,
Couplet, …

Tragödie,
Lustspiel,
Geistliches Spiel, …

   

Abstract

(Siehe auch unten Sachfeld der Himmelskörper)

 

C 3.3 Wortfeld und Sachfeld

Die Wörter unseres Wortschatzes haben eine Bedeutung in sich, aber ihre Bedeutung ist auch mitbestimmt durch Bedeutungen anderer Wörter aus dem sachlichen oder gedanklichen Umfeld. Der Vergleich (s.o.) des deutschen Wortes bringen mit den beiden englischen Wörtern bring und take macht es deutlich: im Deutschen gibt es nur ein Wort, das beide Bedeutungsanteile (linguistisch: Bedeutungsmerkmale, Seme) enthält, die im Englischen aufgeteilt sind. Idealtypisch spricht man vom Wortfeld, wenn die Durchgliederung einer solchen zusammengehörenden Gruppe von Wörtern überwiegend vom Denken ausgeht (Bedeutungssemantik) und vom Sachfeld, wenn die Gliederung in der Wirklichkeit vorgegeben ist.

Ein bekanntes Beispiel ist das Wortfeld der Wörter des Sterbens: entschlafen, heimgehen, dahingehen, verscheiden aber auch verrecken, abkratzen und solche im Grunde von der "Sache" — nämlich der Todesart — her bestimmten Wörter wie verhungern, verdursten, ersticken, ertrinken, erfrieren, ... Genau genommen gehören auch idiomatische Ausdrücke wie ins Gras beißen, über den Jordan gehen, in die ewigen Jagdgründe eingehen in dieses Wortfeld. Ein großes, für die Redewiedergabe (zitierte Rede) wichtiges Feld sind die Wörter des Sagens und Meinens (s. u. S. n ).

Sachfelder sind Wörter, die einen Wirklichkeitsausschnitt sprachlich erfassen, also zum Beispiel Was zu einem Bahnhof gehört: Bahn, Zug, Bahnsteig, Gleis, Fahrkarte, Fahrplan, Reisender, Schaffner, Abteil usw.; heute hat man dann "moderne" Wörter wie die neuen Zugbezeichnungen InterCity, InterCityExpress, InterRegio, Regio usw. Die Beziehungen zwischen Wörtern eines Wortfeldes sind häufig die von Synonymen (s.u.) oder von Ober- und Unterbegriffen (s.o. Extension und Intension).

Bedeutung von Wort- und Sachfeldern für den Stil

Reine Sachfelder, die Wirklichkeitsausschnitte sprachlich durchgliedern, verlangen nach präzisen Wörtern für jede Sache. In Fachtexten ist diese Präzision angebracht.

Didaktisch sind solche Sachfelder in der Wortschatzarbeit gute Übungsanlässe.

Sachfelder finden sich oft in Sachbüchern. So war/ist der berühmte Orbis pictus (ªbebilderter Erdkreis´) von J.A. Comenius, zuerst 1685 erschienen und im 17. und 18. Jahrhundert weit verbreitet, ein bebildertes Sach- und zugleich Sprachlehrbuch, in dem die gezeichneten Abbilder mit Nummern versehen waren, die auf eine Wortliste mit den deutschen und lateinischen Wörtern verwiesen. Der folgende Ausschnitt aus dem "Orbis pictus" über Mohammed und den Islam hat das deutsche Verständnis vom Islam und den Muslimen über Jahrhunderte geprägt. Man sprach vom "Mahometismus" und dem "Mahometischen Glauben" — allein schon als Wort ein Begriff, der im Islam nicht akzeptabel ist.

 

Jan Amos Comenius 1592-1670), tschechischer Name Komensk_, gilt als der "Großvater der modernen Erziehung". Zwar war sein Weltbild christlich geprägt, doch er reformierte die Schulbildung als Organisation von Wissen. Sein bekanntestes Werk ist der Orbis sensualium pictus (1758), ein zweisprachiges Bildwörterbuch mit Nummern an den Bildern und dann den Wörtern auf Lateinisch und Deutsch. In der Abbildung kann man zum Beispiel die 5 an der Moschee und die 6 am Turm der Moschee erkennen; in der rechten Textspalte steht dazu:

"…bauen Kirchlein /5 von deren Thürnlein sie nicht durch Glocken sondern durch dê Priester zum Gottesdiens (6 beruffen werden".

Das Dehnungszeichen über dem ê steht für das n. Und die Diminutivformen Kirchlein, Thürnlein sind Kindersprache.

Noch Goethe verwendet den Namen "Mahomet" in der Ode "Mahomets Gesang" für Mohammed, gibt allerdings ein durchweg positives Bild von seinem "Mahomet".

 

 

Ein weiteres Beispiel stammt aus einem Sachbuch zur Himmelskunde. An diesem Beispiel wird deutlich, dass Sachfelder in Wissenschaften oft hierarchisch in Ober- und Unterbegriffe gegliedert sind. Außerdem haben wir ein schönes Beispiel für Metaphern in der Wissenschaft auf der Ebene der Typen von Sternen, während die konkreten Eigennamen nach unterschiedlichen Prinzipien benannt und durch Zahlen und gegebenenfalls griechische Buchstaben klassifiziert sind, und zwar nach ihrer Helligkeit bzw. Größe innerhalb eines Sternbildes

"Weißt du, wieviel Sternlein stehen ...?" heißt es im Kinderlied, und von den Sternen sprechen wir, wenn wir den Nachthimmel sehen, und unterscheiden die Himmelskörper allenfalls nach ""Sonne, Mond und Sterne[n]...", wie es in einem anderen Kinderlied heißt. Aber die Astronomen machen da genaue Unterschiede. Himmelskörper (Oberbegriff) sind sie alle, aber dort gibt es die Sterne (Unterbegriff 1. Ebene), die zugleich Sonnen sind (paralleler Begriffsname), und die Planeten (keine Sterne, also Unterbegriff 1. Ebene) mit ihren Monden (weder Sonnen noch Planeten, also ebenfalls Unterbegriff 1. Ebene). Zu den Planeten gehören in unserem Sonnensystem die Erde (Unterbegriff 2. Ebene) sowie Merkur, Venus, Mars, Jupiter, Saturn, Uranus, Neptun und Pluto (alles Nebenbegriffe zu Erde und damit Unterbegriffe 2. Ebene; alles außerdem die Namen römischer Gottheiten aus einer Zeit mythischen Denkens). Dann vagabundieren noch die Asteroiden (Kleinplaneten, zwischen Neben- und Unterbegriff zu Planet je nach systematischer Einordnung von Planet), Kometen wie ªHale-Bob´ im Frühjahr 1997 (Name nach den Himmelsforschern, die ihn zuerst gesehen haben) und Meteore (eigentlich Kometenstaub) durch den Weltraum (ebenfalls Unterbegriff 1. Ebene). Bei den Sternen unterscheiden die Astronomen noch vielerlei Typen, denen sie hübsche metaphorische Namen gegeben haben (alles Unterbegriffe 2. Ebene): So ist der Beteigeuze (Eigenname, also 3. Ebene wie die folgenden Eigennamen) ein Roter Überriese, unsere Sonne (hier wird ein allgemeiner Begriff zum Eigennamen) ein Zwerg, Sirius B ein Weißer Zwerg, 6 Wolf 339 ein Dunkler Roter Zwerg. Weiter gibt es noch die Novae (Einzahl Nova von lateinisch nova = ‘’neu’), das sind Sterne, die hell leuchten, wo vorher noch kein Stern gesehen wurde; und es gibt besonders hell strahlende Supernovae, aber das sind dann Sterne in der Endphase, in der ein Weißer Zwerg zerplatzt und zu einem Schwarzen Loch wird.

In Sprachführern für die Reise findet man entsprechende gezeichnete Wirklichkeitsausschnitte und sprachliche Sachfelder, wie das Beispiel zeigt, entnommen aus:

Wortfelder sind für die Stilfigur der Variation wichtig. Die Wörter zielen auf dieselbe Sache, variieren aber. Hier wird die synonymische Strukturierung der Wortfelder deutlich (Synonyme s.u. S. n ).

Im folgenden Beispiel geht es nicht um die sachliche Unterscheidung zwischen Pfad, Weg und Straße, sondern um stilistische Variation. Der Text ist der althochdeutsch geschriebenen Evangelienharmonie ªOtfrids Evangelienbuch´ entnommen; geschildert wird die Szene, in der der Engel Gabriel vom Himmel kommt und Maria verkündet, dass sie einen Sohn Gottes empfangen und gebären wird. Hier ist nur die Passage des Engelfluges herausgegriffen. Beachten Sie, dass Otfrid durchaus auch Alliterationen, fast im Sinne des Stabreims, verwendet. (In der Übertragung sind Artikel eingefügt, die es im Original noch nicht gibt. Zu beobachten ist der Übergang vom Demonstrativpronomen therera, theru zu unserem Artikel, der sich in dieser Epoche der Sprachgeschichte des Deutschen langsam herausbildete.)

V. Missus est Gabriel Angelus

Ward after thiu irscrítan sár, so móht es sin, ein halb jár,
mánodo after ríme thría stunta zuéne,

Tho quam bóto fona góte, éngil ir hímile,
bráht er therera wórolti diuri árunti.

Floug er súnnun pad, sterono stráza,
wega wólkono zi theru ítis frono:

Zi édiles fróuun, sélbun sancta Máriun,
...

Quelle: Otfrids Evangelienbuch, Hg. Oskar Erdmann, Niemeyer, Tübingen 1962, S. 20/21 (Altdeutsche Textbibliothek Nr. 49)

Es war nach diesem* vergangen, es mochte ein halbes Jahr sein

der Monate der Reihe nach drei mal zwei,

Da kam ein Bote von Gott ein Engel aus dem Himmel,
brachte er der Welt teure Botschaft.

Flog er der Sonne Pfad der Sterne Straßen
die Wege der Wolken zu der (überirdischen) Frau

Zur edelen Frau eben der heiligen Maria,
...
*gemeint sind die in Kapitel IV geschilderten Ereignisse der Verkündung der Geburt von Johannes dem Täufer
(Übertragung K.-D. B.)

Auch in den folgenden Scherzgedichten geht es um ein Wortfeld. Der Hinweis auf Guggenmos im zweiten Gedicht von K.-D. B. ist der Verweis auf das Guggenmos-Gedicht, das als Anregung gedient hat.

Hauchte, wetterte, sprach, brüllte

Gestern abend, sprach er.
Es war schon dunkel,
erzählte er.
Wollte ich zu meinem Schwager,
berichtete er.
Aber in dem Fliederbusch vor seinem Haus, raunte er.
Sah ich etwas glühen,
zischte er.
Zwei grüne Augen, keuchte er.
Da lauert ein Gespenst,
schrie er.
Ich —, stieß er hervor.
Auf und davon wie der Blitz!
Gestand er.
Du hättest auch Angst gehabt,
behauptete er.
Nun haben sie ohne mich Geburtstag gefeiert,
jammerte er.

 

Es war bestimmt sehr lustig,
schluchzte er.
Aber das nächste Mal, knurrte er.
Nehme ich den Prügel mit, drohte er.
Und dann haue ich es windelweich,
Dieses freche, böse, hinterhältige, gemeine ...
brüllte er.
Hoffentlich hat es das nicht gehört,
hauchte er.
Aber untertags schläft es,
versicherte er.
Wahrscheinlich, meinte er.
Dieses verdammte Gespenst,
wetterte er.
Oder war es eine Katze? fragte er.

Das kann gut sein, sagte ich.

Josef Guggenmos; Wenn Riesen niesen. Überreuther Verlag Wien, Heidelberg 1980, S. 26

Dialog

"Du gehst fort?" fragt sie leise.
"Ich geh fort", sagt er ruhig.
"Kann das sein?" will sie wissen.
"Das kann sein", gibt er Bescheid.
"Ganz allein?" jammert sie.
"Ganz allein", brummelt er.
"Nimm mich mir!" fleht sie nun.
"Du bleibst da", wehrt er ab.
"Ich bleib da?" schreit sie los.
"Du bleibst da!" brüllt er zurück.

"Dann hau ab!" sagt sie schnippisch.
"Ohne dich?" staunt er jetzt.
"Ohne mich", meint sie bloß.
"Komm doch mit!" bettelt er.
"Ich bleib hier", lehnt sie ab.
"Ganz allein?" heult er los.
"Ganz allein", lacht sie laut.
"Ich bleib hier", begehrt er auf.
"Du gehst fort", sagt sie ruhig.
"Und sei bitte still", murmelt sie noch,
"ich lese gerade Guggenmos."

K.-D. B.

C 3.4 Polyseme (mehrdeutige Wörter) und Homonyme (gleichlautende Wörter)

Weiter oben (S. n ) wurde gezeigt, dass und wie unser Wortschatz ständig durch Umdeutungen und Bedeutungsübertragungen ausgebaut wird, wobei die Wörter dann mehrere Bedeutungen haben: Bein als Gliedmaße, als Standteil von Tisch, Stuhl und Stativ und — sprachgeschichtlich die älteste Bedeutung — für Knochen’; abstürzen vom Berghang, aus der Luft, in der Kneipe und im Computer usw. In Wörterbüchern werden diese Polyseme (griechisch poly ‘viel‘ und sem ‘Bedeutung’) in einem Lemma, also unter demselben Stichwort aufgeführt. Man kann den Zusammenhang zwischen den Bedeutungen der Wörter gewöhnlich nachvollziehen.

Nun gibt es nicht wenige Wörter, bei denen die Wortgestalt (linguistisch: der Ausdruck als Lautfolge und/oder Buchstabenfolge) gleich sind und die Bedeutungen verschieden, aber die Gleichheit der Lautfolge ist ein sprachgeschichtlicher Zufall, wir haben es im Grunde mit zwei Wörtern zu tun: die Kiefer (Nadelbaum) — der Kiefer (mit den Zähnen), die Heide (Landschaft) und der Heide (Nicht-Christ), die Morphologie als Lehre von Gestalt und Aufbau der Pflanzen in der Biologie und als Lehre vom Aufbau der Wörter aus Wortbausteinen (Morphemen) in der Linguistik usw. In Wörterbüchern findet man hier zwei Stichwörter. Nicht selten werden gleichlautende Wörter in der Schrift unterschieden (Unterscheidungsprinzip der Rechtschreibung) Leib (Körper) — Laib (Brot), Meer — mehr, Mohr — Moor, Seite (im Buch) — Saite (Musikinstrument).

Bedeutung von Polysemie und Homonymie für den Stil.

Im Sprachgebrauch und in Texten ist der linguistische Unterschied zwischen Polysemie und Homophonie kaum von Bedeutung. Man nimmt die Mehrdeutigkeit wahr, das ist das Entscheidende. Problematisch ist eher syntaktische Mehrdeutigkeit, die hier nur kurz erwähnt und im Kapitel über Satzbau und Stil genauer vorgestellt wird.

Für den Stil ist die Mehrdeutigkeit nicht von allzu großer Bedeutung; hier deshalb nur einige Hinweise:

Anekdote

DIE AAP

Er habe nicht den vermessenen Glauben, dass er die deutsche Sprache schon in einem Jahr beherrsche, sagte ein französischer Diplomat zu Adenauer, mit den Artikeln wolle es nicht klappen. Die deutsche Sprache sei wirklich eine schwere Sprache. Er habe den Eindruck, sagte Adenauer, es gehe schon ganz gut, doch ªder´, ªdie´ und ªdas´ müsse man auseinanderzuhalten versuchen. ªEin Beispiel: der Affe ist ein Tier, aber die Aap ist ein Kölner Boxer, und: Minister Dahlgrün erhebt die Steuer in der Bundesrepublik; ich, der Bundeskanzler, habe das Steuer der Bundesrepublik in der Hand.´ ªDas verstehe ich sehr gut´, sagte maliziös lächelnd der Franzose.

Quelle: Walter Henkels: ... gar nicht so pingelig, m.D.u.H. — Neue Adenauer-Anekdoten, Econ Verlag Düsseldorf, Wien 1965, S. 55

Das Lied vom schwankenden Genus(s)

Der Bauer spannt die Rößlein aus,
das Bauer ist ein Vogelhaus.
Der, die, das — wer ist was?

Der Erbe lacht nur dann vergnügt,
wenn er das Erbe wirklich kriegt.
Der, die, das — wer ist was?

Das Steuer ist ein Rad zum Dreh’n,
die Steuer will’s Finanzamt seh’n.
Der, die, das — wer ist was?

Das Tor kann noch so offen sein,
der dumme Tor geht nicht hinein.
Der, die, das — wer ist was?

Der Band im Bücherschranke steht,
das Band umschnüret das Paket.
Der, die, das — wer ist was?

Die Kiefer heizt den Ofen an,
der Kiefer birgt manch hohlen Zahn.
Der, die, das — wer ist was?

 

 

Der See im Waldesdunkel blinkt,
die See das stolze Schiff verschlingt.
Der, die, das — wer ist was?

Der Leiter hört die Schüler jammern,
die Leiter führt zu Bodenkammern.
Der, die, das — wer ist was?

Das Tau verbindet Schiff und Tonne,
der Tau glänzt in der Morgensonne.
Der, die, das — wer ist was?

Sei auf der Hut an wind’gen Tagen,
willst du den Hut auf deinem Kopfe tragen.
Der, die, das — wer ist was?

K.-D. B.

Sich einander

Ich spreche zu dir, und du hörst mir zu.
Er spricht mit ihr, und sie erhört ihn.
Es hört sich gut an.
Wir versprechen euch, oder versprechen wir uns?
Ihr verhört euch, oder verhört ihr uns?
Haben sie sich eigentlich versprochen oder verhört,
als sie sich einander versprochen haben?

K.-D. B.

Von Lernen und Lärchen

Die Lerche schwingt sich in die Luft
von einem Lärchenbaum.
Voll Sehnsucht blickt er nach und ruft:
ªWarte, ich seh’ dich kaum!´

Der Lärchenbaum verwurzelt steht,
die Lerche fliegt und tiriliert.
Das ä zum e sich niemals dreht! —
Der Lärchenbaum ist irritiert.

K.-D. B.

 

 

Nicht echte Homonymie, sondern Ähnlichkeit in der Lautung kann bei Fremdwörtern ein Problem werden, wenn man sie nicht genau kennt.

Er war so von der klassischen Bildung durchdrungen, dass er statt ªAngenommen´ immer ªAgamemnon´ sagte.

Oberst von Zitzewitz besucht die Garnison. Der Kommandant läßt alle antreten. Dann der Befehl: "Alle Mann drei Schritt vor!" Und das tun sie auch, zackig in Reih und Glied. Nur ganz am Ende scheint noch eine Gestalt stehen zu bleiben, so meint jedenfalls der Herr Oberst von Zitzewitz. "Der mit der roten Mütze dahinten, was ist mit dem?" — "Herr Oberst", erläutert ein Adjudant, "das ist ein Hydrant."
— "Ah, immer diese Akademiker!"

Mit den Fremdwörtern ist das so eine Sache. Wollen Sie es einmal mit einem kleinen Quiz versuchen?

ambulant [ ] doppelsinnig
[ ] doppelwertig
[ ] nicht fest an einen Ort gebunden
[ ] ein Körperteil ist operativ entfernt
[ ] formlos, gestaltlos

ambig [ ] doppelsinnig
[ ] doppelwertig
[ ] nicht fest an einen Ort gebunden
[ ] ein Körperteil ist operativ entfernt
[ ] formlos, gestaltlos

ambivalent [ ] doppelsinnig
[ ] doppelwertig
[ ] nicht fest an einen Ort gebunden
[ ] ein Körperteil ist operativ entfernt
[ ] formlos, gestaltlos

amputiert [ ] doppelsinnig
[ ] doppelwertig
[ ] nicht fest an einen Ort gebunden
[ ] ein Körperteil ist operativ entfernt
[ ] formlos, gestaltlos

amorph [ ] doppelsinnig
[ ] doppelwertig
[ ] nicht fest an einen Ort gebunden
[ ] ein Körperteil ist operativ entfernt
[ ] formlos, gestaltlos

Ballett [ ] Eintrittskarte, Zettel, Briefchen
[ ] Salonspiel mit Kugeln
[ ] Bühnentanz
[ ] abschließender Überblick
[ ] Glanz, Feinheit

Billett [ ] Bühnentanz
[ ] Eintrittskarte, Zettel, Briefchen
[ ] Salonspiel mit Kugeln
[ ] abschließender Überblick
[ ] Glanz, Feinheit

Bilanz [ ] Bühnentanz
[ ] Eintrittskarte, Zettel, Briefchen
[ ] Salonspiel mit Kugeln
[ ] abschließender Überblick
[ ] Glanz, Feinheit

Billard [ ] Bühnentanz
[ ] Eintrittskarte, Zettel, Briefchen
[ ] Salonspiel mit Kugeln
[ ] abschließender Überblick
[ ] Glanz, Feinheit

Brillanz [ ] Bühnentanz
[ ] Eintrittskarte, Zettel, Briefchen
[ ] Salonspiel mit Kugeln
[ ] abschließender Überblick
[ ] Glanz, Feinheit

Chaise [ ] Glücksfall, glückliche Gelegenheit
[ ] Durcheinander, totale Verwirrung
[ ] halb verdeckter Wagen, altes Auto
[ ] Schweizer Häuschen, Hütte

Chaos [ ] Glücksfall, glückliche Gelegenheit
[ ] Durcheinander, totale Verwirrung
[ ] halb verdeckter Wagen, altes Auto
[ ] Schweizer Häuschen, Hütte

Chalet [ ] Glücksfall, glückliche Gelegenheit
[ ] Durcheinander, totale Verwirrung
[ ] halb verdeckter Wagen, altes Auto
[ ] Schweizer Häuschen, Hütte

Chance [ ] Glücksfall, glückliche Gelegenheit
[ ] Durcheinander, totale Verwirrung
[ ] halb verdeckter Wagen, altes Auto
[ ] Schweizer Häuschen, Hütte

C 3.5 Synonyme und Antonyme

Synonyme sind sinnverwandte Wörter (griechisch syn ‘zusammen, miteinander’ + onoma ‘Name’). Echte Synonymie gibt es wohl im Bereich der Denotate (Apfelsine — Orange, Arzt — Doktor in der Umgangssprache), aber kaum, wenn man die Konnotationen mit berücksichtigt; bei Orange ist die Farbe ein Bedeutungsmerkmal, das Wort ist aus französisch pomme d’orange abgeleitet; bei Apfelsine ist die Formähnlichkeit mit Apfel ausschlaggebend, das Wort kommt aus dem niederländischen appelsien. In Goethes Kennst du das Land, wo die Zitronen blühn, / im dunkeln Laub die Goldorangen glühn ... (Anfang des Gedichtes Mignon) kann es nicht nur wegen des Versmaßes und des Rhythmus wohl kaum heißen... wo die Goldapfelsinen glühn.

Es gibt viele sinnverwandte Wörter; Synonymenwörterbücher stellen sie zur Verfügung. Hier vier Beispiele; ein Semikolon trennt dabei Bedeutungsgruppen:

Brauch: Sitte, Gewohnheit, Brauchtum, Gepflogenheit, Übung, Überlieferung, Mode

dick: beleibt, korpulent, mollig, vollschlank (!), rundlich, üppig, pummelig, drall, wohlgenährt, fett, feist, stark, stämmig, füllig, gemästet, pausbäckig, dickwanstig, massig, fleischig; aufgetrieben, aufgedunsen, geschwollen, aufgebläht; entzündet, verdickt

essen: speisen, verzehren, tafeln, dinieren, schlemmen, achilen, fressen; (sich) ernähren; naschen, knabbern; löffeln

wenig: nicht viel, kaum etwas, gering, selten, spärlich, vereinzelt, in kleiner Zahl; dürftig, winzig, kümmerlich, kärglich, mager, lächerlich, verschwindend, belanglos, unbedeutend

Antonyme sind Gegenwörter (griechisch anti/anto ‘gegen, gegeneinander’ + onoma ‘Name’.

Antonyme findet man häufig bei Adjektiven:
dick — dünn, groß — klein, laut — leise, klug — dumm, lang — kurz, schön — hässlich usw.

Das liegt daran, dass für die Bewertung des Gegensatzes eine Bezugsgröße gegebne sein muss, vergleiche:
alt — jung (Leberwesen, auch Pflanzen) und alt — neu (Sachen, Artefakte, Erfindungen, Gedanken).

Adjektive sind ja auch die Wörter, die man grammatisch in der Steigerung skalieren kann, und so kommt man auf eine ausdifferenzierte Skalierungsleiste:

größte (am größten) — größer — groß — kleiner — kleiner — kleinste (am kleinsten).

Hier gibt es seltsame Verschiebungen beim Gebrauch des Komparativs:
Ein besser Note ist schlechter als eine gute Note und eine ältere Dame ist jünger als eine alte Dame.

Bedeutung von Synonymie und Antonymie für den Stil.

Die Bedeutung der Synonyme für den Stil ist klar: Die rhetorische Figur der ð Variation lebt geradezu davon (s. S.n )

Antonyme spielen eine wichtige Rolle bei der rhetorischen Figur der ð Antithese, manchmal in Verbindung mit dem ð Chiasmus (syntaktische Überkreuz-Stellung): Der Wahn ist kurz, doch ewig währt die Reue. (Schiller, Die Glocke,. S. S.n )Die Steigerung wird auch als Stilmittel in Verbindung mit dem Dreischritt eingesetzt.
Zu den rhetorischen Figuren siehe Kap. F)

Antonyme ( nicht nur mit Adjektiven) und manchmal zugleich Steigerung (bei Adjektiven) findet man z. B. in Sprichwörtern, und in den scherzhaften Sprüchen arbeitet Wilhelm Busch mit Antonymen und der rhetorischen Figur der Antithese.

Je fetter der Floh, desto magerer der Hund.
Besser schlecht geritten, als gut gelaufen.
Ein ehrliches Nein ist besser als zwei falsche Ja.
Der Tadel des Weisen ist besser als das Lob des Narren.
Kleine Diebe hängt man, die Großen lässt man laufen.
Kleine Kinder, kleine Sorgen — große Kinder, große Sorgen.
Je kürzer die Tage, desto länger die Nächte.
Reden ist Silber, schweigen ist Gold.
Kein Narr ist so dumm, er findet nicht einen, der ihn für klug hält.
Auch eine schwarze Kuh gibt weiße Milch.
Wer andere schwarz macht, ist selber noch nicht weiß.
Dicke Bäuche, leere Köpfe.
Aus einem Körnchen Wahrheit bäckt die Lüge ein Brot.
Je stärker Fleisch, je schwächer Geist.
In der Jugend wild, im Alter mild.Die Tugend will nicht immer passen,
im Ganzen lässt sie etwas kalt.
Und wenn man eine unterlassen,
vergisst man’s bald.

Doch schmerzlich denkt manch alter Knaster,
wenn es von seiner Jugend träumt,
an die Gelegenheit zum Laster,
die er versäumt.

 

Die Tugend, dieser Satz steht fest,
ist stets das Böse, was man lässt

 

Wilhelm Busch: Goldener Humor, Peters Verlag Berlin o. J. S.242

Als Beispiel für Variation siehe Heines Gedicht über Schwalbe, Nachtigall und Gimpel Teil D, S. 2.

Antonyme werden in der Psychologie im so genannten "Semantischen Differential" eingesetzt, um unterschwelligen Einstellung gegenüber allem Möglichen zu ermitteln, etwa wenn ein neuer Produktname gesucht wird. Man stellt antonyme Adjektivpaare gegenüber und lässt auf einer Skala von 1 bis 7 mit halben Zwischenskalierungen ankreuzen, wie die Versuchspersonen ohne nachzudenken bei Nennung eines Begriffes oder Namens die Skalierung empfinden. Die folgende Grafik ist dem Buch "Gruppendynamik" von Petzer R. Hofstätter entnommen, der amerikanischen Studenten das Wort und damit das Lebensgefühl lonesomeness nannte (ausgefüllte, schwarze Kreise) und deutschen Einsamkeit (offene Kringel).Trotz allerhand Parallelen wird deutlich, dass die deutschen Vpn Einsamkeit deutlich weniger negativ eingestuft haben als die amerikanischen Vpn.

(Peter R. Hofstätter: Gruppendynamik. rororo 38, Hamburg 1957, S. 64)