Die drey Hauptgattungen der Poesie überhaupt sind die epische, die lyrische und die dramatische. Alle übrigen Nebenarten lassen sich entweder nach ihrer Verwandtschaft einer von diesen unterordnen und daraus ableiten, oder sie sind als Mischungen aus ihnen zu erklären. Wenn wir aber jene drey Gattungen in ihrer Reinheit auffassen wollen, so gehen wir auf die Gestalt zurück, worin sie sich bey den Griechen zeigen. Die Theorie läßt sich auf die Geschichte der griechischen Poesie am bequemsten anwenden: denn die letztere ist, so zu sagen, systematisch; sie bietet für jeden unabhängig von der Erfahrung abgeleiteten Begriff die entsprechenden Beyspiele am urkundlichsten dar.
Es ist merkwürdig, daß bei der epischen und lyrischen Poesie keine solche Spaltung in zwey entgegengesetzte Arten Statt findet, wie bey der dramatischen. Man hat zwar die sogenannte scherzhafte Epopöe als eine eigne Gattung aufgestellt, es ist aber eine zufällige Nebenart, eine bloße Parodie des Epos, welche darin besteht, daß man die in [58] jenen herrschende feyerlich abgemessene Entfaltung, die nur großen Gegenständen zu geziemen scheint, auf das Kleine und Unbedeutende anwendet. In der lyrischen Poesie finden nur Grade und Abstufungen Statt, zwischen dem Liede, der Ode und der Elegie, aber keine eigentliche Entgegensetzung.
Der Geist des epischen Gedichtes, wie wir ihn in dessen Vater Homer erkennen, ist klare Besonnenheit. Das Epos ist eine ruhige Darstellung des Fortschreitenden. Der Dichter erzählt sowohl traurige als fröhliche Begebenheiten, aber er erzählt sie mit Gleichmuth, und hält sie als schon vergangen in einer gewissen Ferne von unserm Gemüth.
Das lyrische Gedicht ist der musikalische Ausdruck von Gemüthsbewegungen durch die Sprache. Das Wesen der musikalischen Stimmung besteht darin, daß wir irgend eine Regung, sey sie nun an sich erfreulich oder schmerzlich, mit Wohlgefallen festzuhalten, ja innerlich zu verewigen suchen. Die Empfindung muß also schon in dem Grade gemildert seyn, daß sie uns nicht durch Streben nach der Lust oder Flucht vor dem Schmerz über sich selbst hinausreiße, sondern daß wir, unbekümmert [59] um den Wechsel, welchen die Zeit herbeyführt, in einem einzelnen Augenblick unsers Daseyns einheimisch werden wollen.
Der dramatische Dichter stellt uns zwar auch, wie der epische, äußerliche Vorfälle dar, aber als wirklich und gegenwärtig. Er nimmt unsre Theilnahme dabey in Anspruch, aber nicht so genügsam wie der lyrische Dichter, sondern weit unmittelbarer als dieser will er uns erfreuen und betrüben. Er ruft alle Regungen hervor, die bey dem Anblick der Handlungen und Schicksale wirklicher Menschen in uns wirksam sind, und will diese Regungen erst durch die Gesamtheit der hervorgebrachten Eindrücke in die Befriedigung einer harmonischen Stimmung auflösen. Da er dem Leben so nahe tritt, ja seine Dichtung ganz darein zu verwandeln sucht, so würde bey ihm der Gleichmuth des epischen Dichters zur Gleichgültigkeit werden; er muß sich für eine der Hauptansichten von den Beziehungen des menschlichen Daseyns entscheiden, und seine Zuhörer nöthigen, ebenfalls mit ihm Partey zu nehmen.
Erstdruck und Druckvorlage
August Wilhelm Schlegel: Ueber dramatische Kunst und Litteratur. Vorlesungen.
Erster Theil. Heidelberg: Mohr und Zimmer 1809.
Hier: S. 57-59 [2. Vorlesung].
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Edition
Lyriktheorie » R. Brandmeyer