Die Erscheinung ist neu und schön. Einer aus der Gesellschaft Jesu der Uebersetzer Oßians,
in deutsche Hexameter, fast nach Klopstocks Manier, der Klopstocks Freundschaft und seinen
Meßias rühmet, der uns durch seine Uebersetzung mit dem Hexameter aussöhnen will – die
Erscheinung ist neu und schön. Ein Sonnenfels in seiner Gesellschaftlichen Prose, ein
P. Wurz im Rednerschwunge, jetzt P. Dennis in seinem guten poetischen Geschmack – lassen
die für Wien nicht viel hoffen?
Die Gedichte Oßians, des Sohns Fingal, diese kostbaren Ueberbleibsel der Vorwelt hatte Macpherson aus der alten celtischen oder gallischen Sprache in englische Prose übersezt. Wir bekamen schon vor Jahr und Tag aus Hamburg zwey gute, sehr wohlklingende Uebersetzungen auch in Prose, die die Stärke, die Kürze, die Erhabenheit und das Rührende des Barden ungemein ausdrücken. Hr. Dennis hat sie nicht gesehen, und das schwere Werk übernommen, einen alten Dichter, der prosaisirt war, aus der Prose wieder hervorzuruffen, und zu poetisiren. Kein Sylben[64]maas schien ihm angemessener, als der Hexameter der Griechen, und er wünscht, "daß sich deutsche Dichter zur höhern Erzählung niemal einer andern Versart, als dieser, oder höchstens noch der fünffüßigen männlichen Jamben bedienen! aber auch ihre Sylbenmaase so richtig bestimmen, ihre Wörter so harmonisch anreihen, ihre Abschnitte so mannigfaltig verlegen, ihre Perioden so abwechselnd ausströmen lassen möchten, als unser großes Muster, der Sänger des Meßias!" Ein Uebersetzer von so feinem Geschmack kann die freye offne Meynung seiner Leser nicht anders als willkommen aufnehmen!
So sind also die Gedichte Oßians in Hexameter übersezt – aber würde Oßian, wenn er in unsrer Sprache sie abgesungen, sie hexametrisch abgesungen haben? oder wenn die Frage zu nah und andringend ist; mag er in seiner Originalsprache den Hexameterbau begünstigt haben? Mögen in seinen Gesängen die Accente dieser griechischen Versart so vorgezählt liegen, daß eine andre Sprache nichts anders, als die disjecti membra poëtae in Ordnung bringen darf, und es sind Hexameter? Oder wenn wir dies nicht wissen: thut Oßian in seinem homerischen Gewande eben die Würkung, als Oßian der Nordische Barde?
Wir wissen von den Nordischen Dichtern der Celten wenig; aber, was wir von ihnen wissen,
was die Analogie der Skalden, ihrer Brüder, uns ausserdem noch auf sie schließen läßt,
dürfte das für den Hexameter entscheiden? Nach allen einzelnen Tönen, die uns von ihnen
zurükgeblieben, haben sie in einer Art von lyrischer Poesie gesungen, und da dies aus
den Nachrichten von Skalden gewiß wird, da man den Stophen- und Versbau dieser Liedersänger
zum Theil entwickelt hat: so wünschten wir, Hr. D. hätte sich nach den Accenten solcher
Bardengesänge sorgfältiger
[65] erkundigt, von denen in den so bearbeiteten celtischen
Alterthümern Spuren gnug anzutreffen sind. Unsre Sprache, die in so vielen Jahrhunderten
freylich sehr nach andern discipliniret und von ihrem Bardenursprung weggebogen ist,
würde vielleicht in diesem Rhythmus Töne finden, die zum zweytenmale Deutsche Barden
wieder aufwekten. Und gewiß, so weit die Gesänge und Bilder eines Oßians von Homer im
Innern abgehen; so anders die Laute der Sprache und der Kehle gewesen: so anders auch
sein Saitenspiel. Jezt ists also Oßian der Barde im Sylbenmaase eines griechischen Rhapsodisten.
Vielleicht aber wird er dadurch verschönert, und gleichsam claßisch? Er mag es werden:
nur er verliert mehr, als er gewinnt, den Bardenton seines Gesanges. Homers Muse wählte
den Hexameter, weil dieser in der reichen, vieltönigen, abwechselnden griechischen Sprache
lag, und auch in seinem langen und immer rastlosen Gange dem Gange der Poesie am besten
nach- und mitarbeiten konnte. Leßing hat in unsern Tagen diese immer schreitende,
fortgehende Manier Homers vortreflich entwickelt; und zu ihr war kein Sylbenmaas
schiklicher, als der lange, immer gehende, immer fortwallende Hexameter, mit <seinen>
vielen Füssen und Regionen und Abwechselungen. Ich bin nicht der erste, der diese
Anmerkung macht, so wie Hr. Leßing nicht der erste ist, der Homers Manier in diesem
Fortschritt entwickelt hat. Die Lettres concerning Poetical translations Lond. 1739. 8.
geben dem Homer Eilfertigkeit, Rapidität zum Charakter; dem Virgil Majestät – und
sagen auch so manches andre über die Versification Miltons, und über seinen
griechischlateinischen Wortbau, das für den Uebersetzer Oßians nicht übel zu
lesen wäre. Noch aus einer andern Ursache kleidet den
[66] Homer sein Hexameter so
vortreflich, seiner süßen griechischen Geschwätzigkeit wegen. Sein Ueberfluß
an mahlenden Adjektiven und Participien, an tausend angenehmen Veränderungen
und kleinen Bezeichnungen, seine Gewohnheit zu wiederholen u.s.w. Alles
schicket sich so vortreflich in den immer fallenden und wiederkommenden Hexameter,
daß dieser aus mehr als einem Grunde im eigentlichsten Verstande der Vers Homers
heissen kann.
Nun aber Oßian, und er ist fast in allem das Gegentheil. Er ist kurz und abgebrochen: nicht angenehm fortwallend und ausmahlend. Er läßt die Bilder alle schnell, einzeln, hinter einander dem Auge vorbeyrücken; und das Anreihen derselben, ihre Verkettung und Verschränkung in einen Zug kennet er nicht. Rauhe Kürze, starke Erhabenheit ist sein Charakter – kein fortwallender Strom, kein süsses Ausreden. Er tritt einher, möchte ich mit seinen Worten sagen; er tritt einher in der Stärke seines Stals, und rollt wie ein Meteor vorbey und zerfährt im Winde. Ich zweifle, daß die Dennissche Uebersetzung diesem Charakter getreu bleibe. Epischen, heroischen Eindruk läßt sie; aber nicht Schottischheroischen, Nordischepischen Eindruk. Sie muß die kurze Abgebrochenheit des Dichters mildern, und gleichsam verschmelzen: sie muß seine Bilder reihen, die er erhaben hinwarf: die Lücken zwischen ihnen verflößet sie: sie bringt alles in Fluß der Rede – ein homerischer Rhapsodist, nicht aber auch dem Haupteindruk des Tons nach, der raue erhabne Schotte.
Vergleichungen zwischen den Prosaischen, dem Macpherson wörtlich treuen Uebersetzungen,
und zwischen dieser Poetischen bestätigen, was ich sage. In dieser finden wir mehr den
Dichter in Versen, Worten, Construktionen; in jenen mehr das Nordische
[67] Original in
seiner eigenthümlichen Hoheit, und abbrechendem kurzen rührenden Tone. Ihm entfallen
nur einzelne Bilder und einzelne Laute bey Tragischen Geschichten; aber diese dringen zur
Seele, diese lassen Stacheln im Herzen – jene gehen prächtig dem Auge vorüber, und thun
nicht immer so viel Würkung. Es ist, wie mit jenen beyden Rednern Homers: der eine spricht – –
επεα νιφαδεσσιν
εοικοτα χειμεριοισιν –
der andre –
παυρα μεν αλλα μαλα
λιγεως. –
Der lezte dünkt mich dem Tone des Originals treuer.
Noch eine Probe ist für mich. Der Uebersetzer hat oft lyrische Chöre eingemischt,
und sie sind von großer Würkung, oft Bardentöne bis zum Erstaunen. Hr. Dennis hat
so innige Accente des Wohllauts in seiner Gewalt, wie der starke Pindar Pfeile in
seinem Köcher, daß mans um so mehr beklagt, daß nicht alles in ihm eine Bardenlust
geworden. Wir nehmen das Erste das Beste:
Aber Schlummer sinket
Mit den Harfentönen;
Holde Träume schweben
Allgemach um mich. -
Ihre Söhne der Jagd!
Entfernet den Schritt!
Verschonet der Ruhe
Des Barden, der jetzo
Zu seinen Erzeugern
Den Helden der Vorwelt
Hinüber entschläft! –
Weichet, Söhne lauter Jagd!
Stöhret meine Träume nicht!
Ich wollte gerne noch das Lied der Moina in seinen süssen Trauertönen einrücken,
wenn hier Platz wäre, und viele von denen Hexametern sind sehr
melo[68]dienreich und
wohlklingend. Wie wäre es, wenn der Uebersetzer in seinem folgenden Theil sich
weniger das einförmige Gehege dieser Versart vorzäunte: wenn er z.E. nach den
Mustern der freysylbigen Klopstockischen Oden allem Wohlklange aufhorchte, der
jedesmal im Gedanken und im Ausdruk, bis auf alle Kürze und Stärke und
Einsylbigrührendes und Halbstummes im Oßian liegt; alles dies mit allen freyen
Wendungen und Absätzen in seiner Muttersprache auffienge, sich mehr um die
Barden- und Skaldensylbenmaaße bemühete, und dieselbe, wo sie nicht in Hieroglyphen und
Logogryphen abarten, nachahmte – ein melodisches Ohr, wie hier der Uebersetzer bewiesen,
was würd' es nicht an einem Oßian für Symphonien alter Barden erwecken! da würde ihm
denn der Skalde vom Sunde her entgegen tönen:
Ists Braga's Lied im Sternenklang,
Ists Tochter Drals dein Weihgesang,
Was rings die alte Nacht verjüngt?
Auch mich – ach! meinen Staub durchdringt! –
Der Fels, wo er die Hymn ergoß,
Daß Nordsturm tonvoll ihn umfloß,
Bebt unter ihm, die Tiefe klang,
Und Geister seufzten in seinen Gesang.
Mit dem musikalischen Gedicht Comala bin ich gar nicht zufrieden. Die dramatische
Eintheilung gefällt mir; aber die poetische Verarbeitung ist wäßricht, gezogen, und
bleibt selbst der hamburgischen Prose nach. Vielleicht, daß die Reime Hr. D. verführt
haben, und ich wollte ihm freundschaftlich rathen, das ganze Stück noch einmal
vorzunehmen, und nach dem freyen Klopstockischen Sylbenmaaße, das ich vorgeschlagen,
in einem der folgenden Theile umzuarbeiten – wie anders würde es klingen! Der
[69] Recensent
hat selbst vor geraumer Zeit einige Oßiansche Stücke in dies freye Metrum poetisch zu
erheben versucht, und recht die Gränzen des besten prosaischen, und des wahren poetischen
Wohlklanges gefühlt – wollte Hr. D. nicht die Bahn versuchen?
Die Anmerkungen des Cesarotti und Macphersons sind untergerükt: diese sind meistens
historisch; jene kritisch, und mit dem Homer parallelisirend. Cesarotti hat selten ganz recht,
indem er den Homer überall so zum Oßianer machen will, als andre den Klopstock zum Homeristen;
allein seine Anmerkungen sind doch immer sehr lesenswürdig. Sie machen auf manche Detailschönheiten
aufmerksam, und zeigen manche neue und fruchtbare Seite ihres Autors: wir hoffen also, daß Hr. D.
mit ihnen fortfahren werde. Vor dem dritten Bande soll D. Blairs Abhandlung stehen, und sie ist
sehr der Uebersetzung werth. – – Wir freuen uns überhaupt auf die ganze Fortsetzung der Dennischen
Arbeit mehr, als auf manche neuere süßlallende Originale in Deutschland, und wünschen, daß
Oßian der Lieblingsdichter junger epischer Genies werde!
Erstdruck und Druckvorlage
Allgemeine deutsche Bibliothek.
Bd. 10, 1769, Stück 1, S. 63-69.
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Gezeichnet: Y.
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Lyriktheorie » R. Brandmeyer