Tagebuch
Als Tagebuch bezeichnet man regelmäßig (im Idealfall täglich) fortgeführte und zumeist datierte Aufzeichnungen, in denen der/die Verfasser/in Begebenheiten des persönlichen Lebens festhält, die eigenen Gedanken und Gefühle, Erinnerungen und Wünsche niederschreibt, aber auch von historischen, gesellschaftlichen und kulturellen Ereignissen berichtet und seine persönlichen Kommentare und Bewertungen dazu abgeben kann. Das Tagebuch ist also nach Themen und Schreibweisen (z.B. narrativ, deskriptiv, reflexiv) ähnlich offen und multifunktional wie der Brief (von dem es jedoch seine prinzipiell monologische Struktur unterscheidet). Die chronologische Abfolge des Tagebuchs erinnert an Chronik und Autobiographie - anders als diese wird es aber (im Prinzip) nicht retrospektiv, sondern mit den Ereignissen fortlaufend aufgezeichnet. Empfindung und spontane Ausdruck sind deshalb meist stärker ausgeprägt als kritische Distanz. Alles in allem ist das Tagebuch ein sehr flexibles "Aufschreibsystem", das für unterschiedliche Interessen und Intentionen genutzt werden kann. Ganz ähnlich wie der Brief ist es als alltägliche Gebrauchsform verbreitet, kann aber leicht und vielfältig literarisiert oder fiktionalisiert werden.
Kultur- und mentalitätsgeschichtlich setzt das Tagebuch wie Brief oder Autobiographie die bewusste Individualität des Schreibenden voraus, sein Interesse, sich selbst zum Thema zu machen. Historisch gesehen tritt es also in Europa in entwickelter Form erst mit und nach der Renaissance in Erscheinung. In der Folge kann man, speziell auch in der deutschen Literatur, vom Barock über die Aufklärung bis zur Empfindsamkeit und Romantik eine zunehmende Intensivierung des subjektiven Faktors beobachten, die mit entsprechenden Entwicklungen der Religiosität, der Psychologie, der Briefkultur und des Romans korrespondiert.
Schriftsteller nutzen die vielfältigen Möglichkeiten der Tagebuchliteratur oder Diaristik (nach lat. diarium, von lat. dies 'der Tag') sowohl thematisch wie auch funktional besonders vielfältig. Johann Gottfried Herders Journal meiner Reise im Jahre 1769 ist nicht nur ein Beispiel für die Variante des Reisetagebuchs, sondern (nachträglich aufgezeichnet), ein anthropologischer Essay, der sich tendenziell an ein größeres Publikum richtet. Goethes Tagebücher von 1775 bis 1832 sind dagegen eher alltäglicher Rechenschaftsbericht und Materialfundus für das "durchgearbeitete" autobiographische Werk. Die europäische Romantik kultiviert hingegen das "journal intime", also das Seelen- und Gefühlstagebuch mit selbstanalytischen Aspekten. Diese dominieren auch das bedeutendste deutsche Werk des 19. Jahrhunderts, die Tagebücher von Friedrich Hebbel (verfasst 1835 bis 1863), die er als "Reflexionen über Welt, Leben und Bücher, hauptsächlich aber über mich selbst" versteht. Sie weisen damit schon voraus auf die Tagebücher Franz Kafkas (zuerst 1937 publiziert), die als radikale Selbstanalyse und zugleich als Fortsetzung des erzählerischen Werkes zu verstehen sind.
Doch werden auch im 20. Jahrhundert verschieden Varianten der Diaristik nebeneinander praktiziert: Thomas Mann hält, ein wenig in Goethes Nachfolge, eher buchhalterisch die Geschäfte und Sorgen des Tages fest, bis hin zu den Verdauungsbeschwerden. Bertolt Brecht legt sein Arbeitsjournal in der Exilzeit als Material- und Ideensammlung für seine Projekte an und schließt (fast) alles Private aus. (Beide werden erst posthum publiziert.)
Ganz im Bannkreis der historisch politischen Ereignisse stehen Tagebücher aus Krieg und Gefangenschaft - von Ernst Jüngers In Stahlgewittern (1920) bis zum Tagebuch der Anne Frank (1946). Ähnlich erfolgreich wie diese beiden sehr verschiedenen Titel war auch das sorgfältig komponierte Nachkriegs- Tagebuch 1946 -1949 von Max Frisch, das u.a. Skizzen seiner späteren Werke enthält.
Schließlich kann das Tagebuch (ähnlich wie der Brief oder die Autobiographie) auch als Strukturmodell für fiktionales Erzählen benutzt werden: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge von Rainer Maria Rilke sind das klassische Beispiel eines solchen Tagebuchromans (in dem die subjektive Wahrnehmung und Ausdrucksfähigkeit ihrerseits in eine Krise gerät). Max Frisch (Stiller, 1954, Homo Faber, 1957) und Uwe Johnson (Jahrestage, 1970-83) experimentieren ebenfalls mit dieser Form.
Immer wieder einmal erregen nichtliterarische Tagebücher wegen der (sensationellen) Informationen, die sie versprechen, öffentliches Aufsehen. Ein besonders grotesker Fall waren in den neunziger Jahren die angeblich entdeckten Tagebücher Adolf Hitlers, die sich jedoch sehr schnell als betrügerische Fälschung herausstellten.
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Sekundärliteratur:
- P. Boerner: Tagebuch, Stuttgart 1969.
- M. Jurgensen: Das fiktionale Ich. Untersuchungen zum Tagebuch, Bern u.a. 1979.
- R. Görner: Das Tagebuch, München u.a. 1986.