
Black-Box-Modell: Der Behaviorismus versteckt die inneren
Prozesse des menschlichen Lernens in einer Black-Box. Gegenstand der
Untersuchungen sind jeweils der (Eingangs-) Reiz und (herauskommende) Reaktion.
Variablen, die zwischen Reiz und Reaktion
liegen, finden keine Beachtung (z.B. angeborene Reaktionen, Emotionen,
Motivation oder Reifungsvorgänge).
Der Behaviorismus beschäftigt sich mit Reiz-Reaktions-Modellen: Diese lassen sich in zwei Klassen unterteilen: Der klassischen und der operanten Konditionierung.
"Klassisches Konditionieren betrifft respondentes Verhalten, das
als Reaktion auf Reize ausgelöst wird [...]
Operantes Konditionieren betrifft operantes Verhalten, das als instrumentelle
Aktivität auftritt (emittiert wird)".
Lefrancois
(1994, 33)
Ein neutraler Reiz (NS) wird mit einem biologisch relevanten Reiz (UCS)
gepaart, so dass nach einigen Wiederholungen die Darbietung des ehemals
neutralen Reizes (NS) genügt, um eine Reaktion hervorzurufen, die zuvor nur
durch den UCS ausgelöst werden konnte.
Aus dem neutralen Reiz wird ein konditionierter Reiz (CS), der die
konditionierte Reaktion (CR) auslöst.
"Das Modell des Reiz-Reaktions-L. spielt eine bedeutende Rolle
- in behavioristisch orientierten Angsttheorien (Fürntratt, 1974);
- in der Verhaltenstherapie (Gegenkonditionierung, systematische
Desensibilisierung, Aversionstherapie);
- in der Motivationstheorie (Konditionierung des Aufforderungscharakters einer
Sache);
- in der Werbepsychologie (emotionale Techniken)." Asanger
& Wenninger (1999, 394)
Bei der klassischen Konditionierung ist der Lernende an die vererbten Verhaltensmuster (Reflexe) gebunden. Mit diesem Mechanismus ist nur eine beschränkte Anpassung an die Umwelt erreichbar, da das Erlernen neuer Verhaltensweisen keine Erklärung findet.
Neutrale Reize werden mit natürlichen Reizen (rufen eine biologische Reaktion hervor) verknüpft.
Auf die klassische Konditionierung wurden weitere Theorien aufgebaut:
Extinktion (engl.:
'extinction') (nach Mary Cover Jones, 1924)
Unter Extinktion versteht man den Löschungsprozess einer erlernten
Konditionierung. Durch das Ausbleiben jeglicher Verstärkung wird mit der Zeit
die erworbene Assoziation abgeschwächt und ist schließlich gänzlich gelöscht
(extingiert).
Man spricht von Extinktion, wenn die konditionierte Reaktion / der
konditionierte Reflex (CR) nicht mehr gezeigt wird, obwohl ein konditionierter
Stimulus (CS) dazu ersucht. Die Versuchshunde im Labor produzierten beim
Glockenton in hohem Maße Speichel, bekamen aber keine Nahrung. Nach einigen
Wiederholungen reagierten die Hunde immer weniger auf den Reiz der Glocke.
Die konditionierte Reaktion wird mit ausbleibender Verstärkung zunehmend schwächer und
schließlich gelöscht.
Die bedingte Reaktion (Speichelabsonderung) erfolgt nicht mehr, wenn der
bedingte Reiz (Glocke) längere Zeit nicht mehr mit dem unbedingten Reiz
(Nahrung) gekoppelt wird.
Ein unerwünschtes Verhalten kann demnach unterbunden werden, wenn der Verstärker
für dieses Verhalten ausgeschaltet wird.
Beispiel Extinktion:
Ein Kind hatte durch Konditionierung gelernt, von einem
bestimmten Lehrer Angst zu haben. Da die negativen Erfahrungen jedoch schon
lange nicht mehr aufgetreten sind, hat das Kind vor diesem Lehrer heute keine
Angst mehr.
spontane
Erholung (engl.: 'spontaneous recovery')
Während eines Löschvorganges (Extinktion), in dem ein Individuum für eine
bestimmte Verhaltensweise nicht mehr verstärkt (konditioniert) wurde, zeigt
dieses Individuum plötzlich wieder diese Verhaltensweise.
"Man nennt ein solches spontanes Wiederauftreten während der Extinktion
eine spontane Erholung." Mietzel
(1998 b, 170)
"Man beachte jedoch, daß sich der konditionierte Speichelfluß wieder
einstellt, nachdem eine gewisse Zeit ohne jegliche Wiederholung auch des
konditionierten Reizes verstrichen ist. Diesen Effekt bezeichnet man als
"spontane Erholung". Hilgard
& Bower (1973, 70)
Beispiel spontane Erholung:
Da negative Erfahrungen mit einem bestimmten Lehrer schon
lange nicht mehr aufgetreten sind, hat das Kind vor diesem Lehrer grundsätzlich
keine Angst mehr. Ohne erkennbaren Grund entwickelte das Kind gestern jedoch
noch einmal starke Angst gegenüber diesem Lehrer.
Gegenkonditionierung
/ systematische Desensibilisierung (nach Wolpe 1958)
Ziel der Gegenkonditionierung ist es, eine bestehende Reiz-Reaktions-Verbindung durch eine andere
(bessere) zu ersetzen.
Gegenkonditionierung bedeutet, eine durch klassisches Konditionieren
erlernte Reiz-Reaktions-Verbindung durch eine weitere Konditionierung mit
anderen Reizen wieder zu verlernen bzw. neu zu konditionieren.
Beispiel Gegenkonditionierung:
Peter ist drei Jahre alt und hat Angst vor
Kaninchen. In dem Experiment sitzt der kleine Junge auf einem Stuhl und bekommt
seine Lieblingsspeise, während sich langsam ein Kaninchen nähert. Anfangs hat
Peter Angst, wenn das Kaninchen nur im Raum ist, zum Abschluss des Experiments
kann Peter das Tier auf den Schoß nehmen und streicheln (nach Mary Cover Jones,
1974).
Besonders bei Ängsten und Phobien bedient man sich häufig der systematischen
Desensibilisierung:
"Diese Verfahren [Methoden der klassischen
Konditionierung] sollen die dysfunktionalen Reaktionen des Klienten auf Stimuli
ändern (Emmelkamp 1994; Wolpe 1990). Bei der systematischen Desensibilisierung
beispielsweise lernen phobische Klienten, ruhig statt panisch auf die Objekte
oder Situationen zu reagieren, die sie fürchten (Wolpe 1990, 1987, 1958)."
Comer
(1995, 162)
"Erfolgreiche Behandlungsergebnisse werden berichtet bei Ängsten vor
Höhe, offenen Plätzen, spitzen Gegenständen, geschlossenen Räumen, dem
Fliegen, Feuer, Kontakt mit bestimmten Menschen, dem Autofahren, vor
Zahnarztbesuchen, bei Schluckängsten und auch bei posttraumatischen
Streßreaktionen." Linden
& Hautzinger
(1996, 308)
Um eine fehlerhafte Reaktionen auf Stimuli (z.B. Angst) zu verändern, kann man
unter anderem nach der
systematischen Desensibilisierung vorgehen:
Der Klient erlernt über mehrere Sitzungen verteilt, seine Muskulatur tief zu
entspannen. Anschließend stellt der Klient mit Hilfe seines Beraters eine
Angsthierarchie zusammen. Alle Situationen (Stimuli), die die Angstsituation
hervorrufen, werden stichpunktartig erfasst und hierarchisch sortiert: Vom
niedrigsten Angstauslöser bis zur gefürchtetsten Situation.
Im Zustand einer tiefen Entspannung leitet der Berater den Klienten an, die
Situationen nacheinander zu durchleben. Erst wenn eine Situation (der zuvor
erstellten Angsthierarchie) wirklich
entspannt und angstfrei bewältigt wird, geht man zur nächsten Situation über,
die ein höheres Angstpotential enthält. Ziel ist es, die angsterregenden Situationen in völliger Entspannung durchleben
zu können.
Zwei widerstrebende Reize treffen aufeinander: Einerseits die Angst
als unangenehmer Reiz und andererseits die Ruhe und Entspannung als angenehmer
Reiz. Wichtig ist hierbei, dass der positive Reiz (die Ruhe und Entspannung) stärker sein muss, als
die empfundene Angst.
Diese Kopplung führt zur Extinktion des unangenehmen Reizes (der Angst) bzw. zu
einer Neuordnung der Reiz-Reaktionsverbindung. Wurde zuvor auf einen Reiz
mit Angst reagiert, so besteht die Reaktion nun aus dem Empfinden von Ruhe und
Entspannung.
Der Klient soll in die Lage versetzt werden, auf Ereignisse, die zuvor große
Angst auslösten, entspannt zu reagieren.
Semantische
Konditionierung (nach Wolkowa)
Während die klassische Konditionierung physikalische Reize (z.B. Ton, Licht)
konditioniert, nutzt die semantische Konditionierung sprachliche Signale als
Reize. Die Bedeutung [Semantik = Wortbedeutungslehre; Lehre von der Bedeutung
sprachlicher Zeichen] bzw. der Inhalt einer Botschaft ist relevant. Sie stellt
den Reiz dar, auf den ein Individuum reagiert.
"Die Nachricht vom Tode eines nahen Verwandten kann per Telefon (akustisch) oder durch ein Telegramm (visuell) vermittelt werden, der vermittelnde Sinneskanal wie auch der physikalisch definierte Reiz spielen hierbei keine Rolle, allein der Inhalt ist entscheidend. Nur er wird ganz individuelle Gefühle und Reaktionen (z.B. Weinen) auslösen. In diesem Fall spricht man von semantischer Konditionierung." Jungwirth & Kaimberger (1998))
"Nachdem Thorndike mit dem "Lernen am Erfolg" das Prinzip der Verstärkungstheorien entdeckt hat, beschreibt Skinner (1978) etwa ab 1930 die operante Konditionierung, die heute instrumentelles L. genannt wird. Beim instrumentellen L. entscheiden die Konsequenzen, die dem Verhalten folgen, über dessen zukünftiges Auftreten." Asanger & Wenninger (1999, 394)
Die operante Konditionierung beschäftigt sich mit dem eingreifenden Verhalten: Ein Individuum unternimmt einen Eingriff ('Operation'), indem es eine Verhaltensweise zeigt, und erhält dafür eine Reaktion aus dem Umwelt. Ist diese Reaktion der Umwelt positiv, zeigt das Individuum diese Verhaltensweise in Zukunft häufiger. Wird die Reaktion der Umwelt als unangenehm empfunden, wird das Verhalten in Zukunft seltener gezeigt.
"Bei operanter oder instrumenteller Konditionierung [...] muß der Organismus erst eine Reaktion hervorbringen, bevor diese dann verstärkt werden kann. Innerhalb dieses Paradigmas steigt entweder die Häufigkeit, mit der eine spezifische Reaktion auftritt, weil sie positive Konsequenzen hat, oder aber sie sinkt, weil sie negative Konsequenzen bewirkt." Stroebe, Hewstone & Stephenson (1997, 258)
Bestimmte Verhaltensweisen werden mit bestimmten Konsequenzen assoziiert.
Bildquelle: Cziborra (2000) |
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Die Reiz-Reaktions-Modelle des Behaviorismus ignorieren die während des Lernens stattfindenden (kognitiven) Erkenntnisprozesse sowie jegliche inneren seelischen Vorgänge (Ideen, Wünsche, Motive, Glaubensvorstellungen, Denken, Fühlen und Wollen). Die Kategorisierung der Erfahrungen (im Kindesalter) wird außer Acht gelassen.
Gegen den Behaviorismus spricht weiterhin, dass sich die geistige Entwicklung nicht ausschließlich über die Sinneserfahrungen ergibt.
Eine Extinktion (Löschung) funktioniert nicht immer mit dem Entzug der Verstärker: Oftmals unterliegt eine unangepasste bzw. sozial unerwünschte Verhaltensweise einer intrinsischen Kontrolle.
Es stellt sich die Frage, ob diese (behavioristische) Auffassung für eine Erklärung des menschlichen Lernverhaltens ausreicht, da hier eher der Aufbau einer Erwartung 'erlernt' wird.
| Exkurs: (Daher hier nicht näher behandelt zur
Vollständigkeit)
Erwin R. Guthrie Der Lernprozess ist nach dieser Theorie nach der ersten
Reiz-Reaktions-Paarung abgeschlossen. |