| 5 | "Was meinem Kreise mich enttrieb, Der Kammer friedlichem Gelasse?" Das fragt ihr mich als sey, ein Dieb, Ich eingebrochen am Parnasse. So hört denn, hört, weil ihr gefragt: |
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| 10 | Bei der Geburt bin ich geladen, Mein Recht so weit der Himmel tagt, Und meine Macht von Gottes Gnaden. Jetzt wo hervor der todte Schein Sich drängt am modervollen Stumpfe, |
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| 15 | Wo sich der schönste Blumenrain Wiegt über dem erstorbnen Sumpfe, Der Geist, ein blutlos Meteor, Entflammt und lischt im Moorgeschwehle, Jetzt ruft die Stunde: "tritt hervor, |
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| 20 | Mann oder Weib, lebend'ge Seele! "Tritt zu dem Träumer, den am Rand Entschläfert der Datura Odem, Der, langsam gleitend von der Wand, Noch zucket gen den Zauberbrodem. |
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| 25 | [116] Und wo ein Mund zu lächeln weiß Im Traum, ein Auge noch zu weinen, Da schmettre laut, da flüstre leis, Trompetenstoß und West in Hainen! "Tritt näher, wo die Sinnenlust |
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| 30 | Als Liebe giebt ihr wüstes Ringen, Und durch der eignen Mutter Brust Den Pfeil zum Ziele möchte bringen, Wo selbst die Schande flattert auf, Ein lustiges Panier zum Siege, |
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| 35 | Da rüttle hart: "wach auf, wach auf, Unsel'ger, denk an deine Wiege!" "Denk an das Aug', das überwacht Noch eine Freude dir bereitet, Denk an die Hand, die manche Nacht |
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| 40 | Dein Schmerzenslager dir gebreitet, Des Herzens denk, das einzig wund Und einzig selig deinetwegen, Und dann knie nieder auf den Grund Und fleh' um deiner Mutter Segen!" |
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| 45 | "Und wo sich träumen wie in Haft Zwei einst so glüh ersehnte Wesen, Als hab' ein Priesterwort die Kraft Der Banne seligsten zu lösen, Da flüstre leise: "wacht, o wacht! |
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| 50 | Schaut in das Auge euch, das trübe, Wo dämmernd sich Erinnrung facht, Und dann: wach auf, o heil'ge Liebe!" [117] "Und wo im Schlafe zitternd noch Vom Opiat die Pulse klopfen, |
|
| 55 | Das Auge dürr, und gäbe doch Sein Sonnenlicht um einen Tropfen, – O, rüttle sanft! "Verarmter, senk' Die Blicke in des Aethers Schöne, Kos' einem blonden Kind und denk' |
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| 60 | An der Begeistrung erste Thräne." So rief die Zeit, so ward mein Amt Von Gottes Gnaden mir gegeben, So mein Beruf mir angestammt, Im frischen Muth, im warmen Leben; |
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| 65 | Ich frage nicht ob ihr mich nennt, Nicht fröhnen mag ich kurzem Ruhme, Doch wißt: wo die Sahara brennt, Im Wüstensand, steht eine Blume, Farblos und Duftes baar, nichts weiß |
|
| 70 | Sie als den frommen Thau zu hüten, Und dem Verschmachtenden ihn leis In ihrem Kelche anzubieten. Vorüber schlüpft die Schlange scheu Und Pfeile ihre Blicke regnen, |
|
| Vorüber rauscht der stolze Leu, Allein der Pilger wird sie segnen. |
Erstdruck und Druckvorlage
Gedichte von Annette Freiin von Droste-Hülshof.
Stuttgart und Tübingen: J. G. Cotta'scher Verlag 1844, S. 115-117.
[PDF]
Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck
(Editionsrichtlinien).
Das Gedicht steht in der Abteilung "Gedichte vermischten Inhalts" und bildet dort das erste Stück.
Entstanden: Winter 1841/42.
Kommentierte und kritische Ausgaben
Literatur
Arnold-de Simine, Silke: Schreiblegitimationen und -Strategien in Annette von Droste-Hülshoffs Dichtergedichten
und ihrem Versepos "Des Arztes Vermächtnis". In: German Life and Letters 57 (2004), S. 158-169.
Binder, Alwin: Vormärz als Kontext.
Zu Annette von Droste-Hülshoffs Gedicht "Das Ich als Mittelpunkt der Welt".
In: Beiträge zur Droste-Forschung 5 (1978), S. 62-83.
Bodsch, Ingrid / Grywatsch, Jochen / Ilbrig, Cornelia / Kortländer, Bernd (Hrsg.):
"Die Reise nach dem Mond". Annette von Droste-Hülshoff im Rheinland. Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung.
Bonn 2008.
Böschenstein, Renate: Idylle, Todesraum und Aggression.
Beiträge zur Droste-Forschung. Hrsg. von Ortrun Niethammer.
Bielefeld 2007 (= Veröffentlichungen der Literaturkommission für Westfalen, 24).
Brandmeyer, Rudolf: Poetologische Lyrik.
In: Handbuch Lyrik. Theorie, Analyse, Geschichte.
Hrsg. von Dieter Lamping.
Stuttgart u.a. 2011, S. 157-162.
Fliedl, Konstanze: Auch ein Beruf. "Realistische" Autorinnen im 19. Jahrhundert.
In: Deutsche Literatur von Frauen. Hrsg. von Gisela Brinker-Gabler. Bd. 2. München 1988, S. 69-85.
Gödden, Walter: Tag für Tag im Leben der Annette von Droste-Hülshoff. Daten – Texte – Dokumente.
2. Aufl. Paderborn u.a. 1996.
Grywatsch, Jochen: Zwischen Bewunderung und Skepsis.
Die Droste und Freiligrath im gegenseitigen Urteil.
In: "[...] in einem Zelt / träumt ich von einem eingestürzten Tempel".
Hrsg. von Werner Broer u.a. Detmold 1995, S. 237-257.
Gymnich, Marion / Müller-Zettelmann, Eva: Metalyrik:
Gattungsspezifische Besonderheiten, Formenspektrum und zentrale Funktionen.
In: Metaisierung in Literatur und anderen Medien.
Theoretische Grundlagen – Historische Perspektiven – Metagattungen – Funktionen.
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Salmen, Monika u.a. (Hrsg.): "Zu früh, zu früh geboren".
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Sautermeister, Gert: Die Lyrik Annette von Droste-Hülshoffs.
Eine sozialgeschichtliche Skizze.
In: Literaturtheorie und Geschichte. Zur Diskussion materialistischer Literaturwissenschaft.
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Schlaffer, Heinz: Das Dichtergedicht im 19. Jahrhundert.
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Schneider, Manfred: Das Amt der Dichterin.
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Schneider, Ronald: Realismus und Restauration.
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S. 54-63: Der Dichter: Berufener, Prophet und Märtyrer.
Selbmann, Rolf: Dichterberuf.
Zum Selbstverständnis des Schriftstellers von der Aufklärung bis zur Gegenwart.
Darmstadt 1994.
Sengle, Friedrich: Biedermeierzeit.
Deutsche Literatur im Spannungsfeld zwischen Restauration und Revolution 1815 – 1848.
3 Bde. Stuttgart 1971/80.
Theiss, Winfried: Lyrik im Jahre 1844.
Zeitgedichte von Freiligrath, Heine und der Droste.
In: Droste-Jahrbuch 2 (1988/90), S. 17-35.
Woesler, Winfried: Modellfall der Rezeptionsforschung.
Droste-Rezeption im 19. Jahrhundert. Dokumentation, Analysen, Bibliographie.
2 Bde. Frankfurt a.M. 1980.
Edition
Lyriktheorie » R. Brandmeyer