Wenn die Ode, selbst nach dem Begrif des kältesten Kunstrichters, nichts als eine einzige ganze
Reihe höchst lebhafter Begriffe, ein ganzer Ausfluß, einer begeisterten Einbildungskraft, oder
eines erregten Herzens, nichts als eine höchstsinnliche Rede über einen Gegenstand seyn soll: so
müßten selbst für den, der blos nach der Definition prüfte, die meisten der vorliegenden Oden
vortrefliche Stücke und Muster in ihrer Art seyn. Welche Natur! welches ganze volle Herz, und
ungetheilt sich hinopfernde schöne Seele erscheint nicht insonderheit in den Stücken des zweyten Buchs,
in den menschlichen und am meisten in den Jugendstücken des Dichters!
Kann ein Abschied ganzer und wahrer und schöner seyn, als der S. 97. an Giesecke! Kann die
traurige, wehmüthige Empfindung des ewigen Scheidens vom leisesten Seufzer zur lautsten Hofnung hinauf,
und wieder bis zur trübsten Thräne herunter treuer gesagt werden, als in der Ode S. 108.
an Fanny. Und giebts ein schöneres Bild gesellschaftlicher Naturfreude und Frühlingswonne
mit allen Wallungen und Steigerungen des erregten Herzens als der <Zürchersee>! S. 116.
Und da dieser Naturgeist, die ganze Fülle des Herzens und der Seele alle Stücke des Verf.
durchgeht und jedwedes so eigenthümlich bezeichnet: welch ein Geschenk hat unsre Sprache, unsre Dichtkunst,
ja wir möchten sagen, die Menschheit unsres Vaterlandes an dieser einzigen Sammlung Oden.
[110] Ein Mann vor 200 Jahren, der großer Geist, und würkliches Genie war, hatte ein Lieblingsbuch,
das er allen in der Welt vorzog. Es war eine Sammlung Oden: wir nennen sie die Psalmen Davids und
der Mann hieß Luther — man höre was er über sie sagt und uns dünkt, er sage mehr, als der
schönlateinische Lowth über seine drey Klassen dieser Oden. "Ich halt, daß kein
feiner Exempelbuch
oder Legenden der Heiligen auf Erden kommen sey, denn der Psalter ist. Es ist des Psalters edle
Tugend und Art, daß andre Bücher wohl viel von Werken der Heiligen rumpeln, aber gar wenig
von ihren Worten sagen. Da ist der Psalter ein Ausbund, daß er erzählt der Heiligen Wort;
zu dem nicht schlechte gemeine Reden derselben, sondern die allerbesten, so sie mit
großem Ernst in der allertreflichsten Sachen geredet haben — damit er also ihr Herz
und gründlichen Schatz ihrer Seelen für uns legt, daß wir in den Grund und Quelle ihrer
Wort und Werk, sehen können, was sie für Gedanken gehabt haben, wie sich ihr Herz gestellet
und gehalten hat in allerley Sachen, Fahr und Noth, gegen Gott und jedermann. Denn ein
menschlich Herz ist wie ein Schiff auf einem wilden Meer, welches die Sturmwinde von den
vier Orten der Welt treiben. Hie stösset her Furcht und Sorge für zukünftigem Unfall;
dort fähret Grämen her, und Traurigkeit von gegenwärtigem Uebel. Hie webt Hofnung und
Vermessenheit von zukünftigem Glück; dort bläset her Sicherheit und Freude in gegenwärtigen
Gütern. Solche Sturmwinde aber lehren mit Ernst reden, und das Herz öfnen und den Grund
heraus schütten. Denn wer in Furcht und Noth steckt, redet viel anders von Unfall, denn der
in Freuden schwebet; und wer in Freuden schwebt, redet und singt viel anders von
[111] Freuden,
denn der in Furcht steckt. Es gehet nicht von Herzen, spricht man, wenn ein Trauriger
lachen oder Frölicher weinen soll: Das ist, seines Herzens Grund steht nicht offen und
ist nicht heraus. Was ist aber das meiste im Psalter, denn solch ernstlich Reden in allerley
solchen Sturmwinden? Wo findet man feiner Wort von Freuden, denn die Lob- oder Dankpsalmen
haben? Da siehest du allen Heiligen ins Herz, wie in schöne lustige Gärten, ja wie in den
Himmel! wie feine herrliche, lustige Blumen darinn aufgehen, von allerley schönen, frölichen
Gedanken gegen Gott und seine Wohlthat. Wiederum, wo findest du tiefer, kläglicher,
jämmerlicher Wort von Traurigkeit, denn die Klagpsalmen haben? Da siehest du abermal
allen Heiligen ins Herz, wie in den Tod,
ja wie in die Hölle. Wie finster und dunkel ists da von allerley betrübten Anblick des Zorns
Gottes. Also auch, wo sie von Furcht und Hofnung reden, brauchen sie solches Wort, daß
dir kein Mahler also könnte die Furcht oder Hofnung abmahlen, und kein Redekündiger also
fürbilden." Der Ton würde wahrscheinlich unsern Bibliothekbesuchern zu schwärmerisch scheinen,
wenn wir also fortfahren, oder deutlich anwenden sollten. Obige Wahrheit indessen und Treue
als Charaktereigenschaft dieser Gedichte, wenigstens poetisch, zum Grunde gesetzt, welch
ernstliches Interesse wird daraus! und wie manche fühlbare Jünglinge werden seyn,
die nicht ausrufen: hättest du so gesungen! so geleiert! sondern wärst du es,
der so dächte, so fühlte!
Natürlich folgt hieraus, daß Kl. am meisten und vielleicht allein auf die wirken
könne, die mit ihm sympathisiren; allein, sollte er nicht wenigstens fodern können,
so <fern> du mich als Dichter liesest, so mußt du mit mir mindstens sympathisiren
wollen d.i. setze
[112] dich in meine Umstände, Denk- Fühlungsart, Lieblingsbegriffe u.s.w.
Solltest du diese auch blos für Mythologie anzusehen geneigt seyn: habe
wenigstens die Billigkeit, sie mir als etwas mehr zu gönnen, oder uns in Frieden zu
trennen, "willst du zur Rechten: so will ich zur Linken!" u.s.w. Mich dünkt, das
sind auch selbst nach dem strengsten Kriegsrecht der Kritick zugestandne Punkte, ohne
die auch kein Recht und Urtheil mehr bleibt. Möge der Autor a1s Mensch, als
Religionsverwandter denken, was er wolle: als Dichter mußt du ihm glauben. Und ausser
dem Gedicht sollte es nicht eben so viel Ungläubige an Rammlers Friedrich
geben können, als Ungläubige an Klopstocks Jesus Christus?
Indeß, da dieser Zwang sich doch immer unvermerkt mehr oder minder äussern wird: so singt Orpheus immer für Wald und Fels, und der Dichter für die am meisten, die kein System haben, die sich von allem, was in ihnen ist, entäussern können. Für die ist sodann jede Situation neu und ganz: sie sehen mit den Augen des Sehers, und natürlich so sehen sie seine Wunder. — —
In solcher Sympathie nun wie ächt und zart und schön charakterisirt sich
beynahe jedwedes Klopstockisches Stück!
Welche eigne Farbe und Ton des Ausdrucks
ruhet auf jeglichem, die sich von der ganzen Mensur, Haltung und Beäugung des
Gegenstandes bis auf den kleinsten Zug, Länge und Kürze des Perioden, Wahl des
Sylbenmaasses, beynahe bis auf jeden härtern oder leisern Buchstab, auf jedes
O und Ach! erstrecken. Dem Rec. dünkt, daß hierinn diese Gedichte so was Eignes,
Ursprüngliches und Eingegeistetes haben, daß so wie die Natur jedem Kraut,
Gewächse und Thier seine Gestalt, Sinn und Art gegeben, die Individuel ist und
eigentlich
[113] nicht verglichen werden kann: so schwimmt auch ein andrer Duft und
webt ein andrer Geist der Art und Leidenschaft in jedem individuellen Stück des
Verf. Die Oden an Fanny, (er hat nur Eine derselben behalten) sind ganz andre, als
die an Cidli: Die Jugendgedichte warlich nicht die — härtere oder vestere? —
Des dritten Buchs: Das Gebet um Friedrich, oder die Meßias Ode warlich nicht
die Elegie um ihn, und so gehts bis auf die kleinste Witterung etwa der Scene,
der Zeit, der Umstände. Die Seele hat immer gewürkt, wie sie war, wie sie sich damals
fühlte. Der Duft erfüllt den Leser bis aufs kleinste, und der Recensent würde seiner
Privatästhetick Glück wünschen, wenn er sich diese Melodie, diese Modulation jedes Stücks
deutlich machen und in Einem Worte dafür schreiben könnte. Welch' eine herrliche
Abenddämmerung geht zum Ex. durch die Erscheinung des Thuiskon! Mit Sylbenmaas und
Ideenfolge und Bildern und Anfang und Ende gleichsam aus den letzten Sonnenstralen
und dem stäubenden Silber und rauschenden Wipfeln, wie heilig, feyerlich und stille
zusammengewebt! So ähnlich die Sommernacht und die frühen Gräber! So, nur
tönender der Bach und Siona! — — Braga welch ein lebendig Gemählde voll Wintermorgen,
Reif, Mond und Schrittschuhtakt! Der Rheinwein — Teone — wiederum die todte Clarißa —
man habe eben den letzten Band dieses himmlischen Mädchens geschlossen, sehe
sie im Sarge — — Cidli daneben — Klopstocks Herz in der Brust — — und es wird der
so eigne, sanfte, schauderhafte Klang werden, der dies Stück durchwehet — — und
welches hätte in dem Verstande nicht seinen eignen Geist?
Nichts muß daher abscheulicher seyn, als alle diese Stücke mit feister Hand
fortlesen und feister
[114] Stimme nach Einem gegebnen antiken oder modernen Flötentone
fort deklamiren wollen. Wie jener, der sich vor sein Stammbuch setzte, die
Namen seiner Freunde, sämmtlich und sonders, Blatt für Blatt, flugs und fort mit
Gesundheiten zu ehren: so ohngefehr würde der handeln, der sich hinlagerte, um
alle Klopst. Lieder nach der Reihe hin wegzusingen und so zu versuchen, ob sie
auch viel Empfindung enthielten? oder der alle Klopst. Oden nach der Reihe in
Einer Fassung vor deklamirte. Zu jeder Ode würde ohne Zweifel so eine eigne
Bereitung sein selbst und des Kreises in dem man lieset, gehören, als — nun als
die Ode eigne Art hat. Ein Gassenhauer läßt sich natürlich auf allen Strassen singen
und ein blos künstliches Phantasiestück zu aller Zeit mit Pomp und Anstand hertönen
— eine hölzerne Maschine kann überall hin gestellt werden, aber ein Naturprodukt,
eine Blume, eine Pflanze? — muß auf ihrer Stelle wachsen, oder sie verdörret.
Hierüber redet Teone S. 234.
Man siehet leicht, daß der Rec. wenig Lust habe, das bekannte Regelnlineal der
Ode hier anzulegen und zu versuchen, ob jedes Stück schönen Plan, schöne Ordnung
und Unordnung u.s.w. habe. Sofern diese Regeln wahr sind, d.i. sofern sie in der
Natur des Einen Gegenstandes und der Weise, wie der Affekt handelt,
liegen, wird sie gewiß die begeisterte Einbildungskraft von selbst in ihr Werk
wirken, weil dies ohne solche Gesetze nicht möglich wäre. Und so dünkt uns, könnten
aus den vornehmsten Stücken dieser Sammlung die feinsten Regeln des Affekts und
eine Theorie der Ode abgezogen werden, die wir vielleicht noch nicht haben. Die meisten
Oden des zweyten, und einige des dritten Buchs sind so horazisch: Die nachgeahmten Stellen
in so vortreflicher Manier nachgeahmt — und sonst muß der Rec. bekennen, daß
[115] ihn die meisten Odengesetze, die man als solche in Lehrbüchern
und Kriticken gäng und gäbe gemacht, sehr willkührlich dünken. Sie sind fast nur, und
nur aus dem kleinsten Theile des Horaz abgezogen, würden auf Pindar, David, Hafiz
alle Araberund wenn man will, auch Engländer, angewandt, den meisten
den Hals brechen, und wenn man sie so sicher für die Einzige Ordnung und
Gesetze der begeisterten Einbildungskraft angiebt: woher als solche bewiesen?
Hat diese nicht vielmehr bey jedem Gegenstande ihre eigne Art zu handeln?
Die Eigenschaften, mit denen sie handelt, sind sie nicht entweder so
wandelbar, oder aber so allgemein, daß man alles unter sie subsumiren kann,
was man will? Und ich wüßte überhaupt nicht, warum nicht die Ode sich von einer
kleinen poetischen Phantasie, wo es der Gegenstand erfoderte, gleichsam von
einem Seufzer und einzelnen Ausbruch zum Planvollesten Gebäude erheben könnte?
Singt Nachtigall und Lerche immer gleich? gleich lang? und nach Einer Melodie?
Wäre es also auch, daß man hier manche Stücke insonderheit des ersten Buchs
an Gott für bloße Tiraden der Phantasie und manche im 3ten Buch für sehr
kunstvolle Abhandlungen unodenmäßiger Gegenstände hielte; in
beyden Fällen lassen sich keine Gesetze geben, was? und wie weit ichs mit
Phantasie bearbeiten soll oder darf? oder es käme endlich darauf hinaus,
wie fern es gut sey, daß dieser Mensch so viel Phantasie habe? und — wer beantwortet
die Frage? — Wenn also auch der Rec. bey dem Tanz der personificirten
Sylbenmaasse in
Sponda S. 152., bey dem großen Glauben an unsre Altdeutsche Dichter, (S. 183.)
an das Urtheil der Skulda S. 212. die oft ungerecht gnug richtet, an die
neuerfundne Harmonie (S. 216.) an das Wir und Sie (S. 220.)
[116] an den
Gebrauch der Altdeutschen Mythologie <(S. 252.)> und insonderheit an die Tapferkeiten
Hermanns (S. 261.) andrer Meynung wäre, und wollte, daß die Sache von
andern Seiten angesehen würde, kann der Dichter nicht, wie gesagt, fodern,
daß man sie jetzt mit ihm nur so ansehe, wie er will! Hier mit Phantasie,
und zwar in dem und dem Grade!
Es bliebe uns also nichts übrig, als von den Sylbenmaassen zu reden, und daß diese
sehr mannichfalt sind, ist bekannt. Zuerst hat Hr. Kl. einige Griechische, und
die mit einer Leichtigkeit und Biegsamkeit nachgeahmt, die man an seinem Hexameter
kennet, und die sich dem Sinne so tief und sanft anschmieget. Sonderbar ists, daß
selbst bei zween Autoren in Einer Sprache der Wohlklang Eines Sylbenmaasses
nicht derselbe ist, und in seinem zartesten Wuchse kaum Vergleichung leidet. Ein
Choriambe Klopstocks und Rammlers scheint bey gleich vorgezeichnetem Maasse gar
nicht das gleiche Ding zu seyn, und man versuche nur, zwey Oden beyder nach einander
zu lesen. So Klopst. und Kleists Hexameter, ob gleich beyde sehr wohlklingend
sind: so Klopstock und die Noachide, ob gleich in der letzten Ausgabe dieser das
Sylbenmaas mit vieler Kunst zugerichtet worden. So Horaz und Katull, Virgil und Lukrez u.s.w.
Alles wird blos Werkzeug der Seele, die eine gewisse Farbe der Composition, eine
Stärke oder Schwäche, Fluß oder Strom auch bis ins Sylbenmaas überträgt — wir wünschten
die Sache mehr untersucht und tiefer charakterisirt.
Zweytens sind aus dem Nordischen Aufseher die freyen Sylbenmaasse bekannt, in die Hr. Kl.
(nach dem Ausdruck der Litt. Br.) als in die Elemente des Wohlklanges seine Zeilen
aufgelöset hatte. Diese sind nunmehr wieder zusammengeschoben; vierzeiligte
[117] Strophen
aber ohne bestimmtes Sylbenmaas geworden, und wo Hr. Kl. die Ründe der vierzeiligten
Strophe verletzt oder mangelhaft fand, verändert. Sollte dies Zusammenschieben und
diese Veränderung nicht zeugen, daß das Ohr nur eine gewisse Anzahl, einen Kreis,
einen Tanz von Tönen fodert, über den es nicht hinaus höret? und sollte auch in diesem
Kreise, in diesem Tanze also nicht alles als das vollständigste Ganze behandelt werden müssen?
Und nun hat drittens Hr. Kl. eine Menge neuer Sylbenmaasse erfunden, die, wenn wir
seiner Muse (S. 216.) glauben, Bereicherungen der Harmonie selbst in
Vergleichung der Griechen sind. Er fodert Alcäus und Apollo, Oßian und
Britten und Gallier und Nachahmer des Horaz auf, daß er
sie übersungen, daß sie des lyrischen Stabes Ende, er aber ihn ganz blitzen gesehn, daß
sein großes Vorbild die Natur, der Tonbeseelte Bach sey u.s.f.
Es ist unläugbar, daß einige dieser Sylbenmaasse schon an sich betrachtet einen Gesang,
eine Melodie haben, die den Sanglosesten Leser und Deklamator von der Erde erheben müssen.
Die beiden ersten Zeilen in Siona (S. 188.) in Sponda (S. 192.) Thuiskon (S. 196.)
die frühen Gräber, die Sommernacht, Braga, die Chöre, Teone, der Anklang von Stintenburg
(S. 237.) sind voll Melodie; wir wünschten aber von andern zu hören, ob in den meisten
dieser (ich nehme die Sommernacht, Braga, Teone, die Chöre aus) das Ende dem
Anfange entspreche und den ganzen Strophenbau, die unaufgehaltene Ründe und Glätte
habe, die wir in den schönsten und gebrauchtesten Sylbenmaassen der Griechen finden?
Nach einem meistens sanften Anklange stemmen sich die Töne, stemmen sich oft
zwey, dreymal auf einander und dann schließt die Strophe, oder bricht
[118] meistens ab,
ohne daß das Ohr im Tanze fortgeführt und bis zum letzten Tone ahndend erhalten wäre;
und man weis, das war das Geheimniß des griechischen Perioden, Hexameters und der
schönsten lyrischen Sylbenmaasse. Aristoteles vergleicht die Harmonie mit der olympischen
Rennbahn, wo je näher dem Ende desto mehr arbeiten die Läufer, denn sie sehen das Ziel.
In den schönsten Tänzen, in den gefälligsten Spielen und Bewegungen scheint eben dies Runde
und Endeilende nicht minder zu herrschen, wie in Epopee und Drama — Der Knote, der in der
Mitte geflochten wird, wird nur immer in Verhältniß aufs Ganze groß oder klein
geflochten, wird wieder vorbereitet, und stückweise aufgelöset, daß man zu Ende eilet und
dahin gedrungen wird, ohne daß man weis, wie? Der Rec. wäre äusserst begierig, sich die
Zweifel gegen einige der neuen Sylbenmaasse auflösen zu lassen. Man nehme z.E. das melodische
Siona S. 188.
— v v — v v — v —
Töne mir, Harfe des Palmenhains.
v — v v — v v — v —
Der Lieder Gespielin, die David sang
wie fliessend! wie singend! — Aber nun, geräth der Bach mit einmal über Stein und Fels
v v — — v v — — v —
Es erhitzt | steigender sich | Sions Lied, |
v v — — v v — — v v —
Als des Bachs | welcher des Hufs | Stampfen entscholl —
wo scheint hier Fortfluß, allmähliche Entwicklung, und das prophetische Fortleiten des Ohres zu bleiben? Die Takte fallen auseinander, und scheinen mehr zusammen geschoben, als auseinander gearbeitet zu seyn.
Dem Rec. ist vor einigen Jahren ein Bogen Klopstockischer Sylbenmaasse zu Gesicht
gekommen, da (es waren die meisten von diesen) hinter Zeile und
Stro[119]phe das Verhältniß
der langen und kurzen Sylben bemerkt und also die Harmonie ausgezählt war —
Aber ausser der Harmonie, wird wohl also die Melodie berechnet? kommt hier nicht
alles auf die Succeßion der Töne, auf das Entwickelndes Gesanges der
Seele, und der Bebungen des Herzens an, wo wir freylich hinten nach auch
immer die vorige Proportion finden; aber gewiß nicht umgekehrt, sonst wäre der
tiefste Berechner auch immer der Melodievollste Tonkünstler. — —
Noch weniger, siehet man, ist hier von dem sogenannten lebendigen Laut und Ausdruck
die Rede d.i. von der musikalischen Zustimmung der Worte zum Sylbenmaasse: In der
ist Klopstock allemal Meister, und auch die verflochtensten, sich stemmendsten
Strophengänge sind hier theils mit einer Macht durchgetrieben, daß die Worte
mit ihrem Klange gleichsam wie Orpheus Steine und Fels folgen müssen: theils auch
so tief in den Inhalt gewebt, daß wir z.E. jenem Sylbenmaasse unter den Gestirnen
(S. 59.) jenen zwey letzten so künstlichen, knotenvollen Zeilen der Stintenburg
(S. 237.) der Barden <(S. 232.)> den Zeilen der Ode, unsre Fürsten (S. 223.) unsre
Sprache (S. 241.) des Schlachtgesanges (S. 205.) des Eislaufs u.s.w. gut werden, weil uns die
Materie entschädigt und gleichsam über Stock und Stein gewaltig mitreißt. Es wäre
also Thorheit zu denken, daß man hier für Kl. kritisirte:
man betrachtet blos Kl. Sylbenmaasse an sich, allgemein, und zum Gebrauch für andre.
Ein Mädchen kann für sich selbst das Lispeln und das kleine Mal ihrer Wange liebenswerth machen;
deswegen wird aber an sich und für andre Lispeln und Malzeichen kein Stück, keine Regel der Schönheit.
[120] Den Rec. dünkt, daß in Sachen, wo es blos auf sinnliches Verhältniß ankommt, keine neue Erfindungen
ins Unendliche möglich sind. Gewisse Formen des Schönen müssen in der Sculptur, wie Proportionen
in der Baukunst wieder kommen, oder die Kunst wird wieder Gothisch d.i. es werden da Glieder angebracht,
wo keine seyn dürfen, Glieder verwickelt, wo der Fortgang des Auges eine gelinde Succeßion
foderte: auf eine oder die andre Weise erliegt das Ganze unter seinen Theilen. Ein Versuch
über die Sylbenmaasse, wo selbige ohne Anwendung auf Sprache und Worte, blos als Tanz,
als Folge von Tönen zu einer Melodie betrachtet würden, dürfte vielleicht dasselbe zeigen.
Aus Pindar hat Hr. Kl. wenig nachgeahmt, weil ihm die Sylbenmaasse dieses Dichters nicht
gefielen: der Rec. muß bekennen, daß er die Sylbenmaasse in Pindar und den Chören
meistens nicht versteht. Sein Ohr ist zu kurz, eine Pindarische Strophe zu behalten,
folglich kann dasselbe auch nicht sinnlich urtheilen und das Ganze des Tanzes und der
Melodie der Töne empfinden. Den Römern muß es eben so gegangen seyn, denn sie giengen
nicht über die 4. zeiligte Strophe: Hr. Kl. geht auch nicht drüber: man sollte vermuthen,
daß Alcäus u.s.w. auch seltner drüber gegangen seyn mögen, wo nicht eine andere Anordnung,
Theatermusik, olymplsche Musik den Numerus sehr hob, verlängerte und unterstützte. Sollte
es nun nicht in dieser engern vierzeilichten Bahn auch nur eine gewisse Anzahl Bewegarten
und Melodien der Sylben geben, die ausschliessend die schönsten seyn müßten! Der Rec.
sollte es fast vermuthen, denn wo er auch bei den neuen Klopstockischen Sylbenmaassen die
harten Kontraste sich zu mildern, die Töne simpler in einander zu verflössen, und das Ganze
der Strophe runder zu machen versucht hat: ist immer
[121] mehr oder minder ein schon bekannteres Sylbenmaas unvermerkt daraus geworden;
wovon viele Proben gegeben werden könnten, wenn es der Raum litte. Selbst unverändert
scheinen von den neuen Sylbenmaassen doch eben die simpelsten, die schönsten: z.E.
die Sommernacht, Braga, Thuiskon, die Chöre, der Anklang des Bachs, Siona's u.s.w.
sollte das nun nicht schon, da diese den Griechischen sich eben dadurch auch nähern, ein
Vorurtheil erwecken? Und wenn man denn nun vom verwickeltsten neuen Sylbenmaasse z.E. von
einer Aganippe und Phiala (S. 177.) denn plötzlich zu einem rein Griechischen
Heinrich S. 180. überkommt: ists nicht, als ob man aus einem allerdings erhabnen,
aber zu künstlichen, dunkeln und ungeheuren Gothischen Gewölbe in einen freyen
griechischen Tempel käme, und da in einer Melodie, als in einem schönen regelmäßigen
Säulengange wandelte? Der Rec. fühlt sich frey von allem Eigensinn und Partheylichkeit:
an Ungewohnheit des Ohrs, glaubt er, könne es nicht liegen, weil er Ohr und Zunge schon
ganz zu diesen Gedichten gewöhnet und alles auch musikalische Leben sonst in der Sprache
fühlt — Kurz! er wünscht sich dieses oder eines bessern belehrt, und warnt blos Nachahmer,
deren es in Deutschland sogleich hundert Arten gibt; auch für früheiliger Nachstümperung
dieser Sylbenmaasse, die bey ihnen vollends unerträglich werden müßten. Hier hat der Dichter
seiner Materie zugleich sein Sylbenmaas eingehaucht, und jene mit diesem belebet: wie aber?
wenn dies Sylbenmaas ein dürrer Leichnam wäre, oder elend nachschleppte.
Ein Theil dieser Oden ist schon bekannt und zum Theil abgedruckt gewesen — welche Kritick
in den Veränderungen! mit welcher Jugend! mit welchem Geiste! hiezu wird nun wenigstens die
elende
Samm[122]lung Klopstocks poet. und pros. Schriften einigermaßen bräuchlich; die sonst aber
in allem Betracht falsch, fehlerhaft, und erbärmlich geworden.
Wo Kl. die Alten nachahmt: mit welcher Eigenheit, mit welchem Geiste! Man sehe die erste Ode
des zweyten Buchs und mehrere in diesem Buche: insonderheit das große Pindarische Gebäude
Wingolf; das nur indes in seiner alten griechischen Gestalt doch noch
mehr Jugend und Naturgeist zu athmen schien, als in seiner korrektern Form. Das große Bild
von Hebe, von der Berecynthia aus Katull sind verlohren gegangen, und das Stonehenge der
Freundschaft ist damit doch nicht in einen griechischen Tempel verwandelt.
Wo endlich Kl. im Gusse seiner Empfindung und im Fluge der Phantasie Gedanken einwebt (man erlaube uns den Schulausdruck, an den uns unsre Metaphysick leider! schon gewöhnt hat) — welche Gedanken!
Wen, als Knaben, ihr einst Smintheus Anakreons
Fabelhafte Gespielinnen,
Dichtrische Tauben umflogt und sein Mäonisch Ohr
Vor dem Lärme der Scholien
Sanft zugirrtet und ihm, daß er das Alterthum
Ihrer faltigen Stirn nicht säh,
Eure Fittige lieht —
Ihn läßt gütiges Lob oder Unsterblichkeit
Des, derEhre vergeudet, kalt!
Kalt der wartende Thor, welcher bewundernsvoll
IhngroßaugigtenFreunden zeigt
Und der lächelnde Blick einernur schönen Frau
Der zu dunkel dieSingerist.
— — — Kommst du
Von den unsterblichen sieben Hügeln
[123] WoScipionen, FlaccusundTullius, tönender redt' und sang
Urenkel denkend
Wo Mars mit dem Kapitole
Um die Unsterblichkeit mutig zankte.
Voll sichern Stolzes sah er die Ewigkeit
Des hohen Marmors: Trümmer wirst einst du seyn
Staub dann und dann des Sturms Gespiele
Du Kapitol und du Gott der Donner! —
— — Niemals sah dich mein Blick,Sokrates Addison
Niemals lehrte dein Mund mich selbst
Niemals lächelte mirSinger, der lebenden
Und der Todten Gesellerin
— — Soll Hermanns Sohn und Leibnitz, dein Zeitgenoß
(Des Denkers Leben lebet noch unter uns!)
Soll der in Ketten denen nachgehn
Welchen er kühner vorüberflöge
— — Das Werk des Meisters, welches vom hohem Geist
Geflügelt herschwebt, ist, wie des Helden That
Unsterblich —
Ludewig, den uns
Sein Jahrhundertmit aufbewahrt
Doch wozu solche florilegia? Man lese den Gesang an den König! den Zürchersee! den
Rheinwein! welche innere tiefe Philosophie des Lebens! — Die Oden an Cidli, welche
Metaphysick der Liebe! die aus dem letzten Buche, welche hundert feine Sentiments über
Sprache, Dichtkunst, Sylbenmaasse, Nordische Mythologie, Vaterland
u.s.w.
Nur freylich hätte, wer bloß pensées sucht, eben den schlechtsten Theil der großen Seele
Klopstocks!
Erstdruck und Druckvorlage
Allgemeine deutsche Bibliothek.
Bd. 19, 1773, Stück 1, S. 109-123.
[PDF]
Gezeichnet: F.
Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck
(Editionsrichtlinien).
Vier Druckfehler wurden korrigiert (S. 109, 111, 116, 119).
Zeitschriften-Repertorien
Kommentierte Ausgaben
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Grundlegend; vgl. bes. das Kapitel "Das fruchtbare Mißverständnis" (S. 198-202)
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Edition
Lyriktheorie » R. Brandmeyer