Diese Arbeit will einen Beitrag liefern zur Ästhetik des Kunstwerkes und zwar speziell des dem Gebiete der bildenden Künste angehörigen Kunstwerkes. Damit ist ihr Gebiet klar abgegrenzt gegen die Ästhetik des Naturschönen. Eine solche klare Abgrenzung erscheint von äußerster Wichtigkeit, obwohl die meisten ästhetischen und kunstgeschichtlichen Arbeiten, die sich mit Problemen wie den hier vorliegenden befassen, diese Abgrenzung verschmähen und die Ästhetik des Naturschönen ohne Weiteres in die Ästhetik des Kunstschönen überleiten.
Unsere Untersuchungen gehen von der Voraussetzung aus, daß das Kunstwerk als
selbstständiger Organismus gleichwertig neben der Natur und in seinem tiefsten
innersten Wesen ohne Zusammenhang mit ihr steht, sofern man unter Natur
die sichtbare Oberfläche der Dinge versteht. Das Naturschöne darf keineswegs
als eine Bedingung des Kunstwerkes angesehen werden, wenn es auch im Laufe der
Entwicklung zu einem wertvollen Faktor des Kunstwerkes, ja teilweise
geradezu mit ihm identisch geworden zu sein scheint.
[2] Diese Voraussetzung schließt die Folgerung in sich, daß die spezifischen Kunstgesetze mit der Ästhetik des Naturschönen prinzipiell nichts zu tun haben. Es handelt sich also z.B. nicht darum, die Bedingungen zu analysieren, unter denen eine Landschaft schön erscheint, sondern um eine Analyse der Bedingungen, unter denen die Darstellung dieser Landschaft zum Kunstwerk wird. *
Die moderne Ästhetik, die den entscheidenden Schritt vom ästhetischen Objektivismus zum ästhetischen Subjektivismus gemacht hat, d.h. die bei ihren Untersuchungen nicht mehr von der Form des ästhetischen Objektes, sondern vom Verhalten des betrachtenden Subjekts ausgeht, gipfelt in einer Theorie, die man mit einem allgemeinen und weiten Namen als Einfühlungstheorie bezeichnen kann. Eine klare und umfassende Formulierung hat diese Theorie durch Theodor Lipps gefunden. Sein ästhetisches System soll darum als pars pro toto zur Folie der folgenden Ausführungen dienen. **
[3] Denn der Grundgedanke unseres Versuches ist, zu zeigen, wie diese
moderne Ästhetik, die vom Begriffe der Einfühlung ausgeht, für weite Gebiete
der Kunstgeschichte nicht anwendbar ist. Sie hat ihren archimedischen Punkt
vielmehr nur auf einem Pol menschlichen Kunstempfindens. Zu einem
umfassenden ästhetischen System wird sie sich erst dann gestalten, wenn sie
sich mit den Linien, die vom entgegengesetzten Pol herkommen, vereinigt hat.
Als diesen Gegenpol betrachten wir eine Ästhetik, die anstatt vom
Einfühlungsdrange des Menschen auszugehen, vom
Abstraktionsdrange des Menschen ausgeht. Wie der Einfühlungsdrang
als Voraussetzung des ästhetischen Erlebens seine Befriedigung in der
Schönheit des Organischen findet, so findet der Abstraktionsdrang seine Schönheit
im lebensverneinenden Anorganischen, im Cristallinischen oder allgemein
gesprochen in aller abstrakten Gesetzmäßigkeit und Notwendigkeit.
[Die Anmerkungen stehen als Fußnoten auf den in eckigen Klammern angegebenen Seiten]
[2] *) Vergl. Hildebrand "Problem der Form": "Die Probleme der Form, welche bei der
architektonischen Gestaltung eines Kunstwerkes entstehen, sind keine von
der Natur unmittelbar gestellten und selbstverständlichen, sie sind jedoch gerade die
absolut künstlerischen;" oder: "Die Tätigkeit der bildenden Kunst bemächtigt
sich des Gegenstandes als eines erst durch die Darstellunsgweise zu erklärenden,
nicht als eines schon an sich poetisch oder ethisch wirkenden oder bedeutsamen."
Man lasse sich durch das Wort "architektonisch" bei H. nicht irreführen;
es umfaßt bei ihm alle jene Elemente, die aus dem bloß Imitativen
ein Kunstwerk machen. Vergl. die Ausführungen im Vorwort zur dritten Auflage,
in denen H. sein künstlerisches Credo in klaren Sätzen formuliert.
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**) Diese Beschränkung ist ein Gebot der Not. Denn es kann hier nicht der
Ort sein, die verschiedenen Systeme, die von dem psychischen Prozeß der Einfühlung
ausgehen, gegeneinander abzuwägen. Deshalb muß auf jede Kritik des
Lipp'schen Systems hier verzichtet werden, zumal wir uns nur der allgemeinen
Grundgedanken bedienen. Die Entwicklung des Einfühlungsproblems geht bis in die
Romantik zurück, die mit künstlerischer Intuition der heutigen Ästhetik
ihre Grundanschauung vorweggenommen hat. Eine wissenschaftliche
Ausgestaltung erfuhr das Problem dann durch Männer wie Lotze, Friedrich Vischer,
Robert Vischer, [3] Volkelt, Groos, Siebeck und schließlich durch Lipps. Näheres über diese
Entwicklung möge man in der klaren und verdienstvollen Münchener Dissertation von
Paul Stern "Einfühlung und Assoziation in der modernen Ästhetik",
München 1897, nachlesen.
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Erstdruck und Druckvorlage
Abstraktion und Einfühlung.
Ein Beitrag zur Stilpsychologie.
Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der
Philosophischen Fakultät der Universität Bern
vorgelegt von Wilhelm Robert Worringer aus Köln am Rhein.
Neuwied: Heuser'sche Verlags-Druckerei 1907.
Unser Auszug: S. 1-3
(aus: Theoretischer Teil, I. Kapitel:
Abstraktion und Einfühlung)
Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck
(Editionsrichtlinien).
Buchausgabe 1908
Literatur
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München 2002.
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Zu Geschichte und Gegenwart eines ästhetischen Konzepts.
Paderborn u.a. 2009.
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Neu herausgegeben von Norbert Miller und Harald Hartung.
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Le modèle intérieur, de Worringer à Kandinsky.
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Müller-Tamm, Jutta: Abstraktion als Einfühlung.
Zur Denkfigur der Projektion in Psychophysiologie, Kulturtheorie, Ästhetik und Literatur der frühen Moderne.
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Wilhelm Worringer und der Geist der Moderne.
Paderborn 2005.
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Materialien zu einer Poetik.
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In: Texte, Bilder, Kontexte.
Interdisziplinäre Beiträge zu Literatur, Kunst und Ästhetik der Neuzeit.
Hrsg. von Ernst Rohmer u.a. Heidelberg 2000, S. 44-61.
Worringer, Wilhelm: Schriften. 2 Bände mit CD-ROM.
München 2004.
Wilhelm Worringer: Abstraktion und Einfühlung.
Ein Beitrag zur Stilpsychologie.
Hrsg. von Helga Grebing. Mit einer Einleitung von Claudia Öhlschläger.
Paderborn u.a. 2007.
Edition
Lyriktheorie » R. Brandmeyer