Paul Gérardy

 

 

Geistige Kunst

 

Wir wollen die GEISTIGE KUNST . . .

Blätter f. d. Kunst. Bd. 1.    

 

Diese worte sollen für diejenigen gelten die einen abscheu empfanden am tage wo das zwanzigste jahr sie aus dem land der fabel in die lebende wirklichkeit versezte. trotz der schulmässigen umhüllung leerer rednerei hatte der schauer vor der geahnten pracht des Altertumes unsre vor bewunderung bleichen stirnen gebeugt, und als wir kühn den göttlichen formen zueilen wollten stiessen wir uns an dem leichnam der jahrhunderte. eine ganze fratzenhafte romantik und ein schwächliches epigonentum bewegte sich ohne rhythmus um unsre jugend, und als in den strassen und auf den öffentlichen plätzen grobe naturen uns eine verkehrte welt als wirklich hinstellten die der barbarische irrtum ihrer augen ihren ungebildeten seelen eingab: da ergriff uns traurigkeit. und einige verloren den mut.

Aber für andre erhob sich durch thränen hindurch eine morgenröte. überm meere drüben hatten die Præ-rafaëliten wieder die lebende und schöne göttlichkeit der formen auf den thron gesezt. es sangen noch dichter in Gallien. und solche unter uns die in sich die kraft fühlten ergriffen den stab frommer pilgerfahrten.

[111] Sie lernten viel. aber bald drang in sie die sehnsucht nach den dennoch schöneren väterlichen gestirnen. der magische fingerzeig Zarathustra's wies ihnen den harten ruhmreichen und einsamen weg. und als an den glänzenden thoren Goethe und Platen die heiterer gewordenen seelen der rückkehrenden begrüssten verbreitete sich in diesen die ruhige freude und sie fühlten in sich die stärke das WERK zu schaffen. mehr als die leuchtende grazie der Præ-rafaëliten und die schmelzende klangeinheit der französischen dichter begeisterte sie ein mann der aufmerksam den einklang des weltalls beobachtete und den ein wunder aus dem blut seines geschlechtes erstehen liess: Arnold Böcklin. sie fühlten sich als spätgeborene brüder des malers und sie begriffen das steile und stolze ziel: durch den klaren und nie entstellten rhythmus ihrer gedichte gleich-strebende träume auszudrücken und bald wagten sie mit ihren schöpfungen aus dem dunkel hervor zu treten.

Folgendes ist vielleicht was die neuen ankömmlinge wünschen die dem grossen haufen das recht verweigern auf ihren wappenschildern irgend welchen anmassenden wahlspruch zu lesen: in den prismen ihrer seelen das grosse und tiefe leben wiederzuschaffen, das immer schöne und harmonische leben. sie wissen dass alles lebt, sie wollen das schreckliche leben der felsen begreifen und erfahren welchen erhabenen traum die bäume verschweigen. sie wollen die heilige schönheit der linien und mit dem lichtglanz der gedanken die vollendung der form. das leben ist schön da es göttlich ist. sie wissen dass es lästerung wäre das himmlische feuer dem hässlichen zu leihen das nur tod und verwesung ist. sie wissen dass der blinde Oedipus oder der von Apollo geschundene Marsyas oder der gequälte Prometheus gross und schön sind wegen ihres unendlichen menschlichen schmerzes [112] der frei ist von linie- und formzerstörender entstellung und verzerrung.

Und nun stehen wir vor wesentlichen worten, armen worten jedoch die wie ein schleier über soviele zeitgenössische mittelmässigkeit geworfen wurden . .

Mystizismus und Symbolik.

Fühlen leben das furchtbare leben der welten, das einfache leben des alls, die seele die in den augen der jungfrauen schläft und die im entsezlichen geheimnis der felsen ruht – das strahlende geheimnis der dinge fühlen, darin leben und dann mit bewegter und von unsäglichen freuden zitternder stimme es stammeln – es mit bebender hand festhalten: Mystizismus.

Und dann unter allen bedeutungsvollen dingen das herauswählen das den grössten und schönsten teil der schwingenden seele enthält, das die andern in seinem tieferen wesen wiederspiegelt und das sich durch seine vollkommenere form am meisten der unbedingten einheit, dem höchsten traum nähert – diese dinge mit klarer schöner und sogar am abgrundsrande unerschütterter stimme sagen (weil man jenseits des abgrunds sich selber als den gott fühlt den man freude-geblendet anschaut): Symbolik.

Denn man täusche sich nicht: die stimmen der glocken durch fluten von aufsteigenden gleichlaufenden linien zu malen dies ist eine kindliche spielerei und mag den malajischen malern gefallen. oder um das leben des waldes darzustellen die bäume als himmel-ersteigende riesen zu behandeln, um das leben einer dampfmaschine auszudrücken sie keuchend wütend lärmend und hustend zu zeigen, das ist leicht aber unangenehm naïv, und das mag den häuptern <und gliedern> der naturalistischen schule behagen. aber nenne man diese oberflächlichkeiten nicht Leben, Mystizismus, Symbolik.

[113] Man darf den dichtern die sich hier vereinigt haben nicht die leeren oder unvollständigen namen Mystiker und Symbolisten beilegen, denn das wollen sie nicht mehr sein als die klassischen meister es waren. allein der name künstler genügt und passt ihrem geringen stolz. eine reine klangvolle strenge und schöne sprache ohne irgend etwas von dieser leichtfertigen und zerfahrenen weise die heut im schwung ist. kein dunkel kein wirrwarr, die kräftige schönheit die feinheit ohne kränkliche verziertheit, das ist was die neuen dichter erstreben. fern liegt es ihnen dinge und ereignisse zu beschreiben – ihnen heisst es nur: hervorrufen und einflüstern mit hülfe wesentlicher worte. sie werden keine erfindungen machen, gesellschafts-fragen lassen sie kalt, die menschen sind für sie von geringem interesse, denn ihre aufmerksamkeit richtet sich auf den menschen und glaubensbekenntnisse haben für sie nur durch den darin eingeschlossenen schönheits-gehalt einen wert.

Sie sind keine sittenprediger und lieben nur die schönheit  die schönheit  die schönheit.

 

 

 

 

Erstdruck und Druckvorlage

Blätter für die Kunst.
Folge 2, Bd. 4, 1894, Oktober, S. 110-113. [PDF]

Gezeichnet: PAUL GÉRARDY.

Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck (Editionsrichtlinien). Ein Druckfehler wurde korrigiert (S. 112).

Französische Fassung (mit Änderungen) in:
Le Réveil. Jg. 4, 1894, Heft 10, Oktober, S. 412-414. – Wieder abgedruckt in: "L' âpre gloire du silence" ... Europäische Dokumente zur Rezeption der Frühwerke Stefan Georges und der Blätter für die Kunst 1890 – 1898. Hrsg. von Jörg-Ulrich Fechner. Heidelberg 1998 (= Germanisch-Romanische Monatsschrift; Beiheft, 11), S. 112-114.

 

 

Zeitschriften-Repertorien

 

Kommentierte Ausgabe

 

 

Literatur

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