Autorenbiographien
A B C D E F G H I J K L M
NO P Q R S T U V W XY Z
| Ilse Aichinger | |
| a | geboren am 1.11.1921 in Wien, verbrachte ihre
Kindheit in Linz bzw., nach der frühen Scheidung der Eltern, in Wien, wo sie mit ihrer
Mutter, einer jüdischen Ärztin, der Verfolgung durch die Nationalsozialisten ausgesetzt
war. Nach dem Krieg begann sie ein Medizinstudium, das sie aber nach fünf Semestern
abbrach, um den Roman "Die größere Hoffnung" zu schreiben. Ab 1950 arbeitete
sie als Lektorin im S. Fischer Verlag, in dem 1948 ihr Roman erschienen war. 1952 erhielt
sie für "Spiegelgeschichte" den Preis der Gruppe 47. Die an Kafka geschulte
Sprache, die wahrnehmungsskeptische Haltung und die Geschichts- und Zeitlosigkeit dieser
parabelartigen Erzählung läßt sie im Rahmen der Kahlschlag-Literatur der Nachkriegszeit
als einen Fremdkörper erscheinen und markiert zugleich den Beginn einer neuen Avantgarde
in der österreichischen Nachkriegsliteratur. 1953 heiratete A. den Schriftsteller Günter
Eich, den sie auf einer frühen Tagung der Gruppe 47 kennengelernt hatte. Im selben Jahr
erschien auch der Erzählband "Der Gefesselte", in dem der schon in der
"Spiegelgeschichte" angedeutete Rückzug aus der empirischen Wirkichkeit noch
radikaler vollzogen wird. Auch die Erzählungen in dem 1965 erschienenen Band "Eliza
Eliza" handeln von Angst, Schmerz, Wahnsinn, Verfolgung, Gefangenschaft und Tod in
einer räumlich und zeitlich nicht definierten und determinierten Welt. Die Parabeln
entziehen sich der äußeren Realität und machen einer inneren Wirklichkeit Platz, die
zunehmend unausweichlich erscheint. Neben den Erzählungen trat A. besonders als
Hörspielautorin hervor. Nach Günter Eichs Tod (1972) übersiedelte sie zunächst nach
Frankfurt, 1989 schließlich nach Wien. Neben vielen anderen Auszeichnungen erhielt sie
den Nelly-Sachs-Preis (1971), den Franz-Kafka-Preis (1983) und den Georg-Trakl-Preis
(1984). Sie ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt,
der Akademie der Künste in Berlin und der Bayrischen Akademie der schönen Künste.
Text: Wo ich wohne, in: Ilse Aichinger: Wo ich wohne. Erzählungen, Gedichte, Dialoge, Frankfurt/M. 1954 |
| Alfred Andersch | |
| a | geboren am 4.2.1914 in München, Buchhandelslehre,
von 1930-33 Mitglied im Kommunistischen Jugendverband. Nach dem Reichstagsbrand 1933
dreimonatige Haft im KZ Dachau. Auf diese Demonstration staatlicher Gewalt reagierte A.
mit "totaler Introversion": Abkehr von der Politik und Hinwendung zur Kunst. Ab
1940 - mit Unterbrechungen - Soldat, 1944 Desertion in Italien und Kriegsgefangenschaft in
den USA. Redakteur der Kriegsgefangenenzeitschrift "Der Ruf". Nach seiner
Rückkehr Redaktionsassistent Erich Kästners bei der "Neuen Zeitung" in
München. 1946-47 Mitherausgeber der Zeitschrift "Der Ruf. Unabhängige Blätter der
jungen Generation". Nach deren Verbot von 1948-58 Rundfunkredakteur bei verschiedenen
Radiosendern und Gründungsmitglied der Gruppe 47. 1948 erschien der Essay "Deutsche
Literatur in der Entscheidung", in dem A. seiner Überzeugung von der zentralen
Funktion der Literatur bei der geistigen Wandlung der deutschen Nation Ausdruck gab. In
diesem Sinne suchte und förderte A. als Rundfunkredakteur, Herausgeber der Buchreihe
"Studio Frankfurt" sowie der Zeitschrift "Texte + Zeichen" Autoren wie
Ingeborg Bachmann, Wolfgang Hildesheimer, Arno Schmidt, H.M. Enzensberger und Helmut
Heißenbüttel. 1952 erschien sein autobiographischer Bericht "Die Kirschen der
Freiheit", in dem er die Erfahrung der Desertion schildert, wobei er den
individuell-verantworteten, bewußt vollzogenen Akt der Entscheidung zur Desertion in
existentialischem Sinne als den Moment beschreibt, in dem sich die menschliche Freiheit
realisiert. Um solche Entscheidungssituationen geht es auch in den Romanen "Sansibar
oder der letzte Grund" (1957), "Die Rote" (1960) und "Efraim"
(1967). 1972 erhielt A., der seit 1958 in Berzona (Schweiz) lebte, die schweizer
Staatsbürgerschaft. 1974 erschien der Roman "Winterspelt", seine formal
anspruchsvollste und komplexeste Prosaarbeit. Wieder geht es um Krieg, Desertion, Freiheit
und Verantwortung, Entscheidung und - Kunst. 1977 publizierte er seine gesammelten
Gedichte unter dem Titel "empört euch der himmel ist blau". Alfred Andersch
starb am 21.2.1980 in Berzona/Tessin. Seine kurz vorher fertiggestellte Erzählung
"Der Vater eines Mörders" wurde noch im selben Jahr veröffentlicht. Text: Erinnerung an eine Utopie, in: Alfred Andersch: empört euch der himmel ist blau. Gedichte und Nachdichtungen 1946-1977, Zürich 1977 |
| Erich Arendt | |
| a | geboren am 15.4.1903 in Neuruppin als Sohn eines
Schulhausmeisters. Bis 1923 Besuch des örtlichen Lehrerseminars, danach Aushilfsjobs bei
einer Bank, als Kulissenmaler und als Journalist bei der "Märkischen Zeitung".
Ab 1926 in Berlin als Lehrer an der Rütlischule, einer linken Versuchsschule in
Neukölln. Im gleichen Jahr erste Gedichtveröffentlichungen in Herwardt Waldens
Zeitschrift "Sturm" und Eintritt in die KPD. 1928 wurde A. Mitglied im Bund
Proletarisch- Revolutionärer Schriftsteller und Leiter der Ortsgruppe Neukölln. Im BPRS
war A. nicht erfolgreich, weil sich seine an der Moderne geschulte, teilweise
expressionistische, sinnlich und semantisch äußerst konzentrierte Lyrik nicht zu
sozialistischer Gebrauchslyrik umfunktionieren ließ. Im März 1933 emigrierte A. mit
seiner Frau Katja in die Schweiz, von dort im Januar 1934 weiter nach Spanien, wo er als
Angehöriger einer katalanischen Division am Bürgerkrieg teilnahm. Er übersetzte und
schrieb Reportagen und Gedichte für katalanische Zeitschriften und arbeitete für ein
Pressebulletin der Internationalen Brigaden. Nach dem Sieg General Francos Flucht nach
Frankreich, wo A. ab September 1939 in verschiedenen Lagern interniert wurde. 1940 Flucht
nach Marseille, von dort 1941 weiter nach Südamerika. 1941-42 von den Engländern zuerst
in Curacao, dann in Trinidad interniert. Verdiente sich danach in Kolumbien als
Nachhilfelehrer und Pralinenverkäufer seinen Lebensunterhalt und arbeitete weiter aktiv
in verschiedenen antifaschistischen Organisationen mit. Im Sommer 1950 Rückkehr nach
Europa wo er sich in der DDR niederließ und Ende der 50er Jahre nach Frankreich, Italien
und Griechenland reiste. Die Themen- und Bildwelt der Antike sowie die Landschaft der
Ägäis prägen die späte Lyrik A.s, die immer mehr zur Gedankenlyrik wird, in der sich
eine unkonkrete Schwermut artikuliert. A. war Mitglied des PEN-Zentrums der DDR und seit
1969 Mitglied der Akademie der Künste der DDR. Im Dezember 1981 erlitt er einen
Schlaganfall, an dessen Folgen er am 25.9.1984 starb.
Text: Nach den Prozessen, in: Erich Arendt: Das zweifingrige Lachen. Ausgewählte Gedichte 1921-1980, Düsseldorf 1981 |
| Hans Arnfried Astel | |
| a | wurde am 9.7.1933 in München geboren.
Seine Kindheit verbrachte er in Weimar; die Schulzeit verlebte er in einem Internat in
Windsbach/ Mittelfranken. Er studierte Biologie und Literaturwissenschaft, arbeitete als
Hauslehrer in einem Internat und wurde 1966 Verlagslektor in Köln. Seit 1967 war er
Leiter der Literaturabteilung des Saarländischen Rundfunks und Mitglied des Personalrats.
Im Jahre 1985 nahm er den Vornamen seines Sohnes Hans an, der den Freitod gewählt hatte.
Der Lyriker A. begann Ende der 50er Jahre in der von ihm gegründeten Zeitschrift
"Lyrische Hefte" mit der Veröffentlichung von Naturbetrachtungen. Unter dem
Eindruck der Studentenunruhen erschien 1968 der erste politisch orientierte Gedichtband
"Notstand". Typisch für A. ist die zugespitzte und pointenreiche
epigrammatische Form, oft auch die Verschränkung von Privatem und Politischem. Gesammelt
sind diese Arbeiten in dem Band "Neues (& altes) vom Rechtsstaat & von mir.
Alle Epigramme" (1978). Gegen Ende der 70er Jahre wandte sich A. wieder verstärkt
der Landschafts- und Liebeslyrik zu. Beispielhaft hierfür ist der Band "Die Faust
meines Großvaters & andere Freiübungen" von 1979. Seither hat der (sich
zunehmend als Natur- und Mythenforscher verstehende) Autor auch mehrfach neue Epigramme
publiziert, zuletzt den Band "Wohin der Hase läuft" (1992). Text: Ostkontakte, in: Arnfried Astel: Neues (& altes) vom Rechtsstaat & von mir, Frankfurt/M. 1978 Text: Lektion, in: ebd. |
| Ingeborg Bachmann | |
| a | geboren am 25.6.1926 in Klagenfurt, studierte
Germanistik, Philosophie und Psychologie in Innsbruck, Graz und Wien. Nach ihrer Promotion
1950 über den Philosophen Martin Heidegger unternahm sie Reisen nach Paris und London und
arbeitete als Rundfunkredakteurin. Die Lyrikerin B. wurde 1953 auf einer Tagung der Gruppe
47 entdeckt; seitdem lebte sie als freie Schriftstellerin. Die Themen ihrer ersten Jahre,
"Liebe", "Tod" und "Abschied", hatten eine oft
verharmlosende Rezeption zur Folge. B. wehrte sich vergeblich gegen eine Einordnung in die
Rubrik "unpolitische, schöne Literatur". Bereits ihr erster Gedichtband
"Die gestundete Zeit" (1953) hatte das Verhältnis von Mensch und Natur
problematisiert. Der politische Hintergrund der Naturmetaphern wird in der
autobiographischen Erzählung "Jugend in einer österreichischen Stadt" (1961)
unmißverständlich. In ihren Poetik-Vorlesungen an der Universität Frankfurt unternimmt
B. 1959/60 einen kritischen Rückblick auf ihre ersten großen Erfolge. Ein weiteres
Dokument dieser Selbstkritik und Ausdruck ihrer Schaffenskrise ist der Erzählband
"Das dreißigste Jahr" (1961). Das nun folgende Schweigen wird nur 1964 von
ihrer engagierten politischen Rede zur Verleihung des Georg-Büchner-Preises unterbrochen.
B. lebte von 1963 bis 1965 in Berlin, danach in Rom. 1971 erschien ihr Roman
"Malina", geplant als Teil eines Romanzyklus" "Todesarten", der
die Unterdrückung und Ausbeutung von gesellschaftlich Schwächeren dokumentieren sollte
und besonders auch spezifisch weibliche Wahrnehmungsweisen und Erfahrungen thematisiert.
Ingeborg Bachmann verstarb am 17.10.1973 in Rom an den Folgen eines Brandunfalls. Sie gilt
heute zweifellos als repräsentative Autorin der Nachkriegsepoche.
Text: Undine geht, in: Ingeborg Bachmann: Werke, Bd.2, München 1978 Text: Reklame, in: ebd., Bd.1 |
| Kurt Bartsch | |
| a | wurde am 10.7.1937 in Berlin geboren. Nach dem Besuch
des Gymnasiums war er von 1954 an in verschiedenen Berufen tätig. So arbeitete er als
Büroangestellter, Sargverkäufer und Lektoratsassistent. Sein 1964 begonnenes Studium am
Literaturinstitut in Leipzig brach er bald aus politischen Gründen ab. Zu Beginn der
sechziger Jahre trat er mit satirischen Gedichten in der Tradition Brechts an die
Öffentlichkeit, die den Band "zugluft" (1968) entscheidend prägten. Nach
Prosatexten und Liedern in dem Band "Die Lachmaschine" (1971) veröffentlichte
er 1971 "Kalte Küche", eine Sammlung von Parodien auf den DDR-Literaturbetrieb.
Die nun folgenden komischen Einakter "Der Bauch", "Die Goldgräber"
und "Der Strick" sind von deutlicher Kritik an den politischen Verhältnissen
geprägt. Nach B.s Kritik an der Ausbürgerung Wolf Biermanns wurden sie kaum noch
aufgeführt. Der Band "Kaderakte" (1979) mit radikalen politischen Texten konnte
nur noch in der BRD erscheinen. 1979 wurde B. mit anderen Kollegen wegen einer Protestnote
gegen Erich Honecker aus dem Schriftstellerverband der DDR ausgeschlossen. 1980 konnte er
die DDR mit einem Dauervisum verlassen und lebt seitdem in Westberlin. Sein Roman
"Wadzeck" erschien 1980. 1983 veröffentlichte er unter dem Titel "Die
Hölderlinie" weitere Literaturparodien. Mitte der achtziger Jahre erschienen mehrere
Kinderbücher; 1986 wurden die Hörspiele "Leiche im Keller" und
"Checkpoint Charlie" gesendet. Text: Sozialistischer Biedermeier, in: Kurt Bartsch: zugluft, Berlin und Weimar 1968 |
| Jurek Becker | |
| a | geboren am 30.9.1937 in Lodz (Polen),
verbrachte seine Kindheit im Ghetto und im KZ. 1945 kam er mit seinem Vater nach Berlin,
lernte Deutsch und studierte Philosophie. Seit 1960 arbeitete er als freier Schriftsteller
und verfaßte neben Romanen und Erzählungen auch Filmdrehbücher und Fernsehspiele. Bis
1977 lebte er in der DDR, von 1957 bis 1976 war er Mitglied der SED, aus der er wegen
seines Protests gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns ausgeschlossen wurde. Mit einem
befristeten Visum lebte er seit Ende 1977 in Westberlin. B. gehört zu den bekanntesten
deutschsprachigen Autoren. In seinen Romanen und Erzählungen beschäftigt er sich
vorwiegend mit der nationalsozialistischen Vergangenheit und den aktuellen
Lebensbedingungen in der DDR. Sein erster Roman "Jakob der Lügner" (1969)
schildert die Geschichte Jakobs, der mit einer Lüge im Ghetto die Hoffnung auf die
nahenden Befreier aufrechterhält. Die Folgen der NS-Zeit werden in dem Roman "Der
Boxer" (1976) dargestellt. Im Roman "Bronsteins Kinder" (1986) thematisiert
B. am Beispiel einer jüdischen Familie in der DDR die Schwierigkeiten von NS-Opfern und
Nachgeborenen, mit den Erfahrungen der Vergangenheit umzugehen. Den Literaturpreis der
Freien Hansestadt Bremen von 1974 erhielt B. für den Roman "Irreführung der
Behörden" (1973). Die Erzählungen des Bandes "Nach der ersten Zukunft"
(1980), die das Leben im realexistierenden Sozialismus schildern, schrieb B. bereits im
Westen. Einen Vertreter der "Null-Bock-Generation" stellt schließlich Kilian
dar, der in "Aller Welt Freund" (1982) keinen (politischen) Grund zum
Weiterleben mehr sieht. Allgemeine Popularität erlangte B. (seit 1986) mit den
Drehbüchern zu der bekannten Fernsehserie "Liebling Kreuzberg", in der der
ebenfalls aus der DDR kommende Schauspieler Manfred Krug einen beliebten Rechtsanwalt in
Berlin-Kreuzberg darstellt. 1992 erschien der ebenfalls leicht konsumierbare
Verkaufserfolg "Amanda Herzlos". Jurek Becker starb am 14.3.1997.
Text: Die Klage, in: Jurek Becker: Nach der ersten Zukunft, Frankfurt/M. 1980 |
| Gottfried Benn | |
| a | geboren am 2.5.1886 in der
Westprignitz, studierte zunächst vier Semester Theologie und Philosophie und begann dann
das Studium der Medizin als Stipendiat der Kaiser-Wilhelm-Akademie für das militärische
Bildungswesen. Bis 1911 an der Charité arbeitete er nach der Approbation 1912 in
der Pathologie in Berlin-Charlottenburg. Im selben Jahr erschien sein erster Gedichtband
"Morgue und andere Gedichte". Das Buch war ein Skandalerfolg. B. beschreibt
darin in schockierend detaillierter Weise Szenen aus dem Medizineralltag. Diese
"Sektionslyrik" verband die kalte, teilnahmslose Sprache des Naturalismus mit
schockierenden Schreckbildern und stellt ein wichtiges Dokument der
frühexpressionistischen Phase dar. Von 1915-1917 war B. Arzt in einem
Prostituiertenkrankenhaus in Brüssel. 1917 kehrte er nach Berlin zurück, wo er eine
Praxis für Haut- und Geschlechtskrankheiten eröffnete. Im selben Jahr erschien die
Gedichtsammlung "Fleisch", in der neben der expressionistischen
Zivilisationskritik nun auch direkt sozialkritische Töne hörbar werden. Von 1932 an
engagierte sich B. für die nationalsozialistische Ideologie. Als Mitglied der Berliner
Akademie der Künste plädierte er für die Aufgabe der "Geistesfreiheit" und
das Zusammenschmelzen der Individuen in ein "mystisches Kollektiv". Ab 1934/35
zeigt sich in den Schriften B.s ein Erwachen aus der halluzinatorischen Faszination durch
den Nationalsozialismus. Ende 1934 gab er seine Praxis auf und ließ sich im Heer
reaktivieren. 1938 erhielt er Publikationsverbot. Die Kriegsjahre verbrachte B. als
"innerer Emigrant" in verschiedenen militärischen Dienststellen. Nach
Kriegsende eröffnete er in Berlin wieder seine Praxis. Wegen seiner Aktivitäten in den
dreißiger Jahren erteilten ihm die Besatzungsmächte erneut Publikationsverbot. Seine
Gedichtsammlung "Statische Gedichte" erschien daher 1948 zunächst in der
Schweiz. Mit seiner späten Lyrik und mit wichtigen poetologischen Essays hat er jedoch
das Dichtungsverständnis der 50er Jahre in der Bundesrepublik im Sinne eines
ahistorischen bzw. "tragischen" Ästhetizismus geprägt. Unter den späten
Gedichten finden sich aber auch Beispiele ironischer Zeitkritik. 1951 erhielt der Autor
den Büchner-Preis, dem weitere Ehrungen folgten. 1953 wurde er mit dem Verdienstkreuz der
Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet. Gottfried Benn starb am 7.7.1956. Text: Teils - Teils, in: Gottfried Benn: Gesammelte Werke, Bd.3, Wiesbaden 1967 |
| Thomas Bernhard | |
| a | wurde am 9.2.1931 in
Heerlen/Niederlande als Sohn österreichischer Eltern geboren. Er wuchs bei den
Großeltern mütterlicherseits in Österreich auf. Sein Großvater, der Schriftsteller
Johannes Freumbichler, war für seine intellektuelle Entwicklung von großer Bedeutung.
1947 verließ B. das Gymnasium, machte eine Lehre bei einem Lebensmittelhändler, die von
einer schweren Lungenkrankheit 1949 unterbrochen wurde. Von 1952 bis 1957 absolvierte er
ein Musik- und Schauspielstudium an der Akademie Mozarteum in Salzburg. Seit 1957 lebte er
als freier Schriftsteller, zuletzt in Ohlsdorf. B.s frühe Gedichte und Prosatexte bewegen
sich im gleichen thematischen Zusammenhang wie seine späteren Romane: Im Mittelpunkt
steht immer ein einsamer Held, der sich einer untergehenden Welt gegenüber sieht. Dabei
muß die nahende Katastrophe immer vor dem politischen Hintergrund Österreichs und von
B.s unversöhnlicher, oft hämischer Kritik an seinem Heimatland gesehen werden, die in
einer unauflöslichen Hass-Liebe wurzelt. Der Durchbruch im deutschsprachigen Raum und
zugleich die erste Ablehnung kam für B. mit dem zweiten Roman "Verstärung"
(1967). Den Höhepunkt seiner frühen Prosa erreichte er mit dem Roman
"Korrektur" (1975). Danach verfaßte B. fast ausschließlich Theaterstücke und
einen autobiographischen Zyklus von großer existentieller Wucht: "Die Ursache",
"Der Keller", "Der Atem", "Die Kälte", "Ein Kind"
(1979-82). Sein letzter Roman "Ausläschung. Ein Zerfall" (1986) stellt den
grandiosen Versuch dar, die nationalsozialistische Vergangenheit monologisch zu
verarbeiten. Thomas Bernhard verstarb am 12.2.1989 in Gmünden (Oberösterreich). In
seinem Testament untersagte er eine Aufführung seiner Stücke in Österreich. Text: Angst, in: Thomas Bernhard: Der Stimmenimitator, Frankfurt/M. 1978 |
| Marcel Beyer | |
| a | geboren 1965, lebt in Dresden. Er erhielt 1991 den
Ernst-Willner-Preis des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs in Klagenfurt für Teile seines
Romans "Flughunde" (erschienen 1995). Hier "rekonstruiert" B. die
letzten Kriegstage anhand der Geschichte der sechs Goebbels-Kinder, die am 29.4.1945 von
ihren Eltern vergiftet werden, bevor diese sich selbst umbringen. Obwohl B. in seinem
Roman mit dem historischen Material auf der Basis von medien- und diskurstheoretischen
Einsichten der 90er Jahre spielt, wurde sein Buch im Kontext der deutschen
Nachkriegsliteratur und ihrer Thematik rezipiert. Als unübersehbar "postmodern"
präsentierten sich dagegen B."s erster Roman "Menschenfleisch" und der
Gedichtband "Walkmannin", beide 1991 erschienen. Seit 1991 ist B. freier
Mitarbeiter beim Szenemagazin "Spex", für das er Essays und journalistische
Arbeiten verfaßt. Text: Jihad Klänge der Heimat, in: Andreas Neumeister/Marcel Hartges (Hg.): Poetry!Slam! Texte der Pop-Fraktion, Reinbek bei Hamburg 1996 |
| Peter Bichsel | |
| a | geboren am 24.3.1935 in Luzern (Schweiz), arbeitete
nach seiner Ausbildung zum Grundschullehrer bis 1968 im Schuldienst. 1973-80 war er
Berater des sozialdemokratischen Bundesrates. Nach zwei verschollenen Frühwerken gelang
B. 1964 ein außergewöhnlicher internationaler Durchbruch mit dem Geschichtenband
"Eigentlich möchte Frau Blum den Milchmann kennenlernen". Dem Buch folgten 1967
der Roman "Die Jahreszeiten" und 1969 die sieben "Kindergeschichten".
Dieses schmale Werk bildet die Grundlage des Erfolgs von B., der sich selbst als
"Wenigschreiber" charakterisiert, zugleich aber als Meister der knappen
Erzählform gelten darf. Seine Texte beschreiben mit Hilfe der Aussparungstechnik die
Unmöglichkeit, der Existenz einen Sinn zu geben, den diese aus sich selbst heraus nicht
stiften kann. 1969 erschienen zwei Essaybände mit den Titeln "Des Schweizers
Schweiz" und "Sitzen als Pflicht". Zehn Jahre später veröffentlichte B.
mit den "Geschichten zur falschen Zeit" (1979) journalistische Arbeiten aus den
Jahren 1975-1978. Der Essayband "Der Leser. Das Erzählen" (1982) geht auf B.s
Poetik-Vorlesung an der Frankfurter Universität zurück. Neben den Aufsätzen
"Schulmeistereien" erschien 1985 der Erzählungsband "Der Busant", in
dem B. die Thematik seiner frühen Werke wieder aufgreift. Ein Band mit
rätselhaft-metafiktionalen Kürzestgeschichten trägt den Titel "Zur Stadt
Paris" (1993); zuletzt erschien die Erzählung "Cherubin Hammer und Cherubin
Hammer" (1999).
Text: Wie deutsch sind die Deutschen? in: Peter Bichsel: Schulmeistereien, Darmstadt und Neuwied 1987 |
| Horst Bienek | |
| a | wurde am 7.5.1930 als Sohn eines deutschen Vaters und
einer polnischen Mutter in Gleiwitz (Polen) geboren. 1946 siedelte die Familie in die
sowjetisch besetzte Zone um. B. arbeitete zunächst als Redaktionsvolontär und wurde 1951
in die Theaterklasse Bertolt Brechts aufgenommen, bald jedoch vom Staatssicherheitsdienst
verhaftet und 1952 durch ein sowjetisches Militärtribunal zu 25 Jahren Zwangsarbeit in
Sibirien verurteilt. Seit seiner Amnestie 1955 arbeitete er zunächst als Kulturredakteur
und Lektor, dann als freier Schriftsteller in München. In seinen Arbeiten suchte B. nach
einer Form, in der er seine biographischen Erfahrungen angemessen darstellen konnte. Nach
ersten Versuchen in dem "Traumbuch eines Gefangenen" (1957) und dem Band
"Nachtstücke" (1959) realisierte B. die Schilderung der totalen Isolation eines
Gefangenen eindrucksvoll in dem Roman "Die Zelle" (1968). Mit dem Thema
"Anarchismus" setzt sich B. in dem Roman "Bakunin. Eine Intervention"
(1972) auseinander. In der folgenden Romantetralogie erzählt er die Geschichte seiner
Kindheit und seiner oberschlesischen Heimat. Der erste Band "Die erste Polka"
erschien 1975, der letzte Band "Erde und Feuer" 1982. Im Zusammenhang mit dem
Romanwerk publizierte er 1983 die "Beschreibung einer Provinz". B.s Abschied von
der verlorenen Heimat dokumentiert seine 1988 erschienene "Reise in die Kindheit.
Wiedersehen mit Schlesien", die nach einem Besuch in Oberschlesien entstanden ist.
Horst Bienek starb am 7.12.1990 in München. Text: Anweisungen für Zeitungsleser, in: Horst Bienek: Gleiwitzer Kindheit, München und Wien 1976 |
| Wolf Biermann | |
| a | geboren am 15.11.1936 in Hamburg,
stammt aus einer traditionell kommunistischen Familie; sein jüdischer Vater wurde 1942 im
Konzentrationslager Auschwitz ermordet. B. übersiedelte 1953 in die DDR, studierte dort
zunächst politische Ökonomie und von 1959 bis 1963 Philosophie und Mathematik. Der
Liedermacher B., der 1960 zu komponieren und zu schreiben begann, erhielt 1963 sein erstes
Auftrittsverbot. Gleichzeitig wurde er aus der SED ausgeschlossen. 1965 wurde ein
generelles Auftritts-, Veröffentlichungs- und Ausreiseverbot ausgesprochen. Im November
1976 wurde er während einer Konzertreise durch die BRD ausgebürgert. Dies zog heftige
Solidaritätsproteste einer großen Zahl von Intellektuellen in der DDR und in der BRD
nach sich. Die folgenden Sanktionen der SED-Führung gegen protestierende Künstler
erscheinen im Rückblick als der endgültige Bruch zwischen der DDR und ihrer kulturellen
Elite. Der Ton von Biermanns Liedern hatte sich in den zehn Jahren des Berufsverbots in
der DDR von zurückhaltender Kritik zum aggressiven Angriff entwickelt, und seine
zahlreichen Platten (z.B. "Chausseestraße 131", 1969, "Warte nicht auf
bessre Zeiten", 1973, oder "Liebeslieder", 1975) fanden auch in der BRD ein
großes Publikum. Sein Theaterstück "Der Dra-Dra" (1970) spiegelt seine
Auseinandersetzung mit dem Stalinismus wider und wurde 1971 in München aufgeführt. B.s
Selbstverständnis als Bürger beider deutscher Staaten führte zu einer für viele
Beobachter unverständlichen Kritik an beiden Staaten und zu einer gespaltenen Beurteilung
der nationalen Identität. Diese politische Haltung wird in dem Werk "Deutschland.
Ein Wintermärchen" (1972) besonders deutlich. Nachdem die Öffentlichkeit in der BRD
den DDR-Kritiker B. in den 60er Jahren nur für ihre eigenen Zwecke benutzt hatte, wurde
er in den 70er Jahren schließlich zum unbequemen Kritiker westdeutscher Mißstände, was
zeitweise zu Boykottaktionen der Medien führte. In den 90er Jahren wandte B. sich
verstärkt der jüdischen Tradition und Leidensgeschichte zu; so übersetzte er den
"Großen Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk" von Jizchak Katzenelson aus
dem Jiddischen. Zugleich sammelte er alte und neue Arbeiten in den Bänden
"Politische Schriften" (1990), "Alle Lieder" (1991) und "Alle
Gedichte" (1995). Mit dem Büchner-Preis (1991) und dem Heinrich-Heine-Preis (1994)
wurden seine poetische Eigenständigkeit und sein politisch-kritischer
"Eigensinn" gleichermaßen gewürdigt. Text: Ermutigung, in: Wolf Biermann: Mit Marx- und Engelszungen. Gedichte, Balladen, Lieder, Berlin 1968 Text: Deutschland. Ein Wintermärchen, in: Wolf Biermann: Deutschland. Ein Wintermärchen, Berlin 1973 |
| Maxim Biller | |
| a | geboren 1960 in Prag, lebt seit 1970
in der Bundesrepublik Deutschland. Einer breiteren Öffentlichkeit wurde er zunächst
bekannt als Reporter für das Zeitgeist-Magazin "Tempo". Seine journalistische
Schreibweise zeichnet sich durch einen angriffsfreudigen Gestus aus; beißende Kritik und
eine kultivierte Pose des Hasses stehen in einem beziehungsreichen Spannungsverhältnis zu
gelegentlich aufbrechender Sentimentalität und dem Bekenntnis zu "Herz, Schmerz und
Lust". B. propagiert die Verbindung von Journalismus und Literatur. Neben einer
Sammlung von Reportagen ("Die Tempojahre", 1991) hat er bislang zwei
Erzählbände ("Wenn ich einmal reich und tot bin, 1991, und "Land der Väter
und Verräter, 1994) veröffentlicht. Zu seinen literarischen Vorbildern zählen Saul
Bellow und Philip Roth; er selbst gilt als einer der profiliertesten Vertreter der
sogenannten jungen jüdischen Literatur in Deutschland.
Text: Nur Speer wollte mehr, in: ZEITmagazin, Nr. 11, 5.3.1998 Text: Generation HJ, in: ZEITmagazin, Nr. 3, 21.1.1999 |
| Johannes Bobrowski | |
| a | wurde am 9.4.1917 als Sohn eines
Eisenbahnangestellten in Tilsit/Ostpreußen geboren. Nach Reifeprüfung, Arbeits- und
Militärdienst nahm er als Nachrichtensoldat am 2. Weltkrieg teil: 1939 in Polen, 1940/41
in Frankreich, 1941-1945 in der Sowjetunion. Als russischer Kriegsgefangener arbeitete er
im Kohlebergbau und nahm zweimal an Kursen der Antifa-Schulen teil. Nach Rückkehr in die
DDR/Ost-Berlin veröffentlichte Peter Huchel 1955 in "Sinn und Form" Gedichte
von ihm. Der Plan eines "sarmatischen Divans" findet seinen ersten Ausdruck in
den Gedichtbänden "Sarmatische Zeit" (1961) und "Schattenland
Ströme" (1962). Unter dem Einfluß Klopstocks und Huchels werden metrische Elemente
der Ode mit symbolistischer Dichtungstradition (Baudelaire, Trakl) verbunden, dabei spielt
der Gedanke der Schuld Deutschlands und der eigenen Mitschuld gegenüber den Völkern des
Ostens eine gewichtige Rolle. Auch die raffinierte "Kleinprosa"
("Boehlendorff und Mäusefest", 1965) sowie die beiden Romane "Levins
Mühle" (1962/63) und "Litauische Claviere" (1966) gehören in diesen
Kontext. Das Miteinander der Völkerschaften in Grenzgebieten, das Fortwirken der
Vergangenheit in die Gegenwart bestimmten B.s Arbeiten thematisch bis zu seinem Tod am
2.9.1965 in Berlin-Ost.
Text: Mäusefest, in: Johannes Bobrowski: Mäusefest und andere Erzählungen, Berlin 1965 |
| Heinrich Böll | |
| a | geboren am 21.12.1917 in Köln, begann nach einer
abgebrochenen Buchhändlerlehre ein Germanistikstudium und wurde bei Kriegsbeginn 1939 zur
Wehrmacht einberufen. Nach der Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft im Dezember 1945
begann er mit seiner literarischen Tätigkeit. 1947 erschienen erste Kurzgeschichten und
1949 mit "Der Zug war pünktlich" das erste Buch. Seit 1951 lebte er als freier
Schriftsteller. B. war der auch im Ausland bekannteste und geachtetste Schriftsteller der
Bundesrepublik. Neben vielen anderen Ehrungen erhielt er 1972 den Nobelpreis für
Literatur. B.s frühe Werke sind unter dem Eindruck des Kriegsgeschehens entstanden und
versuchen, das Leid der Kriegsjahre literarisch zu verarbeiten. Seit den 50er Jahren setzt
sich B. in Romanen wie "Haus ohne Hüter" (1954), "Billard um
halbzehn" (1959) und "Ansichten eines Clowns" (1963) sehr kritisch mit den
gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen in der vom wirtschaftlichen Aufschwung
geprägten BRD auseinander. Seine Kritik an der katholischen Kirche und an politischen
Kreisen, die die allgemeine Verleugnung der nationalsozialistischen Vergangenheit
unterstützten, wird in den 60er Jahren zum Hauptthema seiner gesellschaftskritischen und
literarischen Publizistik. Im Mittelpunkt seiner erzählerischen Werke stehen zumeist
Personen, die von der Gesellschaft ausgestoßen werden oder die sich ihr verweigern. In
B.s bedeutendstem Roman "Gruppenbild mit Dame" (1971) werden diese Themen
miteinander verbunden. Als direkte Reaktionen auf die Terroristenjagd in der
Bundesrepublik der 70er Jahre sind die vielgelesene (und erfolgreich verfilmte) Erzählung
"Die verlorene Ehre der Katharina Blum" (1974) und der Roman "Fürsorgliche
Belagerung" (1979) zu sehen. Mit der Friedensbewegung opponierte B. - seiner
angegriffenen Gesundheit zum Trotz - in den 80er Jahren gegen die Nachrüstungspolitik der
Regierung. Die politischen und persönlichen Verhältnisse in der Bundeshauptstadt Bonn
sind Thema seines letzten Romans "Frauen vor Flußlandschaft" (1985). B.s Tod am
16.7.1985 wurde von vielen Beobachtern als eine symbolische Zäsur in der Geschichte der
Bundesrepublik und ihrer Literatur, als "Ende der Nachkriegepoche" verstanden. Text: Bekenntnis zur Trümmerliteratur, in: Heinrich Böll: Werke: Essayistische Schriften und Reden, Bd.1, Köln 1979 Text: Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral, in: Heinrich Böll: Werke: Romane und Erzählungen, Bd.4, Köln 1979 Text: Du fährst zu oft nach Heidelberg, in: ebd., Bd.5 Text: An der Brücke, in: H.B.: ebd., Bd. 1 |
| Wolfgang Borchert | |
| a | geboren am 20.5.1921, wurde nach einer
Buchhändlerlehre und kurzer Tätigkeit am Theater 1941 zum Wehrdienst eingezogen. In den
Jahren 1942-1944 wurde er aus politischen Gründen mehrere Male angeklagt und zu
Haftstrafen mit anschließender Frontbewährung u.a. in Russland verurteilt. B. erkrankte
in diesen Jahren schwer, floh 1945 aus französischer Kriegsgefangenschaft nach Hamburg
und wurde dort 1946 als unheilbar krank aus dem Krankenhaus entlassen. Am 20.11.1947
verstarb er während eines Kuraufenthaltes in der Schweiz. In B.s schmalem Werk, das ein
Drama, Gedichte, Kurzgeschichten und Erzählungen umfaßt, werden Kindheitserinnerungen,
Kriegserlebnisse, seine persönlichen Gefängniserfahrungen und die allgemeinen
Lebensbedingungen der Nachkriegszeit thematisiert. In seinem Engagement gegen den Krieg
und mit seinen von Hoffnung und Verzweiflung geprägten Darstellungen der Trümmerzeit
befand sich B. in Übereinstimmung mit dem Lebensgefühl seiner Generation. B. wurde zu
einem Klassiker der Nachkriegsliteratur, dessen Werk bis in die heutige Zeit eine
außerordentlich große Verbreitung fand. Sein einziges Drama, die Geschichte des von
allen verlassenen Heimkehrers Beckmann, "Draußen vor der Tür" (1947), wurde
bis 1966 in 130 verschiedenen Inszenierungen gezeigt. Darüber hinaus entstanden viele
Hörspielfassungen. Seine teils lakonischen, teils symbolischen Kurzgeschichten, wie z.B.
"Das Brot" oder "Nachts schlafen die Ratten doch", oder auch sein
pazifistischer Appell "Dann gibt es nur eins!" (1947) sind bis heute in vielen
Lesebüchern zu finden. Text: Nachts schlafen die Ratten doch, in: Wolfgang Borchert: Das Gesamtwerk, Hamburg 1949 |
| Nicolas Born | |
| a | geboren am 31.12.1937 in Duisburg, am Niederrhein
aufgewachsen, lebte von 1950-65 in Essen. Seit 1963 war er Teilnehmer des Literarischen
Colloquiums in Berlin und besuchte die Tagungen der Gruppe 47. 1965 erhielt er den
Förderpreis des Landes Nordrhein-Westfalen, daran schloß sich sein Umzug nach Berlin an;
in diesem Jahr erschien sein erster Roman "Der zweite Tag", es folgten die
Lyrikbände "Marktlage" (1967), "Wo mir der Kopf steht" (1970) und -
nach einem Amerikaaufenthalt - "Das Auge des Entdeckers" (1972); gleichzeitig
entstanden zahlreiche Erzählungen, die jedoch erst nach B.s Tod unter dem Titel
"Täterskizzen" (1983) veröffentlicht wurden. 1972/73 Stipendiat der Villa
Massimo, ab 1973 Mitherausgeber des bei Rowohlt verlegten "Literaturmagazins".
1976 erschien der Roman "Die erdabgewandte Seite der Geschichte", der 1977 mit
dem Bremer Literaturpreis ausgezeichnet wurde; der Roman gilt als typisches Beispiel der
"Neuen Subjektivität" bzw. "Neuen Innerlichkeit" und thematisiert
jene Seite der Individualität und Subjektivität, die im gesellschaftlichen Mechanismus
entweder nicht wahrgenommen oder verwaltet, verdrängt und vernichtet wird. Da der
radikale Subjektivismus eben die historisch-soziale Dimension ausblendet und die Spannung
zwischen Individuum und Gesellschaft ignoriert, führt er schnell in eine Sackgasse. B.
erkennt und thematisiert das Problem in seinem 1980 (posthum) erschienenen Essay-Band
"Die Welt der Maschinen", der seine Überlegungen zum Verhältnis von
Gegenwartsrealität und Kunstanspruch zusammenfaßt. B.s letztes Werk, der viel gepriesene
und (1981) von Schlöndorff verfilmte Roman "Die Fälschung" von 1979 spielt im
libanesischen Bürgerkrieg und handelt von einem deutschen Fotojournalisten, der sich
beruflich und privat in einer Krise befindet und zum Schluß des Romans seinen Beruf
aufgibt und zu seiner Familie zurückkehrt. 1979 lehrte B. als "poet in
residence" an der Universität Essen, kurz danach (7.12.) verstarb er in Hamburg.
Text: Sonntag, in: Nicolas Born: Das Auge des Entdeckers, Reinbek bei Hamburg 1972 |
| Volker Braun | |
| a | wurde am 7.5.1939 in Dresden geboren. Nach dem Abitur
arbeitete er zunächst als Druckereifacharbeiter, Betonrohrleger und Maschinist bevor er
von 1960 bis 1964 in Leipzig Philosophie studierte. 1965/1966 und 1977 bis 1990 war B. als
Dramaturg bzw. Mitarbeiter am Berliner Ensemble, 1972 bis 1977 in ähnlicher Funktion am
Deutschen Theater in Berlin tätig. Daneben veröffentlichte er seit 1965 regelmäßig
Gedichtbände, Theaterstücke und Prosatexte. B. gehört zu den markantesten und
profiliertesten Autoren der DDR. Kaum ein anderer hat sich so intensiv mit ihrer Politik
und Gesellschaft, Arbeitswelt und Lebensbedingungen auseinandergesetzt und zugleich so
konsequent in älteren literarischen Traditionen bewegt. Die Spannweite seiner Lyrik
reicht von der Hymnik Whitmanns oder Majakowskis bis zur Kargheit des späten Brecht; aber
auch Autoren wie Büchner oder Hölderlin werden selbstbewußt beerbt. Im Grunde handelt
B.s gesamtes lyrisches, dramatisches und erzählerisches Werk von der Diskrepanz zwischen
subjektivem Anspruch und gesellschaftlicher Wirklichkeit. DDR-Alltag und -Gesellschaft
werden von einer fundamental-sozialistischen Position aus seziert: in Gedichtbänden wie
"Provokation für mich" (1965), "Wir und nicht sie" (1970),
"Gegen die symmetrische Welt" (1974), "Training des aufrechten Gangs"
(1979) oder "Langsam knirschender Morgen" (1987); in Stücken wie "Die
Kipper" (1972) oder "Die Übergangsgesellschaft" (1987); in der
"Unvollendeten Geschichte" (1975) oder im "Hinze-Kunze-Roman" (1985).
Viele dieser Texte konnten erst nach zermürbenden Auseinandersetzungen mit den
Zensurinstitutionen der DDR erscheinen. Flankiert wird B.s literarische Schaffen von
scharfsinnigen Essays. Auszeichnungen (u.a. Heinrich-Heine- und Lessing-Preis in der DDR,
Schiller-Gedächtnis-Preis in der BRD) und öffentliche Funktionen (Mitgliedschaft in der
(Ost)Berliner Akademie der Künste und in der Mainzer Akademie der Wissenschaften und
Literatur) können nicht darüber hinwegtäuschen, daß B.s Texte für die etablierte
Kulturpolitik in Ost und West immer eine Provokation waren. Seine nach der Wende
publizierten Bücher ("Der Wendehals", 1995; "Lustgarten.Preußen",
1996; "Tumulus", 1999) setzen diese Tradition fort.
Text: Fragen eines regierenden Arbeiters, in: Volker Braun: Texte in zeitlicher Folge, Halle/Leipzig 1989ff., Bd.2 Text: Alte Texte, ebd., Bd.7 Text: Das Eigentum, ebd., Bd.10 |
| Bertolt Brecht | |
| a | geboren am 10.2.1898 in Augsburg,
wurde Ende 1918 - kurze Zeit nach seinem Studienbeginn - Sanitätssoldat. In diese Zeit
fallen Kontakte zum Augsburger Arbeiter- und Soldatenrat und zur USPD. Seit 1924 lebte er
in Berlin, wo er enge Beziehungen zur literarischen Szene und zum Theater aufnahm. Nach
dramaturgischer Tätigkeit in München und Berlin kommt 1922 sein Stück "Trommeln in
der Nacht" erstmals zur Aufführung (München). Es folgt die erste Buchpublikation
("Baal"). Ab 1926 hatte B. verstärkten Kontakt zu marxistischen Theoretikern,
1928 wird die "Dreigroschenoper" zum größten Theatererfolg der Weimarer
Republik. Am 28.2.1933, unmittelbar nach dem Reichstagsbrand, verließ B. mit seiner Frau
Helene Weigel und seinem Sohn Berlin. Seine Emigration führte ihn über Prag, Wien,
Zürich, Paris und Dänemark nach Schweden und schließlich 1941 in die USA nach Santa
Monica. Nach einem Verhör vor dem "Committee of Unamerican Activities" flog er
am 31.10.1947 nach Paris. Nach einem längeren Aufenthalt in Zürich übersiedelte er 1949
nach Ostberlin. Seine intensive Theaterarbeit wurde durch gelegentliche Spannungen mit der
SED bzw. mit der Kultusbürokratie beeinträchtigt. Er verstarb am 14.8.1956 an einem
Herzinfarkt. Brecht, neben dem ihm verhaßten Thomas Mann und dem respektierten Franz
Kafka einer der Klassiker der modernen deutschen Literatur, hat Zeit seines Lebens die
Absicht verfolgt, mit Hilfe seiner literarischen Produktion in gesellschaftliche und
politische Verhältnisse einzugreifen. Seine Vorstellungen von einer proletarischen
Revolution im marxistisch-leninistischen Sinne zielten in wesentlichen Teilen auch auf
eine Befreiung der nicht-ökonomischen, kulturellen Produktivkräfte ab. Ein wesentliches
Element seiner Theaterkonzeption bildet der sogenannte "Verfremdungseffekt", der
darauf beruht, mit Hilfe ästhetischer Mittel im Zuschauer einen Erkenntnisprozess zu
organisieren, an dessen Ende eine Bewußtseins- oder Verhaltensänderung steht. Die
effektive Wirkungsmöglichkeit seines epischen Theaters wird allerdings von seinen
Kritikern in Zweifel gezogen. Stücke wie "Der gute Mensch von Sezuan" oder
"Der kaukasische Kreidekreis" erscheinen heute aufgrund ihrer parabolischen
Geschlossenheit oft allzu vereinfachend. Aller Kritik zum Trotz wurde B. in der Spielzeit
1971/72 zum meistgespielten Autor auf westdeutschen Bühnen. Seit längerem wird Brecht
aber auch als Autor eines umfangreichen lyrischen Werks, von der "Hauspostille"
(1927) bis zu den "Buckower Elegien" (1953), geschätzt und als einer der
bedeutendsten deutschen Lyriker gewürdigt. Text: Die zwei Söhne, in: Bertolt Brecht: Gesammelte Werke in 20 Bänden, Bd.11, Frankfurt/M. 1967 Text: Deutschland 1952, in: ebd. Bd.7 Text: Die Lösung, in: ebd. |
| Rolf Dieter Brinkmann | |
| a | geboren am 16.4.1940 in Vechta, begann 1959 eine
Buchhandelslehre in Essen und zog 1962 nach Köln, wo er ein Pädagogikstudium aufnahm. Er
begann sehr früh mit dem Schreiben; ab 1962 erschienen Gedichtbände bei Kleinverlagen.
B. zählte zur Kölner Gruppe des "Neuen Realismus" und lebte seit Mitte der
60er Jahre als freier Schriftsteller. Er drehte Experimentalfilme und leitete die
Rezeption der amerikanischen Pop- und Undergroundliteratur in Deutschland ein. B. lebte
oft am Rande des Existenzminimums und hatte in den Jahren 1970 bis 1975 keine größere
Publikation zu verzeichnen. Am 23.4.1975 wurde er in London beim Überqueren der Straße
von einem Auto erfaßt und getötet. Kurz nach seinem Tod erschien der hymnisch gefeierte
Gedichtband "Westwärts 1 & 2" B.s Veröffentlichungen in den 60er Jahren
wurden entschieden von der politischen Protestbewegung bestimmt; mit ihrem Niedergang
geriet er zwangsläufig in eine persönliche Krise. Dokument dieser individuellen Ohnmacht
ist der Roman "Keiner weiß mehr" (1968). Seine Hörspiele zu Beginn der 70er
Jahre wurden von der Kritik nicht beachtet. 1972 stellte sein Verlag die monatlichen
Unterstützungszahlungen ein. B., der sich mit Verleger und Freunden überworfen hatte,
konnte nur noch mit Hilfe von Stipendien und Gastaufenthalten im Ausland weiterexistieren;
"Westwärts 1 & 2" hätte einen Wiedereinstieg B.s in den Literaturbetrieb
markieren können. Große Beachtung fand auch der monumentale Band "Rom, Blicke, eine
Art von Tagebuch-Essay und Text-Bild-Montage, der während seines Rom-Aufenthaltes in der
Villa Massimo (1972) entstand und posthum 1979 herausgegeben wurde.
Text: Einen jener klassischen, in: Rolf Dieter Brinkmann: Westwärts 1 & 2 - Gedichte, Reinbek bei Hamburg 1975 |
| Paul Celan | |
| a | (eigentlich Paul Antschel) wurde am
23.11.1920 als Kind deutschsprachiger Juden in Czernowitz in der Bukowina (damals
rumänisch) geboren, wo er mehrsprachig und mit frühen dichterischen Interessen aufwuchs.
Nachdem er 1938 in Tours (Frankreich) ein Medizinstudium aufgenommen hatte, kehrte er im
Juli 1939 zurück und begann mit einem Romanistikstudium an der Universität Czernowitz.
1941 wurde die Stadt von deutschen und rumänischen Truppen besetzt, die ein jüdisches
Ghetto einrichteten. C.s Eltern wurden 1942 deportiert und starben noch im selben Jahr. C.
verblieb bis 1944 im Zwangsarbeitslager, nahm sein Studium wieder auf und arbeitete ab
1945 in Bukarest als Übersetzer und Lektor. Seit 1948 lebte er in Paris, studierte dort
Germanistik und arbeitete seit 1959 als Lektor für deutsche Sprache. 1968 wurde er
Mitherausgeber der Zeitschrift "L´Éphémère". Im Herbst 1969 reiste er nach
Israel. Vermutlich am 20.4.1970 beging er Selbstmord in der Seine. C.s Lyrik ist geprägt
von der Erinnerungslast, die er als Überlebender des Holocaust mit sich trug. Seine
Herkunft sowie seine persönlichen und historischen Erfahrungen führten zunächst dazu,
daß er als Dichter zwar an die Öffentlichkeit treten wollte, aber nur schwer die Sprache
finden konnte, um das Leid der Opfer des Nationalsozialismus auszudrücken. Celans heutige
Weltgeltung beruht nicht zuletzt auf der allmählich entwickelten Fähigkeit, seine
Reaktion auf Mord und Unterdrückung in einer poetisch verdichteten, ja hermetischen
Bildsprache darzulegen, die aus der europäischen Moderne, aber auch aus der jüdischen
Tradition gespeist wird.
Text: Todesfuge, in: Paul Celan: Gedichte in zwei Bänden, Bd.1, Frankfurt/M. 1975 |
| Franz Josef Degenhardt | |
| a | geboren am 3.12.1931 in Schwelm (Westfalen), stammt
aus einer katholischen antifaschistischen Familie. Nach dem Abitur 1952 studierte er
Rechtswissenschaften und promovierte 1966 zum Dr. jur. Schon 1963 debütierte er mit
Liedern im Rundfunk. Es folgten Hörspiele, Features usw. Gegen Ende der 60er Jahre kam es
im Zusammenhang mit der studentischen Protestbewegung zu einer deutlichen Politisierung
des Sängers, der zunächst eher surrealistische Lieder geschrieben hatte. 1969 ließ er
sich in Hamburg nieder und wurde wegen seiner Nähe zur DKP aus der SPD ausgeschlossen.
1971 erreichte sein Lied "Befragung eines Kriegsdienstverweigerers" einen
Spitzenplatz in der Hitparade. D.s Erfolg wird durch die Verkaufszahlen seiner Bücher
belegt. Der Roman "Zündschnüre" (1973), in dem die Solidarität von
Jugendlichen eines kommunistischen Stadtviertels im Kampf gegen die Nationalsozialisten
beschrieben wird, wurde 1974 verfilmt. Seit 1978 ging D. mit einer eigenen Band auf
Tournee. Seit 1981 überwogen - nicht zuletzt motiviert durch die Friedensbewegung - die
politischen Auftritte.
Text: Tonio Schiavo, in: Franz Josef Degenhardt: Politische Lieder 1964-72, München 1972 |
| Alfred Döblin | |
| a | geboren am 10.8.1878 in Stettin, durchlebte eine
schwere Kindheit, nachdem der Vater die Mutter und fünf Kinder verließ. Nach dem Abitur
in Berlin (1900) studierte D. Medizin mit dem Schwerpunkt Neurologie und Psychiatrie. 1905
legte er sein Examen ab und praktizierte anschließend in Irrenanstalten als
Assistenzarzt. In diesen Jahren entstanden die ersten literarischen Arbeiten wie die
psychographische Studie "Der schwarze Vorhang" (1902/1903). D. gilt als
Bahnbrecher des Expressionismus und wurde 1910 zum Mitbegründer des Künstlerkreises
"Der Sturm". Die Erzählweise des Arztes und Dichters reflektierte stets neueste
wissenschaftliche und psychiatrische Erkenntnisse. Als Hauptwerk dieser Zeit gilt der
Roman "Die drei Sprünge des Wang-lun" (1915). 1911 machte er sich als
Kassenarzt für Neurologie selbständig. Ein Jahr später heiratete er Erna Reiss, die
Mutter seines unehelichen Kindes. 1915 wurde er als Militärarzt eingezogen. Die
Erlebnisse an der Front machten aus dem bis dahin eher nationalistisch gesinnten D. einen
überzeugten Sozialisten. 1929 erschien sein berühmtestes Werk, der experimentelle
Großstadtroman "Berlin Alexanderplatz". Nach dem Reichstagsbrand floh der Jude
D. am 2.3.1933 in die Schweiz. Er gehörte zu den wenigen Emigranten, die in Frankreich
die Staatsbürgerschaft erhielten. 1940 konnte er der Verfolgung in Europa durch die
Flucht nach Amerika entgehen. In den USA durfte er allerdings seinen Beruf nicht ausüben,
und es gelang ihm nicht, sich auf dem literarischen Markt durchzusetzen. Keines seiner
Werke aus dieser Zeit wurde gedruckt; der mehrbändige, 1937 begonnene und 1943
abgeschlossene Roman "November 1918" blieb Manuskript. Nach 1945 kehrte er als
Offizier der französischen Militäradministration nach Deutschland zurück und war für
die Zensur verantwortlich. Der Anschluß an die Gegenwartsliteratur gelang ihm jedoch
nicht mehr. Politisch ging D. auf Distanz zu den Restaurationsbestrebungen in der BRD.
Alfred Döblin starb am 26.6.1957 nach schwerer Krankheit in Emmendingen. Text: Als ich wiederkam, in: Abschied und Wiederkehr, in: Alfred Döblin: Schriften zu Leben und Werk, Olten und Freiburg im Breisgau 1986 |
| Friedrich Dürrenmatt | |
| a | geboren am 5.1.1921 in Konolfingen (Schweiz),
studierte nach dem Abitur in Zürich und Bern Literatur, Philosophie und
Naturwissenschaften. D. entschied sich früh für den Beruf des Schriftstellers, aber er
malte und zeichnete auch kontinuierlich. D.s Werk ist außerordentlich umfangreich und
vielfältig. Der Schwerpunkt liegt allerdings beim Drama. Sein öffentliches Debüt 1947
mit dem Stück "Es steht geschrieben" provozierte einen Skandal, da es gegen
religiöse Konventionen verstieß. Zu seinen bedeutendsten und weltweit meistgespielten
Werken gehören die tragische Komödie "Der Besuch der alten Dame" (1956) und
die groteske Komödie "Die Physiker" (1962). Neben diesen Bühnenklassikern der
Moderne weist D.s Werk bedeutende Romane und Erzählungen auf. Die Kriminalromane
"Der Richter und sein Henker" (1952), "Der Verdacht" (1953) und
"Das Versprechen" (1958) dokumentieren eines seiner Grundthemen: das Plädoyer
für Humanität und gegen das Böse in der Welt. Kennzeichnend sind auch hier D.s
Anspielungen auf Schwächen und Eigenheiten der Schweizer. Sein Engagement gegen
erfolgsorientiertes Mitläufertum brachte er in dem Stück "Der Mitmacher"
(1973) zum Ausdruck. In den Prosawerken seit Mitte der 70er Jahre zeigte D. eine
verstärkt theoretische und philosophische Auseinandersetzung mit seinen Themen. Einen
großen Erfolg erlangte er mit der Komödie "Achterloo" (1983), in der er die
Weltgeschichte als Tollhaus entlarvt. Eine grausige Vision über die Zukunft der
Menschheit stellt die Novelle "Der Auftrag oder Vom Beobachten des Beobachters der
Beobachter" (1986) dar. Friedrich Dürrenmatt erlag am 14.12.1990 einem Herzinfarkt
in Neuenburg (Schweiz).
Text: Bericht über zwei Miniaturen, in: Friedrich Dürrenmatt: Werkausgabe, Bd.28, Zürich 1980 |
| Günter Eich | |
| a | geboren am 1.2.1907 in Lebus an der Oder, studierte
zunächst Volkswirtschaft und Sinologie in Berlin und Paris. Seit 1932 arbeitete er als
freier Schriftsteller. 1953 heiratete er die Schriftstellerin Ilse Aichinger. Am
20.12.1972 verstarb er in Groß-Gmain bei Salzburg. Das Grundthema des Lyrikers,
Hörspielautors und Erzählers ist das Leiden des Einzelnen an seiner Existenz. In der
Natur suchte der frühe E. Antworten auf seine Fragen nach dem Dasein; der späte E.
wandte sich enttäuscht und verbittert vom Menschen und der Schöpfung ab, da es ihm nicht
gelungen war, diese Sinnfragen zu beantworten. In der Nachkriegszeit erlangte E. mit
seinem Gedichtband "Abgelegene Gehöfte" (1948) Bedeutung als exemplarischer
Vertreter des sog. "magischen Realismus". E., der stets auf ein offenes
politisches Engagement verzichtet hatte, benutzte speziell die Form des Hörspiels, um
seinem moralischen Appell zu politischer Aufmerksamkeit Ausdruck zu verleihen. Der
produktivste Hörspielautor der Nachkriegszeit prägte diese literarische Form u.a. mit
den radiophonen Arbeiten "Träume" (1951), "Der Tiger Jussuf" (1953)
oder "Die Brandung vor Setúbal" (1957); für "Die Andere und ich"
erhielt er 1952 den renommierten Hörspielpreis der Kriegsblinden. 1959 wurde E. mit dem
Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet. Sowohl die Hörspiele als auch die Lyrik der 50er
Jahre dokumentieren E.s Versuch, mit Hilfe der Sprache die Wirklichkeit zu enträtseln. In
den 60er Jahren wandelte sich seine Einstellung zu Natur und Sprache grundlegend. Der
erste Lyrikband aus dieser Zeit, "Zu den Akten" (1964), macht dies ebenso
deutlich wie die Prosa der letzten Jahre. So wird in "Ein Tibeter in meinem
Büro" (1970) die Ordnung des Sprachsystems auf groteske Weise in Frage gestellt. Text: Inventur, in: Günter Eich: Die Gedichte, Frankfurt/M. 1991 |
| Hans Magnus Enzensberger | |
| a | geboren am 11.11.1929 in Kaufbeuren/Allgäu,
studierte von 1949 bis 1954 Literaturwissenschaften, Sprachen und Philosophie in Erlangen,
Hamburg, Freiburg i.Br. und Paris. 1955 promovierte er mit einer Arbeit über Clemens
Brentano. Er debütierte zwischen 1955 und 1957 mit Beiträgen für die Redaktion
"Radio-Essay" in Stuttgart unter Alfred Andersch. Nach seinen ersten
Veröffentlichungen wurde E. bald als "zorniger junger Mann der Literatur" und
"Bürgerschreck" etikettiert. Schon in seinem ersten Gedichtband
"verteidigung der wölfe" (1957) bricht E. mit dem lyrischen Traditionalismus
und benutzt die Poesie als Mittel der politischen Analyse, ein Verfahren, das in den
Bänden "landessprache" (1960) und "blindenschrift" (1964) noch
verfeinert wird. 1960/61 war E. Verlagslektor im Suhrkamp-Verlag. Im gleichen Jahr
erschien die von ihm herausgegebene Anthologie "Museum der modernen Poesie", die
zur Rezeption der internationalen Moderne in Nachkriegsdeutschland beitrug. 1965 gründete
er die Zeitschrift "Kursbuch", die er bis 1975 herausgab. Mit dem Essayband
"Einzelheiten" legte E. 1962 Arbeiten zur Kulturkritik in der Tradition von
Adornos Kritischer Theorie vor. Mitte der 60er Jahre wendet sich E. im Zuge der
Studentenbewegung verstärkt der Politik zu. In dem Lyrikband "Gedichte
1955-1970" erklärte E. 1971 seinen Abschied von der Illusion der
"Kulturrevolution". Im "Untergang der Titanic (1978) und in den
Gedichtbänden "Die Furie des Verschwindens" (1980), "Zukunftsmusik"
(1991) und "Kiosk" (1995) wendet er sich wieder verstärkt der Poesie zu. Davon
legt auch seine produktive Auseinandersetzung mit Schriftstellern wie Brentano
("Requiem für eine romantische Frau", 1988) und Diderot ("Diderots
Schatten", 1994; "Voltaires Neffe", 1996) Zeugnis ab. E. hatte stets ein
Gespür für aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen und Trends; 1988 lieferte er mit
"Mittelmaß und Wahn" eine essayistische Bestandsaufnahme der (alten)
Bundesrepublik in ihrer letzten Phase. 1999 erschien der Gedichtband "Leichter als
Luft - Moralische Gedichte", in dem der Dichter und Mensch E., wenn auch verborgen
hinter unterschiedlichen Masken, Bilanz zieht. E. verkörpert den Typus des ebenso
intelligenten wie vielseitig-flexiblen Kritiker-Autors, der über eine breite Kenntnis der
internationalen Literatur verfügt und auch als Übersetzer erfolgreich ist. 1980
gründete E. die Zeitschrift "TransAtlantik" (Mitwirkung bis 1982), seit 1985
gibt er in der "Anderen Bibliothek" seine Lieblingsbücher der Weltliteratur
heraus. E. erhielt u.a. das Villa Massimo-Stipendium (1959), den Georg-Büchner-Preis
(1963), den Heinrich-Böll-Preis (1985) und den kulturellen Ehrenpreis der Stadt München
(1994). Text: Middle Class Blues, in: Hans Magnus Enzensberger: Gedichte 1950-1985, Frankfurt/M. 1986 Text: Verteidigung der Wölfe, in: ebd. Text: Die Scheidung, in: ebd. Text: Alte Ehepaare, in: Hans Magnus Enzensberger: Zukunftsmusik, Frankfurt/M. 1991 Text: Über die Schwierigkeit ein Inländer zu sein, in: Hans Magnus Enzensberger: Deutschland, Deutschland unter anderem, Frankfurt/M. 1967 |
| Elke Erb | |
| a | wurde am 18.2.1938 in Scherbach/Eifel geboren. Ihr
Vater, der marxistische Literaturhistoriker Ewald Erb, siedelte mit seiner Familie 1949 in
den Osten Deutschlands. Ende der 60er Jahre trat E. als Lyrikerin und Übersetzerin aus
dem Russischen hervor (Blok, Pasternak, Zwetajewa). Ihre literarische Produktion ist
gekennzeichnet von hoher Präzision und Authentizität. Dabei nutzt sie die ganze Skala
poetischer Sprechweisen vom strikt gebundenen Vers bis zu experimenteller Offenheit wie in
den frühen Bänden "Gutachten" (1975) und "Einer schreit" (1976).
Ihre neueren Texte tendieren mehr zur gestischen Artikulation, und immer häufiger
vermischen sich Redensarten, Sprichwörter und Zitate auf sprachspielerische Weise. Dabei
spielt die Auseinandersetzung mit einem Autor wie Hans Arp und den neuerdings im Raum
Berlin ("Prenzlauer Berg Connection") anzutreffenden neodadaistischen
Experimenten eine wichtige Rolle. Besonders ihre Arbeiten aus den späten 80er Jahren
gleichen bizarren Mischformen aus Gedicht, Erzählung und Essay: "Vexierbild"
und "Kastanienallee" (1987). In den 90er Jahren richtete E. ihre (literarische)
Aufmerksamkeit verstärkt auf ihre Freundin und Lieblingsautorin Friedericke Mayröcker:
Zum einen stellte sie in "Veritas. Lyrik und Prosa 1950-1992" (1993) eine
Auswahl von Mayröcker-Texten zusammen; zum anderen legte sie mit "Unschuld, du Licht
meiner Augen" von 1994 sog. Rezeptionsgedichte vor, die von der Leseerfahrung mit der
geschätzten Dichterin handeln. 1995 erschien der Band "Der wilde Forst, der tiefe
Wald. Auskünfte in Prosa", der unterschiedliche politische, autobiographische und
poetologische Reflexionen aus den Jahren 1989 bis 1995 versammelt. E. erhielt zahlreiche
Preise, darunter den Peter-Huchel-Preis (1988) und den Erich-Fried-Preis (1995). Text: Liebesgedicht, in: Elke Erb: Der Faden der Geduld, Berlin und Weimar 1978 |
| Erich Fried | |
| a | geboren am 6.5.1921 in Wien, lebte seit 1938 als
Emigrant in London. Seine ersten Gedichte erschienen in den letzten Kriegsjahren. Sein
späteres politisches Engagement gegen den Vietnamkrieg, gegen die Haltung Israels in der
Palästinenserfrage und gegen die Terroristenjagd in der BRD hat ihm vielfältige
Anfeindungen eingebracht. Das dichterische Werk ist von einer beständigen Suche nach
Heimat geprägt. Besonders deutlich kommt dies in dem Lyrikband "100 Gedichte ohne
Vaterland" (1978) zum Ausdruck. F.s erste Gedichtbände "Deutschland"
(1944) und "Österreich" (1945) dokumentieren sein antifaschistisches
Engagement. Nachdem er in den 50er Jahren primär als Übersetzer der Dramen Shakespeares
und englischer Lyrik tätig war, veröffentlichte er 1960 seinen einzigen Roman "Ein
Soldat und ein Mädchen". Mitte der 60er Jahre wandte er sich mit seinen
Vietnam-Gedichten unter dem Titel "und Vietnam und" (1966) der politischen Lyrik
zu. Die Schwerpunkte von F.s Gedichten änderten sich allerdings seit dem Ende der 70er
Jahre. Ein noch größerer internationaler Erfolg waren schließlich seine
"Liebesgedichte" von 1979. Daß F. damit nicht zu einem unpolitischen
Schriftsteller wurde, belegt sein Band "Es ist was es ist" (1983), in dessen
Mittelpunkt Liebes-, Angst- und Zorngedichte stehen. Erich Fried starb am 22.11.1988 in
Baden-Baden. Text: Was es ist, in: Erich Fried: Es ist was es ist, Berlin 1983 |
| Max Frisch | |
| a | geboren am 15.5.1911 in Zürich, studierte zunächst
Germanistik und von 1936 bis 1940 Architektur in Zürich. Von 1941 bis 1955 hatte er ein
eigenes Architekturbüro. Seit 1955 lebte er als freier Schriftsteller mit wechselnden
Wohnorten. F. war ein Schriftsteller von internationalem Rang; seine Geltung in Ost und
West trug entscheidend dazu bei, daß deutschsprachige Literatur nach 1945 wieder
internationales Ansehen erlangen konnte. Grundlage seines Erfolges war seine Fähigkeit,
sich in seinen Werken an den Grundfragen der Menschen - an der Suche des Ichs nach sich
selbst oder der Frage nach Tod und Vergänglichkeit - zu orientieren. Seinen literarischen
Durchbruch erlangte er mit den Romanen "Stiller" (1954) und "Homo
Faber" (1956). Seine Stücke "Biedermann und die Brandstifter" (1958) und
"Andorra" (1963) gehören zur Pflichtlektüre an den deutschen Schulen. F.s
politisches Engagement dokumentieren nicht nur diese Stücke; in Essays, Reden und seinen
Tagebüchern nahm er u.a. kritisch zur Zerschlagung des Prager Frühlings oder zum
Vietnamkrieg Stellung. Bevorzugter Gegenstand seiner Kritik war in vielen Schriften die
Schweiz und die Eigenarten seiner Schweizer Landsleute. Die Erzählung "Montauk"
(1975) markiert den Beginn von F.s literarischem Rückzug aus öffentlichen Fragen. Im
Zuge seiner Endzeitvisionen erschien 1979 die Erzählung "Der Mensch erscheint im
Holozän". Nach der Kriminalerzählung "Blaubart" (1982) veröffentlichte
er neben kleinen Arbeiten unermüdlich Aufsätze und Reden, in denen er sich zu
politischen und kulturellen Fragen äußerte. Max Frisch starb am 4.4.1991 in Zürich.
Text: Überfremdung I, in: Max Frisch: Gesammelte Werke in zeitlicher Folge, Bd.5, Frankfurt/M. 1976 Text: Der andorranische Jude, aus: Tagebücher 1946-49, in: ebd., Bd.2 |
| Franz Fühmann | |
| a | wurde am 15.1.1922 in Rochlitz/CSSR als Sohn eines
Apothekers geboren. 1932 wurde er ins Jesuitenkonvikt Kalksburg bei Wien aufgenommen. Nach
der Drangsal durch den Katholizismus wurde er 1936 Mitglied im sudetenfaschistischen
Deutschen Turnverein und trat 1938 der Reiter-SA bei. 1939 meldete er sich freiwillig zur
Wehrmacht und geriet 1945 in sowjetische Gefangenschaft. Ein Jahr später wurde er zur
Antifa-Schule Noginsk abkommandiert, wo ihn die Wahrheit über Auschwitz und ein
intensives Marxismusstudium zur Abkehr vom Faschismus führten. Seit 1958 arbeitete er in
der DDR als freischaffender Schriftsteller. Seine Arbeiten der 50er Jahre spiegeln das
Pathos des sozialistischen Neubeginns ("Die Nelke Nikos" 1953, "Die Fahrt
nach Stalingrad. Poem" 1953). In den späteren Texten rückt die Verarbeitung der
Vergangenheit aus der Sicht der unschuldig-schuldhaft in die Nazi-Verbrechen verstrickten
jungen Generation in den Vordergrund, z.B. in "König Ödipus"(1966) und den
Erzählungen "Das Judenauto"(1962). In den Texten der 70er Jahre erfolgt eine
stärkere Hinwendung zu Mythos und Phantasie, Traum und Sprachspiel, etwa in dem fiktiven
Ungarn-Tagebuch "Zweiundzwanzig Tage oder Die Hälfte des Lebens" (1973).
Alptraumhafte Negativutopien kennzeichnen den Erzählband
"Saiäns-Fiktschen"(1981). In Rezeption der Lyrik Georg Trakls rückt noch
einmal die biographische Bilanz ins Zentrum seines Textes. In "Vor
Feuerschlünden"(1982) beschreibt F. mit nahezu manischer Intensität den Versuch,
sich von ideologischer Doktrin zu befreien. In seiner Haltung als unbestechlicher und doch
unbeirrt am Sozialismus festhaltender Kritiker einer kleinlichen DDR-Kulturpolitik war
Fühmann bis zu seinem Tode am 8.7.1984 der wichtigste Förderer und das Vorbild der
jungen Autorengeneration in der DDR. Text: Drei nackte Männer, in: Franz Fühmann: Erzählungen 1955-1975, Rostock 1977 |
| Robert Gernhardt | |
| a | geboren am 13.12.1937 in Reval/Estland, in Göttingen
aufgewachsen. Arbeitet als Erzähler, Lyriker, Essayist, Satiriker, Drehbuchautor und
Maler. Er studierte Malerei und Germanistik in Stuttgart und Berlin. Von 1964 bis 1976 war
er Redakteur des Frankfurter Satiremagazins "pardon". 1977 erschien sein erster
Prosaband "Die Blusen des Böhmen", 1981 die Gedichte und Bildergeschichten
"Wärterseee", 1982 der Roman "Ich, Ich, Ich", 1984 gesammelte Satiren
unter dem Titel "Letzte Ölung". Als Mitbegründer ist G. seit 1980 für das
Satiremagazin "Titanic" tätig. In seinen satirischen Gedichten, Prosatexten und
Zeichnungen spielt G. mit den Rezeptionserwartungen seines Publikums. Gegen eine
moralisierende Literatur, die er immer wieder parodiert, plädiert G. für eine heitere,
distanzierte und gleichwohl gesellschaftskritische Kunst. Dabei zeigen seine Arbeiten
hohes Formbewußtsein, stilistische Virtuosität und Komplexität. All diese poetischen
Qualitäten, aber auch die Entwicklung seiner Lyrik über vier Jahrzehnte hinweg lassen
sich in seinen letzten Bänden "Gedichte 1954-1994" und "Lichte
Gedichte" (1997) beobachten. Text: Nachmittag eines Dichters, in: Robert Gernhardt: Lichte Gedichte, Zürich 1997 Text: Inventur 96 oder Ich zeig Eich mein Reich, in: ebd. |
| Gabriele Goettle | |
| a | geboren 1946 in Aschaffenburg, aufgewachsen in
Karlsruhe, studierte Bildhauerei, Literaturwissenschaft, Religionswissenschaft und
Kunstgeschichte in Berlin. Seit Anfang der 80er Jahre ist sie als freie Mitarbeiterin für
verschiedene Zeitungen, u.a. die "tageszeitung" (taz) und die "Zeit",
tätig. Auftragsarbeiten lehnt sie jedoch grundsätzlich ab. Der Prosaband "Deutsche
Sitten" (1991) ist ihre erste Buchveröffentlichung. Die in ihm enthaltenen
literarischen Reportagen, Erzählungen, Protokolle und Essays zeichnen auf vielfältige
Weise ein Bild der Bundesrepublik der achtziger Jahre. Mit dem Blick der Ethnographin und
ausgerüstet mit einem Aufnahmegerät reiste G. jahrelang durch die Bundesrepublik, um die
verschiedenen Stimmen einer Gesellschaft einzufangen, die nicht mehr eine Sprache spricht,
sondern unzählig viele. Ein "Deutschland von unten" kam auf diesen Streifzügen
zu Tage, das fremdartig und bekannt, gewöhnlich und monströs zugleich anmutet. Um dieses
andere, inoffizielle Deutschland geht es auch in der ebenfalls 1991 erschienenen
Essay-Sammlung "Freibank. Kultur minderer Güte amtlich geprüft".
Text: Die Nachmieterin, in: Gabriele Goettle: Deutsche Sitten, Frankfurt/M. 1991 |
| Oskar Maria Graf | |
| a | geboren am 22.7.1894 in Berg am Starnberger See, floh
1911 nach dem Tode seines Vaters nach München, um Schriftsteller zu werden. Dort
debütierte er mit expressionistischer Lyrik, konnte sich aber nur unter Schwierigkeiten
ernähren. 1914 wurde er zum Militär einberufen, widersetzte sich aber dem System durch
Hunger- und Sprechstreiks und andere Aktionen, die ihn fast zum Wahnsinn trieben, bis er
1916 entlassen wurde. In den 20er Jahren avancierte er zum gesellschaftlichen Mittelpunkt
der Bohème in München. Hier entdeckte er seine Fähigkeit, "Bayrisches" zu
schreiben, was ihm mit dem "Bayrischen Dekameron" (1928) einen
außerordentlichen Publikumserfolg einbrachte. International beachtet wurde die
Autobiographie "Wir sind Gefangene" (1927), die später von den
Nationalsozialisten verboten wurde. Mit "Der Abgrund" (1935) und "Anton
Sittinger" (1937) folgten zwei Romane, in denen er sich mit den Ursachen für die
Durchsetzung des Faschismus und den daraus resultierenden Problemen des Antifaschismus
auseinandersetzte. G. emigrierte 1933 - seine Flucht führte ihn über Wien, Brünn und
Prag 1938 nach New York. Hier setzte er sich für verfolgte europäische Künstler ein.
Von seinen weiterhin deutsch geschriebenen Werken werden "Das Leben meiner
Mutter" (1946) und "Gelächter von außen" (1966) als besonders gelungen
bezeichnet. Oskar Maria Graf verstarb am 28.6.1967 in New York. Text: Was mich abhält, nach Deutschland zurückzukehren, in: Oskar Maria Graf: Reden und Aufsätze aus dem Exil, Gesammelte Werke, Bd.11, München 1989 |
| Günter Grass | |
| a | geboren am 16.10.1927 in Danzig, war in den letzten
Kriegsjahren Luftwaffenhelfer und Panzersoldat, arbeitete nach der Entlassung aus
amerikanischer Kriegsgefangenschaft zunächst in einem Bergwerk. Parallel zum Studium der
Graphik und der Bildhauerei begann er in den 50er Jahren mit der schriftstellerischen
Arbeit. Seit 1955 gehörte er der Gruppe 47 an. Im Wahlkampf 1961 trat er energisch für
Willy Brandt ein. Diesem Engagement folgten zahlreiche Auftritte bei Bundes- und
Landtagswahlkämpfen der SPD. In das Bewußtsein der internationalen Öffentlichkeit trat
G. 1959 mit dem ersten Teil der "Danziger Trilogie", der
"Blechtrommel". Dieser Roman sowie die folgenden Bände "Katz und
Maus" (1961) und "Hundejahre" (1963) beschreiben die Etablierung des
Nationalsozialismus im Kleinbürgertum Danzigs. G.s Arbeiten waren bei Kritik und Lesern
nicht unumstritten. Die negativen Reaktionen, die im Pornographievorwurf gipfelten,
standen in Zusammenhang mit seinem politischen Engagement. Die größeren Werke der
folgenden Zeit sind durch ein stark autobiographisch geprägtes Erzähler-Ich dominiert.
Der Roman "Der Butt" (1977), der G. wieder einen weltweiten Erfolg bescherte,
die Erzählung "Das Treffen in Telgte" (1979) und die Geschichte der Asienreise
des Ehepaares Harms in "Kopfgeburten oder Die Deutschen sterben aus" (1980) sind
zunehmend durch G.s persönliche Erfahrungen und pessimistische Weltsicht geprägt. Volker
Schlöndorffs Verfilmung der "Blechtrommel" (1979) war ein großer
internationaler Erfolg und wurde 1980 mit dem "Oscar" ausgezeichnet. In seinem
Roman "Ein weites Feld" (1995) konfrontiert G. das literarische Erbe in der
Person Theodor Fontanes mit der deutschen Gegenwart. Zuletzt erschien ein (eigenhändig
illustrierter) Rückblick auf die durchlebte Epoche: "Mein Jahrhundert" (1999).
G. erhielt 1999 den Nobelpreis für Literatur. Text: Kurze Rede eines vaterlandslosen Gesellen, in: Günter Grass: Ein Schnäppchen namens DDR, Frankfurt/M. 1990 Text: Die Deutschen und ihre Dichter, in: Günter Grass: Werkausgabe in zehn Bänden, Bd.9, Darmstadt und Neuwied 1987 |
| Durs Grünbein | |
| a | geboren 1962 in Dresden, lebt seit 1985 in Berlin;
studierte kurzzeitig Theaterwissenschaft, 1987 Abbruch des Studiums. 1988 erschien der
erste Gedichtband "Grauzone morgens", 1991 folgte der Band
"Schädelbasislektion", der als Literaturereignis von der Kritik gefeiert wurde.
In ihm versammelt G. Momentaufnahmen, Träume, Gedichte, Zeitungsfunde, Graffiti,
philosophische und politische Reflexionen, die den Moment des Mauerfalls umkreisen. 1994
erschienen die Gedichtbände "Falten und Fallen", für den G. den
Peter-Huchel-Preis erhielt, sowie "Den Teuren Toten. 33 Epitaphe". 1995 wurde G.
als jüngstes Mitglied in die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung aufgenommen und
erhielt im selben Jahr den Georg-Büchner-Preis. 1996 erschien die Aufsatzsammlung
"Galilei vermißt Dantes Hölle und bleibt an den Maßen hängen". Text: Schädelbasislektion, in: Durs Grünbein: Schädelbasislektion, Frankfurt/M. 1991 Text: Meditation nach Descartes, in: Durs Grünbein: Falten und Fallen, Frankfurt/M. 1994 |
| Peter Handke | |
| a | wurde am 6.12.1942 in Griffen (Österreich) geboren.
Nachdem der Suhrkamp Verlag 1965 sein Romanmanuskript "Die Hornissen" angenommen
hatte, brach H. sein Jurastudium ab. 1966 wurde er mit dem Stück
"Publikumsbeschimpfung" einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Im gleichen
Jahr hatte er einen spektakulären und provokativen Auftritt vor der Gruppe 47 in
Princeton. Seine ersten Arbeiten zielten auf die Bloßlegung bzw. das Aufbrechen von
Herrschaftsstrukturen ab. Während in "Kaspar" (1968) das Herrschaftssystem
"Sprache" thematisiert wird, dokumentieren "Der kurze Brief zum langen
Abschied" (1972) oder "Die linkshändige Frau" (1976) Versuche eines
Ausbruchs aus zwischenmenschlichen Beziehungen. In den folgenden Jahren setzte sich H. mit
Arbeiten wie "Das Gewicht der Welt" (1977) zunehmend dem Vorwurf des
Egozentrismus aus. Mit "Die Lehre der Sainte-Victoire" (1980) zeichnete sich
eine neue Haltung ab, die die Suche nach einer Sinngebung für die Welt in den Mittelpunkt
stellt. "Das Gedicht an die Dauer" (1986), "Die Wiederholung" (1986)
und die folgenden Schriften dokumentieren den Versuch, Dinge und Menschen dem Vergehen und
Vergessen zu entreißen. 1989 erschien H.s essayistischer "Versuch über die
Müdigkeit", der eine stark polarisierende Wirkung auf Kritik und Publikum hatte. Es
folgten der "Versuch über die Jukebox" (1990) und "Versuch über den
geglückten Tag" (1991). Provozierend an diesen "Versuchen" ist nicht nur
die Langsamkeit und Bedächtigkeit, mit der H. seine Betrachtungen entwickelt, sondern
auch seine immer wiederkehrende Bezugnahme auf die Antike. Das gilt auch für den 1992
erschienenen Sammelband "Langsam im Schatten", dessen Titel sich auf eine Ekloge
Vergils bezieht. Mit "Mein Jahr in der Niemandsbucht" (1994) veröffentlichte H.
sein bisher umfangreichstes Werk. In mehreren Texten setzte er sich mit dem Zerfall
Jugoslawiens auseinander. Besonders der 1996 erschienene Bericht über "Eine
winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina" löste mit seiner
Kritik an der Berichterstattung über die jugoslawischen Kriege und seiner Parteinahme
für die Serben eine heftige Kontroverse aus. H. lebt bei Paris.
Text: Die drei Lesungen des Gesetzes, in: Peter Handke: Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt, Frankfurt/M. 1967 |
| Ludwig Harig | |
| a | wurde am 18.7.1927 in Sulzbach/Saar geboren. Im
Anschluß an seine Lehrerausbildung arbeitete er zunächst in Lyon; von 1950-1970 war er
Volksschullehrer in Dudweiler/Saar. Seit 1955 veröffentlichte er eigene Texte, und seit
1963 beschäftigte er sich vorwiegend mit experimentellen Hörspielen und Übersetzungen.
H. versuchte, mit Mitteln der "Konkreten Poesie" gegen die herrschende Ästhetik
der fünfziger Jahre anzuschreiben. In seinen Hörspielen bemühte er sich, mit
sprachspielerischen Mitteln Kritik an ideologischen Kommunikationsformen zu üben. Sein
erster Roman "Sprechstunden für die deutsch-französische Verständigung und die
Mitglieder des gemeinsamen Marktes" (1971) ist von der Absicht geprägt, dem Leser
durch eine experimentelle Sprache Einsichten in die Absurdität der Logik zu vermitteln.
In den letzten Jahren befaßte sich H. verstärkt mit typischen Mustern deutscher
Biographien. Der Roman "Ordnung ist das ganze Leben" (1986) rekonstruiert anhand
der Lebengeschichte seines Vaters das Leben deutscher Kleinbürger zwischen 1896 und 1980.
In "Weh dem, der aus der Reihe tanzt" (1990) schildert H., wie der
Nationalsozialismus aus Kindern Täter machte. Im 1996 erschienenen Roman "Wer mit
den Wölfen heult, wird Wolf" wird dieses Thema aufgegriffen und weiter geführt.
Text: herum gezogen flanken lauf zum, in: Patio - Fußball Magazin, Frankfurt/M. 1968/69 |
| Christoph Hein | |
| a | wurde am 8.4.1944 in Heinzendorf/Schlesien geboren.
Da ihm als Pfarrerssohn in der DDR der Besuch des Gymnasiums verwehrt war, besuchte er ab
1958 ein Gymnasium in Westberlin. 1960 ging er in die DDR zurück. Er arbeitete nach dem
Abitur als Montagearbeiter, Buchhändler, Kellner, Journalist, als Schauspieler in
Nebenrollen und als Regieassistent. Von 1967-1971 studierte er Philosophie und Logik in
Leipzig und Berlin. Er war dann zunächst als Dramaturg, ab 1974 als Autor bei der
Volksbühne in Berlin (Leitung: Benno Besson) unter Vertrag. Hier wurde 1974, nach
erheblichen Streichungen, seine Komödie "Schlätel oder Was solls" aufgeführt.
Seit 1979 ist H. freiberuflicher Schriftsteller. 1980 erschienen die Stücke
"Cromwell" und "Lasalle", in denen die Frage nach den treibenden
Kräften der Geschichte im Mittelpunkt steht. In dem Prosa-Band "Einladung zum Lever
Bourgeois" aus dem selben Jahr liefert H. Geschichten aus den Vorzimmern der Macht,
die als "Studien zur Subalternität" gelten könnten. Der internationale
Durchbruch gelang ihm 1982 mit der Novelle "Der fremde Freund" (in
Westdeutschland: "Drachenblut"). In ihr werden Entfremdungsprozesse und
-strukturen einer Gesellschaft enthüllt, die nicht nur von ihrem sozialistischen
Programm, sondern auch von ihren industriellen Produktionsweisen geprägt ist. H.s
Erzählweise provoziert eine distanzierte Lesehaltung, die es erlaubt, Figuren-Konflikte
in kulturgeschichtlichen Zusammenhängen zu begreifen, die zwar in der Frühphase der
bürgerlichen Gesellschaft gründen, in der sozialistischen Übergangsgesellschaft aber
noch lange nicht obsolet sind. Im Roman "Horns Ende" (1985) werden die
Traditionen der Triebunterdrückung und Ausgrenzung Andersartiger noch zugespitzter
thematisiert. Da H. sich in seiner Prosa vor allem für die psycho-soziale Dimension der
Geschichte interessiert, wirken die dort evozierten Welten der Kälte und
Liebesunfähigkeit merkwürdig gesamtdeutsch - obwohl beispielsweise "Der
Tangospieler" (1989) explizite DDR-Themen behandelt und H. mehrfach beteuerte, nur
über die DDR schreiben zu können. Auf jeden Fall waren seine Themen mit dem Ende des
Landes nicht verschwunden; sein gesellschaftskritisches Instrumentarium taugt auch als
Waffe gegen neue Ungerechtigkeiten. Die jüngsten Romane ("Das Napoleonspiel",
1993; "Von allem Anfang an", 1997), Stücke ("Randow", 1994) und
Essays handeln davon. 1998 wurde H. erster gesamtdeutscher PEN-Präsident. Er hat
zahlreiche Auszeichnungen (darunter den Heinrich-Mann- und den Peter-Weiss-Preis)
erhalten. Text: Die Witwe eines Maurers, in: Christoph Hein: Einladung zum Lever Bourgeois, Berlin und Weimar 1980 Text: Die Mauern von Jerichow, u.d.T. Ansichten einer deutschen Kleinstadt, leicht retuschiert, in: neue deutsche literatur, Berlin, H. 4/1992 Text: Die Vergewaltigung, in: Christoph Hein: Exekution eines Kalbes, Berlin u. Weimar 1994 |
| Helmut Heißenbüttel | |
| a | wurde am 21.6.1921 in Rüstringen bei Wilhelmshaven
geboren. Nach einer schweren Kriegsverletzung im Jahre 1941 studierte er Architektur,
Germanistik und Kunstgeschichte. Nach seiner Tätigkeit als Verlagslektor (1955-1957)
arbeitete er von 1959-1981 beim Süddeutschen Rundfunk, wo er wie vor ihm Alfred Andersch
dem Literaturprogramm eigene anspruchsvolle Akzente verlieh. H. gilt allgemein als
Vertreter avantgardistischer und experimenteller Gegenwartsliteratur. Ein wesentliches
Prinzip seiner literarischen Schreibweise ist die Reduktion der Sprache auf ihre
wesentlichen Bestandteile und deren Kombination zu neuen überraschenden Verbindungen, was
er in seinen "Textbüchern" (1960-1964) dokumentiert. Ein zentrales Thema H.s
ist die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit vor dem
Hintergrund aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen. Beispielhaft hierfür ist sein
"persönlicher Bericht": "1945 ist heute" (1977) und das "Projekt
3/2": "Wenn Adolf Hitler den Krieg nicht gewonnen hätte" (1979). Seine
Literatur hat bei aller Konzentration auf die sprachlichen Strukturen eine deutlich
politische, aufklärerische Funktion. Der Erkenntnisprozess wird jeweils dem Leser
zugewiesen, was in der "Satire auf den Überbau. Durchgeführt am Beispiel der
Bundesrepublik Juli 1968" (in: "Zur Tradition der Moderne", 1972) besonders
deutlich wird. Helmut Heißenbüttel starb am 19.9.1996 in Glückstadt.
Text: Kalkulation über was alle gewußt haben, in: Helmut Heißenbüttel: Textbuch 1-6, Stuttgart 1980 |
| Wolfgang Hildesheimer | |
| a | geboren am 9.12.1916 in Hamburg,
emigrierte 1933 mit seinen Eltern zunächst nach England und im Dezember des gleichen
Jahres nach Palästina. Von 1937 bis 1939 arbeitete er in England. Von 1940-1946 war er
als Englischlehrer und Informationsoffizier der britischen Regierung in Tel Aviv und
Jerusalem tätig. 1946-1949 arbeitete er als Simultandolmetscher und später als Redakteur
der Protokolle bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen. 1950 begann er mit seiner
schriftstellerischen Arbeit, deren erste Resultate 1952 unter dem Titel "Lieblose
Legenden" erschienen: satirische Kurzprosa zu den Themen Bildung und Kultur. Im
Zeichen satirischer Kulturkritik stehen auch der erste Roman "Paradies der falschen
Vögel" (1953) und weitere Werke der Frühzeit. Mitte der 50er Jahre wandte sich H.
der Darstellung des Absurden und Grotesken zu. Besonders deutlich wird dies in seinem
größten Bühnenerfolg, der grotesken Tragikomödie "Die Verspätung" (1961).
Bis in die 70er Jahre hinein stand die Darstellung eines an der Realität scheiternden und
auf sich selbst zurückgezogenen Ichs im Mittelpunkt seiner Werke. Diese
"monologische" Phase endete 1973 mit dem Werk "Masante". In der
Folgezeit beschäftigte sich H. vorwiegend mit historischen Figuren. 1970 erschien sein
Stück "Maria Stuart" und 1977 erreichte er mit "Mozart" seinen
größten Verkaufserfolg. Überzeugt, daß sich die Gegenwart einer literarischen
Darstellung entziehe, erklärte H. 1983 seinen Abschied von der Literatur. Sein
publizistisches Engagement blieb aber ungebrochen. Außerdem arbeitete er wieder als
bildender Künstler. Wolfgang Hildesheimer starb am 21.8.1991 in Poschiavo. Text: Eine größere Anschaffung, in: Wolfgang Hildesheimer: Gesammelte Werke in sieben Bänden, Bd.1, Frankfurt/M. 1991 |
| Franz Hohler | |
| a | Kabarettist, Dichter und Musiker,
geboren am 1.3.1943 in Biel (Schweiz), begann nach dem Abitur mit einem Germanistik- und
Romanistikstudium. Nach dem Erfolg seines ersten Soloprogramms "pizzicato" im
Jahre 1965 brach er sein Studium ab. Mit verschiedenen Ein-Mann-Programmen gastierte er in
den meisten Ländern Europas, in den USA, Kanada und Nordafrika. Daneben verfaßte er
Prosa, die surreale Perspektiven und Zeitkritik verknüpft. Banales wird grotesk
zugespitzt, mündet aber nicht ins Absurde, sondern bleibt als parodistische Inszenierung
erkennbar. Wichtige Titel H.s sind: "Idyllen" (1970), das Lesebuch "Ein
eigenartiger Tag" (1979) und der Roman "Der neue Berg" (1989).
Erwähnenswert sind auch seine Kinderbücher, von denen der Roman "Tschipo"
(1978) mit dem Oldenburger Kinderbuchpreis ausgezeichnet wurde. Text: Bedingungen für die Nahrungsaufnahme, in: Franz Hohler: Der Rand von Ostermundigen, Darmstadt und Neuwied 1975 |
| Peter Huchel | |
| a | wurde am 3.4.1903 in Berlin geboren. Er wuchs in der
noch vorindustriellen Welt des großelterlichen Bauernhofs auf. Nach Literatur-und
Philosophiestudium in Berlin, Wien und Freiburg schloß er Freundschaften in
links-jüdischen Kreisen (E. Bloch, A. Kantorowicz). Schon 1931 durchschaute er in der
Prosa-Studie über einen NS-Mitläufer, "Im Jahre 1930", das Nazi-Regime. Seinen
ersten Gedichtband, "Der Knabenteich", zog er Anfang 1933 kurz vor Drucklegung
zurück. Bis zu seiner Einberufung zu einer Flak-Einheit wohnte er in Langerwisch bei
Potsdam. Nach Kriegsende arbeitete er zunächst für den (Ost-)Berliner Rundfunk und
übernahm 1949 auf Wunsch Johannes R. Bechers die Redaktion der Kulturzeitschrift
"Sinn und Form", mit der er eine gesamtdeutsche Leserschaft an die
internationale Moderne heranführte. Nach heftigen Attacken seitens der SED mußte er den
Redaktionsposten 1962 aufgeben. Seine Gedichtbände "Chausseen Chausseen" (1963)
sowie "Sternenreuse" (1967) konnten nur im Westen erscheinen. 1971 erfolgte die
Ausreise in die BRD. In seinen Gedichten ist die Landschaft zwar wesentliches Element,
jedoch nicht als unberührter Fluchtraum, vielmehr auch als Ort sozialer wie politischer
Konflikte. "Der Leser wird belohnt durch eine Lyrik, die an zeitlicher Weite, an
Erfahrungsbreite, an intensiver Bildtiefe und künstlerischer Folgerichtigkeit zur
bedeutendsten im deutschen Sprachraum gehört." (Vieregg) Peter Huchel starb am
30.4.1981 in Staufen im Breisgau.
Text: Ophelia, in: Peter Huchel: Gesammelte Werke in zwei Bänden, Bd.1, Frankfurt/M. 1984 |
| Thomas Hürlimann | |
| a | geboren am 21.12.1950 in Zug/Schweiz.
Er studierte Philosophie in Zürich und Berlin und arbeitete drei Jahre lang als
Regieassistent und Produktionsdramaturg am Schillertheater in Berlin. Seit 1985 lebt er
als freier Schriftsteller in der Schweiz und in Berlin-Kreuzberg. Zentrale Themen seiner
literarischen Arbeit sind Sterben und Tod sowie die Erfahrung des Fremdseins. Für seinen
ersten Erzählband "Die Tessinerin" erhielt er 1981 den aspekte-Literaturpreis
des ZDF. Gelobt wurde auch die Novelle "Das Gartenhaus" (1989). H. verfaßte
außerdem zahlreiche Theaterstücke. Text: Flug durch Zürich, in: Thomas Hürlimann: Die Satellitenstadt, Zürich 1992 |
I ---
| Ernst Jandl | |
| a | geboren am 1.8.1925 in Wien, studierte
nach der Entlassung aus der amerikanischen Kriegsgefangenschaft 1946 Germanistik und
Anglistik. 1949 legte er das Lehrerexamen ab, seitdem ist er - unterbrochen von
verschiedenen Beurlaubungen - als Lehrer in Wien tätig. 1952 begann J. mit ersten
Veröffentlichungen in Zeitschriften. 1956 erschien sein durchaus noch konventioneller
Gedichtband "Andere Augen". Danach wandte sich J. der experimentellen Poesie zu.
Seine "Sprechgedichte" beruhen auf den Prinzipien des Buchstabentausches, der
verzerrenden Artikulation und des Falschsprechens. Anders als Helmut Heißenbüttel zielt
J. mit der Veränderung des herkömmlichen Sprach- und Grammatiksystems nicht
ausschließlich auf eine Sprachkritik ab. Seine Gedichte dokumentieren auch ein
grundlegendes Vergnügen am Sprechvorgang. Einen Überblick über seine Lyrik bietet der
Band "Laut und Luise" (1966). Seit Ende der 60er Jahre veröffentlicht J.
verstärkt essayistische Schriften zur Situation des Autors. Zwischen 1967 und 1971
produzierte er gemeinsam mit Friederike Mayröcker mehrere Hörspiele. Allgemeine, über
Österreich weit hinausreichende Anerkennung erlangte er 1979/1980 mit der
"Sprechoper" in sieben Szenen "Aus der Fremde". In letzter Zeit
erschienen u.a. "der beschriftete sessel" (1991) und "peter und die
kuh" (1996). Neben vielen anderen Ehrungen erhielt er 1984 den Büchner-Preis.
Text: markierung einer Wende, in: Ernst Jandl: Gesammelte Werke, Bd.1, Darmstadt u. Neuwied 1985 Text: frühe übung einem einen wichtigen sachverhalt einzuprägen, in: ebd. Text: lichtung, in: Ernst Jandl: Laut und Luise, Olten/Freiburg 1966 |
| Zoë Jenny | |
| a | geboren 1974 in Basel, aufgewachsen in
Griechenland, im Tessin und in Basel, wo sie heute auch lebt. Seit 1993 veröffentlichte
J. Kurzgeschichten in verschiedenen deutschen, österreichischen und Schweizer
Literaturzeitschriften. 1997 erschien ihr erster, von der Kritik sehr positiv
aufgenommener Roman "Das Blütenstaubzimmer". Im selben Jahr erhielt sie das
3-sat-Stipendium beim Ingeborg-Bachmann Wettberwerb in Klagenfurt, den
Literaturförderpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung und den aspekte- Literaturpreis. Text: Ahorn, in: Die Schweiz erzählt. Junge Erzähler. Ausgew. v. Plinio Bachmann. Frankfurt/M. 1998 |
| Uwe Johnson | |
| a | wurde am 20.7.1934 im pommerschen
Kammin (heute Polen) geboren. 1945 floh die Familie nach Recknitz. Nach dem Abitur
studierte J. Germanistik in Rostock (1952-1954) und Leipzig (bis 1956). Für eine
Anstellung in staatlichen Institutionen hielt man ihn trotz des bestandenen Diploms nicht
geeignet. Sein erstes Romanmanuskript "Ingrid Babendererde" wurde abgelehnt. Von
1957 bis 1959 beschäftigte er sich mit "wissenschaftlicher Heimarbeit" und dem
Studium der Eisenbahnverbindungen zwischen Mecklenburg und Sachsen. Ergebnis dieser Arbeit
ist sein Roman "Mutmaßungen über Jakob". Da dieser nur im Westen gedruckt
werden konnte, zog J. 1959 ohne Genehmigung der DDR-Behörden nach Westberlin. Der Roman
stellt eine komplizierte, vielschichtige Komposition unterschiedlichster Erzählebenen
dar. In Form einer Ermittlung werden die Sachverhalte recherchiert, die für den Tod des
DDR-Bürgers Jakob Abs verantwortlich sein könnten. Auch die nachfolgenden Romane J.s
beschäftigen sich mit der gespaltenen deutschen Wirklichkeit. So dokumentiert "Das
dritte Buch über Achim" (1961) das Scheitern eines westdeutschen Journalisten beim
Schreiben einer Biographie über das ostdeutsche Radsportidol Achim. 1970, 1971, 1973 und
1983 erschien die Romantetralogie "Jahrestage", die heute schon als eine der
großen Geschichts-Erzählungen unserer Zeit gelten darf. Hier schildert J. das Leben der
Gesine Cresspahl, bekannt als Partnerin Jakobs in den "Mutmaßungen", sowie
ihrer (und Jakobs) Tochter Marie im Zeitraum vom August 1967 bis zum August 1968. Die
Fertigstellung dieses Werkes bereitete J. große Schwierigkeiten. Begonnen hatte er
bereits während eines Aufenthaltes in New York 1966-1968. 1974 übersiedelte er nach
Sheerness-on-Sea (England). Dort geriet er 1975 in eine schwere persönliche Krise, die
eine längere Schreibhemmung zur Folge hatte. 1984 wurde J. in seinem Haus in Sheerness
tot aufgefunden. In der Nacht vom 23. auf den 24. Februar war er verstorben. 1985 erschien
sein Erstlings-Roman "Ingrid Babendererde. Reifeprüfung 1953" endlich im Druck. Text: Nachtrag zur S-Bahn, in: Uwe Johnson: Berliner Sachen. Aufsätze, Frankfurt/M. 1975 |
| Marie Luise Kaschnitz | |
| a | wurde am 31.1.1901 als Marie Luise von
Holzing-Berstett in Karlsruhe geboren. Nach einer Buchhändlerlehre in Weimar arbeitete
sie als Buchhändlerin in München und Rom. 1925 heiratete sie den österreichischen
Archäologen Guido Kaschnitz von Weinberg, mit dem sie in Rom, Königsberg, Marburg und
Frankfurt lebte. Am 10.10.1974 starb sie während eines Besuches bei ihrer Tochter in Rom.
Ihre wichtigsten Werke schrieb sie nach der Verleihung des Büchner-Preises im Jahre 1955.
Von ihrem Frühwerk, das der Suche nach einer reinen Kunst gewidmet war, hat sich K. nach
1945 entschieden distanziert. Eine Wende in ihrem Schaffen markiert der Lyrikband
"Totentanz und Gedichte zur Zeit" (1947), der nicht mehr unter dem Druck der
Selbstzensur geschrieben ist. Eine einfachere und knappe Sprache zeichnet den Band
"Neue Gedichte" von 1957 aus. Die Gedichte der 60er Jahre sind stark
autobiographisch geprägt, da sie hier den Tod ihres Mannes zu verarbeiten sucht. Ende der
60er Jahre treten verstärkt politische Gedichte in den Vordergrund, die in den 70er
Jahren zugunsten einer Zusammenschau von Lebens- und Welterfahrung wieder zurücktreten.
Einer breiten Leserschaft bekannt wurde K. durch ihre Kurzgeschichten, die zum festen
Bestand westdeutscher Lesebücher gehören. Von besonderer Bedeutung sind die Sammlungen
"Lange Schatten" (1960) und "Ferngespräche" (1966). Die dialogische
Grundhaltung in K.s Schreibweise führte dazu, daß sie sich in den 50er Jahren verstärkt
der Hörspielproduktion zuwandte. Stark autobiographisch geprägt sind wiederum die Werke
der letzten Jahre. So dokumentiert "Steht noch dahin" (1970) die
Studentenunruhen Ende der 60er Jahre in der Spiegelung durch einen älteren Menschen. Text: Popp und Mingel, in: Marie Luise Kaschnitz: Gesammelte Werke, Bd.4, Frankfurt/M. 1983 |
| Sarah Kirsch | |
| a | geboren am 16.4.1935 als Ingrid Bernstein in
Limlingerode im Südharz, aufgewachsen in Halberstadt. Tochter eines Fernmeldemechanikers.
Nannte sich "Sarah" aus Protest gegen die Verfolgung und Vernichtung der Juden
durch die Nazis und den Antisemitismus des Vaters. Nach dem Abitur Studium der Biologie in
Halle. Zwischendurch Arbeiterin in einer Zuckerfabrik, in der Heimerziehung und einer
landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft. 1958 Heirat mit dem Lyriker Rainer Kirsch.
1959 Biologie-Diplom. In einem von Gerhard Wolf geleiteten Zirkel junger Autoren entstehen
die ersten Gedichte über den sogenannten "kleinen Gegenstand". Von 1963-65
Studium am Institut für Literatur "Johannes R. Becher" in Leipzig. Danach als
freie Schriftstellerin tätig. 1965 veröffentlicht sie zusammen mit Rainer Kirsch den
Gedichtband "Gespräch mit dem Saurier". Das Ehepaar erhält den Kunstpreis der
Stadt Halle. 1967 der erste eigene Gedichtband "Landaufenthalt". Hier zeigt sich
schon K.s Vorliebe für die Beschreibung des Landlebens, der Stimmungen der Landschaft,
der Weite und Einsamkeit, der alltäglichen Dinge des Lebens. 1968 Scheidung von Rainer
Kirsch und Umzug nach Ost-Berlin. 1973 erscheinen der Gedichtband
"Zaubersprüche" und die Erzählungen "Die ungeheuren bergehohen Wellen auf
See". Im selben Jahr erhält sie den Heinrich-Heine-Preis der DDR. 1976 unterschreibt
sie den Protestbrief gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns, daraufhin 1977 Ausschluß aus
der SED und dem Schriftstellerverband der DDR, Ausreiseantrag und Umzug nach West-Berlin.
1978 Stipendium der Villa Massimo in Rom. 1979 erscheint der Gedichtband
"Drachensteigen". 1983 Umzug nach Tielenhemme in Schleswig-Holstein. 1984
erscheint der Gedichtband "Katzenleben", 1986 der Prosaband "Irrstern"
und 1989 die Gedichte "Schneewärme". Es folgen beinah jährlich
Neuveröffentlichungen. Obwohl sich Sarah Kirsch in ihrer Themen- und Motivwahl treu
geblieben ist, läßt sie sich nicht als Naturlyrikerin im klassischen Sinne bezeichnen,
denn die Naturzustände, die Landschaften und Tierwelten, aber auch die menschlichen
Beziehungen, die sie beschreibt, sind immer schon gestörte Beziehungen, irritiert durch
geschichtliche Prozesse, technologische Entwicklungen, soziale Erosionen. K. wurde 1996
mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet.
Text: Katzenleben, in: Sarah Kirsch: Katzenleben, Stuttgart 1984 |
| Karin Kiwus | |
| a | wurde am 9.11.1942 in Berlin geboren, wo sie auch
ihre Kindheit verbrachte. Nach dem Studium der Publizistik, Germanistik und Philosophie in
Berlin arbeitete sie von 1971-1973 als Wissenschaftliche Assistentin an der Akademie der
Künste in Berlin. Ihre erste Gedichtsammlung "Von beiden Seiten der Gegenwart"
(1976) wurde von Kritik und Lesern äußerst positiv aufgenommen. K. beschreibt hier sehr
einfühlsam den Umschlag von der betont kollektivistischen Weltsicht der Studentenbewegung
zur subjektiven Sichtweise des einzelnen in den 70er Jahren. Auch ihr zweiter Gedichtband
"Angenommen später" (1979) spricht Themen wie Alltagswelt, Beziehungsprobleme
usw. an, zeichnet sich aber durch eine abgeklärtere Sprache aus. Die Gedichte sind
getragen von der Hoffnung auf ein Vorwärtskommen in einer Welt, in der Liebe, Wärme und
Zuneigung verkümmert sind.
Text: Fragile, in: Angenommen später, Frankfurt/M. 1979 |
| Thomas Kling | |
| a | geboren am 5.6.1957 in Bingen, wuchs in Düsseldorf
auf. Studierte Philologie in Düsseldorf, Köln und Wien, wo er auch seine ersten Lesungen
hielt und so einem kleinen Publikum bekannt war, bevor sein erster Gedichtband
"Erprobung herzstärkender Mittel" (1986) erschien. In seinen Lesungen gibt sich
K. als "Berserker der Poesie", der alle Register des öffentlichen Sprechens -
vom Medienmüll bis zur Kneipen-Szenesprache - zieht. Zu seinen Vorbildern gehören Paul
Celan und Friederike Mayröcker, die seinen Debütband mit einer Zueignung versah.
Unübersehbar ist aber auch der Einfluß der "Wiener Schule", die in den 50er
Jahren durch Mundartdichtung, Lautmalerei, Seh- und Hörtexte bekannt wurde. K. ist ein
"anarchistischer Sprachmonteur", der in seinen Gedichten dissonante Wortelemente
kollidieren läßt, fremdsprachliche oder sprachhistorische Zitate sowie literarische
objets trouvès arrangiert und in Arno Schmidtscher Manier mit Interpunktion und
Orthographie spielt. Weitere Gedichtbände: "geschmacksverstärkerä (1989),
"brennstabm" (1991) und "nacht. sicht. gerät" (1993). Text: ruma. etruskisches alphabet, in: Thomas Kling: morsch. Gedichte, Frankfurt/M. 1996 Text: mithraeum, in: ebd. |
| Alexander Kluge | |
| a | geboren am 14.2.1932 in Halberstadt, absolvierte nach
der Ersten und Zweiten Juristischen Staatsprüfung und der Promotion zum Dr. jur. ein
Volontariat bei dem Filmregisseur Fritz Lang und wandte sich eigenen Projekten zu. Seine
Filme wie "Abschied von gestern" (1965/66) oder "Die Macht der
Gefühle" (1982/83) errangen auch international Anerkennung. Gleichzeitig hat K., der
zeitweilig an der Hochschule für Gestaltung in Ulm lehrte, sich als Sprecher des
"Jungen deutschen Films" engagiert und, obwohl er als Rechtsanwalt tätig war,
immer als Schriftsteller gearbeitet. Mit seinem Buch "Lebensläufe" (1962)
erreichte er bei der Kritik einen Achtungserfolg. Sein Schreibprinzip legt er in einer
Nachbemerkung zu dem Buch "Schlachtbeschreibung" (1964) dar, in dem er den
Untergang der Armee Hitlers vor Stalingrad schildert. Es geht ihm darum, einen Aspekt aus
der Vielfalt der Phänomene auszuwählen, aus dem heraus sich der gesellschaftliche
Zusammenhang entwickeln läßt. Die folgenden Bücher "Lernprozesse mit tödlichem
Ausgang" (1973) und "Neue Geschichten" (1977) orientieren sich an diesem
Formprinzip, das darauf abzielt, im Leser ein Protestpotential gegen die herrschenden
Verhältnisse zu aktivieren. Auf formaler Ebene stellen K.s Prosatexte eine Kombination
unterschiedlichster Textsorten und Schreibweisen dar, wobei sowohl Kurzgeschichten als
auch (fingierte) dokumentarische Materialien in der Montage eingebunden werden. 1981
erschien das mit Oskar Negt konzipierte Werk "Geschichte und Eigensinn", das -
wie schon "Öffentlichkeit und Erfahrung" (1972) - auf eine Erneuerung des
Marxismus als theoretische Untersuchungsmethode abzielt. In den achtziger Jahren fanden
seine Montagefilme "Die Patriotin" und "Die Macht der Gefühle"
Aufmerksamkeit. Seit einigen Jahren widmet K. sich ganz der Produktion kritischer
Kulturmagazine für das kommerzielle Fernsehen.
Text: Pförtls Reise, aus: Die Ostertage 1971, in: Alexander Kluge: Lernprozesse mit tödlichem Ausgang, Frankfurt/M. 1974 Text: Kälte ist keine Energie, in: Alexander Kluge: Theodor Fontane, Heinrich von Kleist und Anna Wilde. Zur Grammatik der Zeit, Berlin 1987 Text: Die Macht der Hoffnung, in: Alexander Kluge: Die Macht der Gefühle, Frankfurt/M. 1984 |
| Barbara Köhler | |
| a | geboren 1959, aufgewachsen im sächsischen Penig,
Besuch der Oberschule in Plauen. Nach dem Abitur arbeitete sie zunächst als
Altenpflegerin und als Beleuchterin am Theater in Karl-Marx-Stadt, heute Chemnitz. Von
1985-88 studierte sie am Institut für Literatur "Johannes R. Becher" in
Leipzig. 1991 erschien ihr erstes Buch "Deutsches Roulette. Gedichte und Prosa",
dessen Thema der private Schmerz, die Einsamkeit, der Verlust der Freunde, aber auch das
Leiden an den real-sozialistischen Verhältnissen ist. Im selben Jahr erhielt sie den
Förderpreis der Jürgen- Ponto-Stiftung. Mitarbeit an verschiedenen Kunstbänden,
Literaturzeitschriften und Anthologien. 1995 erschien ihr zweiter Gedichtband "Blue
Box". K. lebt in Duisburg. Text: Anfang III, in: Barbara Köhler: Deutsches Roulette. Gedichte, Frankfurt/M. 1991 |
| Wolfgang Koeppen | |
| a | geboren am 23.6.1906 in Greifswald, arbeitete in den
zwanziger Jahren als Schiffskoch und Platzanweiser im Kino. Nach einer Tätigkeit als
Dramaturg und Regievolontär fand er eine feste Anstellung beim "Berliner
Börsen-Courier". 1934 emigrierte er nach Holland. Nach dem Krieg unternahm er Reisen
in die USA, in die UdSSR und durch Europa. Später lebte er zurückgezogen in München, wo
er am 15.3.1996 starb. K.s erste Romane, wie z.B. "Die Mauer schwankt" (1935),
fanden wenig Resonanz bei der Kritik. Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit erlangte er
erst mit den drei Romanen der Nachkriegszeit "Tauben im Gras" (1951), "Das
Treibhaus" (1953) und "Der Tod in Rom" (1954). Hier steht die Kritik an den
restaurativen Bestrebungen in der Bundesrepublik im Mittelpunkt. Zugleich brachte K. mit
seiner assoziativen und anspielungsreichen Schreibweise die deutsche Nachkriegsliteratur
auf das Niveau der europäischen Moderne. Die Unfähigkeit der Deutschen, sich mit ihrer
nationalsozialistischen Vergangenheit auseinanderzusetzen, und die Kontinuität
faschistischer Denkweisen in der BRD thematisiert er in besonderem Maße in "Der Tod
in Rom". Die drei Werke brachten ihm neben breiter Zustimmung auch scharfe Ablehnung
aus konservativen Kreisen ein. K.s Erzählklima wird oft als "dämonisch"
bezeichnet, da stets die metaphysische Entwurzelung des einzelnen im Mittelpunkt steht.
Gegen Ende der 50er Jahre veröffentlichte K. Reiseberichte, die vom Rundfunk in Auftrag
gegeben wurden. Sowohl die Reiseberichte als auch der autobiographische Bericht
"Jugend", der 1976 in endgültiger Fassung vorlag, schildern jeweils auf ihre
Weise die Erfahrungen eines sich selbst und der Welt fremd gewordenen Individuums. 1992
erschienen "Jakob Littners Aufzeichnungen aus einem Erdloch", ein Bericht über
das Schicksal des jüdischen Briefmarkenhändlers Jakob Littner im zweiten Weltkrieg, den
Koeppen 1948 unter dem Namen des Betroffenen veröffentlicht hatte.
Text: Wahn, in: Wolfgang Koeppen: Gesammelte Werke in 6 Bänden, Bd.5, Frankfurt/M. 1986 |
| Helga Königsdorf | |
| a | wurde 1938 in Gera geboren. Von 1955 bis 1961
studierte sie Physik in Jena und Berlin. Seit 1961 ist sie auf dem Gebiet der Mathematik
wissenschaftlich tätig. K. wohnt in Berlin. Bereits als Jugendliche wollte sie
schriftstellerisch arbeiten. Nach einem ersten "blutrünstigen" Drama, das sie
mit sechzehn verfaßt hatte, legte sie allerdings eine Schaffenspause ein, da sie ihre
Umgebung eher erheitert hatte. Nachdem sie ihre Ausbildung mit Auszeichnung abgeschlossen
und eine Familie gegründet hatte, wandte sie sich Ende der 70er Jahre wieder dem
Schreiben zu. 1978 erschien der Geschichtenband "Meine ungehörigen Träume". Es
folgten "Der Lauf der Dinge" (1982) und "Mit Klischmann im Regen"
(1983). K.s Erzählungen zeigen auf satirische Art und Weise die kleinen und großen
menschlichen Schwächen und die Abhängigkeiten des Individuums von Instanzen und
Hierarchien auf. Ihre Geschichten könnten sowohl in der BRD als auch in Frankreich oder
in Italien spielen. Daß sie in der DDR angesiedelt sind, wird nur durch einige typische,
meist politische Begriffe deutlich. Nach "Hochzeitstag in Pizunda" (1986) und
"Respektloser Umgang" (1986) erschien 1990 in der BRD der Band "Ein sehr
exakter Schein". Die hier gesammelten Geschichten und Satiren entlarven die
vermeintlich exakten, rational gesteuerten Wissenschaften als eine Welt des perfekt
täuschenden Anscheins.
Text: Bolero, in: Helga Königsdorf: Meine ungehörigen Träume, Berlin und Weimar 1978 |
| Uwe Kolbe | |
| a | geboren am 17.10.1957 in Berlin/DDR, lebte erst seit
seinem siebten Lebensjahr ständig in Berlin, da die Eltern Binnenschiffer waren. Nach
Abitur und Wehrdienst schlug er sich mit Gelegenheitsarbeiten durch. 1976 machte er die
Bekanntschaft Franz Fühmanns, der für ihn zum wichtigen Mentor und Förderer wurde. Nach
der Veröffentlichung einiger Gedichte in der Zeitschrift "Sinn und Form"
erhielt K. einen Vertrag für ein erstes Buch. Seitdem ist er freiberuflicher Autor und
Übersetzer. Seine Gedichte, aber auch seine gesellschaftskritischen Äußerungen
bescherten ihm in der DDR zahlreiche Schwierigkeiten. Zwischen 1982 und 1985 hatte er
faktisch Publikationsverbot. In dieser Zeit arbeitete er als Übersetzer und Herausgeber
der Kleinzeitschrift "Mikado", die den offiziellen Kulturbetrieb unterlief. Seit
1985 unternahm er Reisen in verschiedene Länder Westeuropas und in die USA. Nach
Aufenthalten in Hamburg und wieder Berlin lebt er seit 1977 als Leiter des "Studios
Literatur und Theater" der dortigen Universität in Tübingen. K. erhielt zahlreiche
Preise, darunter den Förderpreis Literatur zum Kunstpreis Berlin/West (1987), den
Nicolas-Born-Preis der Petrarca- Preis-Stiftung München, das Villa-Massimo-Stipendium und
den Hölderlin-Preis der Stadt Tübingen. In seinem Essayband "Renegatentermine"
(1998) behauptet K. die "eigene Erfahrung" gegen die offizielle Geschichte. Der
Lyriker K. veröffentlichte nach "Nicht wirklich platonisch" (1994) zuletzt
"Vineta" (1998). Text: Dichterlesung, hamburgische, in: Uwe Kolbe: Renegatentermine, Frankfurt/M. 1998 |
| Angela Krauß | |
| a | wurde am 2.5.1950 in Chemnitz (Karl-Marx-Stadt)
geboren. Von 1969 bis 1972 studierte sie an der Fachschule für Werbung und Gestaltung,
arbeitete als Werbeökonomin und Redakteurin in Berlin, studierte dann von 1976 bis 1979
am Literaturinstitut "Johannes R. Becher" und war später in Betrieben der
Energiewirtschaft beschäftigt. Ihr 1988 mit dem Ingeborg Bachmann-Preis ausgezeichnetes
Filmszenarium "Das Vergnügen" wurde zum einen als "Stilleben der
Arbeiterklasse" und Fortschreibung der Ankunftsliteratur der 60er Jahre bewertet
(Alexander von Bormann), zum anderen als "leiser tückischer Abgesang" des von
der "Würde des Menschen" handelnden Betriebsromans (Konrad Franke). Auch in dem
1988 erschienenen Erzählband "Glashaus" (in der BRD u.d.T. "Kleine
Landschaft") geht es um die verschiedenen Möglichkeiten zu leben, "um so oder
so leben". Angela Krauß lebt in Leipzig. Ihre 1995 erschienene Erzählung "Die
Überfliegerin" gehört zu den interessantesten Varianten einer literarischen
Auseinandersetzung mit der deutsch-deutschen Vereinigung.
Text: Entdeckungen bei fahrendem Zug, in: Angela Krauß: Glashaus, Berlin und Weimar 1988 |
| Karl Krolow | |
| a | geboren am 11.3.1915 in Hannover, studierte von
1935-1942 in Göttingen und Breslau. Seit 1940 veröffentlichte er vereinzelte Gedichte;
seit 1942 lebte er als freier Schriftsteller. Neben Lyrik, Übersetzungen und Prosatexten
veröffentlichte er literaturkritische Arbeiten. Seit 1956 wohnte K. in Darmstadt. Er war
Mitglied bzw. Repräsentant zahlreicher kultureller Einrichtungen wie der Deutschen
Akademie für Sprache und Dichtung. K. gehörte zu den bedeutenden deutschen
Nachkriegslyrikern. Sein Werk ist außerordentlich umfangreich: Die Anfänge und die erste
Nachkriegslyrik stehen unter dem Eindruck naturmagischer Tendenzen. Ende der 40er Jahre
entstehen aber auch deutlich politisch akzentuierte Gedichte. Die Arbeiten der 50er Jahre
zeichnen sich - wie "Wind und Zeit" (1954) - durch eine Loslösung vom
Realitätsbezug aus. Den Höhepunkt der Lyrik K.s bildet der Band "Fremde
Körper" (1959), da hier die literarische Technik perfektioniert wurde. K., der in
den 60er Jahren zum modernen Klassiker avancierte, hat stets den aktuellen Zeitbezug in
seinen Werken gewahrt. 1978 erschien mit "Das andere Leben" der erste größere
Prosatext. Diese autobiographische Arbeit stieß, wie auch die folgenden Werke "Im
Gehen" (1981) und "Melanie. Geschichte eines Namens" (1983), bei der Kritik
auf gegensätzliche Reaktionen. K.s Lyrik blieb über die Jahre hinweg in ihrer Technik
und in der Art der thematischen Auseinandersetzung auf gleichbleibendem Niveau, was auch
durch die Bände "Als es soweit war" (1988), "Ich höre mich sagen"
(1992) und "Die zweite Zeit" (1995) belegt wird. Karl Krolow starb am 22.6.1999.
Text: Ziemlich viel Glück, in: Karl Krolow: Gesammelte Gedichte, Bd.1, Frankfurt/M. 1975 |
| Reiner Kunze | |
| a | geboren am 16.8.1933 in Oelsnitz, studierte von
1951-1955 Philosophie und Journalistik in Leipzig. Bis 1959 arbeitete er dort als
wissenschaftlicher Assistent an der Fakultät für Journalistik. Nach politischen
Angriffen wurde er aus dem Universitätsdienst entlassen. K. arbeitete als Hilfsschlosser,
heiratete eine tschechische Zahnärztin und beschäftigte sich unter anderem mit
Übersetzungen aus dem Tschechischen. In der DDR war er von staatlicher Seite her vielen
Angriffen ausgesetzt, die bis zum Publikationsverbot gingen. Seit seiner Übersiedlung in
die BRD im April 1977 wohnt er in Obernzell-Erlau bei Passau. Während seine ersten
Gedichtbände "Die Zukunft sitzt am Tische" (1955), "Vägel über dem
Tau" (1959) und "Aber die Nachtigall jubelt" (1962) noch stark von der
offiziellen politischen Doktrin in der DDR geprägt waren, dokumentiert die Sammlung
"Sensible Wege" (1969) eine entscheidende Veränderung in K.s Schaffen. Hier
solidarisiert sich K. mit dem Prager Frühling und protestiert nachdrücklich gegen den
Einmarsch sowjetischer Truppen im August 1968. Der Band "Zimmerlautstärke"
(1972) ist zwar im Ton zurückhaltender, die Kritik an den herrschenden Zuständen wird
aber deutlicher akzentuiert. Eine Fortsetzung findet dieser Protest in dem Prosaband
"Die wunderbaren Jahre" (1976). Die Texte stellen eine Chronik von Erfahrungen
dar, die Jugendliche in der DDR mit Lehrern und anderen Ordnungskräften machen konnten.
Die Gedichtsammlung "Auf eigene Hoffnung" (1981) gibt einen Überblick über K.s
Schaffen von 1973-1981 und zeigt die Kontinuität in seiner Arbeit, die von der
Übersiedlung 1977 nicht beeinflußt wurde.
Text: Fünfzehn, in: Reiner Kunze: Die wunderbaren Jahre, Frankfurt/M. 1976 |
| Katja Lange-Müller | |
| a | geboren 1951 in Berlin, Tochter einer
DDR-Funktionärin. Ihr Pate war Erich Honecker. Die ersten sechs Lebensjahre verbrachte
sie in einem Heim, mit 17 Jahren zog sie von zu Hause aus und absolvierte eine
Schriftsetzerlehre. Das anschließende Kunststudium brach sie nach zwei Semestern ab,
arbeitete dann in der Bildredaktion der Berliner-Zeitung, als Requisiteurin beim
DDR-Fernsehen und fünf Jahre lang als Hilfsschwester, Pflegerin und Kunsttherapeutin auf
geschlossenen Psychiatrie-Stationen. Von 1979-82 studierte sie am Literaturinstitut
"Johannes R. Becher" in Leipzig. Im Anschluß ging sie für ein Praktikum in die
Mongolische Volksrepublik, wo sie sich mit der neueren mongolischen Literatur befaßte.
L.-M. siedelte 1984 nach Westberlin über. 1985 schrieb sie ihr erstes Hörspiel für den
RIAS Berlin, 1986 erschien ihr erster Erzählband "Wehleid - wie im Leben", der
um die Themen Einsamkeit, Angst und Tod kreist. Im gleichen Jahr wurde sie für ein
Kapitel aus ihrer Erzählung "Kaspar Mauser - Die Feigheit vorm Freund"
(erschienen 1988) mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet. 1995 erhielt sie für
ihre Erzählungen "Verfrühte Tierliebe" den Alfred-Döblin-Preis der Akademie
der Künste Berlin-Brandenburg. Text: Am langen Strick, in: ZEITmagazin, Nummer 52, 20.12.1996 |
| Hugo Loetscher | |
| a | geboren am 22.12.1929 in Zürich, studierte
Soziologie, Wirtschaftsgeschichte, Politische Wissenschaften und Literatur. Von 1958 bis
1962 war er literarischer Redakteur der zeitschrift "du". Nach Reisen durch
Europa arbeitete er von 1964 bis 1969 als Redakteur bei der "Weltwoche". Seit
1965 unternahm er regelmäßig Reisen nach Lateinamerika. Seit 1969 lebt er als freier
Schriftsteller. Der erste Prosaband "Abwässer. Ein Gutachten" (1963) spiegelt
ebenso die Entwicklung von Machtstrukturen wider wie das Drama "Schichtwechsel"
(1960). Der zweite Roman "Die Kranzflechterin" (1964) dokumentiert die Zeit
zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg und übt deutliche Kritik an den politischen
Verhältnissen in Europa. Nach dem Roman "Noah" (1967) veröffentlichte L.
Reportagen und Essays über seine Südamerikareisen. Die Erfahrungen dieser Jahre prägen
auch den autobiographischen Roman "Der Immune" (1975). Das Buch
"Wunderwelt" (1979) zeigt nachdrücklich den Notstand in Brasilien. Die
Amerikaerfahrungen eines alternden Wissenschaftlers stehen im Mittelpunkt des Buches
"Herbst in der großen Orange" (1982). "Die Papiere des Immunen"
knüpft an den Roman von 1975 an und beschreibt die Suche der Polizei nach dem Mörder des
"Immunen", wobei der Autor als Täter unter Verdacht gerät. 1995 erschien die
heitere Badegeschichte "Saison", 1999 der Roman "Die Augen des
Mandarin" sowie die Poetikvorlesungen "Vom Erzählen erzählen". Text: Der Waschküchenschlüssel, in: Hugo Loetscher: Der Waschküchenschlüssel oder Was - wenn Gott Schweizer wäre? Zürich 1983 |
| Loriot | |
| a | (eigentlich Vico von Bülow), geboren am 12.11.1923
in Brandenburg/Havel, ist der bekannteste deutsche Cartoonist. L., der heute in Ammerland
am Starnberger See lebt, begann seine Karriere auf dem Gebiet der Werbegraphik. In den
fünfziger Jahren hatte er erste große Erfolge mit Karikaturserien wie "Auf den Hund
gekommen" (1954) oder "Reinhold das Nashorn" (1954). L. hat in seinen
Cartoons stets allgemeine menschliche Schwächen und auch, wie zum Beispiel in "Der
Deutsche in seiner Karikatur", politische Sachverhalte karikiert. Zu Beginn der
siebziger Jahr erlangte L. bundesweit Popularität durch das Medium Fernsehen. Seine
satirischen Fernsereihen "Cartoon" (1969-1972) und "Loriot" gehören
zu den Klassikern des Genres. Von ihm geschaffene Kunstfiguren wie das
"Knollennasenmännchen" oder der Fernsehhund "Wum" haben einen
allgemeinen Bekanntheitsgrad erlangt. L., der stets auch als Regisseur tätig war,
produzierte 1988 mit "Ödipussi" einen außerordentlich erfolgreichen Film.
Text: Fernsehabend, in: Loriots dramatische Werke, Zürich 1983 |
| Thomas Mann | |
| a | wurde am 6.6.1875 in Lübeck als zweiter Sohn eines
Lübecker Großkaufmanns und einer aus Brasilien stammenden Mutter geboren. Nach dem Tod
des Vaters 1891 und der Liquidation der Firma zog die Mutter Julia M. 1893 mit den
jüngeren Kindern nach München um. M. und sein älterer Bruder Heinrich, der schon erste
literarische Arbeiten veröffentlicht hatte, folgten ihr nach einem Jahr. M. arbeitete
zunächst als Volontär in einer Versicherungsgesellschaft, veröffentlichte aber auch
erste Novellen. 1901 erschien nach mehrjähriger Arbeit der Roman "Buddenbrooks.
Verfall einer Familie". Dieses Werk, das bereits 1910 in der 50. Auflage vorlag,
begründete M.s Weltruhm. 1929 erhielt er hierfür den Nobelpreis. 1933 mußte M.
emigrieren, da er sich stets gegen den Nationalsozialismus engagiert hatte. Sein Weg ins
Exil führte 1939 über die Schweiz in die USA, wo er 1944 die amerikanische
Staatsbürgerschaft erhielt. Zu den großen Romanen M.s, die seinen Rang unter den
bedeutendsten Schriftstellern des 20. Jahrhunderts sicherten, gehören "Der
Zauberberg" (1924), die Tetralogie "Joseph und seine Brüder" (1933-43) und
"Doktor Faustus" (1947), in dem er sich mit der politischen Entwicklung in
Deutschland auseinandersetzt. Nach dem Krieg weigerte sich M., auf Dauer nach Deutschland
zurückzukehren, da er an eine plötzliche Veränderung der Menschen nach Zwölf Jahren
Faschismus nicht glauben konnte. Die Angriffe, denen er bei seinem ersten Besuch in
Deutschland 1949 ausgesetzt war, sollten seine Befürchtungen bestätigen. 1952
übersiedelte er in die Schweiz und lebte dort in Kilchberg bei Zürich, wo er am
12.8.1955 verstarb. Text: Aus der Ansprache im Goethejahr 1949, in: Thomas Mann: Gesammelte Werke, Bd.11, Frankfurt/M. 1974 |
| Kurt Marti | |
| a | geboren am 31.1.1921 in Bern, entschied sich nach
zwei Semestern Jurastudium für ein Theologiestudium in Bern und Basel. Bis 1983 war er
als Pfarrer in unterschiedlichen Pfarreien tätig. Zu M.s literarischem Werk gehören
erstens seine theologischen Aufsatzsammlungen (z.B. "Der Gottesplanet", 1988),
die von einem kritisch-emanzipierten Christentum zeugen, zweitens seine
sprachexperimentellen, subversiven und immer mit politischem Anspruch vorgelegten
Lyrikbände (etwa "republikanische gedichte" von 1959 oder "gedichte am
rand" von 1963), die ihm schnell den Ruf des "engagierten" Dichters
einbrachten. Drittens machte sich M. mit kürzeren Prosatexten einen Namen (z.B.
"Dorfgeschichten" 1960, "Bürgerliche Geschichten" 1981) sowie mit
seinem Band "leichenreden" von 1969, in dem der aufgeklärte Theologe auf die
Tradition des (literarischen) Nachrufs zurückgreift. Den größten literarischen Erfolg
allerdings erlangte M. mit seinen Mundartgedichten. Vor allem der in Berner Umgangssprache
geschriebene Band "rosa loui" (1967) wurde zum Markenzeichen einer
Mundartdichtung jenseits von sentimental-kitschiger Heimatlyrik. Während das politische
Tagebuch "Zum Beispiel: Bern 1972ä (1973) sein ungebrochenes politisches Engagement
dokumentiert, ist M.s Lyrik zu Beginn der 80er Jahre schwerpunktmäßig religiösen Themen
gewidmet. Die politischen Konsequenzen aus den zuvor theologisch betrachteten Fragen nach
der Bedrohung der Welt zeigt z.B. der Gedichtband "Mein barfüßig Lob" (1987)
auf. Text: Neapel sehen, in: Kurt Marti: Für eine Welt ohne Angst, Hamburg 1981 |
| Heiner Müller | |
| a | wurde am 9.1.1929 in Eppendorf/Sachsen geboren. 1945
zu Reichsarbeitsdienst und Kriegsteilnahme verpflichtet, wurde M. die Nazi-Zeit noch zu
authentischer Erfahrung. Seit 1959 lebte er als freier Schriftsteller in Berlin. Von
1970-1976 arbeitete er als Dramaturg am Berliner Ensemble und anschließend an der
Berliner Volksbühne. 1990 wurde er der letzte Präsident der Akademie der Künste in
Ost-Berlin. Das Theater Brechts, Artauds oder Becketts hat in seinen Texten ebenso seine
Spuren hinterlassen wie die Literatur der Antike. Im Zentrum seiner Texte steht die
Auseinandersetzung mit den Obsessionen deutscher Geschichte sowie den Konstanten
faschistischen und stalinistischen Terrors. Bekannt wurde M. in den 50er Jahren mit
sogenannten "Produktionsstücken", die sich mit den Widrigkeiten des
sozialistischen Aufbaus befassen: "Der Lohndrücker" (1956), "Die
Korrektur" (1957/58) oder "Die Umsiedlerin oder Das Leben auf dem Lande"
(1956-61). Letzteres wurde bereits nach der ersten Vorstellung abgesetzt. Wegen des
Aufführungsboykotts vieler Stücke wandte sich M. mehr und mehr antiken Vorlagen zu, die
er parabelhaft neu zu gestalten wußte ("Philoktet", 1964). In den späten
Stücken wird das Weiterwirken destruktiver Kräfte in der Geschichte stärker
herausgearbeitet. Davon zeugen Stücke wie "Mauser" (1970), "Leben
Gundlings Friedrich von Preußen Lessings Schlaf Traum Schrei" (1976) oder
"Hamletmaschine" (1977). Müllers provokante und analytische Kommentare zu
Fragen gegenwärtiger Entwicklung sind selbst schon Literatur geworden: "Gesammelte
Irrtümer". In seinen letzten Lebensjahren veröffentlichte M. u.a. seine
Autobiographie "Krieg ohne Schlacht. Leben in zwei Diktaturen" (1992). Heiner
Müller starb am 30.12.1995 in Berlin. Posthum erschien das Drama "Germania 3
Gespenster am Toten Mann" (1996).
Text: Fernsehen, in: Heiner Müller: Werke 1. Die Gedichte, Frankfurt/M. 1998 |
| Herta Müller | |
| a | geboren am 17.8.1953 in Nitzkydorf/Rumänien, wuchs
als Angehörige der deutschsprachigen, banatschwäbischen Minderheit auf. Sie studierte
Germanistik und Romanistik in Temeswar und arbeitete anschließend als Übersetzerin und
Deutschlehrerin, verlor jedoch ihre Arbeit, weil sie sich weigerte, mit dem rumänischen
Geheimdienst Securitate zusammenzuarbeiten. 1987 verließ sie aus politischen Gründen
Rumänien und siedelte in die Bundesrepublik Deutschland über. Bereits 1984 hatte sie
dort mit der Veröffentlichung ihres Prosabandes "Niederungen" (zuerst 1982 in
Bukarest erschienen) erste literarische Erfolge verbuchen können. Wie die
Ausreisegeschichte "Der Mensch ist ein großer Fasan auf der Welt" (1986)
thematisiert "Niederungen" das Leben im banatschwäbischen Dorf. Dabei fällt
der nie idyllisierende, sondern verfremdende und verstärende Blick auf die dörfliche
Gemeinschaft aus den Augen eines einsamen Kindes. In "Reisende auf einem Bein"
(1989) reflektiert die Hauptfigur die Situation des (Nicht-)Ankommens im Westen. In ihren
drei darauffolgenden Romanen, "Der Fuchs war damals schon der Jäger" (1992),
"Herztier" (1994) und "Heute wär ich mir lieber nicht begegnet"
(1997) macht M. das deformierte Leben unter der Diktatur Ceuacescus zum Thema. Neben ihren
literarischen Arbeiten meldet sich M. immer wieder, stets streitbar, zu aktuellen
Ereignissen, politischen Grundsatz- und Menschenrechtsfragen zu Wort. Text: Das Land am Nebentisch, in: Herta Müller: Eine warme Kartoffel ist ein warmes Bett. Hamburg 1992 |
| Inge Müller | |
| a | wurde am 13.3.1925 in Berlin geboren. Als
Lebensgefährtin und spätere Ehefrau Heiner Müllers fand sie Anfang der 50er Jahre in
der DDR zur Schriftstellerei. Zunächst entstanden das Kinderbuch "Wälfchen
Ungetüm" (1955), das Hörspiel "Die Weiberbrigade" (1960) sowie in
Zusammenarbeit mit Heiner Müller die Stücke "Die Korrektur", "Der
Lohndrücker" und "Klettwitzer Bericht" (alle 1959). Inge Müllers eigene
Dichtung wurde bis heute kaum zur Kenntnis genommen. In der DDR fiel sie unter das
Verdikt, "subjektivistisch" zu sein. Im Mittelpunkt der Texte stehen die
traumatischen Erfahrungen des Krieges: mehrmals wurde die Autorin unter Trümmern
verschüttet. Ihre Liebeslyrik wehrt sich gegen Fremdheit und einen "gesichtslosen
Bürokratismus". Richard Pietraß veröffentlichte 1985 den ersten geschlossenen Band
ihrer Gedichte unter dem Titel: "Wenn ich schon sterben muß". Inge Müller
starb 1961 an einer Überdosis Schlaftabletten.
Text: Unterm Schutt III, in: Inge Müller: Wenn ich schon sterben muß, Berlin und Weimar 1985 |
| Christine Nöstlinger | |
| a | wurde am 13.10.1936 in Wien geboren und zählt zu den
bekanntesten Kinder- und Jugendbuchautorinnen deutscher Sprache. Nach ihrem Kunststudium
arbeitete sie beim Rundfunk. Heute lebt sie in Wien. Ihre ersten Veröffentlichungen
datieren aus dem Jahre 1970. Das umfangreiche Werk N.s dokumentiert eine neue Form der
Kinder- und Jugendliteratur, da hier soziale Mißstände und pädagogische Probleme
aufgearbeitet werden. Gleichzeitig räumt sie jedoch der Phantasie und dem Humor in ihren
Büchern breiten Raum ein. Besonders erfolgreich waren der Kinderroman "Wir pfeifen
auf den Gurkenkönig" (1972), der 1973 mit dem Deutschen Jugendbuchpreis
ausgezeichnet wurde, das Jugendbuch "Ilse Janda, 14" von 1974 und der Roman
"Konrad oder Das Kind aus der Konservenbüchse", in dem die Prinzipien einer
autoritären Erziehung persifliert werden. Weitere bekannte Bücher: "Gretchen
Sackmeier" (1981), "Hugo, das Kind in den besten Jahren" (1983),
"Nagle einen Pudding an die Wand" (1990), "Villa Henriette" (1996). N.
erhielt zahlreiche Auszeichnungen, u.a. den Internationalen Jugendbuchpreis, die
Hans-Christian- Andersen-Medaille und den Österreichischen Kinder- und Jugendbuchpreis. Text: Eine mächtige Liebe, in: Christine Nöstlinger: Eine mächtige Liebe. Geschichten für Kinder, Weinheim 1991 |
| Emine Sevgi Özdamar | |
| a | geboren 1946 in Malatya/Anatolien-Türkei, lebt seit
1991 in Düsseldorf. 1965 kam sie als Fabrikarbeiterin das erste Mal nach Deutschland,
kehrte aber nach zwei Jahren zurück nach Istanbul, um dort eine Schauspielausbildung zu
absolvieren. Nach dem Militärputsch 1971 verließ sie erneut ihre Heimat. 1976 kam sie
nach Ost-Berlin, wo sie unter dem Brecht-Schüler Benno Bessen als Schauspielerin und
Regieassistentin arbeitete. Von 1979 bis 1984 war sie am Bochumer Schauspielhaus
engagiert. 1986 brachte sie unter eigener Regie ihr Stück "Karagäz in
Alamania" am Schauspielhaus Frankfurt auf die Bühne. 1990 erschien ihr erster
Erzählband "Mutterzunge". Der große Durchbruch gelang ihr 1991 mit dem Roman
"Das Leben ist eine Karawanserei", für den sie den Ingeborg-Bachmann-Preis
erhielt. Ihre bislang letzte Veröffentlichung ist der Roman "Die Brücke vom
goldenen Horn"(1998). Text: Mutterzunge, in: Emine Sevgi Özdamar: Mutterzunge, Berlin 1990 |
| Felix Pollak | |
| a | geboren am 11.11.1909 in einer wohlhabenden und
gebildeten jüdischen Familie in Wien; studierte dort Rechtswissenschaft, bis ihn die
Nationalsozialisten zur Flucht zwangen. Sie führte 1938 in die Vereinigten Staaten, wo er
nach dem Militärdienst Bibliothekswissenschaften studierte und seit 1949 an verschiedenen
Universitätsbibliotheken spezielle Sammlungen literarischer Texte aufbaute und betreute.
Nach Kriegsende erhielt er den juristischen Doktorgrad der Wiener Universität. - Seine
eigenen literarischen Neigungen verwirklichte er nun fast ausschließlich in der neu
erlernten englischen Sprache. Seine Gedichte schließen an die skeptische Weltsicht und
aphoristische Kunst seines Landsmanns Karl Kraus an, verbinden sich aber auch mit
Einflüssen der modernen amerikanischen Poesie (William Carlos Williams). Neben
politischen Gedichten (u.a. gegen den Vietnam-Krieg) stehen poetische Alltagsbilder und
die Reflexion auf das persönliche Schicksal der fortschreitenden Erblindung. Neben dem
poetischen Werk Heinrich Heines hat er auch die Gedichte von Hans Magnus Enzensberger ins
Englische übertragen (der sich mit deutschen Übersetzungen von Texten Pollaks
revanchierte). Seine weit verstreuten Gedichte sind gesammelt in dem Band "Benefits
of Doubt" (1988); eine Auswahl in deutscher Sprache erschien nach seiner ersten und
letzten Lesereise in die Bundesrepublik. Felix Pollak starb am 19.11.1987 in Madison,
Wisconsin. Text: Niemandsland, in: Felix Pollak: Vom Nutzen des Zweifels. Gedichte, Frankfurt/M. 1989 |
Q ---
| Lutz Rathenow | |
| a | geboren am 22.9.1952 in Jena. Studierte nach Abitur
und Armeedienst ab 1973 Germanistik und Geschichte an der Universität von Jena. 1977
Exmatrikulation aus politischen Gründen: man warf ihm "Zweifel an ideologischen
Grundpositionen" vor. Arbeit als Transportarbeiter. Ende 1977 Umzug nach Ost-Berlin,
wo er als freier Schriftsteller und Theatermitarbeiter lebt. Nach der Veröffentlichung
seines Prosa-Bandes "Mit dem Schlimmsten wurde schon gerechnet" in einem
westdeutschen Verlag, wurde R. am 19.11.1980 vom Staatssicherheitsdienst der DDR verhaftet
und erst eine Woche später nach Protesten aus dem Ausland wieder freigelassen. Das
beherrschende Thema der literarischen Arbeiten R.s ist das Verhältnis zwischen dem
Glücksanspruch des Einzelnen und den Normen der Gesellschaft, in der er lebt. Er
beschreibt diese elementare Konstellation durchweg als unversöhnlichen, zerstörerischen
Konflikt. Immer wieder schildert er, wie der gedemütigte Bürger dem anonymen
Staatsapparat hilflos ausgeliefert ist. Am drastischsten geschieht dies in seinen
dramatischen Arbeiten, die 1984 unter dem Titel "Boden 411" erschienen sind, und
die an Artauds "Theater der Grausamkeit" erinnern. Auch die 1983 erschienene
Gedichtsammlung "Zangengeburt" und die Erzählungen "Was sonst noch
passierte" und "Jeder verschwindet so gut er kann", beide von 1984,
demonstrieren Rathenows literarisch-politisches Konzept: "die Strukturen einer
Gesellschaft bis zur letzten Konsequenz zu belasten". Text: Böse Geschichte mit gutem Ende, in: Lutz Rathenow: Mit dem Schlimmsten wurde schon gerechnet, Frankfurt/M. u. Berlin 1980 |
| Peter Rühmkorf | |
| a | geboren am 25.10.1929 in Dortmund, aufgewachsen in
Warstade-Hemmoor bei Stade in Niedersachsen. 1951 Aufnahme des Studiums der Pädagogik und
Kunstgeschichte, später Germanistik und Psychologie in Hamburg. Herausgabe und
Selbstverlag der Monatsschrift "Zwischen den Kriegen" mit Werner Riegel, darin
Veröffentlichungen unter verschiedenen Pseudonymen (Johannes Fontara, Leslie Meier, Leo
Doletzki). Mitarbeit an der Zeitschrift "Studentenkurier" (ab 1957
"konkret"). Aufgabe des Studiums im Wintersemester 1956/57. Von 1958 bis 1964
Lektor im Rowohlt-Verlag, 1964/65 als Stipendiat in der Villa Massimo in Rom. R. hat sich
von Anfang an als Produzent und Kritiker betätigt. In seinem Werk ergänzen sich die
aufklärerischen Absichten seiner essayistischen Prosa und die anarchisch-vitalistischen
Tendenzen seiner Lyrik. In beiden artikuliert sich vehement sein Widerstand gegen
"bloß Zeitgemäßes". Das zeigt sich schon in dem 1956 gemeinsam mit Werner
Riegel publizierten Lyrik-Band "Heiße Lyrik" und in der 1959 erschienenen
Anthologie "Irdisches Vergnügen in g". Neben der Lyrik hat sich R. auch als
Dramatiker versucht: 1972 wurde "Lombard gibt den Letzten" aufgeführt, eine
satirische Parabel auf die Probleme des absterbenden Mittelstandes in der kapitalistischen
Gesellschaft. In dem 1975 erschienenen Band "Walther von der Vogelweide, Klopstock
und ich" führt R. den Nachweis, daß die Artikulation des lyrischen Ich ein Vorgang
ist, der "mit spezifischen Klassenunsicherheiten zusammenhängt". Mit dem 1979
erschienenen Gedichtband "Haltbar bis Ende 1999ä kehrte R. zur Lyrik zurück, wobei
neben den schalkhaft-aggressiven und ironisch-sarkastischen nun auch verhaltenere,
skeptischere Töne hörbar werden. 1980 publizierte er das umfangreiche Märchen "Auf
Wiedersehen in Kenilworth" und 1983 die Märchen-Sammlung "Der Hüter des
Misthaufens". Seine kritischen Vergegenwärtigungen poetischer und poetologischer
Positionen lassen sich in den Bänden "Strömungslehre" (1978), "Bleib
erschütterbar und widersteh" (1984) und "Dreizehn deutsche Dichter" (1989)
nachverfolgen. In jüngster Zeit veröffentlichte R. unter dem Titel "Tabu I"
(1995) eigene Tagebuchaufzeichnungen seit 1989. R. wurde 1993 mit dem Georg-Büchner-Preis
ausgezeichnet. Text: Bleib erschütterbar und widersteh, in: Peter Rühmkorf: Haltbar bis Ende 1999, Reinbek bei Hamburg 1979 |
| Hans Joachim Schädlich | |
| a | geboren am 8.10.1935 in Reichenbach im Vogtland.
Studium der Germanistik in Berlin und Leipzig, 1960 Dissertation. Von 1959 bis 1976 Arbeit
an der Ostberliner Akademie der Wissenschaften. Anschließend als freier Übersetzer
tätig. Seine zwischen 1969 und 1976 verfaßten Erzähltexte "Lebenszeichen",
"Kurzer Bericht vom Todesfall Nikodemus Frischlins", "Papier und
Bleistift", "Nirgends ein Ort" und "Teile der Landschaft" konnten
in der DDR nicht veröffentlicht werden, erschienen aber 1975/76 im
"Literaturmagazin" des Rowohlt Verlages. S. gehörte zu den Unterzeichnern der
Biermann-Petition vom November 1976. Im September 1977 stellte er einen Ausreiseantrag,
der zunächst nicht bewilligt wurde. Im Oktober erschien sein Prosaband "Versuchte
Nähe" im Rowohlt Verlag und fand so große Beachtung, daß man den unliebsamen
Beobachter der DDR-Realität ausreisen ließ. S.s Texte sind keine ausgeführten
Erzählungen, sondern kurze, zugespitzte und ästhetisch hochelaborierte Momentaufnahmen,
die vom Leser höchste Konzentration, geduldiges Mitdenken und weiterdenkende Phantasie
fordern. Nach dem anfänglichen Lärm ist es schnell wieder ruhig geworden um den
zurückhaltenden Autor. Die wenigen Texte, die er nach "Versuchte Nähe"
zunächst verstreut publizierte, meiden die konkret abgebildete Alltäglichkeit. Sie
tendieren zur abstrakt-parabolischen Verfremdung. In der 1984 erschienenen Textsammlung
"Irgend etwas irgendwie" erprobt Schädlich sein Verfahren an der Durchleuchtung
der bundesdeutschen Wirklichkeit. Der 1986 erschienene Roman "Tallhover"
protokolliert die 136 Lebensjahre (1819-1955) eines fiktiven deutschen Geheimpolizisten,
der von Metternich bis Ulbricht stets der Bewahrung des Bestehenden dient, bis er sich
umbringt, weil das "Manufakturzeitalter der politischen Polizei zu Ende geht".
1992 erschien der Roman "Schott", in dem S. mit sämtlichen Erzählkonventionen
bricht.
Text: Versuchte Nähe, in: Hans Joachim Schädlich: Versuchte Nähe, Reinbek bei Hamburg 1977 |
| Klaus Schlesinger | |
| a | geboren am 9.1.1937 in Berlin, arbeitete von 1963 bis
1969 als freier Journalist und lebt jetzt als freischaffender Künstler. Er war mit der
Lyrikerin und Liedermacherin Bettina Wegner verheiratet und wurde 1979 aus dem
Schriftstellerverband der DDR ausgeschlossen, nachdem er die offizielle Kulturpolitik
kritisiert hatte. Seit 1980 wohnt er in Westberlin. Sein Werk ist nicht sehr umfangreich.
1971 erschien nach einigen Publikationsproblemen S.s erster Roman "Michael", der
der Kritik zu wenig optimistisch erschien. Ungewohnt war in der DDR auch S.s
Auseinandersetzung mit dem Faschismus bzw. der Schuld der Väter. Die Trostlosigkeit des
Daseins und die Flucht in eine Traumwelt prägen S.s Erzählungen wie "Alte
Filme" (1975) oder die "Die Spaltung des Erwin Racholl" (in "Berliner
Traum", 1977). Ein besonderes Merkmal von S.s Prosa ist die Orientierung an der
Realität. Eine exakte Recherche ist für ihn die Vorbedingung des Schreibens. 1996
veröffentlichte S. den Roman "Die Sache mit Randow".
Text: Der Tod meiner Tante, in: Klaus Schlesinger: Berliner Traum, Rostock 1977 |
| Arno Schmidt | |
| a | geboren am 18.1.1914 in Hamburg; 1933 Abitur, danach
Besuch der höheren Handelsschule; kaufmännische Lehre; 1940 Einberufung zur Artillerie
und Dolmetscherlehrgang in Halle; 1945 britische Kriegsgefangenschaft. Von 1946-47
arbeiten S. und seine Frau als Dolmetscher an der Hilfspolizeischule Benefeld; ab 1947
freier Schriftsteller. 1949 erscheint "Leviathan oder Die beste der Welten",
eine Erzählung, die in der Literatur der "jungen Generation" eine
Sonderstellung einnimmt. In ihr wird der monologische, eindimensionale Charakter des
auktorialen Erzählens gesprengt und in kalkuliert vielfältige Erzähl- und
Wirklichkeitspartikel, Wahrnehmungs- und Assoziationsfetzen zersplittert. Dasselbe gilt
für die 1951 erscheinenden Erzählungen "Brand´s Haide" und "Schwarze
Spiegel", sowie für "Aus dem Leben eines Fauns" von 1953. 1952 Kontakt mit
Martin Walser und Alfred Andersch beim Süddeutschen Rundfunk in Stuttgart: S. schreibt
Radio-Essays. 1955 erscheint die Erzählung "Seelandschaft mit Pocahontas" und
provoziert eine Strafanzeige wegen "Gotteslästerung und Pornographie". 1956
wird das Verfahren eingestellt. 1958 Umzug nach Bargfeld, wo S. den Rest seines Lebens in
zunehmender Abgeschiedenheit verbringen wird. 1965 Beginn der Niederschrift von
"Zettels Traum", das 1970 als Faksimile-Druck des Manuskripts erscheint. In
"Zettels Traum" radikalisiert S. sein ästhetisches Verfahren zu einer
kombinatorisch-simultanen Schreibweise, in der sich die traditionelle Orthographie
auflöst. Der Text fächert sich auf in assoziationsreiche Gespräche, Reflexionen und
Imaginationen über Literatur; er ist dabei zugleich mehrdeutig und reich an sexuellen
Anspielungen und Verweisen. Das Erscheinen des schwerverständlichen Werks führte bald
zur Gründung eines "Arno-Schmidt-Dechiffrier-Syndikats" und zur Bildung einer
festen Lesergemeinde von "Eingeweihten". 1973 erhält S. den Goethe-Preis der
Stadt Frankfurt. Am 3. Juni 1979 stirbt Arno Schmidt an den Folgen eines Gehirnschlags. Text: Der Tag der Kaktusblüte, in: Arno Schmidt: Das erzählerische Werk in 8 Bänden, Bd.6, Zürich 1985 |
| Peter Schneider | |
| a | geboren am 21.4.1940 in Lübeck, studierte Deutsch,
Geschichte und Philosophie in Freiburg, München und Berlin. 1965 schrieb er Wahlreden
für SPD-Politiker und arbeitete aktiv in der Studentenbewegung mit. Gleichzeitig war er
Hilfsarbeiter bei Bosch, Sprachlehrer und freier Mitarbeiter bei verschiedenen
Sendeanstalten. 1973 wurde seine Bewerbung für das Referendariat im Schuldienst wegen
seiner vermeintlichen Verfassungsfeindlichkeit abgewiesen. Dieser Beschluß wurde 1976
aufgehoben. S. war nun aber als Schriftsteller erfolgreich und verzichtete auf das
Lehramt. Seine Erfahrungen mit der Studentenbewegung legte er zunächst in dem Band
"Ansprachen" (1970) nieder. Auf literarischer Ebene setzte er seine persönliche
politische und künstlerische Entwicklung zunächst in der Erzählung "Lenz"
(1973) um, die bald ein Bestseller wurde. Nach einem Arbeitsreport über "Die Frauen
bei Krupp" (1970 im "Kursbuch 21") erschien 1975 eine weitere
autobiographische Erzählung: "...schon bist du ein Verfassungsfeind. Das unerwartete
Anschwellen der Personalakte des Lehrers Kleff". In dem Band "Die Wette"
(1978) finden sich schließlich Erzählungen, die unter den Neuen Linken der 70er Jahre
spielen und vorzugsweise ihre Beziehungsprobleme thematisieren. Nach dem Filmdrehbuch
"Messer im Kopf" (1979) und zwei Sammelbänden mit Essays erschien 1982 die
Erzählung "Der Mauerspringer", in der ein fiktiver Schriftsteller Geschichten
über das geteilte Deutschland und sein nationales Problem zusammenstellt. Die 1987
erschienene Erzählung "Vati" schließlich zeigt eine weitere Form der
Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte. In ihr konfrontiert S. einen sog.
Nachgeborenen mit seinem Vater, einem sich in Südamerika versteckt haltenden SS-Mörder.
In den Bänden "Deutsche Ängste" (1988) und "Extreme Mittellage"
(1990) befaßt sich S. essayistisch mit der in Bewegung geratenen deutschen Situation.
Auch der 1992 erschienene Roman "Paarungen" spricht - neben dem Altern der sog.
"68er"-Generation - das Thema Wiedervereinigung an. 1999 erscheint der an
"Paarungen" anknüpfende Roman "Eduards Heimkehr".
Text: Über die Mühen des Kampfes in Deutschland, in: Peter Schneider: Ansprachen, Berlin 1970 |
| Wolfdietrich Schnurre | |
| a | geboren am 22.8.1920 in Frankfurt/M., war von
1939-1945 Soldat, zuletzt in einer Strafkompanie. 1946 wurde er Redaktionsvolontär beim
Ullstein Verlag in Berlin und arbeitete nach seinem Umzug in den Westteil der Stadt als
Mitarbeiter zahlreicher Zeitschriften. Der Mitbegründer der Gruppe 47 lebte seit 1950 als
freier Schriftsteller. Bis zu seinem Tod am 9.6.1989 wohnte er in Schleswig-Holstein. Wie
Heinrich Böll oder Wolfgang Borchert fand S. nach dem Krieg in der Kurzgeschichte die
authentische Form des literarischen Neuanfangs und wurde bald zum Lesebuchklassiker. Hatte
er sich in den ersten Sammlungen wie "Die Rohrdommel ruft jeden Tag" (1950) oder
"Eine Rechnung, die nicht aufgeht" (1958) mit dem Krieg und seinen Folgen
auseinandergesetzt, so tritt in späteren Jahren die Tendenz zur Naturbetrachtung in den
Mittelpunkt. Die Bedrohung der Natur durch den Menschen wird auch in S.s Gedichten
thematisiert, die 1956 in dem Band "Kassiber" erscheinen. Eine Neigung zur
humoristischen Idyllik bestimmt S.s mittlere Schaffensphase, die durch den Band "Als
Vaters Bart noch rot war" (1958) eingeleitet wird. Die Jahre 1964/66 bringen durch
eine schwere Krankheit eine Zäsur in S.s Leben. Von nun an schreibt er vorwiegend
Kinderbücher. Im Zuge seiner erneuten Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus
erscheinen 1978 die autobiographischen Aufzeichnungen "Der Schattenfotograf" und
1981 der Roman "Ein Unglücksfall". Text: Jenö war mein Freund, in: Wolfdietrich Schnurre: Als Vaters Bart noch rot war. Ein Roman in Geschichten, München, Zürich 1998 |
| Anna Seghers | |
| a | (eigentlich Netty Reiling) wurde am 19.11.1900 in
Mainz als Tochter eines jüdischen Kunsthändlers geboren. 1924 promovierte sie mit einer
Arbeit über "Jude und Judentum im Werk Rembrandts". 1928 Kleist-Preis für die
Erzählung "Aufstand der Fischer von St. Barbara" und Eintritt in die KPD und
1929 in den Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller. 1933 entschloß sie sich zur
Flucht nach Frankreich. Von dort floh sie 1941 nach Mexiko. Ihr Frühwerk, so die
Erzählungen "Grubetsch" (1927) oder "Die Ziegler" (1927), schildert
die Not des Proletariats vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise. Nach ihrer Flucht sah
sie in ihren Büchern ein Mittel zum Kampf gegen den Faschismus. In diesem Zusammenhang
müssen die Romane "Der Kopflohn" (1933) und "Die Rettung" (1937)
gesehen werden. Sie gehören wie "Das siebte Kreuz" (1942), "Transit"
(1944) und "Die Toten bleiben jung" (1949) zu einem großen Deutschlandzyklus.
Vor allem "Das siebte Kreuz", das in den USA verfilmt wurde, begründete ihren
Weltruhm. "Transit" gilt als einer der bedeutendsten Romane über die Emigration
und stellt einen weiteren Höhepunkt in ihrem Schaffen dar. In "Die Toten bleiben
jung", im Jahr 1968 in der DDR verfilmt, arbeitet sie deutsche Geschichte von 1918
bis 1945 auf. S. kehrte 1947 nach Deutschland zurück und ließ sich in Ostberlin nieder.
Die Arbeiten der folgenden Jahre sind von der Situation des Kalten Krieges geprägt.
Darüber hinaus greift sie in "Die Hochzeit von Haiti" (1949) oder
"Karibische Erzählungen" (1962) auf Stoffe aus dem mexikanischen Exil zurück.
S. war von 1950 bis 1978 Vorsitzende des Schriftstellerverbandes der DDR und danach dessen
Ehrenpräsidentin. Nach politischen Kontroversen erhielt sie 1981 die Ehrenbürgerschaft
der Stadt Mainz. Sie starb am 1.6.1983 in Ostberlin.
Text: Zwei Denkmäler, in: Atlas - zusammengestellt von deutschen Autoren, Berlin 1965 |
| Botho Strauß | |
| a | geboren am 2.12.1944 in Naumburg/Saale; studierte
fünf Semester Germanistik, Theatergeschichte und Soziologie in Köln und München und
versuchte sich als Schauspieler auf Laienbühnen. Von 1967 bis 1970 arbeitete er als
Redakteur und Kritiker der Zeitschrift "Theater heute" und von 1970 bis 1975 als
dramaturgischer Mitarbeiter an der Schaubühne am Halleschen Ufer in Berlin. 1976
Stipendium der Villa Massimo in Rom. S. hat bereits mit seinem ersten Theaterstück
"Die Hypochonder" (1971) sein Thema gefunden: Entfremdung, vorgeführt in
vielfältigen Situationen, Sprechweisen, Haltungen. Nach "Bekannte Gesichter,
gemischte Gefühle" (1974) und "Trilogie des Wiedersehens" (1976) gelang
ihm 1977 mit "Groß und klein" ein durchschlagender Erfolg bei Kritik und
Publikum. Das Stück entfaltet als Stationendrama eine erfolglose Suche nach Haltepunkten,
Sicherheiten, Gewißheiten und Liebe. Diese Thematik greifen auch die Erzählungen
"Marlenes Schwester" (1974) und "Theorie der Drohung" (1975) auf, die
als moderne Varianten der Geschichte vom verlorenen Schatten das Zerfallen des
Bewußtseins widerspiegeln. Die Frage nach den Möglichkeiten von Literatur angesichts
einer vor der Selbstauslöschung stehenden Welt stellt sich S. 1981 sowohl in seinem
Prosabuch "Paare Passanten" als auch in dem Stück "Kalldewey Farce".
Hier schon arbeitet S. mit der Konfrontation und Verklammerung von Alltäglich-Banalem und
Mythisch-Bedeutendem, die 1983 in dem Stück "Der Park", einer Variation von
Shakespeares "Sommernachtstraum", zum eigentlichen dramatischen Vorgang wird.
Auch in seinem 1984 erschienenen Roman "Der junge Mann" benutzt S. wieder ein
literarisches Modell, nämlich den traditionellen Bildungsroman, das er variiert,
modifiziert und experimentell verfremdet. In dem 1985 erschienenen Gedicht
"Erinnerung an einen, der nur einen Tag zu Gast war" geht der Blick endgültig
nach Innen, was S. den Vorwurf der Regression und des Pathos einbrachte. In den 90er
Jahren erschienen u.a. die Romane "Kongreß. Die Kette der Demütigungen" (1989)
oder "Die Fehler des Kopisten"(1997) sowie zahlreiche Theaterstücke, z.B.
"Schlußchor" (1991), "Das Gleichgewicht" (1993) und 1996
"Ithaka", ein "Schauspiel nach den Heimkehr-Gesängen der Odyssee", in
dem sich S. einmal mehr mythischen Themen zuwendet und das Stück als "eine
Übersetzung von Lektüre in Schauspiel" versteht. - Anfang Februar 1993 löste das
im "Spiegel" veröffentlichte Essay "Anschwellender Bocksgesang" eine
heftige Feuilletondebatte aus. Wie bereits in "Ithaka" liegt dem Essay eine
zivilisationskritische Haltung zugrunde, die in eine Kritik des geistigen Zustands der
westdeutschen Intellektuellen einmündet und zur Grundlage wird für die Ermahnung zur
kulturellen Erneuerung. Text: Wann war das und wo, in: Botho Strauß: Diese Erinnerung an einen, der nur einen Tag zu Gast war. Gedichte, München 1992 Text: Paare, in: Botho Strauß: Paare Passanten, München 1981 |
| Hans-Ulrich Treichel | |
| a | geboren 1952 in Versmold/Westfalen, lebt in Berlin
und Leipzig. Seit 1995 ist er Professor am Deutschen Literaturinstitut der Universität
Leipzig. Veröffentlichte zunächst Gedichte. 1992 erschien sein erster Prosaband
"Von Leib und Seele", für den er 1993 den Förderpreis zum Bremer
Literaturpreis erhielt. In komisch-bitteren Szenen beschreibt T. hier eine an
Fehlschlägen, Demütigungen und Verwicklungen reiche Kindheit und Jugend in einer
westfälischen Kleinstadt. Den distanziert-ironischen Ton nimmt er auch in den ebenfalls
autobiographisch geprägten Prosatexten von "Heimatkunde oder Alles ist heiter und
edel" (1996) wieder auf. Traurig und komisch zugleich ist auch die Geschichte in dem
1998 erschienenen Roman "Der Verlorene", in dem T. die Suche nach einem im Krieg
verlorenen Sohn aus der Sicht des jüngeren Bruders beschreibt. Text: Am großen Wannsee, in: Hans-Ulrich Treichel: Heimatkunde oder Alles ist heiter und edel, Frankfurt/M. 1996 |
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| Christof Wackernagel | |
| a | geboren am 27.8.1951 in Ulm, wurde Ende der 60er
Jahre mit verschiedenen Rollen in Kino- und Fernsehfilmen bekannt. Später arbeitete er
als Drucker und gründete schließlich selbst mit Freunden eine Druckerei. Mitte der 70er
Jahre begann er mit der eigenen Produktion von Videofilmen. Wenig später schloß er sich
der "Roten Armee Fraktion" an und wurde steckbrieflich gesucht. Am 10. November
1977 wurde er nach einer Schießerei mit Polizeibeamten in Amsterdam verhaftet. W. wurde
1980 wegen versuchten Mordes und Beteiligung an einer terroristischen Vereinigung zu 15
Jahren Haft verurteilt, obwohl später festgestellt wurde, daß er nur mit bedingtem
Vorsatz gehandelt hatte. Er sagte sich bald darauf von der RAF los, mußte aber dennoch in
einem eigens eingerichteten Hochsicherheitstrakt der Justizvollzugsanstalt Bochum
einsitzen. Im Gefängnis fing W. wieder an zu schreiben. 1984 legte er unter dem Titel
"Nadja" einen Band mit Erzählungen und Fragmenten vor. "Nadja" ist
geprägt von einer surrealistischen Erzählweise, wobei das Traumhafte und Unwirkliche oft
in Alptraumhaftes umschlägt. Sein zweiter Erzählband "Bilder einer
Ausstellung" (1986) spiegelt die Entwicklung des Autors W. und seine Fähigkeit
wider, für spezifische Erfahrungen eine jeweils besondere Form der Darstellung zu finden.
Mitte der 80er Jahre erhielt W. die Erlaubnis, im Rahmen des offenen Strafvollzugs am
Bochumer Schauspielhaus als Regieassistent zu arbeiten. 1988 wurde er vorzeitig aus dem
Gefängnis entlassen. Text: Viva Maria, in: Christof Wackernagel: Nadja. Erzählungen und Fragmente, Basel, Frankfurt/M. 1984 |
| Günter Wallraff | |
| a | geboren am 1.10.1942 in Burscheid bei Köln, mußte
nach einer Buchhändlerlehre trotz seiner Wehrdienstverweigerung einen zehnmonatigen
Wehrdienst ohne Waffe absolvieren. Er gilt allgemein als "Klassiker" der
Dokumentarliteratur der späten 60er Jahre. Seine Erfahrungen aus der Arbeit in
Industriebetrieben legte er 1966 in dem ersten Reportagenband "Wir brauchen
dich" nieder, der 1970 unter dem Titel "Industriereportagen" erschien und
weiteste Verbreitung fand. Nachdem sein Telefon jahrelang von Sicherheitsorganen abgehört
und seine Wohnung mehrfach durchsucht wurde, lebt W. seit 1986 in den Niederlanden. Eines
der wesentlichen Prinzipien seiner "eingreifenden" Schreibweise ist die
Recherche unter Annahme einer falschen Identität. Seine frühen Veröffentlichungen wie
"13 unerwünschte Reportagen" (1969) resultieren aus dieser verdeckten Arbeit
u.a. in der Industrie. Ziele seiner Tätigkeit sind die Aufdeckung von Mißständen und
das Öffentlichmachen von gesellschaftlichen Widersprüchen, die durch das kapitalistische
System bedingt sind. Insofern hat man seine Reportagen mehrfach in der Tradition Egon
Erwin Kischs, des "rasenden Reporters" der Weimarer Republik, angesiedelt. Durch
seine getarnte Tätigkeit als "Der Aufmacher" Hans Esser bei der Bild-Zeitung,
einem politisch konservativ orientierten Massenblatt, wurde W. zu einer Symbolfigur der
linken Publizistik. Der Bestseller "Ganz unten" (1985) beruht auf W.s
Erfahrungen als "türkischer Arbeiter" in verschiedenen Betrieben und
Institutionen. Diese Rückkehr zu den Anfängen der Industrie-Reportage dokumentiert die
Ausbeutung und Unterdrückung von Gastarbeitern in der BRD der 80er Jahre. "Ganz
unten" provozierte neben dem Erfolg auch massive Kritik von seiten linker
Intellektueller, die W. vorwarfen, sich als Medienstar profilieren zu wollen. 1987
erschien eine Essaysammlung unter dem Titel "Vom Ende der Eiszeit und wie man Feuer
macht."
Text: Am Fließband, in: Günter Wallraff: Die Reportagen, Köln 1976 |
| Martin Walser | |
| a | geboren am 24.3.1927 in Wasserburg/Bodensee, wuchs
als Sohn eines Gastwirts auf. Nach Militärdienst und Kriegsgefangenschaft studierte er
Germanistik und promovierte 1951 mit einer Arbeit über Franz Kafka. 1957 veröffentlichte
er seinen ersten Roman "Ehen in Philippsburg". W. gab seine Tätigkeit beim
Süddeutschen Rundfunk auf und lebt seitdem am Bodensee als freier Schriftsteller. Mit
seinem umfangreichen und vielfältigen Werk zählt er zu den erfolgreichsten westdeutschen
Schriftstellern. Wie Böll, Grass, Johnson u.a. gehörte er zu der Generation, die die
gesellschaftlichen Verhältnisse im Nachkriegsdeutschland kritisch darstellte, so etwa in
der sogenannten "Kristlein-Trilogie" ("Halbzeit", 1960; "Das
Einhorn", 1966; "Der Sturz", 1973). In den 60er Jahren erregte er darüber
hinaus mit unkonventionellen dramatischen Arbeiten Aufsehen. Im Mittelpunkt seines
Schaffens steht die Auseinandersetzung mit dem individuellen Identitätsverlust. Im
Bewußtsein der Grenzen, die der Literatur vorgegeben sind, hat sich W. zwischen 1968 und
1974 verstärkt um Texte von Außenseitern der Gesellschaft, wie Strafgefangenen oder
psychisch Kranken, gekümmert. Bei seinen eigenen Arbeiten kehrte er in den 70er Jahren
mit "Ein fliehendes Pferd" (1978) und "Seelenarbeit" wieder zu den
Themen und Figuren seiner frühen Romane zurück. Ende der 80er Jahre überraschte W. die
Öffentlichkeit durch sein Plädoyer für die deutsche Einigung. Mit der deutsch-deutschen
Situation beschäftigte er sich schon in seiner Novelle "Dorle und Wolf" (1987).
Eingang findet das Thema auch in den 1991 erschienenen Geschichtsroman "Die
Verteidigung der Kindheit". Der Roman "Ohne einander" (1993) greift wieder
das typisch walsersche Thema der zwischenmenschlichen Beziehungslosigkeit auf. 1996
erschien der Roman "Finks Krieg" und 1998 der autobiographische Roman "Ein
springender Brunnen". W. wurde 1998 mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels
ausgezeichnet. Mit seiner Dankesrede, in der er sich gegen die "Instrumentalisierung
unserer Schande" wandte, löste W. eine heftige Debatte aus. Text: Die Klagen über meine Methoden häufen sich, in: Martin Walser: Gesammelte Geschichten, Frankfurt/M. 1983 Text: 11. November 1989, in: Martin Walser: Über Deutschland reden, Frankfurt/M. 1989 |
| Maxie Wander | |
| a | geboren am 3.1.1933 in Wien, verließ die Schule vor
dem Abitur und lebte von Gelegenheitsarbeiten, bis sie Sekretärin beim österreichischen
Friedensrat wurde. Mit ihrem Ehemann, dem österreichischen Schriftsteller Fred Wander,
übersiedelte sie 1958 in die DDR und arbeitete als Fotografin, Drehbuchautorin und
Journalistin. Am 20.11.1977 starb sie an Krebs. Ihre erste Veröffentlichung "Guten
Morgen, du Schöne. Frauen in der DDR" (1977) war sowohl in der DDR als auch in der
BRD ein sehr großer Erfolg. In 17 Reportagen dokumentierte W. die Lebenssituation von
Frauen aus unterschiedlichen Schichten und Altersgruppen sowie ihre Vorstellungen und
Träume. 1979 gab ihr Mann Fred Wander den Band "Maxie Wander. Tagebücher und
Briefe" heraus. Das Buch erschien 1980 mit leichten Veränderungen unter dem Titel
"Leben wär´ eine prima Alternative" in der BRD. Fred Wander hat hier drei
Krisenjahre aus dem Leben Maxie Wanders ausgewählt und durch Briefe und
Tagebuchaufzeichnungen dokumentiert.
Text: Gabi A., Schülerin. Die Welt mit Opas Augen, in: Maxie Wander: "Guten Morgen, du Schöne", Berlin 1977 |
| Peter Weiss | |
| a | geboren am 8.11.1916 in Nowawes/Potsdam, verbrachte
seine Kindheit in Bremen und Berlin. Sein Vater war ein jüdischer Textilfabrikant mit
tschechoslowakischer Staatsbürgerschaft, seine Mutter war eine bekannte Schauspielerin.
1934 emigrierte die Familie über London nach Prag, wo W. 1936/38 die Kunstakademie
besuchte. 1939 übersiedelte er nach Schweden, wo er zunächst in der Fabrik des Vaters
arbeitete. 1945 wurde er schwedischer Staatsbürger. Zunächst arbeitete er nur als Maler.
Ende der vierziger Jahre veröffentlichte er erste Prosatexte und Stücke. Erfolg brachte
ihm der Roman "Der Schatten des Körpers des Kutschers" (1960). 1961 folgte mit
"Abschied von den Eltern" ein autobiographischer Kindheitsbericht, der in dem
Roman "Fluchtpunkt" (1962) seine Fortsetzung fand. Die Jahre 1952 bis 1960 sind
aber auch geprägt von der Arbeit an Experimental- und Dokumentarfilmen. 1964 hatte in
Berlin ein Stück Premiere, das W. internationalen Ruhm einbrachte: "Die Verfolgung
und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspieltruppe des Hospizes zu
Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade". 1965 wurde das Oratorium "Die
Ermittlung" uraufgeführt, in dem das Vernichtungssystem "Auschwitz"
rekonstruiert wird. Sein aktuelles politisches Engagement belegt der "Viet Nam
Diskurs" (1968). Den Höhepunkt seines literarischen Schaffens bildete schließlich
der Roman "Ästhetik des Widerstands", der 1975, 1978 und 1981 in drei Teilen
erschien. In dieser "Wunschbiographie" beschreibt ein junger Arbeiter aus Berlin
seine Lebensgeschichte. Nach der Flucht vor Hitler kämpft er in Spanien gegen die
Faschisten. Als dieser Widerstand scheitert, findet er Asyl in Schweden. Während der
zweite Band historische Befreiungsbewegungen und ihr Scheitern thematisiert, verhandelt
der dritte Band die Bedingungen des Widerstands und die Möglichkeiten emanzipatorischer
Kunstaneignung. Die Arbeit an dem Roman hat W. in seinen "Notizbüchern"
dokumentiert. Am 10.5.1982 verstarb Peter Weiss unerwartet in Stockholm.
Text: Meine Ortschaft, in: Peter Weiss: Rapporte, Frankfurt/M. 1968 Text: Das schwarze Leben, in: Peter Weiss: Die Besiegten, Frankfurt/M. 1985 Text: Aus den Notizbüchern, in: Peter Weiss: Notizbücher 1971-1980, Frankfurt/M. 1981 |
| Gabriele Wohmann | |
| a | geboren am 21.5.1932 in Darmstadt, studierte in
Frankfurt Germanistik, Romanistik, Musikwissenschaft und Philosophie. Kurze Zeit war sie
als Lehrerin tätig. 1957 erschien ihre erste Erzählung, "Ein unwiderstehlicher
Mann", der eine große Zahl von Romanen, Gedichtbänden, Fernseh- und Hörspielen,
Tagebuchaufzeichnungen, Essays und Erzählungen folgte. Dies umfangreiche Werk machte sie
zu einer der meistgelesenen deutschen Autorinnen und wurde mit zahlreichen Preisen und
Ehrungen bedacht: Villa Massimo-Stipendium 1967/68, Bremer Literaturpreis 1971,
Bundesverdienstkreuz 1980, Deutscher Schallplattenpreis 1981, Hessischer Kulturpreis 1988
u.a.m. - W.s Werk kreist um einen bestimmten Themenkomplex: Stets geht es der Autorin um
die Darstellung von Lebens- und Beziehungskrisen. Die Beschreibung der persönlichen
Sphäre wird von ihrer Absicht getragen, die gesellschaftlichen Mechanismen und
Repressionen aufzudecken, die individuelle Probleme provozieren. Während sie zunächst
voller Aggressivität und Lebensekel schrieb, findet sich seit den 70er Jahren eine
positivere Darstellung in ihrem Werk. Eine ihrer bekanntesten Arbeiten ist die Erzählung
"Die Bütows" (1967), in der die faschistoiden Verhaltensweisen in einer Familie
aufgezeigt werden. Die neugewonnene schriftstellerische Haltung dokumentiert der Roman
"Ausflug mit der Mutter" (1976), der die gegenseitige Annäherung in einer
problematischen Mutter-Tochter-Beziehung beschreibt. Ein aktueller tagespolitischer Bezug
findet sich erstmals in dem Roman "Der Flötenton" (1987), der im Spätsommer
des Jahres 1986 anzusiedeln ist und dessen Personen unter dem Eindruck der
Reaktorkatastrophe in Tschernobyl stehen. In den letzten Jahren veröffentlichte W.
Hörspiele ("Ein gehorsamer Diener", 1990), Erzählungen ("Erzählen Sie
mir was vom Jenseits"; "Wäre wunderbar. Am liebsten sofort.
Liebesgeschichten", beide 1994) und Romane (z.B. "Bitte nicht sterben",
1993; "Aber das war doch nicht das Schlimmste", 1995). Text: Verjährt, in: Gabriele Wohmann: Ländliches Fest, Neuwied und Berlin 1968 |
| Christa Wolf | |
| a | geboren am 18.3.1929 in Landsberg/Warthe, siedelte
1945 nach Mecklenburg um. Nach dem Abitur 1949 wurde sie Mitglied der SED und studierte
bis 1953 Germanistik in Jena und Leipzig. Von 1953 bis 1962 arbeitete sie als
wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Deutschen Schriftstellerverband und als Lektorin bzw.
als Redakteurin. Seit 1962 lebt sie als freie Schriftstellerin in Berlin. Ihren
literarischen Durchbruch erreichte sie mit dem Roman "Der geteilte Himmel"
(1963), der eine Liebesgeschichte vor dem Hintergrund des geteilten Deutschland schildert.
Der Roman, der auch verfilmt wurde, ist eines der bekanntesten Bücher der DDR-Literatur.
Die besondere erzählerische Technik W.s, die sich durch einen souveränen Wechsel von
Zeitebenen und Erzählperspektiven auszeichnet, wird hier bereits deutlich. Perfektioniert
wurde sie in "Nachdenken über Christa T." (1968), einem Roman, der in der BRD
gefeiert und in der DDR offiziell abgelehnt wurde. In dieser Lebensgeschichte einer jungen
Frau fragt W. nach den Ursachen des Faschismus und nach seinen Folgen auch für die
sozialistische Gegenwart. Zum zentralen Thema wird der Nationalsozialismus in dem Roman
"Kindheitsmuster" (1976), der in der DDR eine positive Aufnahme fand. Eine der
gängigen DDR-Interpretation entgegenstehende Auseinandersetzung mit dem Klassiker
Heinrich von Kleist liefert W. in "Kein Ort. Nirgends" (1979). In der Erzählung
"Kassandra" (1983) vereinigt sie politische Themen wie die Frage nach Macht,
Machtmißbrauch und der Rolle der Frau. Als Reaktion auf das Reaktorunglück von
Tschernobyl erscheint 1987 die Erzählung "Störfall". 1990 entspann sich eine
Debatte um die bereits 1979 in Zusammenhang mit der Biermann-Ausbürgerung entstandene und
nun in überarbeiteter Fassung erschienene Erzählung "Was bleibt" und um
Christa Wolfs Rolle als Schriftstellerin im DDR-System. 1994 erschien unter dem Titel
"Auf dem Weg nach Tabou" eine Sammlung von Essays aus den ersten
Nachwendejahren, 1996 der Roman "Medea Stimmen". Text: Warum schreiben sie?, in: Christa Wolf: Die Dimension des Autors, Berlin und Weimar 1986 |
| Gernot Wolfgruber | |
| a | geboren am 20.12.1944 in Gmünd/ Niederösterreich,
arbeitete zunächst als Hilfsarbeiter und Programmierer. Nach dem Abitur studierte er von
1968-1974 Publizistik und Politikwissenschaften in Wien. Seit 1975 lebt er dort als freier
Schriftsteller. Mit seinem zweiten Roman "Herrenjahre" (1976) erlangte W. im
deutschsprachigen Raum einen ersten Erfolg. Sowohl "Herrenjahre" als auch der
erste Roman "Auf freiem Fuß" (1975) sind jeweils als Plädoyers für den
Glücksanspruch des Individuums zu lesen. Im Mittelpunkt der Romane steht immer ein von
der Gesellschaft vernachlässigtes, ins Abseits geratenes Ich. Während "Auf freiem
Fuß" den sozialen Abstieg eines Hauptschülers dokumentiert, führt der Weg des
Tischlers Melzer in dem Bildungsroman "Herrenjahre" ins Abseits, da er sein
Leben ausschließlich an Fiktionen orientiert. Der Arbeiter Klein, der in dem Roman
"Niemandsland" (1978) gezielt versucht, seinen gesellschaftlichen Aufstieg zu
organisieren, ist ebenso zum Scheitern verurteilt wie Martin Lenau in "Verlauf eines
Sommers" (1981).
Text: Neu im Büro, in: Gernot Wolfgruber: Niemandsland, Salzburg und Wien 1978 |
XY ---
| Peter Paul Zahl | |
| a | geboren am 14.3.1944 in Freiburg/Breisgau, verlebte
seine Kindheit in der DDR. Seit 1953 lebte er im Rheinland, absolvierte dort eine Lehre
als Kleinoffsetdrucker und ging 1964 nach Berlin. 1966 wurde er Mitglied der Gruppe 61.
1967 gründete er eine Druckerei und einen Kleinverlag. Im Zuge der Studentenunruhen
engagierte er sich für die Außerparlamentarische Opposition und wurde deshalb von
Polizei und Justiz verfolgt und überwacht. 1970 wurde er wegen des Druckens eines
Plakates zum ersten Mal verurteilt. 1972 kam es bei einer Personenkontrolle durch die
Polizei zu einem Schußwechsel mit den Beamten. Z. wurde verhaftet und 1974 zu 4 Jahren
Gefängnis verurteilt. 1976 kam es im Rahmen eines Revisionsurteils zu einer erneuten
Verurteilung wegen derselben Tat zu 15 Jahren Haft. Schreiben war für Z. stets ein
Bestandteil politischer Praxis. 1976 veröffentlichte er mit "Waffe der Kritik"
Aufsätze, Artikel und Kritiken aus den Jahren von 1969-1976. Nach seinem ersten Roman
"Von einem der auszog, Geld zu verdienen" (1970) entstanden alle weiteren Texte
im Gefängnis unter schärfsten Isolationsmaßnahmen. Hier entwickelte Z. in dem Essay
"Eingreifende oder ergriffene Literatur" (1975) eine eigenständige
Literaturtheorie. Der Gedichtband "Schutzimpfung" (1975), in dem er seine
Gefängniserfahrungen niederlegt, begründete Z.s Rang als Lyriker. 1979 überraschte er
das Publikum mit dem Schelmenroman "Die Glücklichen", der in der politischen
"Szene" und im "Milieu" von Berlin-Kreuzberg Ende der sechziger Jahre
spielt. 1980 erhielt Z. den Literaturförderpreis der Freien Hansestadt Bremen.
Gleichzeitig gewährte man ihm wesentliche Hafterleichterungen; er wurde auf eigenen
Wunsch nach Berlin-Tegel verlegt. Nach seiner Haftentlassung 1982 war Z. zunächst
Volontär bei der Berliner Schaubühne, 1984/85 hielt er sich in Nicaragua auf, seit 1985
lebt er vorwiegend in der Karibik. 1989 erschien "Der Staat ist eine mündelsichere
Kapitalanlage. Hetze und Aufsätze", 1990 die Komödie "Die Erpresser". Text: februarsonne, in: Peter Paul Zahl: Alle Türen offen, Berlin 1977 |
| Matthias Zschokke | |
| a | geboren 1954 in Bern, lebt seit 1980 als
Schriftsteller und Filmemacher in Berlin. Die Protagonisten seiner Romane "Max"
(1982), "Prinz Hans" (1984), "ErSieEs" (1986) und "Piraten"
(1991) sind allesamt witzig-melancholische Flaneure, aus der helvetischen Enge nach Berlin
gereiste Literaturliebhaber, die sich für Künstler halten und in den Straßen Berlins
über die Zeiterscheinungen der achtziger Jahre nachdenken. Sie alle, wie auch die
Hauptfigur in dem Roman "Der dicke Dichter" (1995), gefallen sich in
spielerischen Selbstaufhebungen und Relativierungen ihrer Person. Den Selbstbetrug von
Künstlern und Schriftstellern offenkundig werden zu lassen, ist auch das Anliegen des
Theaterstücks "Die Analphabeten", das 1994 im Deutschen Theater Berlin
uraufgeführt wurde. Text: Warum ich in Berlin lebe, in: Abends um acht. Schweizer Autorinnen und Autoren in Berlin. Ein Lesebuch, hrsg. v. Beatrice von Matt und Michael Wirth, Zürich, Hamburg 1998 |