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Haptische Wahrnehmung und Tastsinn

“Haptik befaßt sich nur mit perzeptiven Leistungen und Fehlleistungen beim Ergreifen, Anfassen und Berühren, wobei unter Perzeption der heutigen Sprachregelung gemäß räumlich und (oder) zeitlich organisierte, sensorisch vermittelte Erlebnisse zu verstehen sind und die sensorische Grundlage kinästhetischer und taktiler Art ist.” definiert Wilhelm Witte im Handbuch der Psychologie und gibt einen umfassenden Überblick über Forschungsergebnisse verschiedener Wissenschaftler zu haptischen Problemstellungen.

James J. Gibson: “Die Fähigkeit des Individuums, mit seinem Körper die Umwelt, die an seinen Körper angrenzt, wahrzunehmen, wird als das haptische System bezeichnet (...zum Erfassen fähig.)...Das haptische System mit seinen untergeordneten und übergeordneten Systemen stellt einen hochleistungsfähigen Wahrnehmungsapparat dar. .. Im Gegensatz zu anderen Wahrnehmungssystemen umfaßt das haptische System den ganzen Körper, die meisten seiner Teile und die ganze Oberfläche. Die Extremitäten sind Sinnesorgane, die der Erkundung dienen, aber sie sind ebenso Ausführungsorgane, das heißt, die Ausführung für das Haben von Erlebnissen ist anatomisch identisch mit der Ausrüstung für das Tun. Diese Kombination findet sich weder beim Seh- noch beim Hörsystem”. Rudolf Hippius schreibt in “Erkennendes Tasten als Wahrnehmung und als Erkenntnisvorgang”: “Die menschliche Hand ist nicht nur Tastorgan, sondern auch Greiforgan; beides zusammen vermittelt erst die Fülle und Vielschichtigkeit des Empfindungsmaterials, das bei körperlicher Berührung mit der Umwelt dem Erleben des Menschen gegeben ist”. Und er gliedert das Empfindungsmaterial in drei Klassen:

1. Die Empfindungsdaten der ruhenden Hand (passives Tasten)

2. Die Empfindungsdaten der streichenden Hand (aktives Tasten)

3. Die Empfindungen der greifenden Hand

Der Tastsinn umfaßt das Tasten mit ruhender, bewegter und umschließender Hand, die simultan, not­wendigerweise im engeren Tastraum operierend, oder sukzessiv, im engeren und weiteren Tast­raum, ausgeführt werden. Das sukzessive Tasten ist der haptische Erkenntnisvorgang schlecht­hin, auch “weil die Bewegung an sich eine gestaltende und formende Kraft besitzt”. Das Tasten mit bewegtem Tastorgan läßt sich gemäß R. Hippius nach diesen Arten unterscheiden:

- das hin- und hergleitende Tasten, vor allem zum Wahrnehmen von Modifikationen der Oberfläche, wie Materialeigenschaften,

- das streichende Tasten, vor allem zum Wahrnehmen von Flächen, Konturen, Linien und geometrischen Beziehungen, wie Dimensionen, Richtungen, Grundgestalten, Proportionen. Es wird teils mit dem Zeigefinger, teils mit allen drei Mittelfingern ausgeführt,

- das streichende-greifende Tasten, das eine Modifikation der ersten beiden mit Unterstützung des Daumens ist, vor allem zum Wahrnehmen von Struktur und Gliederung der Objekte, die mit dem einfachen streichenden nicht zugänglich waren,

- die kinematische Form des greifenden Tastens, die eigentliche Körpertastung, der durchgreifende, umfassende, zergliedernde,

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aufbauende, alle materiellen und formalen Eigenschaften eines Tastobjektes erkennende Tastvorgang.

Nahezu für alle Stoffe (Tastmaterie) ist der von den Fingern empfangene Eindruck für die repräsentative Tastvorstellung entscheidend. In der Erinnerung wird das Tastorgan mit dem taktilen Eindruck assoziiert. (David Katz)

Aus den "Ergebnissen der sowjetischen Psychologie" (P.A. Schewarjow) berichtet H. Hiebsch: “Das aktive Betasten eines Gegenstandes ist ein Prozess, in dem die Identifikation der Form entsteht. Wesentlichen Anteil am aktiven Tasten hat das Koordinatensystem einer oder beider Hände. Beim Betasten mit einer Hand bildet gewöhnlich der Daumen den Nullpunkt des Orientierungssystems, beim beidhändigen Betasten ist es eine Hand".

Als eine erste Art des haptischen Messens beschreibt Emil von Skramlik das Hinwegführen der Tastfläche über den Gegenstand. Die Größenvorstellung ergibt sich als Produkt aus Gliedmaßenlage vor und nach dem Hinwegführen, aus der Dauer der Muskelanstrengungen, aus der Geschwindigkeit, bzw. der positiven oder negativen Beschleunigung an den Anfangs- und Endpunkten. Die zweite Art das sogenannte “Abzirkeln”, d.h. zwei Tastflächen (Hand, Finger, o.ä.) auf die Enden eines Gegenstandes legen und mit festgesetzten Größen vergleichen. Bei der Bestimmung von Materialstärken, z.B. in Papierstärke, ist die haptische Messung der optischen überlegen. E. v. Skramlik weist in umfangreichen Untersuchungen und Schlußfolgerungen nach, daß die haptische Bestimmung von Geraden, rechten Winkeln, Kreislinien, Rechtecken u.a. aus unterschiedlichen Gründen abweicht von den Gesetzmäßigkeiten der euklidischen Geometrie. Die Abweichungen vollziehen sich in den unterschiedlichen Ebenen, wie Frontalebene, Medianebene und Sagitalebene. Sie sind zudem individuell verschieden und erlauben daher keine Ableitung signifikanter Gesetzmäßigkeiten.

Interessant für unsere Arbeit sind seine Ausführungen zum haptischen Aufzeigen eines zuvor wahrgenommenen Raumpunktes nach Lageänderung des Kopfes. Abweichungen von bis zu 75 % in allen drei Achsen werden festgestellt. Den Grund für diesen Aufzeigefehler sieht er darin, daß die Gegenstände der Außenwelt bei Kopfdrehung eine Scheinbewegung vollziehen, die zuerst in eine der Kopfdrehung entgegengesetzte Bewegungsrichtung weist, anschließend eine Nachbewegung in die gleiche Richtung der Kopfbewegung, aber weniger deutlich.

Daraus folgt, daß bei jeder ein gewisses Maß überschreitende Lageveränderung des Kopfes eine Beeinflussung der haptischen Wahrnehmung eintritt, z.B. eine Drehung des Kopfes psychisch nicht mit der Lagewahrnehmung korreliert. Es bleibt aber immer die Koordinate unverändert, die identisch mit der Achse der Kopfdrehung verläuft.

Zur Geometrie der Sinnesräume sagt Ivo Kohler, daß innerhalb der Psychologie, dem Bereich des “Erlebbaren” (im Gegensatz zur Physik, dem Bereich des “Meßbaren”) im phänomenalen Bereich Punkt, Linie, Gerade, Längengleiche, u.a. keinen Sinn haben. Erlebnisse sind so wie sie sind, verändert man sie, dann sind es andere Erlebnisse, für die der status quaestionis nicht mehr gilt, sie bleiben nur das, was hic et nunc erlebt wird. Er plädiert für die Anerkennung nicht-euklidischer Geometrien.

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