"Technisch basierte audiovisuelle Fernkommunikation -
Wie selbstverständlich kann man interaktives Neuland
betreten, ohne sich zu verirren ?"
Ein kommunikationswissenschaftliches Forschungsprojekt zur Erforschung von Videokonferenzen
an der Universität Essen, gefördert durch die DFG
Transcription
Jede qualitative Gesprächsforschung muß mit einer präzisen Bestimmung der zu untersuchenden Ereignisse und Prozesse beginnen, und dieser sind dann die Verfahren der Beobachtung und Beschreibung, der Aufzeichnung und der Transkription anzupassen, und nicht umgekehrt.
Dies bedeutet, daß für das kommunikative Ereignis „Videokonferenz“ unter Berücksichtigung seiner spezifischen Merkmale – insbesondere unterschiedliche Wahrnehmungsbedingungen aufgrund der räumlichen Trennung und technisch bedingte zeitliche Verzögerungen der Gesprächsbeiträge zwischen den beiden Standorten – angemessene Meß- und Transkriptionsverfahren entwickelt werden müssen. Denn nur auf diese Weise und keineswegs schon durch die Mehrfachbetrachtung der Videoaufzeichnung wird die Kommunikation per Videokonferenz einer qualitativen Gesprächsforschung zugänglich gemacht.
Vor dem Hintergrund bisher verwendeter Verfahren zur Transkription von Videokonferenzen erscheint dies um so dringlicher, als diese meist Übernahmen oder Modifikationen konventioneller Vorgehensweisen darstellen, die ihrerseits den spezifischen Merkmalen der audiovisuellen Fernkommunikation nicht gerecht zu werden vermögen.
Denn durch die technische Vermittlung entstehen z. B. zwei getrennte, aber letztlich doch zusammengehörige Sequenzen kommunikativer Ereignisse. Um diesem Umstand im Transkript gerecht zu werden, bedarf es einer Synchronisation der Aufzeichnungen der an der Videokonferenz beteiligten Standorte in einem, den gesamten Kommunikationsprozeß wiedergebenden Transkript. Hierfür wiederum ist eine Orientierung an einer objektiven Zeitleiste erforderlich, da das übliche Transkript verbaler Äußerungen weder das zeitliche Geschehen hinreichend abbilden noch als Zuordnungsleiste für die Transkription nonverbaler Elemente wirklich ausreichen kann. Allerdings erlaubt erst eine „Timeline“ mit framegenauer Einteilung (1/25 Sekunden) eine detaillierte Analyse einzelner kommunikativer Besonderheiten, wie etwa der zeitlichen Verzögerung der Backchannel-Signale.
Als Vorschlag zur Lösung der genannten Probleme wird eine modifizierte und derart erweiterte Version des multimedialen Transkriptionsverfahrens und –programms ComTrans vorgestellt, daß die spezifischen Merkmale der Videokonferenzkommunikation erfaßt und für qualitative Analysen hinreichend umfassend abgebildet werden können. Dadurch entstehen neue Möglichkeiten für die qualitative Sozialforschung, da nun Phänomene sichtbar und analysierbar werden, die zuvor lediglich als vage Eindrücke existierten, sich aber bislang einer präzisen Bestimmung entzogen.
Literatur
Körschen, Marc; Pohl, Jessica; Schmitz, H. Walter; Schulte, Olaf A. (2002): »Neue Techniken der qualitativen Gesprächsforschung: Computergestützte Transkription von Videokonferenzen«. In: Forum Qualitative Sozialforschung / Forum Qualitative Social Research [On-line Journal], Vol 3, No.2.
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