Friedrich Schiller


* 10.11.1759, Marbach am Neckar
† 09.05. 1805, Weimar

Dichter und Schriftsteller, Mediziner, Philosoph

Schillers Werk historisch zu begreifen - das ist eine schwierige Aufgabe, weil die Wirkungsgeschichte des Dichters durch die Instrumentalisierung der poetischen Texte im Dienste einer intendierten nationalen Einigung (1859) und insbesondere auch einer spießbürgerlichen Selbstzufriedenheit gekennzeichnet war - ganz abgesehen von der politischen Indienstnahme, die bereits vor der Nazizeit in einen militaristischen Klassizismus mündete und schließlich Schiller als "Kampfgenossen Hitlers" präsentierte. Schillers Versuch, insbesondere in seinen Gedichten und Balladen, aber auch in seinem Drama Wilhelm Tell, die problematische Kluft zwischen elitärer und populärer Dichtung zu überwinden, ist an dieser (Fehl-)Entwicklung nicht unschuldig. Wenn Schiller (im berüchtigten Lied von der Glocke) formulierte: "Der Mann muß hinaus / Ins feindliche Leben /[ ...] Und drinnen waltet die züchtige Hausfrau", dann lachten darüber bereits die Romantiker, aber Generationen von Kleinbürgern sahen sich in ihrem patriarchalischen Weltbild bestätigt.

Rekonstruiert man Schillers Werkgeschichte im Lichte der neueren Forschung, so ergibt sich freilich ein anderes Bild. Schiller zeigt sich als Repräsentant einer kritischen Spätaufklärung, die gegen die Auswüchse des Feudalsystems ankämpft (Die Räuber, Kabale und Liebe), aber auch bereits zeigt, wie im Namen von Aufklärung und Menschheitsfortschritt die Freiheit des Einzelnen unterdrückt werden kann (Don Carlos). Diese 'Dialektik der Aufklärung' ist für Schillers Lebensweg ebenso kennzeichnend wie für seine Werkentwicklung: Heimlich muss der Dichter der Räuber 1781 Stuttgart verlassen, weil sein rebellisches Stück im 'Ausland' (Mannheim!) aufgeführt worden ist - und nach Jahren der Krise und der Ortswechsel ist es das kleine Herzogtum Weimar, das dem mittlerweile chronisch kranken Dichter eine relativ gesicherte Stellung ermöglicht. Dialektik der Aufklärung und des Fortschritts auch in geschichtsphilosophischer und politischer Hinsicht: Während Schiller 1789 in seiner Antrittsvorlesung als Geschichtsprofessor noch im Sinne des aufklärerischen Fortschrittsdenkens argumentiert, geht es ihm in seiner ersten philosophischen Hauptschrift, den Briefen Ueber die ästhetische Erziehung des Menschen, bereits um die Frage, welche Funktion Kunst und Dichtung in einer Zeit nach dem Scheitern der Revolution einnehmen können. Über die Schönheit zur Freiheit - so lautet zunächst Schillers Losung, bis er einsehen muss, dass die moderne Literatur nicht mehr nach dem Modell des Schönen gedeutet werden kann, sondern durch Konflikt und Abstand vom Ideal gekennzeichnet ist, wie Schiller in der zweiten epochalen philosophischen Abhandlung Ueber naive und sentimentalische Dichtung ausführt. Schillers Beitrag zur Weimarer Klassik liegt vor allem in einer eigenwilligen Verbindung von Klassischem und Modernen im Geiste des Erhabenen: Die Geschichtsdramen Wallenstein und Maria Stuart zeigen die Aporien jeden geschichtlichen Handelns und die Unmöglichkeit, im Rahmen der Moderne Dichtung im Geiste einer Versöhnungsästhetik zu konzipieren. Schillers Verständnis einer Dichtung der Moderne ist somit gekennzeichnet durch die Trauer über den Verlust des Schönen, durch welche die Einsicht über die Zerrissenheit der geschichtlichen Existenz des Menschen mit dem Anspruch auf ästhetisches Vergnügen verbunden werden kann: "Auch das Schöne muß sterben! Das Menschen und Götter bezwinget, / Nicht die eherne Brust rührt es des stygischen Zeus. / [...] Siehe! Da weinen die Götter, es weinen die Göttinnen alle, / Daß das Schöne vergeht, daß das Vollkommene stirbt. / Auch ein Klaglied zu sein im Mund des Geliebten, ist herrlich, / Denn das Gemeine geht klanglos zum Orkus hinab."

© MH

 

Wichtige Schriften:

 Sekundärliteratur:

  1. P. - A. Alt: Schiller. Leben - Werk - Zeit, 2 Bde., München 2000.
  2. M. Hofmann: Friedrich Schiller. Epoche - Werk - Wirkung, München 2003 (in Vorbereitung).
  3. C. Zelle: Die doppelte Ästhetik der Moderne. Revisionen des Schönen von Boileau bis Nietzsche, Stuttgart u.a. 1995.

Sonett

Sonett


Ursprünglich eine italienische Gedichtform (mit einem Höhepunkt im Canzionere Petrarcas), breitete sich das Sonett schnell über ganz Europa aus. Das vierzehnzeilige Gedicht besteht aus zwei über Reime miteinander verbundenen Quartetten und zwei anschließenden Terzetten. Keine andere lyrische Form ist derart strikt festgelegt wie das Sonett, denn Versmaß, Reim, Strophenform und Länge des Gedichtes sind vorgegeben. Martin Opitz beschreibt in seinem Buch von der Deutschen Poeterey die komplizierte Form des Sonetts: "Ein jeglich Sonnet [sic!] aber hat viertzehen verse / vnd gehen der erste / vierdte / fuenffte vnd achte auff eine endung des reimens auß; der andere / dritte / sechste vnd siebende auch auff eine. Es gilt aber gleiche / ob die ersten vier genandten weibliche termination haben / vnd die andern viere maennliche: oder hergegen. Die letzten sechs verse aber moegen sich zwar schrencken wie sie wollen; doch ist am braeuchlichsten / das der neunde vnd zehende einen reim machen / der eilffte vnd viertzehende auch einen / vnd der zwoelffte vnd dreyzehende wieder einen." (S. 53)

Das klassische Versmaß der italienischen Sonette ist der Endecasillabo oder Elfsilbler, im Französischen herrscht der Alexandriner vor. Shakespeare entwickelte eine eigene Form des Sonetts, das durch drei kreuzgereimte Quartette ohne Reimwiederholung und ein abschließendes Reimpaar gekennzeichnet ist. In Deutschland wurde im Barock die französische Variante nachgeahmt, während das Zeitalter der Aufklärung, in der Folge von Gottscheds Verurteilung des Sonetts, diese Form eher meidet. Am Ende des 18. Jahrhunderts wurde das Sonett von Gottfried August Bürger - nun allerdings in seiner italienischen Form - rehabilitiert. Die Begeisterung der Romantiker für das Sonett inspirierte auch die nachfolgenden Dichtergenerationen: berühmt sind die Sonette Rilkes (Sonette an Orpheus). So sehr die moderne Lyrik sich einerseits von althergebrachten, strengen Formen abwendet, so sehr fordert das Sonett andererseits doch immer wieder zu neuer Auseinandersetzung heraus (Robert Gernhard).

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Martin Opitz: Buch von der Deutschen Poeterey, hg. v. Cornelius Sommer, Stuttgart 1970.

Sekundärliteratur:

  1. J.-U. Fechner (Hg.): Das deutsche Sonett. Dichtungen, Gattungspoetik, Dokumente, München 1969.
  2. H. Kircher: Nachwort, in: ders. (Hg.): Deutsche Sonette, Stuttgart 1979.