| 5 | Es scholl Dein Lied mir in das Ohr So schwertesscharf, so glockentönig, Als wär' aus seiner Gruft empor Gewallt ein alter Dichterkönig. Und doch! Ich weis' es nicht von mir, |
|
| 10 | Ich muß Dich in die Schranken laden; Komm an in voller Harnischzier, In offnem Felde Kampf mit Dir, Kampf, Du Poet von Gottes Gnaden! Bist Du Dir selber klar bewußt, |
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| 15 | Daß Deine Lieder Aufruhr läuten? Daß jeglicher nach seiner Brust Das Aergste mag aus ihnen deuten? Der Zwerg, der matte Pfeile schnizt, Wohl! schieß' er, ohne fest zu zielen! |
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| 20 | Doch, wer vom Wetterlicht umblizt Im Donnerwagen grollend sizt, Der soll nicht mit den Zügeln spielen. Fürwahr ein Sämann scheinest Du, Der Samen streut – doch der Zerstörung, |
|
| 25 | Ein Glöckner, der aus ihrer Ruh Die Völker stürmt – doch zur Empörung. [91] Du willst die Flamme, die so rein Und heilig stralt durch alle Lande, Du willst den warmen Gottesschein |
|
| 30 | Zur Fackel Herostrats entweih'n Und schwingst sie wild zum Tempelbrande. Wozu sonst dieses Schwerterklirr'n, Die Kriege, die Dein Lied gefodert, Die hast'ge Glut, die durch Dein Hirn |
|
| 35 | In tausend Funken prächtig lodert? – O nein! Das ist nicht deutsche Art. Wohl ringen wir auch für das Neue; Um's Freiheitsbanner dicht geschart, So stehn auch wir, doch aufbewahrt |
|
| 40 | Aus Verhaßt ist er auch uns, wie Dir, Der Unterjocher der Gedanken, Und keinen Deut begehren wir Von jenen übermüt'gen Franken. |
|
| 45 | Wir wollen auch, daß frei das Wort Durch alle Lüfte möge fluten, Es dünkt auch uns in Süd und Nord Das Wort der beste Freiheitshort – Doch soll darum Dein Volk verbluten? |
|
| 50 | Nein! Glaub, der Tag ist bald erwacht, Der Morgen naht, wo wir's erringen, Nicht ohne Kampf, doch ohne Schlacht; Der Geist ist stärker als die Klingen. Geharnischt steht er auf dem Plan; |
|
| 55 | Er, der mit Luther'n einst gefochten, Durch tausend Lanzen bricht er Bahn, Und mag die Hölle dräuend nah'n: Der Lorbeer bleibt ihm doch geflochten. [92] Drum thu dein Schwert an seinen Ort, |
|
| 60 | Wie Petrus that, da er gesündigt; Die Freiheit geht nicht auf aus Mord: Blick nach Paris, das dir's verkündigt! Vom Geist will sie gewonnen sein; Doch wer ihr Kleid, so rein und heiter, |
|
| 65 | Mit blut'gem Makel mag entweih'n, Und säng' er Engelsmelodei'n: Der ist der Welt, nicht Gottes Streiter. Ich sing' um keines Königs Gunst, Es herrscht kein Fürst, wo ich geboren; |
|
| 70 | Ein freier Priester freier Kunst, Hab' ich der Wahrheit nur geschworen. Die werf' ich keck Dir ins Gesicht, Keck in die Flammen Deines Branders; Und ob die Welt den Stab mir bricht, |
|
| In Gottes Hand ist das Gericht. Gott helfe mir! Ich kann nicht anders. |
Erstdruck und Druckvorlage
F. M. Franzén: Der Rabulist und der Landprediger. Gespräch in der Sakristei über Ja und Nein
der Gegenwart in Kirche und Staat. [zusammen mit] Emanuel Geibel an den Verfasser der "Gedichte
eines Lebendigen". Lübeck: von Rohden'sche Buchhandlung 1842, S. 90-92.
[PDF]
Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck
(Editionsrichtlinien).
Entstanden: Februar 1842.
Aufgenommen in
Kommentierte und kritische Ausgabe
Literatur
Ammon, Frieder von: Politische Lyrik.
In: Handbuch Lyrik. Theorie, Analyse, Geschichte.
Hrsg. von Dieter Lamping.
Stuttgart u.a. 2011, S. 146-153.
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In: Geschichte der deutschen Lyrik vom Mittelalter bis zur Gegenwart.
Hrsg. von Walter Hinderer.
2. Aufl. Würzburg 2001, S. 308-339.
Berg, Wolfgang: Der poetische Verlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung unter Georg von Cotta (1833 – 1863).
Ein Beitrag zur Geschichte der deutschen Literatur in den Jahren nach Goethes Tod.
In: Archiv für die Geschichte des Buchwesens 2 (1960), S. 609-715.
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Zu Geibel vgl. S. 671-676.
Brandmeyer, Rudolf: Poetologische Lyrik.
In: Handbuch Lyrik. Theorie, Analyse, Geschichte.
Hrsg. von Dieter Lamping.
Stuttgart u.a. 2011, S. 157-162.
Breuer, Dieter: Der Münchner Dichterkreis und seine Anthologien.
In: Handbuch der Literatur in Bayern. Vom Frühmittelalter bis zur Gegenwart.
Geschichte und Interpretationen. Hrsg. von Albrecht Weber.
Regensburg 1987, S. 301-313.
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In: Geschichte der politischen Lyrik in Deutschland.
Hrsg. von Walter Hinderer. Würzburg 2007, S. 191-223.
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In: Gedichte und Interpretationen. Bd. 4: Vom Biedermeier zum Bügerlichen Realismus.
Hrsg. von Günter Häntzschel. Stuttgart 1984 (= Universal-Bibliothek, 7893), S. 346-356.
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Bd. 3: 19. Jahrhundert. Teil 1: Im Gesamtstaat.
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Werner, Renate: Münchner Dichterkreis.
In: Handbuch literarisch-kultureller Vereine, Gruppen und Bünde 1825 – 1933.
Hrsg. von Wulf Wülfing u.a. Stuttgart u.a. 1998
(= Repertorien zur deutschen Literaturgeschichte, 18), S. 343-348.
Edition
Lyriktheorie » R. Brandmeyer