Joseph von Eichendorff

 

 

5      Wo treues Wollen, redlich Streben
Und <rechten> Sinn der Rechte spürt,
<Das> muß die Seele ihm erheben,
Das hat mich jedesmal gerührt.
 
   Das Reich des Glaubens ist geendet,
10   Zerstört die alte Herrlichkeit,
Die Schönheit weinend abgewendet,
So Gnadenlos ist unsre Zeit.
 
   O Einfalt gut in frommen Herzen,
Du züchtig schöne Gottesbraut!
15   Dich schlugen sie mit frechen Scherzen,
Weil Dir vor ihrer Klugheit graut.
 
   Wo find'st Du nun ein Haus, vertrieben,
Wo man Dir deine Wunder läßt,
Das treue Thun, das schöne Lieben,
20   Des Lebens fromm vergnüglich Fest?
 
   [468] Wo find'st Du Deinen alten Garten,
Dein Spielzeug, wunderbares Kind,
Der Sterne heil'ge Redensarten,
Das Morgenroth, den frischen Wind?
25    
   Wie hat die Sonne schön geschienen!
Nun ist so alt und schwach die Zeit,
Wie stehst so jung Du unter ihnen,
Wie wird mein Herz mir stark und weit!
 
   Der Dichter kann nicht mit verarmen;
30   Wenn alles um ihn her zerfällt,
Hebt ihn ein göttliches Erbarmen,
Der Dichter ist das Herz der Welt.
 
   Den blöden Willen aller Wesen,
Im Irdischen des Herren Spur,
35   Soll er durch Liebeskraft erlösen,
Der schöne Liebling der Natur.
 
   D'rum hat ihm Gott das Wort gegeben,
Das kühn das Dunkelste benennt,
Den frommen Ernst im reichen Leben,
40   Die Freudigkeit, die keiner kennt.
 
   Da soll er singen frey auf Erden,
In Lust und Noth auf Gott vertrau'n,
Daß alle Herzen freyer werden,
Erathmend in die Klänge schau'n.
45    
   Der Ehre sey er recht zum Horte,
Der Schande leucht' er ins Gesicht!
Viel Wunderkraft ist in dem Worte,
Das hell aus reinem Herzen bricht.
 
   [469] Vor Eitelkeit soll er vor allen
50   Streng hüten sein unschuld'ges Herz,
Im Falschen nimmer sich gefallen,
Um eitel Witz und blanken Scherz.
 
   Oh laßt unedle Mühe fahren,
O klingelt, gleißt und spielet nicht
55   Mit Licht und Gnad', so ihr erfahren,
Zur Sünde macht ihr das Gedicht!
 
   Den lieben Gott laß in dir walten,
Aus frischer Brust nur treulich sing'!
Was wahr in dir, wird sich gestalten,
60   Das andre ist erbärmlich Ding. –
 
   Den Morgen seh' ich ferne scheinen,
Die Ströme zieh'n im grünen Grund,
Mir ist so wohl! – die's ehrlich meynen,
Die grüß' ich all' aus Herzensgrund!

 

 

 

 

Erstdruck und Druckvorlage

Ahnung und Gegenwart. Ein Roman von Joseph Freiherrn von Eichendorff. Mit einem Vorwort von de la Motte Fouqué. Nürnberg: Johann Leonhard Schrag 1815, S. 467-469. [PDF]

Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck (Editionsrichtlinien). Zwei Druckfehler wurden korrigiert (V. 2: aus "rechter"; V. 3: aus "Da").

Entstanden: 1809 oder 1810.

Das Gedicht steht im 24. Kapitel des Romans; dort ohne Titel. Der Titel "An die Dichter" erscheint erst im ersten Einzeldruck, in: Der Gesellschafter oder Blätter für Geist und Herz, 1826, 4. Januar, [S. 9]. [PDF]

 

 

Aufgenommen in

 

Kommentierte und kritische Ausgaben

 

 

Literatur

Adorno, Theodor W.: Zum Gedächtnis Eichendorffs. In: Ders., Noten zur Literatur. Frankfurt a.M. 2. Aufl. 1984 (= Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften, II), S. 69-94.   –   Vortrag 1957; Erstdruck in "Akzente" (1958, Heft 1).

Blumenberg, Hans: Die Lesbarkeit der Welt. 3. Aufl. Frankfurt a.M. 1993 (= suhrkamp taschenbuch wissenschaft, 592).

Bormann, Alexander von: Natura loquitur. Naturpoesie und emblematische Formel bei Joseph von Eichendorff. Tübingen 1968 (= Studien zur deutschen Literatur, 12).

Bormann, Alexander von: Romantik. In: Geschichte der deutschen Lyrik vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Hrsg. von Walter Hinderer. 2. Aufl. Würzburg 2001, S. 245-278.

Brandmeyer, Rudolf: Poetologische Lyrik. In: Handbuch Lyrik. Theorie, Analyse, Geschichte. Hrsg. von Dieter Lamping. Stuttgart u.a. 2011, S. 157-162.

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Fetzer, John: Die romantische Lyrik. In: Literarische Romantik. Hrsg. von Helmut Schanze. Stuttgart 2008 (= Kröner-Taschenbuch, 504), S. 135-158.

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Hillebrandt, Claudia: Lyrik in Erzähltexten. In: Handbuch Lyrik. Theorie, Analyse, Geschichte. Hrsg. von Dieter Lamping. Stuttgart u.a. 2011, S. 166-172.

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Sautermeister, Gert: Theodor W. Adornos theoretische und praktische Überlegungen zur Lyrik – insbesondere zu Mörike und Eichendorff. In: Kulturphilosophen als Leser. Porträts literarischer Lektüren. Festschrift für Wolfgang Emmerich zum 65. Geburtstag. Hrsg. von Heinz-Peter Preußer u.a. Göttingen 2006, S. 173-197.

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Schirmer, Daniela: Am Beispiel Eichendorff. Zur Didaktik eines Autors der Romantik im Dritten Reich. Frankfurt a.M. u.a. 2004 (= Beiträge zur Geschichte des Deutschunterrichts, 55).

Schiwy, Günther: Eichendorff. Der Dichter in seiner Zeit. Eine Biographie. 2. Aufl. München 2007.

Schlaffer, Heinz: Das Dichtergedicht im 19. Jahrhundert. Topos und Ideologie. In: Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft 10 (1966), S. 297-335.

Schultz, Hartwig: Joseph von Eichendorff. Eine Biographie. Frankfurt a.M. 2007.

Schulz, Gerhard: Die deutsche Literatur zwischen Französischer Revolution und Restauration. 2. Teil: Das Zeitalter der Napoleonischen Kriege und der Restauration 1806 – 1830. München 1989 (= Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart. Bd. 7, 2).

Schwarz, Sandra: 'Kunstheimat'. Zur Begründung einer neuen Mythologie in der klassisch-romantischen Zeit. Paderborn 2007.

Selbmann, Rolf: Dichterberuf. Zum Selbstverständnis des Schriftstellers von der Aufklärung bis zur Gegenwart. Darmstadt 1994.

Sengle, Friedrich: Biedermeierzeit. Deutsche Literatur im Spannungsfeld zwischen Restauration und Revolution 1815 – 1848. 3 Bde. Stuttgart 1971/80.

Siegert, Reinhard: Die Staatsidee Joseph von Eichendorffs und ihre geistigen Grundlagen. Paderborn 2008 (= Rechts- und Staatswissenschaftliche Veröffentlichungen der Görres-Gesellschaft; Neue Folge, 115).

Stein, Volkmar: Morgenrot und falscher Glanz. Studien zur Entwicklung des Dichterbildes bei Eichendorff. Winterthur 1964.

Steinig, Martina: "Wo man singt, da lass' dich ruhig nieder...". Lied- und Gedichteinlagen im Roman der Romantik. Eine exemplarische Analyse von Novalis' Heinrich von Ofterdingen und Joseph von Eichendorffs Ahnung und Gegenwart. Mit Anmerkungen zu Achim von Arnims Armut, Reichtum, Schuld und Buße der Gräfin Dolores. Berlin 2006 (= Literaturwissenschaft, 3).

Szewczyk, Grażyna B. u.a. (Hrsg.): Eichendorff heute lesen. Bielefeld 2009.

Weber, Ernst: Lyrik der Befreiungskriege (1812 – 1815). Gesellschaftspolitische Meinungs- und Willensbildung durch Literatur. Stuttgart 1991 (= Germanistische Abhandlungen, 65).

Ziolkowski, Theodore: Das Amt der Poeten. Die deutsche Romantik und ihre Institutionen. München 1994 (= dtv, 4631).

 

 

Edition
Lyriktheorie » R. Brandmeyer