'Kommunikation' ist erklärtermaßen der Gegenstandsbereich der Kommunikationswissenschaft, einer Wissenschaft also, die als eigenständiges Fach vielleicht ein halbes Jahrhundert alt ist, und die in vielfältiger Weise in der Sprachwissenschaft und der Sozialwissenschaft, aber auch in Konzepten der Nachrichtenübertragung und der Zeitungswissenschaft verwurzelt ist. Mittlerweile gibt es bundesweit, wenn man es nicht ganz genau mit den Abgrenzungen nimmt, etwa 20 bis 25 Diplom- und Magisterstudiengänge, die sich als 'Kommunikationswissenschaft' bezeichnen. Fast alle dieser Studiengänge greifen bei der Gestaltung ihres Curriculums auf die Traditionen der Nachrichtentechnik und/oder der Zeitungswissenschaft zurück.
Vornehmlich in Essen pflegt man mit guten Gründen dagegen die andere Traditionslinie: ausgestattet mit sprach- und sozialwissenschaftlichen Konzepten, Theorien, Modellen und Methoden richtet man mit beachtlichem Erfolg vor allem (also nicht allein) das Augenmerk auf ein 'kommunikatives Ereignis' besonderer Art - nämlich auf die Kommunikation zwischen zwei Menschen, wenn diese sich 'face-to-face' einander gegenüberstehen. Allerdings muss sehr ernsthaft überprüft werden, ob angesichts der massiven Bedeutung neuer Kommunikationstechnologien und -medien nicht verstärkt der Mensch betrachtet werden muss, der medienvermittelt kommuniziert.
'Kommunikation' ist nun aber keine (dem normalen Menschen verborgene) Daseinseinheit - wie z.B. das Atom -, das die Wissenschaft erst aufspüren und dann vermessen muss, sondern 'Kommunikation' ist der Name für einen Gegenstandsbereich, der zu einem bestimmten Zeitpunkt bestimmte Wissenschaftler/innen interessiert. Hérault de Sechelles, ein Gefährte Dantons, mit dem er auch gemeinsam den Weg unter die Guillotine antrat, schrieb im vorrevolutionären Frankreich einmal treffend über das wissenschaftliche Begriffe festlegen: "Wer gut definiert und einteilt, gleicht Gott." (Séchelles 1997: 10) Den Begriff 'Kommunikation' zu bestimmen, heißt (folgt man einmal Séchelles) also nicht, zu dieser Bezeichnung das von ihm Bezeichnete zu suchen, sondern heißt, zu bestimmen, was von dieser Bezeichnung in einem bestimmen Kontext bezeichnet werden soll. Definieren bedeutet immer, das anzugeben, was für einen von Interesse ist, also das Interessierende von dem abzugrenzen, was nicht von Interesse ist - wenn man so will: eine Unterscheidung einzuführen, die einen Unterschied macht.
Zu versuchen, eine solche (möglicherweise vorschnelle) Begriffsumgrenzung zu vermeiden, ist aus erkenntnistheoretischer, arbeitsökonomischer und alltagspraktischer Sicht weder sinnvoll noch möglich. Ohne eine zumindest heuristisch entworfene Begriffsbestimmung ist keine Aussage zur 'Kommunikation' möglich, auch nicht die, dass etwas 'Nicht-Kommunikation' sei oder dass eine Stimulus-Response-Erklärung eben keine sei. Jede Aussage zur 'Kommunikation' setzt implizit voraus, dass ein Vorverständnis darüber existiert, was 'Kommunikation' 'ist' bzw. sein soll. Auch wenn sich dieses Vorverständnis später als unpraktisch, als nicht passend herausstellt, war dieser anfängliche 'Irrtum' die Brücke, die zum Erkenntnisfortschritt führte.
Deshalb werde ich, auch auf die Gefahr hin, 'Kommunikation' unpraktisch zu bestimmen, im weiteren versuchen, das zu bezeichnen, das von dieser Bezeichnung (vorerst) bezeichnet werden soll: 'Kommunikation' ist in meinem Verständnis symbolisch vermittelte Interaktion. Kommunikation ist also stets eine Form sozialen Handelns, ihr Ausgangspunkt ist ein Handlungsproblem. Kommunikation ist der gesamte Prozess der Bearbeitung dieses Handlungsproblems. Der Begriff 'kommunikatives Handeln' bezeichnet also (um zwei weit verbreitete Missverständnisse zurückzuweisen) weder den Vorgang der Informationsübertragung von einem Sender zu einem Empfänger, noch allein den Vorgang, durch einen spezifischen Symbolgebrauch beim hörenden Gegenüber eine bestimmte innere Erfahrung hervorzurufen bzw. aufgrund von Deutungsprozessen aus dem Gehörten die spezifische innere Erfahrung des Sprechers festzustellen.
Kommunikatives Handeln ist notwendigerweise stets mehr als Informationsübertragung und/oder Verstehen. Kommunikatives Handeln ist statt dessen der gesamte Prozess der Verständigung, der Verstehen zur Voraussetzung hat, sich jedoch nicht in ihm erschöpft. Dahinter steht die Einsicht, dass es für die Kommunikationstheorie kaum etwas Sinnloseres gibt als ein situationsloses Kommunikationsmodell oder die wissenschaftliche Konstruktion einer 'idealen Sprechsituation'. Beiden fehlt, was für die Kommunikation essentiell ist: die Einbettung der Kommunikation in konkrete Situationen und die praktische Konkretion kommunikativen Handelns" (Soeffner & Luckmann 1999: 176).
Kommunikation ist also symbolvermitteltes Handeln von konkreten Menschen für konkrete Menschen, in bestimmten Situationen und bestimmten Soziallagen und: mit bestimmten Absichten. Deshalb ist jede Sprechhandlung eine soziale Handlung, d.h. sie ist an eine soziale Identität gerichtet und erwartet eine Antwort-Handlung. Das Handeln mit Hilfe von Zeichen setzt Gesellschaft voraus, da die Umgangsweisen auf Zeichen nicht in den Zeichen selbst verankert sind, sondern vor allem gesellschaftlich verbürgt sind.
Deshalb sind die Ergebnisse der Sozialwissenschaften und hier insbesondere der Soziologie für die Kommunikationswissenschaft von kaum zu überschätzender Bedeutung. Eine Allgemeine Kommunikationswissenschaft, die sich mit der Rekonstruktion der strukturellen Merkmale von Sprecher und Hörer, des Zeichens und der Zeichenbildung zufrieden gibt, also auf die Untersuchung der Situiertheit und sozialen Fundierung von Kommunikation verzichtet, ist eine Kommunikationswissenschaft ohne Herz und Hirn: sie ist ohne Leben und ohne Verstand, kann sie doch nicht verstehen, weshalb z.B. die 53-jährige Helga Peters die Wortfolge ihres Mannes "Kannst Du mal das Fenster schließen?" als Bitte (und nicht als Frage) auffasst und noch weniger, weshalb sie der Bitte folgt - so sie es dann tut. Eine solche Kommunikationswissenschaft kann also weder erklären, wann, wie und weshalb ein bestimmtes kommunikative Handeln ihr Ziel und ihren Zweck erreicht.
Aber kommunikatives Handeln schafft auch immer wieder Gesellschaft aufs Neue, da jede Sprachhandlung Gesellschaft gestaltet und formt. Deshalb ist es sinnvoll, den allgemeinen Begriff der 'Kommunikation' zu vermeiden und stattdessen von 'kommunikativen Ereignissen' oder 'kommunikativen Handlungen' zu sprechen. 'Kommunikatives Handeln' liegt demnach dann vor, wenn zumindest zwei konkrete Menschen (= sinnstrukturiert und entscheidungsoffen) versuchen, ihr Handeln mit Hilfe von Symbolen zu koorientieren. (Eine Koorientierung liegt auch dann vor, wenn man beschließt, nichts miteinander zu tun.)
Kommunikatives Handeln wird also hier verstanden als der sozial verankerte Prozess,
in dem entscheidungsoffene, personale oder institutionelle Akteure versuchen,
mittels habitualisiertem oder reflexivem Symbolgebrauch
und habitualisierter oder reflexiver Symboldeutung
in direktem oder (medial) vermitteltem Kontakt
eingebettet in konkrete Situationen
ihr Handels zu koordinieren.
Kommunikationswissenschaft beschäftigt sich interdisziplinär als empirische Wissenschaft mit allen Formen dieses Prozesses, seinen Abläufen,
seinen Bestandteilen, seinen Bedingungen,
seinen Folgen und seinen Funktionen
sowie den alltäglichen und wissenschaftlichen (aktuellen wie historischen) Deutungsversuchen von Kommunikation und den Methoden zur Erforschung von Kommunikation.
Legt man diese (zugestandenermaßen enge) Definition zugrunde, dann interessiert sich die Kommunikationswissenschaft nicht für den Bereich menschlichen Treibens, in dem sie handeln, ohne sich der Zeichen zu bedienen. Und wenn ein Sendemast einem Fernsehempfänger über den Äther Zeichen schickt, die dann maschinell zu Bildern und Tönen umgeformt werden, dann findet zwischen Sender und Empfänger in diesem Verstande keine Kommunikation statt - da weder Sendemast noch Fernsehgerät entscheidungsoffen sind. Das gleiche gilt für Zellen, die Informationen austauschen, und Bienen, die einander mittels Tanzgebärden von ertragreichen Blumenwiesen 'berichten'.
Kommunikationswissenschaft in Essen fragt zum einen danach, ob und wie sich kommunikative Handlungen 'festhalten' und systematisieren lassen. Denn nur 'eingefrorene', fixierte Handlungen lassen sich wissenschaftlich untersuchen.
Aber die Kommunikationswissenschaft fragt auch danach, ob und wie sich kommunikative Handlungen künstlich (also mit Hilfe von Maschinen) nachbilden lassen. Wenn man weiß, wie kommunikative Handlungen sich vollziehen, dann kann man vielleicht auch Maschinen darin unterrichten, wie Menschen kommunizieren, auf dass sie in die Lage versetzt werden, auch mit Menschen zu kommunizieren.
Und drittens fragt die Kommunikationswissenschaft danach, ob und wie kommunikative Handlungen wirken, welche Rolle die von Menschen entwickelten Medien dabei spielen, und ob kommunikative Handlungen im Hinblick auf die Erreichung eines bestimmten Zieles strategisch gezielt eingesetzt werden können.
Ziel des Magister-Studiengangs 'Kommunikationswissenschaft' an der Universität Essen sollte deshalb sein:
(1) Wissen zu vermitteln über
spezifische Problemstellungen,
Theorien,
Methoden,
die Geschichte
und Anwendungsfelder der Kommunikationswissenschaft.
(2) die Fähigkeiten und Fertigkeiten auszubilden, die notwendig sind, um
kommunikationswissenschaftliche Theorien und Modelle aufgrund fachwissenschaftlicher Gütekriterien selbständig zu beurteilen und weiterzuentwickeln,
kommunikationswissenschaftliche Forschung (quantitative wie qualitative) selbst durchzuführen
und Forschungsarbeiten und -ergebnisse anderer angemessen zu prüfen und zu bewerten. Die Ausbildung dieser Fähigkeiten und Fertigkeiten zielt ausdrücklich nicht auf die Handhabung moderner Kommunikationstechnologien, sondern setzt diese voraus.
Literatur:
Séchelles, Hérault de (1997): Theorie des Ehrgeizes. München. Soeffner, Hans-Georg & Thomas Luckmann (1999): Die Objektivität des Subjektiven. In: Hitzler, Ronald & Jo Reichertz & Norbert Schröer (Hrsg.) Hermeneutische Wissenssoziologie. Konstanz. S. 171-187.
gez.
J. Reichertz
