August Wilhelm Schlegel

 

 

Vorlesungen über schöne Literatur und Kunst.
Gehalten zu Berlin in den Jahren 1801-1804

 

Erster Teil (1801-1802).
Die Kunstlehre

 

Von den Dichtarten.

 

Ihre Scheidung Anfangspunkt der eigentlichen Dichtkunst. Weit reiner in der antiken Poesie, weswegen diese vorzugsweise als Kunst und classisch erscheint. In der romantischen Poesie eine unauflösliche Mischung aller poetischen Elemente. Daher daß man sie verkennt. Die eigentlichen Originalwerke der Neueren ganz übersehen, die schlechten Nachahmungen der Alten als das Wichtigste gepriesen. Keinen Sinn für das Chaos. Auch das Universum bleibt der höhern Ansicht immer noch Chaos. Das Streben nach dem Unendlichen ist in der Romanti­schen Poesie nicht bloß im einzelnen Kunst[357]werke ausgedrückt, sondern im ganzen Gange der Kunst. Gränzenlose Progressivität.

Die Betrachtung der Dichtarten kann nach der historischen Ordnung fortgehen. In der modernen Poesie muß sie es ohnehin, wegen Mangel strenger Sonderung. – In der antiken folgen die Gattungen ebenso in der Zeit wie im System. Erst die Hauptgattungen, von der einfachsten.

Übergang zu dieser Lehre. Idee einer Naturgeschichte der Poesie im Vorhergehenden. Ende derselben. Übergang zur Kunst und dem Bewußtseyn derselben. Alle ursprünglichen Gesänge momentane Einge­bung. Stürmische Affekte. Bedürfniß sie zu äußern. Gegenwart früher als Erinnerung. Urpoesie unmittelbares Leben und Handlung. Natur­keim des Lyrischen Gedichts. Improvisiren. Doppelte Art. Künstliche Virtuosität im Improvisiren. Dergleichen Beyspiele bey den Alten. Bey den Italiänern. Was davon zu halten. Siehe Friedrichs Geschichte der Griechischen Poesie S. 151. – Natürliches Improvi­siren: Siehe die Note.

Wiederhohlungen in der Urpoesie. Einprägung. Aufbewahrung. Vor­bereitung wegen des gemeinschaftlichen Fortschritts vom Bedürfniß zum Geschäft und dann zum Spiel. Alle ursprünglichen Dichter – nur einzeln. Ein Stand. Homerische Periode. Wolfische Entdeckung. Ganz neue Richtung der Untersuchungen über den Homer.

Eintheilung der Gattungen beym Plato. Beybehalten worden. Neue versuchte Eintheilung in lyrisch und pragmatisch, dieser in erzählende und dialogische. Ungültig. Kein poetischer Eintheilungsgrund. – Episch, lyrisch, dramatisch; These, Antithese, Synthese. Leichte Fülle, energische Einzelnheit, harmonische Vollständigkeit und Ganzheit. Kategorieen der Quantität. Beziehung auf die der Modalität. Vielleicht auch auf die beyden andern. – Das Epische das rein objective im menschlichen Geiste. Das Lyrische das rein subjective. Das Dramatische die Durchdringung von beyden. Eine Außenwelt in deren Darstellung der innre Sinn, der sie aufnimmt, mit übergeht. Universalität, Indivi­dualität, Idealität. Gewissermaßen kommen diese Prädicate allen [358] drey Gattungen zu, hier aufs nächste und unmittelbarste. – Im Dramati­schen Gegensatz komisch und tragisch. Das epische und lyrische ein­fach.

 

 

 

 

Erstdruck und Druckvorlage

A. W. Schlegels Vorlesungen über schöne Litteratur und Kunst. [Hrsg. von Jakob Minor]. Erster Teil (1801 – 1802): Die Kunstlehre. Heilbronn: Verlag von Gebr. Henninger 1884 (= Deutsche Litteraturdenkmale des 18. und 19. Jahrhunderts, 17), S. 356-358.   [PDF]

Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck (Editionsrichtlinien).

August Wilhelm Schlegel hielt in Berlin in den Jahren 1801 – 1804 öffentliche "Vorlesungen über schöne Literatur und Kunst", und zwar jeweils im Winter – in insgesamt drei Folgen:
    1801/02: Die Kunstlehre
    1802/03: Geschichte der klassischen Literatur
    1803/04: Geschichte der romantischen Literatur
Die Berliner Vorlesungen wurden 1884 von Jakob Minor auf der Grundlage der eigenhändigen Manuskripte Schlegels veröffentlicht (Deutsche Litteraturdenkmale des 18. und 19. Jahrhunderts, 17 19). Der von Schlegel selbst besorgte Druck (1808) eines kleineren Teils der "Kunstlehre" enthält nicht den hier ausgewählten Abschnitt "Von den Dichtarten".   –   Den "Dichtarten" folgt: "Vom Epos" (S. 358-370); Lyrik und Drama werden, im Unterschied zur Jenaer Kunstlehre von 1798, in der Berliner Kunstlehre nicht behandelt.   –   Vgl. zum Gesamtkomplex der Berliner Vorlesungen den Editionsbericht von J. Minor (17; 1884, S. III-LXXI).

Schlegel schickte im Herbst 1802 das Manuskript der ersten Berliner Vorlesung an Schelling, der es sich für die Vorbereitung seiner Jenaer Vorlesung über die Philosophie der Kunst (1802/03) erbeten hatte. Zum Gedankenaustausch Schelling-Schlegel vgl. Minor (Editionsbericht, S. X-XII) und Ernst Behler: Schellings Ästhetik in der Überlieferung von Henry Crabb Robinson (Philosophisches Jahrbuch 83, 1976, S. 133-183; hier S. 137-139).

 

 

Kommentierte und kritische Ausgaben

 

 

Literatur

Behler, Ernst: Die Geschichte des Bewusstseins. Zur Vorgeschichte eines Hegelschen Themas. In: Hegel-Studien 7 (1972), S. 169-216.

Behler, Ernst: "Die Theorie der Kunst ist ihre Geschichte": Herder und die Brüder Schlegel. In: Ders., Studien zur Romantik und zur idealistischen Philosophie. Bd. 2. Paderborn u.a. 1993, S. 187-205.

Behler, Ernst: Lyric Poetry in the Early Romantic Theory of the Schlegel Brothers. In: Romantic Poetry. Hrsg. von Angela Esterhammer. Amsterdam u.a. 2002 (= A comparative history of literatures in European languages, 17), S. 115-141.

Behrens, Irene: Die Lehre von der Einteilung der Dichtkunst, vornehmlich vom 16. bis 19. Jahrhundert. Studien zur Geschichte der poetischen Gattungen. Halle a.d.S. 1940 (= Beihefte zur Zeitschrift für romanische Philologie, 92).

Bormann, Alexander von: Romantik. In: Geschichte der deutschen Lyrik vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Hrsg. von Walter Hinderer. 2. Aufl. Würzburg 2001, S. 245-278.

Brandmeyer, Rudolf: Das historische Paradigma der subjektiven Gattung. Zum Lyrikbegriff in Friedrich Schlegels "Geschichte der Poesie der Griechen und Römer". In: Wege in und aus der Moderne. Von Jean Paul zu Günter Grass. Herbert Kaiser zum 65. Geburtstag. Hrsg. von Werner Jung u.a. Bielefeld 2006, S. 155-174.

Cullhed, Anna: The Language of Passion. The Order of Poetics and the Construction of a Lyric Genre 1746 – 1806. Frankfurt a.M. u.a. 2002 (= Europäische Hochschulschriften; Reihe 18, 104).

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Szondi, Peter: Poetik und Geschichtsphilosophie II: Von der normativen zur spekulativen Gattungspoetik. Schellings Gattungspoetik = Studienausgabe der Vorlesungen, 3. Hrsg. von Wolfgang Fietkau. Frankfurt a.M. 1974 (= suhrkamp taschenbuch wissenschaft, 72).

Trappen, Stefan: Gattungspoetik. Studien zur Poetik des 16. bis 19. Jahrhunderts und zur Geschichte der triadischen Gattungslehre. Heidelberg 2001 (= Beihefte zum Euphorion, 40).

Uerlings, Herbert (Hrsg.): Theorie der Romantik. Stuttgart 2000 (= Universal-Bibliothek, 18088).

Wiedemann, Conrad: Das Stottern des Jupiterdiskurses – Ein genealogischer Versuch über die andere Klassik von Berlin. In: Die europäische République des lettres in der Zeit der Weimarer Klassik. Hrsg. von Michael Knoche u.a. Göttingen 2007, S. 65-82.

Zymner, Rüdiger (Hrsg.): Handbuch Gattungstheorie. Stuttgart u.a. 2010.

 

 

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Lyriktheorie » R. Brandmeyer