Im Jahre 1913 über die Bedeutung von Vers und Reim zu sprechen, scheint unbescheiden,
unnötig, das ist ja schon hundertmal besprochen worden, darüber wissen wir endlich,
Gott sei Dank, alles Wissenswerte. Wirklich? Es ist noch kaum zwanzig Jahre her,
daß Professoren der Literaturgeschichte Vers und Reim für absterbende
Formen der poetischen Sprache erklärten. Wir alle erinnern uns, daß unlängst
eine ganze literarische Partei, und zwar die maßgebende, einen förmlichen Krieg
gegen die Verssprache führte, ja wir können heute noch alle Tage die Meinung
öffentlich aussprechen hören, Vers und Reim wären nur äußerliche Nebenumstände,
so eine Art Verzierungen, im Grunde bedeute es keinen wesentlichen
Unterschied, ob man Poesie in schmucklosem prosaischen Gewande, oder in
Versen, und wenn in Versen, ob in reimlosen oder gereimten Versen darstelle.
Und was der und jener gelegentlich ausspricht, also die Überzeugung, Vers
und Reim wären bloß ein äußerlicher, mithin entbehrlicher Sprachschmuck,
das ist gegenwärtig die allgemeine Annahme; nicht jeder denkt so, weil
eben nicht jeder denkt, aber so ziemlich alle Welt setzt voraus, es wäre so.
Wenn ich es daher unternehme, überzeugen zu wollen, daß Vers und Reim nicht bloß äußerliche Schmuckgegenstände, nicht bloß Sprachangelegenheiten sind, sondern das Mark und die Seele der Poesie angehen, daß es einen tiefinnersten Unterschied ausmacht, ob ich das nämliche in Prosa oder in Vers, in gereimtem oder ungereimten Vers erzähle, so begehe ich hiermit alles andere als etwas Selbstverständliches; ich besorge eher, etwas Verwunderliches vorzubringen.
Mein Raum ist knapp, ich springe deshalb gleich mitten in die Hauptsache hinein. Es handelt sich um folgendes:
Der Rhythmus stimmt die Seele des Hörers anders, als
sie im gewöhnlichen Alltagsleben gestimmt ist, denn in der spricht
man Prosa; der Rhythmus weckt Bedürfnisse, die unter den gewöhnlichen
Umständen schlummern, rückt Dinge, die im Hintergrund der Seele
ruhten, an den ersten Platz, und beseitigt dafür andere, die
im täglichen Leben das große Wort führen. Die Seele des Hörers
erwartet und begehrt einen anderen Inhalt von der rhythmischen
[11] Rede als von der prosaischen Rede, und ist gewillt, gewissen
Ansprüchen, die sie an die prosaische Rede oder Erzählung
stellt, zu entsagen.
Was wird da begehrt und worauf wird verzichtet? Für die lyrische Poesie und ihre Verwandten ist die Antwort klar und wird auch von allen Einsichtigen gegeben. Es werden Gefühlswerte begehrt, ihnen wird die Herrscher- und Gesetzgeberrolle willig zuerkannt, und zu ihren Gunsten verzichtet der Hörer auf die Gesetze der nüchternen, verstandesmäßigen Logik, also z.B. auf Einleitungen, auf Situationsvollständigkeit, auf den hübsch ordentlichen, lückenlosen Fortschritt des Gedankens, auf das säuberliche grammatische Satzgefüge. Man singt nicht in der Lyrik mit Einleitungen oder mit Sätzen, die mit "welcher" oder "obschon" anfangen, die Lyrik schätzt nicht die Wörtlein "denn", "aber" und "also", sie verbindet überhaupt nicht die Sätze, sondern stellt sie unvermittelt aneinander, sie macht namentlich mit Vorliebe ganz gewaltige Gedankensprünge, vor welchen sich die Prosa entsetzen würde. Kurz, die Lyrik folgt einer anderen Logik als der Verstandeslogik, nämlich der Gefühlslogik. Um aber dies zu dürfen oder zu können, bedarf sie unbedingt des gereimten Verses, zum mindesten des Verses oder eines Ersatzes des Verses, also zum Beispiel etwa des Parallelismus. Denn sobald ich den Vers beseitige, erhält sofort die Verstandeslogik die Obermacht. Alle Versuche zu einer unrhythmischen Lyrik werden ewig mißlingen, und eine rhythmische Lyrik ohne Metrum ergibt eine bloß rhetorische Lyrik. Aber wohlverstanden, freies Metrum das sich dem Inhalt anschmiegt, ist auch ein Metrum.
So weit sind wir alle miteinander einverstanden. Die Erfahrung hat auch die prinzipiellen Verächter des Verses und des Reimes gezwungen, wenigstens der Lyrik den Vers und den Reim zu bewilligen.
Ich möchte aber nun zeigen, daß die Lyrik keine Ausnahme darstellt, sondern daß die nämlichen Gründe, welche die Lyrik zur Vers- und Reimsprache nötigen, auch für die poetische Erzählung gehobenen Stils, also für die epische Poesie gelten. –
Wenn ich eine epische Poesie ohne starkschwingenden Rhythmus und
ohne Vers und Reim bringen wollte, so würde ich unter die
Herrschaft der nüchternen Verstandeslogik zu stehen kommen, der
Hörer würde den Mangel einer Einleitung, einer genauen Situationsbeschreibung,
die Unterlassung der Charakterschilderung als Lücken, die
Gedankensprünge als Stöße und beides als Fehler empfinden.
Auch hier erzeugen Rhythmus, Metrum und Reim andere Seelenstimmung,
andere Wünsche und dadurch die Herrschaft einer anderen, höheren Logik.
Nur ist es diesmal nicht die Gefühlslogik, die an die Stelle der
prosaischen Logik tritt, sondern die Phantasielogik, oder mit einem
andern Wort: Die Bildlogik. Und diese ist von der nüchternen
Verstandeslogik noch viel weiter entfernt als die Gefühlslogik. Noch ungleich
kühner sind hier die Sprünge, noch verwegener die Nebeneinanderstellungen,
und zwar im vollen Einverständnis mit dem Hörer, der überaus willig von Bild
zu Bild mitspringt. Begreiflich, denn das Schauen ist wonniger als das Denken,
und es ist der Seele
ange[12]nehmer zu fliegen als zu kriechen. Nämlich die Bildlogik mit ihrem
unmittelbaren und unvermittelten Nebeneinanderrücken der Bilder erlaubt
eine Kürze, wie sie außerhalb ihres Herrschaftsgebietes, also ohne
Vers und Reim, ganz unmöglich wäre. Wenn man einem Epos, das im Reim
und starkschwingendem Rhythmus (also zum Beispiel in sechsfüßigen Jamben)
läuft, den Reim wegnimmt und einen schwächer schwingenden Rhythmus an die
Stelle setzt (also zum Beispiel den fünffüßigen Jambus) so braucht man, um den
nämlichen Inhalt zu erzählen, mindestens den doppelten Umfang an
Zeit und Raum. Ich weiß was ich sage, denn ich habe es versucht.
Würden wir vollends noch den Rhythmus wegnehmen und den Inhalt in
prosaischer Sprache erzählen wollen, so würden wir den zehnfachen Raum
für den nämlichen Inhalt nötig haben. Ich will das mit einem Beispiele
verdeutlichen: "Es zogen drei Burschen wohl über den Rhein, – Bei
einer Frau Wirtin da kehrten sie ein."
Wenn wir den Inhalt dieser zwei Verse in prosaischer Erzählung, also
unter der Herrschaft der Verstandeslogik mitteilen wollten, bei der
immer eines hübsch ohne Sprünge aus dem andern folgt und alles
Vorzustellende gesagt werden muß, so müßten wir anfangen: "Es war an
einem klaren sonnigen Herbstmorgen, die Blätter usw., die Vögel
usw., der Himmel usw., da kamen durch die duftigen Nebelschleier,
die kaum noch usw., den Feldweg herunter gegen eine Fähre des
Rheinufers drei junge Männer usw. Der eine, ein schlankgewachsener Mann
von vielleicht zwanzig Jahren, den Hut – den Mantel –
der zweite – der dritte – und dann käme noch der
Fährmann daran." Wir hätten mindestens sechs Seiten nötig, bis wir
die Kerle nur glücklich über den Rhein gebracht und sechs weitere
Seiten, bis wir das Aussehen des Wirtshauses, das Gesicht und
die Kleider der Wirtin geschildert hätten. Gar nicht davon zu reden,
daß ein in der Wolle gefärbter Prosaerzähler noch bei jedem der
drei Burschen seine Vorgeschichte und seine Familienangelegenheiten
getreulich gemeldet hätte. "Sein Vater war ein schlichter –
seine Mutter eine einfache – seine Erziehung usw." Statt
dieses ganzen Gemüses von Dutzenden von Seiten, bei dessen bloßer
Vorstellung einem übel wird, braucht der Dichter, wenn er sich
des Verses und des Reims bedient, zwei Zeilen und wir sind zufrieden damit.
Und nun frage ich: ist das etwas rein äußerliches, ob ich eine Erzählung frisch
und fröhlich in zwei Zeilen bringen kann oder sie mühselig in zwölf
Seiten vom Platze schleppen muß?
Jetzt habe ich bloß noch zu sagen, daß es sich mit dem Epos dem Wesen nach
gleich verhält, wie mit der kurzen poetischen Erzählung (obschon nicht ganz in
so hohem Grade), und daran zu erinnern, daß in den modernen Sprachen
hauptsächlich der Reim darüber entscheidet, ob mir der Wortlaut einer
Dichtung von selber im Gedächtnis haftet oder nicht. So hoffe ich überzeugt
zu haben: Vers und Reim bedeuten unendlich viel mehr als bloß einen
glänzenden spielerischen Sprachschmuck, sie haben für die Poesie organische,
also wesentliche Bedeutung.
Denjenigen aber, welche Rhythmus, Vers und Reim im Namen der Natur anfechten möchten, habe ich zu erwidern, daß nicht der Rhyth[13]mus und der Vers und der Reim unnatürlich sind, sondern daß die Prosa eine unnatürliche Sprache ist.
Prosa ist nur eine Konventionalsprache, dienlich für die Verständigung, ein Volapük der Begriffe, ein künstlich gemünztes und ein schon abgegriffenes Tauschgeld. Wenn ich auf dem Markte einen Apfel kaufe, wenn ich über den Unterschied von objektiv und subjektiv lehre, ja, dann spreche ich Prosa. Aber was tun unsre Kinder wenn sie spielen? Sie zählen ihre Spiele in Versen und Reimen ab. Sind etwa Kinder und Kinderspiele unnatürlich? Und wenn wir gemeinschaftlich durch den Wald wandern, was tun wir? Wir gehen im Marschschritt und singen ein Lied im Takt. Ist der Wald, ist das Wandern, ist das Singen "unnatürlich"? Ich denke vielmehr: die täglichen Sorgen, das Schelten über die Zeitläufte, das Zanken mit den Dienstmädchen sind "unnatürlich". Sobald sich der ganze Mensch beisammen hat, wenn die Seele sich regt und der Mut sich bewegt, so sucht er nach einem besseren, gesunderen, natürlicheren Ausdruck seines Lebensgefühls als ihm die Prosa bietet. Die Prosa herrscht ja nur unter der Bedingung, daß zugunsten der Geschäfte das Beste im Menschen unterdrückt und verschwiegen wird. In der Kunst aber will das Beste im Menschen obenauf und zur Sprache kommen. Und darum spricht die Dichtkunst nicht die Konventionalsprache der Prosa, sondern die ihr natürliche Sprache, also Rhythmus, Vers und Reim.
Erstdruck und Druckvorlage
Der Kunstwart und Kulturwart.
Halbmonatschau für Ausdruckskultur auf allen Lebensgebieten.
Jg. 26 (1912/13), Nr. 7 (Erstes Januarheft 1913), S. 10-13.
[PDF]
Gezeichnet: Karl Spitteler.
Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck
(Editionsrichtlinien).
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Lyriktheorie » R. Brandmeyer