Das sokratische haupt mit der übermässigen gebuckelten stirne · unter den langgezogenen brauen träumende und tierhaft begehrliche augen · gutmütige barsche laute zu bewegungen die selbst in schwachheit und elend des adels und der einfalt nicht entbehren: sie sind des mannes der in jeder erhebung zittert und in jeder sünde brennt. Nach seinen ersten Saturnischen Gedichten wo der jüngling in persischem und päpstlichem prunke sich berauscht · aber noch gewohnte parnassische klänge spielt · führt er uns in seinen eigenen rokokogarten der Galanten Feste wo gepuderte ritter und geschminkte damen sich ergehen oder zu zierlichen gitarren tanzen · wo stille paare in kähnen rudern und kleine mädchen in versteckten gängen lüstern zu den nackten marmorgöttern aufblicken. Über dieses leichte [40] lockende Frankreich aber haucht er eine nie empfundene luft peinigender innerlichkeit und leichenhafter schwermut.
Wenn sie in sanften tönen auch besingen
Der liebe siege und das heitre sein:
Will ihnen rechte freude nicht gelingen
Und ihr gesang verschmilzt im mondenschein.
Der alte faun aus grauem tone
Sieht aus dem gras mit lüsternheit ·
Er profezeit uns zweifelsohne
Ein trübes end auf heitre zeit . .
Im alten einsamen park wo es fror
Treten eben zwei schatten hervor.
Was aber ein ganzes dichtergeschlecht am meisten ergriffen hat das sind die Lieder ohne Worte – strofen des wehen und frohen lebens · hier hörten wir zum erstenmal frei von allem redenden beiwerk unsre seele von heute pochen: wussten dass es keines kothurns und keiner maske mehr bedürfe und dass die einfache flöte genüge um den menschen das tiefste zu verraten. Eine farbe zaubert gestalten hervor indes drei spärliche striche die landschaft bilden und [41] ein schüchterner klang das erlebnis gibt. Wir erinnern uns dass wir keines wortes mächtig von diesen weisen erklingend durch die strassen und felder gingen in einem beengenden schmerzens- und sprengenden glücks-gefühl:
Ich ahne hinter leisem geraun
In feinem umriss alte stimmen
Und durch ein tönereiches glimmen
Bleiches lieb – ein neues morgengraun.
Wir müssen – siehst du – uns versöhnlich einen
So können wir noch beide glücklich werden.
Und trifft auch manches unglück uns auf erden
Sind wir doch immer – nicht wahr? zwei die weinen.
Im schwarzen grase kobolde gehen
Man meint die winde weinen im wehen.
Dann das buch der Weisheit · der reue und der himmlischen liebe · nach wilden fahrten erwacht die sehnsucht nach knabenhafter reinheit · der drang sich vor dem heiligen in den staub zu werfen · die glühende hingabe an ein denkbild. Hier liegt etwas von der christlichen brunst der ordensväter und auch hier zeigt die maasslosigkeit die echtheit der liebe. Doch während der [42] verzückungen des beters dringen in die friedliche kapelle hie und da wieder die lichter des bunten und lauten tages:
Vermummter guter reiter auf dem schwarzen rosse
Das unglück traf mein altes herz mit dem geschosse.
Mein gott du hast mit liebe mich verwundet
Ich fühle noch wie diese wunde zittert
Mein gott du hast mit liebe mich verwundet . .
Schlingt dieses gestern unser schönes morgen
Und ist noch unterwegs der alte wahn?
Heilshände! hände die weihen
Hebt euch auf zu verzeihen!
Und daneben und dahinter blätter mit niedern wirklichkeiten kindlichem lallen zweideutigen scherzen! – dann wieder das spiel sich lösender klänge verbleichender farben verschwimmender linien: die bücher vom Guten Liede · von Einst und Jüngst von Liebe von Gleich und Gleich von Glück . . . aber meister schweige nun! wir haben noch so viel zu lauschen.
Erstdruck und Druckvorlage
Stefan George: Tage und Thaten. Aufzeichnungen und Skizzen.
Berlin: Im Verlag der Blaetter fuer die Kunst 1903
[PDF].
Hier: S. 39-42.
[PDF]
Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck
(Editionsrichtlinien).
Entstanden: Wahrscheinlich vor dem Tod Verlaines 1896 (vgl. Kommentar der kritischen Ausgabe).
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Böschenstein, Bernhard: Die Prinzipien von Georges und Wolfskehls Kanonisierung Goethescher Gedichte.
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Hrsg. von Bernhard Beutler u.a.
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Edition
Lyriktheorie » R. Brandmeyer