Lyrisch (Aesth.) bezeichnet das poetische Ausströmen eines stark
oder erhaben empfindenden und begeistert angeregten Gemüths in <rhythmischem> Ergusse,
das Ueberströmen der Empfindung in Gesang und Melodie, das Heraustreten und Verarbeiten
subjectiver Zustände in mehr oder weniger gebundener Form. Vorzugsweise verstehen wir
darunter die l.e Poesie, die Poesie des Liedes, obgleich selbst in
prosaischen Werken l.e Ergüsse sich äußern können, die dann unwillkührlich einen an das
metrische Gesetz erinnernden Tonfall annehmen werden. Auf dem Gebiete des Drama
ist die Oper dasjenige abgegrenzte Territorium, welches sich
[184] aus l.en Elementen aufbaut und darin erfüllt. Aber häufig bildet das L.e
auch einen integrirenden Theil des recitirenden höheren Drama, wohin die
Chöre in den Tragödieen der Griechen, in Racine's Athalia, in Schillers Braut
von Messina und Raupachs Themisto zu zählen sind. Gänzlich das L.e von sich abzuweisen,
wird der dram. Dichter, wenn er überhaupt Dichter ist, nie im Stande sein,
da er seine Personen individuelle nach l.er Ausströmung drängende Empfindungszustände
durchleben läßt und, indem er sich mit diesen Personen identificirt, selbst mit durchlebt.
Das Drama ist überhaupt die Vermählungsfeier, welche das L.e mit dem Epischen begeht.
Nur hüte man sich vor einer Ueberfülle der Lyrik, vor einer Stetigkeit des l.en
Ergusses, vor jenem l.en Schwunge, welcher in seinem Wirbel das rein dram. Element
vollkommen verzehrt, verschlingt, mit sich fortreißt. Das Drama liebt, die
Empfindungen zu concentriren, die Lyrik sie auszubreiten. Zu dieser Ausbreitung
ist im Drama wenig Raum gegeben. Die Personen sollen sich gegenseitig anreden, nicht ansingen.
Der Hauptmangel der gegenwärtigen deutschen dram. Poesie besteht eben in dem rücksichtslosen,
eigensinnigen und selbsüchtigen Vorwalten l.er Elemente, die zu beschneiden überall der dram. Verstand,
die Reflexion zur Hand sein soll. Die freigiebige Hand der Lyrik überschüttet uns gern
mit einer erstickenden Menge von Bildern und Gleichnissen, wo wir nackten Verstand
praktische Einsicht begehren, während wiederum der bloße Verstand, die bloße Einsicht nur ärmliche
Almosen austheilt, die allen Schmuckes ledig sind und, wenn sie uns auch sättigen, doch unsern
Gaumen nicht reizen. Zwischen diesem Mangel an Reiz und l.em Ueberreiz die schöne Mitte, das
schöne Maß zu treffen, ist eine Hauptaufgabe des dram. Dichters.
Erstdruck und Druckvorlage
Allgemeines Theater-Lexikon oder Encyklopädie alles Wissenswerthen für Bühnenkünstler, Dilettanten und Theaterfreunde
unter Mitwirkung der sachkundigsten Schriftsteller Deutschlands
herausgegeben von R. Blum, K. Herloßsohn, H. Marggraff.
5. Bd.: Kette bis Niais.
Altenburg und Leipzig: Expedition des Theater-Lexikons (H. A. Pierer. C. Heymann)
1841, S. 183-184.
[PDF]
Gezeichnet: H. M.
Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck
(Editionsrichtlinien).
Ein Druckfehler wurde korrigiert (S. 183).
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Edition
Lyriktheorie » R. Brandmeyer