Anna Seghers: Zwei Denkmäler
In der Emigration begann ich eine Erzählung, die der Krieg unterbrochen hat. Ihr Anfang ist mir noch in Erinnerung. Nicht Wort für Wort, aber dem Sinn nach. Was mich damals erregt hat, geht mir auch heute noch nicht aus dem Kopf. Ich erinnere mich an eine Erinnerung.
In meiner Heimat, in Mainz am Rhein, gab es zwei Denkmäler, die ich niemals vergessen konnte, in Freude und Angst auf Schiffen, in fernen Städten. Eins ist der Dom. - Wie ich als Schulkind zu meinem Erstaunen sah, ist er auf Pfeilern gebaut, die tief in die Erde hineingehen - damals kam es mir vor, beinahe so tief, wie der Dom hochragt. Ihre Risse sind auszementiert worden, sagt man, in vergangener Zeit, da, wo das Grundwasser Unheil stiftete. Ich weiß nicht, ob es stimmt, was uns ein Lehrer erzählte: Die romanischen und gotischen Pfeiler seien haltbarer als die jüngeren.
Dieser Dom über der Rheinebene wäre mir in all seiner Macht und Größe im Gedächtnis geblieben, wenn ich ihn auch nie wiedergesehen hätte. Aber ebensowenig kann ich ein anderes Denkmal in meiner Heimatstadt vergessen. Es bestand nur aus einem einzigen flachen Stein, den man in das Pflaster einer Straße gesetzt hat. Hieß die Straße Bonifatiusstraße? Hieß sie Frauenlobstraße? Das weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur, daß der Stein zum Gedächtnis einer Frau eingefügt wurde, die im Ersten Weltkrieg durch Bombensplitter umkam, als sie Milch für ihr Kind holen wollte. Wenn ich mich recht erinnere, war sie die Frau des jüdischen Weinhändlers Eppstein. - Menschenfresserisch, grausam war der Erste Weltkrieg, man begann aber erst an seinem Ende mit Luftangriffen auf Städte und Menschen. Darum hat man zum Gedächtnis der Frau den Stein gesetzt, flach wie das Pflaster, und ihren Namen eingraviert. -
Der Dom hat die Luftangriffe des Zweiten Weltkriegs irgendwie überstanden, wie auch die Stadt zerstört worden ist. Er ragt über Fluß und Ebene. Ob der kleine flache Gedenkstein noch da ist, das weiß ich nicht. Bei meinen Besuchen hab ich ihn nicht mehr gefunden.
In der Erzählung, die ich vor dem Zweiten Weltkrieg zu schreiben begann und im Krieg verlor, ist die Rede von dem Kind, dem die Mutter Milch holen wollte, aber nicht heimbringen konnte. Ich hatte die Absicht, in dem Buch zu erzählen, was aus diesem Mädchen geworden ist.
Anna Seghers: Zwei Denkmäler, in: Deutsche Literatur der sechziger Jahre. Ein Lesebuch, hg. v. Klaus Wagenbach, Neuausgabe Berlin 1996; Vom Nullpunkt zur Wende. Deutschsprachige Literatur 1945-1990, hg. v. Hannes Krauss, Essen 1994, Anna Seghers: Die Heimkehr des verlorenen Volkes. Ein Lesebuch, hg. von Sonja Hilzinger, München 1996.
Zwei Denkmaeler.
Aus einer unveroeffentlichten Novelle "Mariage Blanc" von Anna SeghersZwei Denkmaeler meiner Vaterstadt, die vielleicht bis auf den Grund zerstoert worden ist, sind so fest in mein Gedaechtnis gepflanzt, dass sie keiner Zerstoerung anheimfallen koennen.
Eines dieser Denkmaeler ist der Dom, den man ueber die weite Ebene sieht und von den fernen Huegeln auf dem rechten Rheinufer. Seine Pfaehle reichen bergwerkartig beinahe so tief in die Erde wie seine Tuerme in den Himmel. Das ganze Volk hat an dem Dom laenger als ein Jahrtausend gebaut. Unter seinem Gewoelbe liegen die Erzbischoefe, die des Heiligen Roemischen Reiches Deutscher Nation Erzkanzler waren.
Das andere Denkmal ist so unansehnlich, so klein und so flach, dass es vielleicht noch unbeschaedigt in dem Schutt und Geroell versteckt ist. Es war einem nur aufgefallen, wenn man genau gewusst hatte, wo es lag. Es war ein blank gehobelter, mit einer Jahreszahl versehener Stein, der sich kaum von den uebrigen Pflastersteinen abhob. Der Magistrat der Stadt hatte diesen Stein im ersten Weltkrieg in die stille Strasse einfuegen lassen zur Erinnerung an eine Frau, die an dieser Stelle von einer Bombe erschlagen worden war. Die Frau war trotz des Fliegeralarms ueber die Strasse gelaufen, um Milch fuer ihre Kinder zu holen. Ihr Tod war damals noch etwas so sonderbares und seltenes, dass die Stadtverwaltung beschloss, ihn fuer immer den Mitbuergern einzupraegen.
Sie war die Frau des juedischen Weinhaendlers Gebhardt.
Demokratische Post. Organo de los Alemanes Demócratos de México y Centro-América, 1. August 1945, S. 8.