Kleines Glossar zur Idiomatik (Phraseologie)

Aus Bünting: Redensarten, Sprichwörter, Geflügelte Worte, Chur 1995, S. 251-256 (vergriff en), ergänzt und überarbeitet.

Redensarten, Sprichwörter, Geflügelte Worte sind nur ein Teil des zweiten Wortschatzes, der in vielen Texten vorkommt und in unseren Köpfen in Form von festen Wendungen gespeichert ist. Dieses kleine Glossar stellt weitere solcher festen Wendungen vor. Der Begriff Idiomatik faßt sie zusammen. Das Wort kommt vom griechischen Wort Idiom, welches zunächst ‘Eigentümlichkeit’ bedeutet und dann die Spracheigentümlichkeiten eines einzelnen Menschen, eines Dialektes, einer Gruppe meint. Die Idiomatik ist die Lehre von den Sprechweisen und Ausdrucksformen; manche Wissenschaftler sprechen auch von Phraseologismen, vom griechischen Wort Phrase mit der Bedeutung ‘Satz’; auch dieser Begriff weist darauf hin, daß es sich um feste Wortverbindungen handelt. Unter Phrase versteht man in der Standardsprache allerdings ‘dummes Geschwätz’. Im folgenden Glossar werden insbesondere auch die Floskeln der mündlichen Rede, der Alltags— und Umgangssprache mit aufgeführt.

Abtönungspartikel: also — ei — ey — gell — gelle — ha noi — ja — ne — nich — nö — oder — sodele — wa — woll ?
In der mündlichen Rede findet man viele solcher Einsprengsel; sie sind typisch für die Umgangssprache und regional verschieden. Die Sprachwissenschaft nennt sie in der Grammatik Empfindungswörter (Interjektionen) und in der Kennzeichnung der mündlichen Umgangssprache Abtönungspartikel; der Begriff soll darauf hinweisen, daß hier ein laufender Kommentar zum Gesagten gegeben wird. Diese Einsprengsel sind die Schmier— und Gleitmittel des Gesprächs, der mündlichen Verständigung, die einen ständigen Kontakt zwischen den Gesprächspartnern sichern sollen. Die hier aufgeführten Abtönungspartikel sind Kontaktwörter, mit denen man beim Sprechen den Kontakt zum anderen herstellen will oder auch Bestätigung sucht für das, was man gesagt hat. Hör mal, ey, ich will dir mal was sagen... — Heute ist aber schlechtes Wetter, woll! — Das stimmt doch, oder? Regional verteilen sie sich etwa so: also ist Eröffnungswort vieler Referate und Diskussionsbeiträge (Also dazu möchte ich folgendes sagen ...); ei in Frankfurt am Anfang einer Äußerung; ey in Essen und darüber hinaus in der Jugendsprache überhaupt; gell oder gelle in Mannheim und Frankfurt, häufig am Ende einer Äußerung; ha noi in Schwaben am Anfang einer Äußerung; ja mit aufsteigender Stimme im Bergischen, z. B. in Solingen; nich als verkürztes und verschliffenes nicht wahr? in Hamburg; ne oder entsprechend in ganz Deutschland; oder? mit aufsteigender Stimme in der Schweiz immer am Ende einer Äußerung; sodele in Freiburg; wa als Kurzform für was in Berlin, woll am Ende einer Äußerung in Hagen, ...
Sehr häufig hört man ein unartikuliertes öö, öm, mm; es zeigt, daß jemand nachdenkt, seine Äußerung noch plant. Die Sprachwissenschaft nennt dieses Phänomen Sprechplanung; man ist noch dabei, seine Gedanken zu ordnen. Der Dichter Heinrich von Kleist (1777—1811) hat über die Sprechplanung eine berühmte Abhandlung geschrieben mit dem Titel "Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden".
Das störende öö, öö müssen sich Menschen abtrainieren, die viel öffentlich reden, also Lehrer und Dozenten, Rundfunk- und Fernsehmoderatoren, Pressesprecher, Politiker usw. Es ist nicht schlimm, eine kurze Pause zu machen, wenn man seine Gedanken noch ordnen muß und die richtigen Wörter sucht; die öös und öhöms stören den Zuhörer, eine Denkpause nicht.
Anders die folgenden Abtönungspartikel: aha — auhauaha — hmhm — jaha — naja — nana — oh — oha — oho — ttttt ... Diese Abtönungspartikel sind eingestreute Kommentare eines zuhörenden Gesprächspartners. Sie sind beim Telefonieren besonders wichtig. Machen Sie einmal den Test und unterdrücken Sie diese Zwischentöne, während Ihr Gesprächspartner am Telefon Ihnen etwas erzählt; er oder sie wird sehr verunsichert sein und ganz schnell nachfragen, ob Sie überhaupt noch zuhören oder ob die Leitung unterbrochen ist.

Abzählreim: Abzählreime gehören zu Kinderspielen; sie sind regional abgewandelt; der Reim hilft, sie fester ins Gedächtnis einzuprägen: Ich und du, Müllers Kuh, / Müller Esel, das bist du!Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben; / eine alte Frau kocht Rüben; / eine alte Frau kocht Speck. / Und du bist weg! — Eine kleine Micky Maus, / zog sich mal die Hosen aus, / zog sie wieder an / und du bist dran!

Anfeuerungsruf: Anfeuerungsrufe gehören zum Sport, in die Fußballstadien, Eishockeyhallen, Handballhallen, an die Skipisten und Marathonstrecken; je nach Sportart fallen sie verschieden aus; die Fans versuchen, Reime zu machen, Ihre Mannschaft anzufeuern und den Gegner herabzusetzen; oft werden die Sprüche gesungen, manche sind auf selbstgemalten Plakaten und Bettüchern zu finden: Hi, ha, ho — ... ist k.o. — Zebras in den Zoo (wenn der Gegner der MSV Duisburg mit dem Zebramaskottchen ist) — Bayern! Bayern! Bayern! — Bee Vau Beehee! Bee Vau Beehee! — Ha Es Vau —jau! — Komm! Komm! Komm! (wenn ein Eishockeyspieler eine Zweiminutenstrafe bekommt und vom Eis muß) — Zickezacke, zickezacke, hoi, hoi, hoi! — Hopp! Hopp! Hopp! (an den Slalomhängen der Skiläufer und Skiläuferinnen) usw. Für die großen Fußballvereine gibt es viele Sprüche und auch Maskottchen als Aufkleber; dahinter steckt inzwischen eine ganze Industrie, und die Vereine haben keine schlechten Einnahmen vom Verkauf dieser Souvenirs, Maskottchen, Trikots, Fahnen, Schals und eben auch Sprüche.

Anekdote: ð Aperçu

 

Antisprichwort: als Antisprichwörter bezeichnet der Sprachwissenschaftler Wendungen, die den Sprichwörtern und Redensarten nachgemacht sind, die sie sogar oft abwandeln, die aber eher sprachliche Eintagsfliegen sind (so im Vorwort zu Wolfgang Mieders zweibändiger Sammlung Antisprichwörter, Wiesbaden 19853); im Zeitalter der ð Graffiti sind sie überall anzutreffen. Hier einige Beispiele von Mieder bzw. an Fahrstuhlwänden und Autobahnbrücken gefunden: Wenn Sie mir auf dem Kopf herumtanzen wollen, sind Sie auf dem Holzweg! — Hummer ist der beste Koch. — Lieber Arm ab als arm dran. — Freiheit für Grönland — weg mit dem Packeis! — Wer andern eine Grube gräbt, sieht gern hinein. — Wer andern eine Grube gräbt, schwitzt. — Wer andern in der Nase bohrt, ist sich des rechten Weges nicht bewußt. — Gelegenheit macht Liebe. — Der Apfel fault nicht weit vom Stamm. — Wer den Pfennig nicht ehrt, rechnet mit der Inflation. — Unrecht Gut gedeihet gut! — Freiheit für die Wände — Weg mit den Graffiti!

Aperçu: aus dem Französischen mit der Bedeutung ‘flüchtiger Blick’; so nennt man geistreiche Einfälle und Bemerkungen, die aus dem Augenblick geboren werden; sie heißen auch Bonmot (französisch für ‘gutes Wort’). Wenn sie mit bekannten Persönlichkeiten verbunden werden, werden sie zu Anekdoten. — Sagt der Bürgermeister beim Frühschoppen des Erntedankfestes: Ich weiß, die ganze Stadt steht hinter mir. Kommt eine Stimme aus dem Festzelt: Jawohl, aber mit 'nem Knüppel! — Vom ersten Bundespräsidenten Theodor Heuss gibt es solche Aperçu—Anekdoten. Bei seinem Antrittsbesuch bei der neuen Bundeswehr soll Heuss gesagt haben: Na, denn siegt mal schön! Und wenn es irgendwo gemütlich wurde beim Schoppen nach einem offiziellen Besuch und seine vom Protokoll bestimmte Zeit um war, soll er schon einmal gesagt haben: Also, der Bundespräsident geht; aber der Heuss bleibt hocke.

Aphorismus: von griechisch aphorizein mit der Bedeutung ‘abgrenzen, definieren’; Aphorismen sind knappe, geistreiche Formulierungen; sie sind Gedankensplitter mit einer Spitze gegen alltägliches Denken und alltägliche Gewohnheiten. — Wir fressen einander nicht, wir schlachten uns bloß. — Sagt, ist noch ein Land außer Deutschland, wo man die Nase eher rümpfen lernt als putzen? — Es gibt Leute, die können alles glauben, was sie wollen, das sind glückliche Geschöpfe. — Aus dem Blöken des Kindes ist die Sprache so geworden wie aus dem Feigenblatt ein französisches Galakleid. — Es läßt sich ohne sonderlich viel Witz (= Verstand) leicht so schreiben, daß ein anderer sehr viel haben muß, um es zu verstehen. [Alle bisherigen Beispiele vom berühmten Aphoristiker, de Göttinger Mathematikprofessor Georg Christoph Lichtenberg (1742—1799)] — Seit er verkrustet ist, hält er sich für sein eigenes Denkmal. [Stanislaw Jerzy Leç, Spätlese unfrisierter Gedanken, München 1976]

Ausrufewort: deutsche Bezeichnung für die ð Interjektion

Bonmot: siehe Aperçu

Distichon: aus griechisch dis ‘doppelt’ und stichos ‘Vers’; ein kurzer Zweizeiler mit einer Pointe. Bekannt sind Distichen von Goethe und Schiller, zum Beispiel Schillers Distichon über Form und Wirkung der alten griechischen Versmaße des Hexameter (Sechstakter) und Pentameter (Fünftakter), die zugleich diese beiden Versmaße vorführen: — Im Hexameter steigt des Springquells flüssige Säule, / Im Pentameter drauf fällt sie melodisch herab. ð auch Sinngedicht und Skript S. n

Empfindungswort: deutsche Bezeichnung für die ð Interjektion

Epigramm: vom griechischen epigramma mit der Bedeutung ‘Inschrift, Aufschrift’; ursprünglich Aufschriften auf Gebäuden, Denkmälern, später als Kurztexte in Büchern: Wissenschaft: Einem ist sie die hohe, die himmlische Göttib, dem anderen / Eine tüchtige Kuh, die in mit Butter versorgt. (Goethe, Werke a.a.O Erster Band, S. 211). Musik oft störend wird empfunden, / weil stets sie mit Geräusch verbunden. (Wilhelm Busch: Die Fromme Helene, a.a.O. n n n )— Später wurden alle kurzen Sinnsprüche und ð Sinngedichte so genannt.

Epithaph: Epigramm als Grabinschrift. Berühmt ist das Epitaph der Grabinschrift griechischer Gefallener aus der Zeit der Perserkriege (etwa 500 v.Chr.): Wanderer, kommst du nach Sparta, verkünde dorten, du habest / uns hier liegen gesehen, wie das Gesetz es befahl.

Floskeln: Floskeln nennt man Füllformeln wie Also hör'n Se mal — allen Ernstes — andersherum gefragt — ehrlich — jedenfalls — kurz und gut — mach keine Geschichten — net wahr? — ohne langes Gerede — überhaupt und so ... In unserer Zeit der tagtäglichen (auch so eine Floskel) Interviews und Life-Sendungen sind die Radio- und Fernsehwellen voll davon.

Er war so von der klassischen Bildung durchdrungen, daß er statt angenommen immer Agamemnon sagte.

Geflügelte Worte: So nennt man Sprichwörter und Redensarten, bei denen der Autor bekannt ist; der Begriff geht zurück auf Homers öfter gebrauchten Ausdruck ... und sprach die geflügelten Worte; ð Skript S. n

Graffiti: Graffito, Mehrzahl Graffiti aus dem Italienischen mit der Bedeutung ‘in Stein geritzte Inschrift’; Graffiti werden heute eher mit Spraydosen an die Wände gesprayt. Hier finden sich viele ð Antisprichwörter, aber auch Zeichnungen und Bilder usw. Ein Beispiel aus einem Fahrstuhl der Universität Essen: Alle, die schimpfen über Elche, waren früher selber welche. —Die Wörter waren früher war eine Woche später durchgestrichen und darüber stand werden später.

idiomatischer Ausdruck, idiomatische Wendung: So werden die festen Redewendungen genannt; vgl. dazu die Vorbemerkung zum Glossar

Interjektion: grammatischer Begriff, wörtlich ‘das Dazwischengeworfene’; so werden die ð Abtönungspartikel in der Grammatik genannt. Die Interjektionswörter können Empfindungswörter wie au, oh, Ausrufswörter wie dalli, dalli! oder auch echte Wörter wie nein, los, aber usw. sein. Sie werden beim Schreiben durch Kommas oder Gedankenstriche abgetrennt, da sie keine Verbindung mit den anderen Wörtern des Satzes eingehen: Jetzt geht es — dalli, dalli! — aber endlich los!

Klospruch: Klosprüche hat es wohl schon zu allen Zeiten gegeben, jedenfalls findet man sie schon in altrömischen Ausgrabungen. Sie sind derb, beziehen sich auf Dinge des Klos oder auch auf Sexuelles. — Haste was, pisste was. [Titel eines Buches über Klosprüche, herausgegeben von Bernd Thomsen, München 19853]; weitere Beispiele aus diesem Buch.] — Was ist ein Furz? Der verzweifelte Versuch, den Arsch zum Reden zu bringen. — Die Nase ist die Bohrinsel des kleinen Mannes. — Nicht aus diesem Buch, sondern direkt von einer Klowand: Was ist der Mensch? Ein gelungener Fick. — Wer im Glashaus sitzt, sollte im Keller scheißen.

Lehre: In lehrhaften Texten wird am Schluß manchmal eine "Moral", eine Lebensweisheit wörtlich ausformuliert. In Luthers Fabeln erscheint sie als "Lehre" (in Luthers Rechtschreibung "Lere"): DEr Welt lauff ist, / wer Frum sein will, der mus leiden, / solt man eine Sache vom alten Zaun brechen, / Denn Gewalt, gehet fuer Recht, / Wenn man dem Hunde zu wil, / so hat er das Ledder gefressen. / Wenn der wolff will, / so ist das Lamb unrecht. (ªVom Wolff vnd Lemlin´, Fassung von 1557, Kommasetzung modernisiert*)
In Johann Peter Hebels Kalendergeschichten* stehen solche lehrhaften Sprüche hin und wieder als Schlußfolgerung Das muß der Rheinländische Hausfreund loben ... (ªSchlechter Lohn´). Wohl dem, der sich in der Not zu helfen weiß. (ªDas seltsame Rezept´*)
Wilhelm Busch* hat es scherzhaft auf den Punkt gebracht: Und die Moral von der Geschicht’, bad zwei in einer Wanne nicht." (ªDas Bad am Samstagabend´; zwei Jungen haben ein Badevergnügen zu zweit in einem Bottich mit einer riesigen Sauerei am Schluß veranstaltet.)
*Quellen: Martin Luther aus: Erwin Arndt/Gisela Brand, Luther und die deutsche Sprache. VEB Biobliographisches Institut Leipzig 1983, S. 69. — Johann Peter Hebel: Poetische Werke, Winkler Verlag München o.J. S. 137 und 140. — Wilhelm Busch: Narrheiten und Weisheiten; Kapitel Bildergeschichten. Büchergilde Gutenberg Frankfurt a. M. 1959, S. 48

Maxime: aus dem lateinischen ‘oberster Grundsatz’; Maximen sind Lebensregeln, etwa der Bibelspruch Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Bekannt ist auch der Spruch von Immanuel Kant: Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.

Metapher: von griechisch metaphorein ‘herübertragen’; Metaphern sind sprachliche Bilder, die zu übertragenen Bedeutungen von Wörtern werden können, z. B. wenn das Wort Bein nicht nur die Gliedmaße bedeutet, sondern ’Tischbein, Stuhlbein, Stativbein’, oder wenn die Haube nicht mehr auf dem Kopf der Krankenschwester sitzt, sondern den Motor des Autos bedeckt. Hier wird jeweils ein Teil der ursprünglichen Wortbedeutung in den neuen Kontext hinüber getragen. Metaphern werden in der Dichtung wie in der täglichen Rede benutzt. Die bildhaften Ausdrücke der Redensarten und Sprichwörter sind ursprünglich Metaphern. Siehe auch das Gedicht von Heinrich Heine unten im Stichwort sprachliches Bild. (ð dazu Skript S. n )

Moral: siehe Lehre

Phrase: jemand drischt Phrasen, sagt man und meint, daß er nichtssagend und dumm daherschwätzt; siehe dazu auch den Begriff Floskel.

Phraseologismus/-men: Oberbegriff für praktisch alle hier aufgeführten Begriffe

Redensart: Redensarten sind bildhafte Wendungen, die keinen abgeschlossenen Satz bilden und überall eingebaut werden können: den lieben Gott einen guten Mann sein lassen; seinem Affen Zucker geben; sich das Blaue vom Himmel zusammenlügen; den Bock zum Gärtner machen; jemanden an den Pranger stellen; um gut Wetter bitten, Fersengeld geben; jemandem das Wasser abgraben; etwas vom Kopf auf die Füße stellen; die Sau rauslassen, ...

Redewendung: Redewendung ist ein allgemeinerer Begriff für Redensarten, Floskeln usw.

Sagwort: Sagwörter legen einem Menschen einen Satz in den Mund und lassen ihn anschließend eine überraschende Konsequenz daraus ziehen. Sie haben eine ganz alte Tradition und kommen in vielen Kulturen vor: Ein Ei ist ein Ei, sagte der Pfarrer und nahm sich das Entenei. (Es ist größer als das Hühnerei.) — Eine gute Versicherung ist viel wert, sagte der Bauer und zündete die Scheune an. — Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg, sagte er zu ihr; aber es blieb beim Willen.

Schüttelreim: Schüttelreime sind Reime, bei denen in den Reimwörtern die Buchstaben vertauscht werden. Diese Form findet man in Graffiti und natürlich in Sprachspielen.
Er versucht den Schüttelreim, / doch es wurd' nur Rüttelschleim. — Und es steigt aus dem Schattenreich, / der fette alte Rattenscheich. — Wer denkt schon am Sonntagmorgen, / an die blöden Montagsorgen. — Wenn ich auch aus der Rolle tanz’, / erwarte ich doch Toleranz. — Und es wirft den Schatten weit / der Silbermond von Wattenscheid. (ð Skript S. n )

 

Sentenz: von lateinisch sententia ‘Meinung, Urteilsspruch, Gedanke’; Sentenzen sind ausformulierte Gedanken, oft moralischer Art. In der Literaturwissenschaft wird der Begriff als Oberbegriff für Maximen, Sinnsprüche, Geflügelte Worte usw. genommen, wenn sie eine Lebensweisheit oder Lebensregel enthalten: Edel sei der Mensch, hilfreich und gut. [Johann Wolfgang Goethe]

Sinngedicht: das ist der deutsche Name für das ð Epigramm; Friedrich von Logau (1604—1655) hat eine ganze Reihe solcher kurzen Sinngedichte verfaßt:
Ehstand des Herzens und der Zunge
Das Herz und Zung ist wie vermählt,
Die zeugen Kinder ungezählt.
Wann beide sie nicht eines sind,
Wird jedes Wort ein Hurenkind.
Gottfried Keller (1819—1890) hat einen Novellenzyklus mit dem Titel ªDas Sinngedicht´ geschrieben und ein Sinngedicht von Logau als Motto verwendet:
Wie willst du weiße Lilien zu roten Rosen machen?
Küß eine weiße Galathee, sie wird errötend lachen.
Galatheen waren in der griechischen Mythologie die Töchter des Meeresgottes Nereus; sie waren Göttinnen der Schönheit, oft dargestellt auf einer Muschel.

Sinnspruch: ð Epigramm

Slogan: Slogans sind Schlagwörter der modernen Werbung und Politik. Im Herbst 1989 konnte man in der DDR zum Beispiel an den auf Pappen und Bettüchern usw. geschriebenen Slogans das große Tempo der Veränderungen, der Wende (das ist auch ein solcher Slogan), ablesen: Wir sind das Volk. — Wir sind ein Volk. — Deutschland, einig Vaterland. (Das ist zugleich Zitat aus der Johannes-Becher-Hymne der DDR, die deshalb lange Zeit nicht im Wortlaut gesungen werden durfte; es wurde nur die Melodie gespielt.)

sprachliches Bild: sprachliche Bilder sind in Redensarten, Sprichwörtern usw. enthalten. Die Sprach- und Literaturwissenschaft spricht genauer von Metaphern, von übertragenen Bedeutungen. Sie können schon in einzelnen Wörtern sein, zum Beispiel aus der Zeit des Zusammenrückens der beiden deutschen Staaten und der Wiedervereinigung die Wörter Blockflöte (Mitglieder der Blockparteien der DDR, die in die entsprechenden Parteien der Bundesrepublik übergingen), Wendehals (ein Mensch, der sich sehr schnell von den alten auf die neuen Machtverhältnisse nach der Wende einstellte; das Wort wurde in den frühen 1980er Jahren schon einmal gebraucht, als die F.D.P. die Regierung von Bundeskanzler Helmut Schmitt verließ und Helmut Kohl Bundeskanzler wurde; mit dem Wort die Wende herbeiführen war 1978 Wahlkampf geführt worden.) und Mauerspecht (diejenigen, die aus der Berliner Mauer Stücke herausschlugen und gegen gutes Geld verkauften). Sprachliche Bilder können auch ganze Texte durchziehen wie im folgenden kleinen Gedicht von Heinrich Heine, in dem die Bäume des Waldes zu Menschen werden:
Die Mitternacht war kalt und stumm;
Ich irrte klagend im Wald herum.
Ich habe die Bäum aus dem Schlaf gerüttelt;
Sie haben mitleidig die Köpfe geschüttelt.

[Heinrich Heine, Buch der Lieder, zitiert nach: Sämtliche Schriften, Band 1, S. 101, München 1976]

Sprichwort: Sprichwörter sind in sich abgeschlossene bildhafte Ausdrücke, meistens mit einer Lehre oder Volksweisheit verbunden, zu der es nicht selten ein Gegensprichwort gibt; das ist dann kein ð Antisprichwort, sondern ein echtes Sprichwort mit gegensätzlicher Lehre.
Frisch gewagt ist halb gewonnen. — Eh' wäg's, dann wag's.
Eile mit Weile. — Wer rastet, der rostet.

sprichwörtliche Redensart: ein Oberbegriff für Sprichwörter und Redensarten
So im Titel eines entsprechenden Buches: Lutz Röhrich; Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten, Freiburg im Breisgau 1973 (Nachdrucke, auch als Taschenbuch)

Stilblüte: Stilblüten sind unfreiwillig falsche und komisch wirkende Formulierungen:
Auf Ihre Anzeige "Chorleiter und Organist, Herr oder Dame, gesucht" bewerbe ich mich. Ich bin beides eine Zeitlang gewesen.
Der Zahn der Zeit, der schon so manche Träne getrocknet hat, wird auch über diese Wunde Gras wachsen lassen.

 

Kleiner Test zu Geflügelten Worten und in ihnen vorkommende Gestalten der griechischem Mythologie

(1) Wer hat den Rubicon überschritten und dabei gesagt "Der Würfel ist gefallen."?

[ ] Achilles [ ] Alexander [ ] Caesar
[ ] Herkules [ ] Odysseus

(2) Wer hat sein Schiff zwischen Skylla und Charybdis durchgesteuert, wobei die Skylla sechs Mann von Bord holte?

[ ] Achilles [ ] Alexander [ ] Caesar
[ ] Herkules [ ] Odysseus

(3) Wer hat den gordischen Knoten durchhauen?

[ ] Achilles [ ] Alexander [ ] Caesar
[ ] Herkules [ ] Odysseus

(4) Wer war unverletzbar, weil ihn seine Mutter als Kind in den Fluss Styx getaucht hatte? Dabei hielt sie ihn an der Ferse, und dort traf ihn der Pfeil des Paris im Kampf vor Troja.?

[ ] Achilles [ ] Alexander [ ] Caesar
[ ] Herkules [ ] Odysseus

(5) Wer hatte sich die List mit dem hölzernen Pferd ausgedacht, in dessen Bauch die griechischen Kämpfer saßen, welche sich die Trojaner selbst in die Stadt holten?

[ ] Achilles [ ] Alexander [ ] Caesar
[ ] Herkules [ ] Odysseus

(6) Wer hat der Hydra die stets nachwachsenden Köpfe ausgebrannt und ihr den letzten mit einem goldenen Schwert abgeschlagen?

[ ] Achilles [ ] Alexander [ ] Caesar
[ ] Herkules [ ] Odysseus

(7) Wer befahl seiner Schiffsmannschaft, sich die Ohren mit Wachs zu verstopfen, ließ sich aber selbst am Mast festbinden, um den betörenden Gesang der Sirenen zu hören.

[ ] Achilles [ ] Alexander [ ] Caesar
[ ] Herkules [ ] Odysseus

(8) Wer hat Hektor, den ältesten Sohn des Königs Priamos, erschlagen und seine Leiche um die Stadt geschleift?

[ ] Achilles [ ] Alexander [ ] Caesar
[ ] Herkules [ ] Odysseus

(9) Wer sollte vom Vater Agamemnon geopfert werden, damit die griechischen Schiffe Wind für die Fahrt nach Troja bekamen, wurde aber von einer Göttin in eine Wolke gehüllt und nach Tauris gebracht?

[ ] Iphigenie [ ] Helena[ ] Kassandra [ ] Klytmnestra

(10) Wer hat den siegreich heimkehrenden Agamemnon im Bad erschlagen und die mitgebrachte Kassandra dazu, wurde dann aber vom Sohn Orest erschlagen, der darüber wahnsinnig wurde?

[ ] Iphigenie [ ] Helena[ ] Kassandra [ ] Klytmnestra

(11) Wegen wem ist der trojanische Krieg ausgebrochen, weil sie ihrem Mann Menelaos mit dem Prinzen Paris fortgelaufen ist.?

[ ] Iphigenie [ ] Helena[ ] Kassandra [ ] Klytmnestra

(12) Wer hat den Untergang Trojas vorhergesagt?

[ ] Iphigenie [ ] Helena[ ] Kassandra [ ] Klytmnestra

(13) Wer war Sisyphus?

[ ] (a) Der Mann, der in der Unterwelt stets einen Stein den Berg hinaufrollt, der wieder herunterrollt?

[ ] (b) Der Mann, der bis zum Hals im Wasser steht, über dem Weintrauben hängen, die er nicht erreichen kann?

[ ] (c) Der Mann, der die Welt auf den Schultern trägt?

[ ] (d) Der Mann, dem ein Adler ständig die Leber aushackt, die ihm wieder nachwächst, weil er den Menschen das Feuer gebracht hat?

(14) Und wer von den in (13) Angesprochenen war

[ ] Atlas?
[ ] Prometheus?
[ ] Tantalus mit den Tantalusqualen?