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Material-, Temperatur-, Raumgestalt

Wichtige Aufschlüsse über die materielle Beschaffenheit der Gegenstände vermittelt uns deren optisch und taktil wahrnehmbare Struktur (makromorphe Beschaffenheit) und Textur (mikromorphe Beschaffenheit).

Bei Oberflächentastungen von Sehenden gelingt die haptische Wahrnehmung von Texturen im Vergleich zur visuellen Wahrnehmung von Farben eindeutiger (David Katz). Selbst Farbenblinde können in den ästhetischen Formgenuß differenzierter Oberflächenstrukturen kommen. Die außerordentlich große Polymorphie der Tastmaterie wird zu einer Formenwelt ausgestaltet, die sich derjenigen der Farben mindestens als gleichwertig erweist. Modifikationen von Materialtexturen können an vier Extremen verdeutlicht werden: Glas als harte Glätte, Schmirgelpapier als harte Rauhigkeit, Seide als weiche Glätte und Billardtuch als weiche Rauhigkeit. Modifikationen einer Oberflächentastung bedeutet also Zuordnung zu Gliedern der Reihen hart-weich und rauh-glatt. Nach Katz macht es keine Schwierigkeiten, in der taktilen Wahrnehmung beliebige Modifikationen dieser Reihen aufzuzeigen. Lediglich die Armut der Sprache gelte es zu beklagen, die nur die Begriffe “glatt-stumpf-rauh” zur Verfügung stellt und Steigerungen nur durch Zusatz von “sehr” oder technische Differenzierungen, wie poliert, gebördelt u.ä. möglich macht.

Im Gegensatz zum Sehen müssen tastbare Objekte mit der Körperoberfläche in Berührung kommen. Dabei entstehen eine subjektive, auf den Körper bezogene und eine objektive, auf das Objekt bezogene Komponente (bipolare Tastphänomene). An Stellen, die üblicherweise nicht zum erkennenden Tasten verwendet werden, tritt der subjektive Tasteindruck stärker hervor.

Besonders dem Temperaturempfinden mißt David Katz eine stärkere Ausprägung des subjektiven Tasteindrucks bei (ist das Objekt kalt, wird die tastende Körperstelle kalt). Katz: “Jedes Material hat seine spezifische Temperaturgestalt. Es

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gibt Gruppen von Stoffen, die sich thermisch nahestehen, wie die Temperaturgestalt der Metalle, Hölzer, Webstoffe, Papiere, die sich dem Gedächtnis einprägen und beim Wiedererkennen der Stoffe helfen. Es wird also das absolute Temperaturgedächtnis in Anspruch genommen, dessen Leistungsfähigkeit beträchtlich sein muß. Interessant wäre ein Vergleich mit dem ebenfalls sehr leistungsfähigen Farbengedächtnis”.

Die phänomenale Beschaffenheit des umgebenden Raumes, die Raumgestalt, gliedert sich nach Geza Révész in drei Raumerlebnisse:

1. den Eigenkörperraum und das Erlebnis des phänomenalen leeren Raumes,

2. den kineästhetische Raum und das Erlebnis des dynamischen Raumes,

3. den haptische Raum und das Erlebnis des statischen Raumes.

Dieses letzte Raumerlebnis ist für die vorliegende Arbeit wichtig, wenn nämlich die Greif- und Tastorgane mit dem gegenstandsgefüllten Raum in Kontakt treten. Révész: “Der Dingraum ist jener Raum, wo ein Fortschreiten nach bestimmten Richtungen vor sich geht, wo Hindernisse überwunden werden, wo eine anschauliche und wissensmäßige Orientierung stattfindet, wo räumliche Beziehungen innerhalb eines durch die Länge der Greiforgane begrenzten Wirkungsfeldes erfaßt werden, wo Objekte hinsichtlich ihrer Größe, Dimensionalität und Entfernung beurteilt werden. Die raumwahrnehmende Funktion unseres haptischen Sinnes...ist prinzipiell als gleichwertig mit der raumperzipierenden Fähigkeit unseres Gesichtssinnes anzusehen".

Theodor Erismann hat in Untersuchungen herausgefunden, daß dem Blindgeborenen die Eigenart des Raumes, also sämtliche stereometrischen Verhältnisse, wie sie der Perspektive zugrunde liegen, grundsätzlich ebenso gegeben und bekannt ist, wie dem Sehenden, und daß er Aufgaben verstehen und lösen kann, zu deren Auffassung die räumliche Anschauung notwendige Bedingung ist.

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