Schwerpunkte
in der Lehre
Meine Schwerpunkte in der Lehre spiegeln weitgehend meine
Schwerpunkte in der Forschung:
- Allgemeine und spezielle
Wissenschaftstheorie (SoSe 2003 - WS 2010/11 insgesamt 24
Veranstaltungen; davon entfallen 10 auf die Philosophie der
formal-exakten Wissenschaften; 7 Seminare wurden zur allgemeinen
Wissenschaftstheorie (und ihrer Geschichte) durchgeführt; 4
interdisziplinäre
Forschungsseminare zur Philosophie der Ökonomie; 2 Seminare zur
Philosophie der Medizin und ein 1 Seminar zur Philosophie der Geistes
und
Sozialwissenschaften)
- Erkenntnistheorie (SoSe
2006 - WS 2010/11 insgesamt 13 Veranstaltungen)
- Logik (SoSe 2003 - WS
2010/11 insgesamt 9 Vorlesungen mit insgesamt 28 SWS; davon
5
vierstündige Einführungsvorlesungen; 2 zweistündige
Einführungsvorlesungen; 2 zweistündige Vertiefungsvorlesung)
Zum ersten Punkt bedarf die
Philosophie der formal-exakten Wissenschaften einer gesonderten
Erwähnung. Vorrangig für Mathematik- und an den
formal-exakten Wissenschaften
interessierte Philosophiestudenten bemühe ich mich seit dem
Sommersemester 2003 um ein konstantes Angebot aus den Bereichen:
- Philosophie der Mathematik
- Philosophie der Beweistheorie
- Philosophie der Logik.
Im Zeitraum Sommersemester 2003 - Wintersemester 2010/11
wurden/werden
für diese Schwerpunktsetzung folgende Veranstaltungen
angeboten:
Philosophie
der
Mathematik
Obgleich die Mathematik
inzwischen
ca. 6000
Spezialdisziplinen umfassen soll, zeichnen sich einzelne mathematische
Theorien
besonders aus: sie sind in formal-deduktiver Hinsicht "grundlegend"
und in philosophischer von großer Bedeutsamkeit. Eine Theorie,
auf die dies
zutrifft, besitzt jedoch noch eine weitere nennenswerte Eigenart: sie
prägte
nachhaltig wie keine andere die Erscheinungsform der Mathematik und
polarisierte in kontroverser Weise die mathematischen
Selbstverständnisse.
Diese Kennzeichnung benennt das Zermelo-Fraenkelsche
Axiomensystem der
Mengenlehre plus (allgemeines) Auswahlaxiom (ZFC). Das Eponym
"ZF" (erstmals von Zermelo verwendet) läßt darauf
schließen, daß
Ernst Zermelo und Abraham Fraenkel einen maßgeblichen Anteil am
Aufbau von ZFC
besitzen. Doch mehr als nur die historischen Wurzeln stammen von Georg
Cantor,
und an der technischen Reife hat Thoralf Skolem sicherlich ein ebenso
großes
Verdienst wie Fraenkel. Dennoch war es Zermelo, der 1908 in einem
berühmt
gewordenen Aufsatz eine erste Axiomatisierung vorlegte, die von
Fraenkel
mehrfach überarbeitet in seinem Klassiker Einleitung in die
Mengenlehre in
die philosophische Grundlagendiskussion der 20er Jahre eingebettet und
damit
einem breiteren Publikum bekannt wurde. Im Seminar werden wir
konstitutions-
und geltungstheoretische Fragestellungen jedoch nicht nur an
ausgewählten
Beispielen der Mengenlehre diskutieren. Die logico-sprachphilosophische
Behandlung des Zahlbegriffs wird für uns ebenso Gegenstand der
Betrachtung sein
wie der mathematikphilosophische Scheidepunkt der reellen Zahlen
.
Einführende
Literatur:
Fraenkel, A. (1919): Einleitung
in die Mengenlehre, Berlin (1928³)
Frege, G.
(1884): Grundlagen der Arithmetik,
Stuttgart 1995
Lorenzen,
Paul (1957): „Wie ist Philosophie der Mathematik möglich?“,
wiederabgedruckt
in: ders. (1974): Konstruktive
Wissenschaftstheorie, Frankfurt a.M., S.149-l66
Russell, B.
(1919): lntroduction to Mathematical
Philosophy, London/New York 1998
Thiel,
Ch. (1995): Philosophie und
Mathematik, Darmstadt
Von
Erfindern und
Entdeckern. (Anti-)Realismus in
der Philosophie der Mathematik
Der
Streit darüber, ob mathematische Wahrheiten entdeckt oder
erschaffen werden,
ist genauso alt wie die Mathematikphilosophie selbst. Doch gerade
infolge der
Grundlagenkrise, der modernen Beweistheorie, der Strukturmathematik
nach
Bourbaki und der modernen theoretischen (wie auch experimentellen)
Physik
haben sich aktuelle Anknüpfungspunkte ergeben, die zur Diskussion
einer
Vielzahl von neuen Argumenten geführt haben. Besonders prominent
ist hierbei
das Unverzichtbarkeits-Argument von W.V.O. Quine und H. Putnam, welches
für
viele das beste Argument für einen Realismus (hier in der Form
eines
Platonismus) in der Mathematikphilosophie darstellt. Wir sollten eine
ontologische Verpflichtung gegenüber den mathematischen
Entitäten eingehen
(also ihre Existenz unabhängig unserer
Erkenntnismöglichkeiten akzeptieren),
da wir (1) genau jenen Entitäten ontologisch verpflichtet sein
sollten, die für
unsere besten naturwissenschaftlichen Theorien unverzichtbar sind, und
(2) die
mathematischen Entitäten für unsere besten
naturwissenschaftlichen Theorien
unverzichtbar sind. So wird etwa bei Quine die Existenz von
mathematischen
Objekten in demselben Sinne verstanden wie Existenz von kleinsten
Teilchen in
der Physik: wir haben mit ihnen zwar keinen unmittelbaren Umgang,
jedoch
beinhalten unsere besten Theorien die fruchtbare Annahme ihrer
Existenz, und
eine Vielzahl von leistungsstarken Aussagen über sie. Trotz des
großen
Zuspruchs ist dieses Argument auch unter Realisten umstritten.
Demgegenüber
wird die gegenwärtige Diskussion vor allem durch
anti-platonistische Realismen
geprägt, deren bekanntester Vertreter wohl der mathematische
Strukturalismus
(M. Resnik, St. Shapiro u.a.) ist: Mathematik handelt nicht von
einzelnen Typen
von Objekten oder Klassen von Gegenständen im althergebrachten
Sinne, sondern
ist die Wissenschaft von den Strukturen. Für diese Form des
Realismus sind
Fragen der Art "Was sind natürliche Zahlen?" fehlgeleitet,
insofern es
in der elementaren Arithmetik um die Natürliche-Zahlen-Struktur
und nicht um
natürliche Zahlen geht (gehen soll). P. Maddy erklärte
jüngst eine Position
der "philosophischen Bescheidenheit", die im Anschluß an
Quines
naturalisierte Erkenntnistheorie dafür plädiert,
methodologische Fragen in der
Mathematik nicht im Anschluß an traditionelle philosophische
Themenfelder zu
beantworten, sondern in Orientierung an den Anforderungen und den
Zielen der
Mathematik selbst. Diese Auffassung bezeichnet Maddy als
"mathematischen
Naturalismus". Nach Anti-Realisten in dieser Diskussion muß man
länger
suchen, aber es gibt sie. Im Seminar werden wir uns mit einzelnen,
zum Teil
repräsentativen Arbeiten auseinandersetzen, die dokumentieren,
welche
erkenntnis- und geltungstheoretischen Fragen gegenwärtig in der
Mathematikphilosophie diskutiert werden.
Literatur:
Balaguer, M. (1998): Platonism
and Anti-Platonism in Mathematics, Oxford UP
Colyvan, M. (2001): The1ndispensability
of Mathematics, Oxford UP
Maddy, P. (1990): Realism in
Mathematics, Clarendon Press
Resnik, M. (1997): Mathematics as
a Science of Patterns, Clarendon Press
Shapiro, St. (2000): Thinking
about mathematics, Oxford UP
Thiel, Ch.
(2002): „Was könnte »Realismus« in der Philosophie der
Mathematik bedeuten?“,
in: Gutmann, M. et al. (Hrsg.): Kultur. Handlung. Wissenschaft, Velbrück,
S.322-333
Freges Grundlagen
der Arithmetik
Die kleine Monographie Die Grundlagen der
Arithmetik (1884) bildet einen Meilenstein in
der Sprach- und Mathematikphilosophie und leistet in
Freges Gesamtwerk nicht nur einen
wesentlichen Schritt in Richtung der Grundgesetze
der Arithmetik (1893/1903), sondern
zudem eine systematische Hinführung zu den
sprachphilosophischen Arbeiten in den 1890ern
und 1910ern. Das Hauptinteresse Freges in dieser
Schrift gilt der Klärung des Anzahlbegriffs
und dem Geltungstyp arithmetischer Aussagen.
Ausgehend von einer kritischen Analyse
historisch vorfindlicher Vorschläge (z.B. Leibniz,
Kant, Mill, Cantor) entwickelt Frege in
einer sprachphilosophisch subtilen Vorgehensweise
eine Auffassung, die die gesamte
Diskussion im 20. Jh. prägte. Wir werden uns im
Detail mit Freges Analysen genauso
auseinandersetzen wie mit dem von ihm eingeführten
Abstraktionsverfahren zur
terminologischen Bestimmung des Anzahlbegriffs.
Literaturgrundlage:
Frege, G. (1884): Die Grundlagen der Arithmetik,
Reclam (1987) oder Meiner
(Centenarausgabe 1986 oder broschiert 1987)
Literatur zum
Einstieg:
Dummett, M. (1988): Ursprünge der analytischen
Philosophie, Suhrkamp
Mayer, V. (1996): Gottlob Frege, Beck
Thiel, Ch. (1972): "Gottlob Frege: Die
Abstraktion", in: J. Speck (Hrsg.): Grundprobleme der
großen Philosophen. Philosophie der Gegenwart I,
Vandenhoeck & Ruprecht, S.9-44
Thiel,
Ch. (1986): "Einleitung des Herausgebers", in:
Centenarausgabe, XXI-LXIII
Wissenschaftstheorie
der Mathematik:
Mengentheorie
Dieses Seminar ist das erste
einer
Seminarreihe, die
sich mit geltungstheoretischen Fragen der
Mathematik auseinandersetzen wird. Hierfür liefert
die Mengentheorie den paradigmatischen
Gegenstandsbereich. Während einzelne
Mathematikphilosophen eine Rechtfertigung der
allgemeinen Mengentheorie anstreben, bezeichnen
andere die hierbei oft anzutreffende
Dominanz als einen "mengentheoretischen
Imperialismus". Tatsächlich besitzen die
Standardaxiomensysteme eine Stärke, die selbst
innerhalb der Mathematik nur im Ansatz
genutzt wird.
Dieses Seminar widmet sich vor allem den ersten drei
Jahrzehnten des 20. Jh., in denen die
Mengentheorie zur grundlegenden und vorherrschenden
mathematischen Disziplin
aufgestiegen ist. Diese Zeit ist nicht nur geprägt
durch die Klärung technischer Fragen.
Vielmehr waren viele dieser Fragen unmittelbar mit
wissenschaftstheoretischen Problemen
verknüpft, deren Diskussion die mathematische
Forschung in dieser Zeit entscheidend prägte.
In diesem ersten Seminar sollen vor allem anhand von
A. Fraenkels Einleitung in die
Mengenlehre (1928³) die relevanten
geltungstheoretischen Probleme und Vorschläge zu
deren Klärung erarbeitet werden. Dies betrifft im
besonderen den Status des Auswahlaxioms
und die Frage nach den (maximal) zulässigen
Komprehensionsbedingungen.
Literatur:
Fraenkel, A. (1927): Zehn Vorlesungen über die Grundlegung der
Mengenlehre,
Leipzig/Berlin
Fraenkel, A. (1928): Einleitung in die
Mengenlehre, Berlin
Moore,
G. (1982): Zermelo 's Axiom of Choice, New
York/Heidelberg/Berlin
Poincare, H.
(1913): Mathematics and Science:
Last Essays, New York 1963