Stefan George

 

 

MALLARMÉ

 

Den jähen aufstrich in handbewegung stimme und (lächeln wir!) selbst in der bezeichnenden haarlocke und den endhaken der schrift, beinah schüchternes rückhalten und andrerseits bezaubernde höflichkeit die die neigungen und dauerndes verehren erobert, gewisse leicht britannische arten mit dennoch dem eifer eines gläubigen für seine sache: der mann Stéphane Mallarmé.

Hat der dichter sein ganzes leben lang an den windungen eines irrgartens gearbeitet aus denen kein besucher den rückweg finden kann?   sich in einem unersteiglichen spitzenturm verschlossen zum scherze der lacher zum achselzucken der gewissenhaften? sind sie nur eine spielerei die zusammenstellung tönender silben und die schweren glitzernden satzgefüge?

[135] Dann kniet das Volk und ihre mutter steht.

Mir war ich säh die fee im strahlenhut,

Ich bringe dich das kind aus einer Idumäer-nacht,

Wie eines kaiserkindes kriegerhelm
Aus dem um dich zu bilden rosen sänken.

Überbild aus meinem angedenken
Weisst du nicht siegreich dich
Zu erheben . . .

Der ruhm. den ruhm ich kannte ihn erst gestern, unwidersprechlich . . .

Denken wir an jene sinnlosen sprüche und beschwörungen die von unbezweifelter heilkraft im volke sich erhalten und die hallen wie rufe der geister und götter, an alte gebete die uns getröstet haben ohne dass wir ihren inhalt überlegt, an lieder und reime aus grauer zeit die keine rechte erklärung zulassen bei deren hersagung aber weite fluten von genüssen und peinen an uns vorüberrollen und blasse erinnerungen auferstehen die wie schmerzhafte schwestern uns schmeichlerisch die hände geben.

Wir wissen auch noch welchen starken eindruck die schriften der Byzantiner und Spätlateiner in uns hinterliessen und der kirchenväter die sich nicht enthalten konnten ihre bereuten sünden in schillernden farben darzustellen, wie wir in ihrem unterjochten zerquälten stil das pochen und zucken unsrer eignen seelen mit genugthuung herausfühlten und wie manchmal die schwergeborenen verse des heissblütigen Aegypters die mänaden gleich jagen und brausen uns vor denen des alten Homer mit wollust erfüllt.

[136] Jeden wahren künstler hat einmal die sehnsucht befallen in einer sprache sich auszudrücken deren die unheilige menge sich nie bedienen würde oder seine worte so zu stellen dass nur der eingeweihte ihre hehre bestimmung erkenne.   klangvolle dunkelheiten sind bei Pindar Dante und manche bei dem klaren Goethe.

Aber hat der Meister nicht auch deutlich greifbare bilder gegeben?

Die Seiten mit der herbstklage dem winterschauer und der verehrung für ein trübes heim.

Die biblische wildheit der Herodias die in verrufenen nächten mit fliegendem haar in den gemächern auf und abgeht, dann in einem spiegel ihren mattbraunen nackten leib beschaut   nur mit einigen singenden edelsteinen geschmückt.

                                . . . und ich entblättre
Wie neben einem bronnen dessen strahl mich aufnimmt
Die bleichen lilien die in mir sind.
                                                Spiegel,
O wasser durch das leid im rahmen eingefroren
Wie oft und während stunden in verzweiflung
Erschien ich mir in dir, ein ferner schatten . . .

Verkünd dass wenn der laue sommerazur
Für den die frau zuweilen sich enthüllt, mich
In meiner sternen-keuschheit zitternd sieht
Ich sterbe.

Oder den Nachmittag des Faunen.   voll vom geruche der sommer-erde und des sommer-wassers, von heissem unbewegtem laub und von wesen mit ursprünglich schönen lüsten die sich am schwellenden busen einer allmutter ihre strotzende kraft holen.

[137] Wenn ich der trauben klarheit ausgesogen . . . lachend
Zum sommerhimmel auf den leeren rappen hebe
Und in die lichten häute blase . . .

                . . . zu meinen füssen schläferinnen
Allein mit ihren armen sich umschlingen.
Ich raube sie und ohne sie zu lösen fliege
Zu diesem dickicht . . .

                            . . . wild entzücken
Der heilgen nackten bürde die entgleitet
Um meiner lippe brennen zu entfliehen!

Den Weisen der die geheimen kräfte kennt und daraus den lebenerweckenden trank bereitet darf man nicht anschulden wenn der lehrling der durch die spalte gelauscht die heiligen handgriffe ungeschickt wiederholt und mit seinem brau die erschlaffung und den tod herbeiführt.

Deshalb o Dichter nennen dich genossen und jünger so gerne meister weil du am wenigsten nachgeahmt werden kannst und doch so grosses über sie vermochtest, weil alle in sinn und wolklang nach der höchsten vollendung streben damit sie vor deinem auge bestehen, weil du für sie immer noch ein geheimnis bewahrst und uns den glauben lässest an jenes schöne eden das allein ewig ist.

 

 

 

 

Erstdruck und Druckvorlage

Blätter für die Kunst.
Folge 1, Bd. 5, 1893, August, S. 134-137. [PDF]

Ungezeichnet (Asterisk).

Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck (Editionsrichtlinien).

 

 

Zeitschriften-Repertorien

 

Mit Änderungen aufgenommen in

 

Kommentierte und kritische Ausgabe

 

 

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Lyriktheorie » R. Brandmeyer