Die Ichform war es, die verwirrend auf die Betrachter einwirkte. Je weiter wir aber das Feld unserer Betrachtung historisch abstecken, um so unbegreiflicher erscheint die Verwechslung des lyrischen Ich mit dem [17] einmaligen Ich des Individuums. Das Ich eines Volksliedes, das Ich eines Minnegesanges besitzt die Allgemeinheit, die das Lied im Munde jedes fühlenden Menschen, wenigstens eines gewissen Alters oder Standes, gleich angemessen erscheinen läßt. Kein Individuum, keine bestimmte Einzelseele, sondern der alternde Mensch singt das unsterbliche Lied: "O weh, wohin geschwunden sind alle meine Jahr! Hat mir mein Leben geträumet oder ist es wahr?" Und in noch weiterem Sinn ist in der Lyrik der Mystik das Ich eine allgemeine Form: die ewige Form der Menschenseele.
Je mehr wir uns der eigenen Zeit annähern, um so tiefer und schwieriger verwickelt sich freilich das lyrische Ich mit dem einmaligen Ich des Individuums, aber das künstlerische Grundprinzip der Lyrik kann darüber nichts von seiner Strenge einbüßen; das lyrische Kunstwerk hat nicht weniger Kunstwerk zu sein, das lyrische Ich darf um nichts weniger objektiv sein, weil ein individuelles Ich es bestimmt und hervortreibt. Wenn es darum auch in dieser Zeit begreiflicher wird, daß das lyrische Ich mit dem subjektiven verwechselt werden und so der sich selbst aufhebende Irrtum einer "subjektiven Kunst" entstehen konnte – so muß doch andererseits [18] gerade aus dieser extremen Entwicklung der Lyrik ihr Grundgesetz in größerer Absolutheit hervorgehen.
Das lyrische Ich, das vom allgemeinsten Ich, vom Vertreter und Mund
einer allgemeinen Weise zu fühlen, ausgeht und bis zum Ausdruck des
kompliziertesten einmaligen Individuums unserer Zeit gelangen
konnte, ohne seinen künstlerisch objektiven Charakter im mindesten
einbüßen zu dürfen, noch einzubüßen, beweist eben hieran am klarsten
die Einheit seines Wesens – diese durchgehende Einheit, die darin
beruht, daß es kein Ich im real empirischen Sinne, sondern daß es
Ausdruck, daß es Form eines Ich ist. Diese Tatsache ist
übersehen worden. Es ist kein gegebenes, sondern ein erschaffenes
Ich, das, wie das Kunstwerk selbst, völlig unabhängig von seinen
individuellen oder allgemeinen Inhalten seinen rein formalen
Charakter bewahrt. Der Dichter findet dieses Ich nicht in sich
vor, sondern ähnlich den redenden und handelnden Gestalten
eines Dramas muß er auch das lyrische Ich erst aus dem gegebenen
erschaffen. So wenig wir in der Plastik oder Malerei eine
unumgeformte natürliche Gestalt, so wenig können wir eine solche
in der Dichtkunst – sei sie Drama, Epos oder Lyrik – ertragen.
Das lyrische Ich aber, das an Objektivität nicht hinter
[19] der einzelnen Gestalt eines Dramas zurückstehen kann, muß sie prinzipiell
an umfassender Kraft und Weite übertreffen, weil es die Sammlung aller
im Dichter schlummernden Gestalten in einer sein Ganzes vertretenden Gestalt
ist. Von den Gestalten aller Künste
unterscheidet sich das lyrische Ich dadurch, daß es die einzige
Gestalt im Kunstwerk ist, die, deren Inhalte den ganzen Umfang des
Kunstwerks ausfüllen und die allein seine Richtung,
seine Welt festlegt.
Erstdruck und Druckvorlage
Margarete Susman: Das Wesen der modernen deutschen Lyrik.
Stuttgart: Strecker & Schröder 1910
(Kunst und Kultur, Band 9).
Unser Auszug: S. 16-19.
Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck
(Editionsrichtlinien).
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Noch einmal zum Begriff lyrisches Ich und zu seinen Ersetzungsvorschlägen.
In: Lyrische Narrationen – narrative Lyrik.
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In: Frauen um Stefan George. Hrsg. von Ute Oelmann u.a.
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Über Margarete Susman.
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Teil II, Kap. 6: Schicksale des lyrischen Ichs (S. 260-276).
Edition
Lyriktheorie » R. Brandmeyer