Rainer Maria Rilke

 

 

                         Wendung

 

5   Lange errang ers im Anschaun.
Sterne brachen ins Knie
unter dem ringenden Aufblick.
Oder er anschaute knieend,
und seines Instands Duft
10   machte ein Göttliches müd,
daß es ihm lächelte, schlafend.

Türme schaute er so,
daß sie erschraken:
wieder sie bauend hinan, plötzlich, in Einem.
15   Aber wie oft die vom Tag
überladene Landschaft
ruhete hin in sein stilles Gewahren, abends.

Tiere traten getrost
in den offenen Blick, weidende,
20   und die gefangenen Löwen
starrten hinein wie in unbegreifliche Freiheit;
Vögel durchflogen ihn grad,
den gemütigen. Blumen
[461] widerschauten in ihn
25   groß wie in Kinder.

Und das Gerücht, daß ein Schauender sei,
rührte die minder
fraglicher Sichtbaren,
rührte die Frauen.
30    
Schauend wie lang?
Seit wie lange schon innig entbehrend,
flehend im Grunde des Blicks?

Wenn er, ein Wartender, saß in der Fremde; des Gasthofs
zerstreutes abgewendetes Zimmer
35   mürrisch um sich, und im vermiedenen Spiegel
wieder das Zimmer
und später vom quälenden Bett aus
wieder:
da beriets in der Luft,
40   unfaßbar beriet es
über sein fühlbares Herz,
über sein durch den schmerzhaft verschütteten Körper
dennoch fühlbares Herz
beriet es und richtete:
45   daß er der Liebe nicht habe.
(Und verwehrte ihm weitere Weihen.)

[462] Denn des Anschauns, siehe, ist eine Grenze,
und die geschautere Welt
will in der Liebe gedeihn.
50   Werk des Gesichts ist getan,
tue nun Herzwerk
an den Bildern in dir, jenen gefangenen. Denn du
überwältigtest sie; aber nun kennst du sie nicht.
Siehe, innerer Mann, dein inneres Mädchen,
  dieses errungene aus
tausend Naturen, dieses
erst nur errungene, nie
noch geliebte Geschöpf.

 

 

 

 

Erstdruck und Druckvorlage

Rainer Maria Rilke: Gesammelte Werke. Bd. 3: Gedichte. Dritter Teil. Leipzig: Insel-Verlag 1927, S. 460-462. [PDF]

Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck (Editionsrichtlinien).

Entstehung: 20.6.1914.

 

 

Kommentierte Ausgabe

 

 

Literatur

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