Die Technologien kultivieren

Stefan Bollmann im Gespräch mit André Franck und Steffen Heimbürge
Weimar, 21. April 1998

Heimbürge:  Wir freuen uns, heute in der Vortragsreihe medien hoch i Herrn Dr. Stefan Bollmann aus Düsseldorf begrüßen zu dürfen. Herr Bollmann ist Gründer des Bollmann-Verlages und lehrte u.a. auch an der Mannheimer Universität im Bereich Medientheorie.

Franck:  Herr Bollmann, während unserer Recherche mußten wir leider feststellen, daß nur sehr wenige Informationen vorhanden sind, könnten Sie sich vielleicht ganz kurz unseren Hörern vorstellen, was Sie so gemacht haben, was Sie vielleicht veröffentlicht haben?

Bollmann:  Ja, ich bin ein typisches Kind der Literaturwissenschaft. Während ich studierte war mir eigentlich immer klar, ich werde Literaturwissenschaftler. Und dann ist etwas eingetreten, was zunehmend grassiert, nämlich, man bekommt als junger hoffnungs-voller Akademiker keinen Job und schon gar nicht an der Uni. Damals hatte ich schon promoviert. Ich habe studiert in Köln, in Düsseldorf, in Münster. Philosophie habe ich bei Blumenberg studiert. In Düsseldorf gab es damals Frühromantik, also das Nachfolgemodell von Marx. Wenn man das durch hatte, war man bei der Frühromantik und dem Poststrukturalismus angelangt. In Köln gab es das zwar ganz am Anfang auch, da ging es aber noch ganz klassisch, brav und konventionell zu. Da hab ich aber sehr viel Handwerk gelernt. Und stand dann irgendwann nach der Dissertation über Thomas Mann vor der Frage, was machst du nun eigentlich mit all dem und wollte es eigentlich noch nicht aufgeben. Man hätte ja, viele Freunde von mir die haben sich dann umschulen lassen, Richtung Datenverarbeitung und so, Telekommunikation, oder haben was mit Post gemacht oder haben am Flughafen die Computer bedient und solche Dinge, das wollte ich alles nicht... > Da habe ich mir erst mal ein Postdoktoranden-Stipendium besorgt. Das dachte ich, wäre eine gute Übergangs-lösung, so was kriegte man damals. Habe, einen Ruf kann man nicht sagen, aber ein Angebot für eine Dozentur in Lublin, das ist so ganz am östlichen Rand von Polen zu bekommen abgelehnt, bin mit diesem Postdoktoranden-Stipendium ein Jahr nach Paris gegangen und dann ist da so in mir der Entschluß gereift, obwohl ich überhaupt kein Geld hatte, ich mache einen Verlag, weil wir hatten angefangen mit der Studienzeit eine Zeitschrift herauszugeben. Ich habe eigentlich schon während der Gymnasialzeit eine Zeitschrift herausgegeben, habe das an der Uni auch kräftig fortgesetzt. Und da hab ich viele Autoren kennengelernt, es entstand einfach die Idee, es gibt die Autoren, es gibt Themen: Kann man nicht daraus einen Verlag machen? Ich bin da relativ blauäugig und frisch reingegangen, ja und mache das jetzt seit einigen Jahren. Wobei interessanter-weise in dem Moment wo ich dann anfing mit dem Verlag, kam auch doch noch ein Angebot von einer Universität, zwar nicht in Düsseldorf, wo ich es eigentlich her haben wollte, sondern in Mannheim, wo ein ehemaliger Assistent meines ehemaligen Doktor-vaters, der mittlerweile schon Professor war, wie das halt so ist und da hab ich dann doch noch eine Stelle bekommen. Der Verlag war damals noch sehr klein, es war eine Mitarbeiterin und ich, konnte den einpacken und wir sind nach Mannheim gezogen und bin dann dort zweigleisig sechs Jahre lang gefahren, habe also einerseits Uni gemacht, andererseits den Verlag aufgebaut. Das eine hat das andere immer stark gefährdet, aber es ist doch ganz gut gegangenen.

Franck:  An der Mannheimer Uni waren Sie im Bereich Medientheorie tätig?

Bollmann:  Auch nicht richtig, denn ich bin immer im Bereich der Germanistik eigentlich tätig gewesen. Das heißt, ich habe dann in Köln angefangen mit dem Studium der Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften. Das war damals ja so rausgewandert aus der Germanistik. Zum Theater kam dann Film und Fernsehen relativ schnell dazu, habe das auch immer verfolgt, auch während ich studierte und habe mich dann irgendwann nachdem ich eine ganz klassische Promotion über Thomas Mann gemacht hatte auf Medientheorie konzentriert. Das hatte aber schon was mit dem Verlag zu tun. Der Verlag ist gegründet worden schon aufgrund eines Autors, nämlich Vilém Flusser, den ich kennengelernt hatte, und der ein großer Anreger war, und der komischerweise sich auf so etwas wie mich als Verlager einlassen wollte. Weil er in der damaligen Zeit durchaus schon andere Angebote hatte. Und durch diese Nähe ist natürlich auch mein Interesse beeinflußt worden, und er war in gewisser Weise der Initiator dessen, daß ich anfing, das viel ernster zu nehmen als vorher. Es gab noch eine andere Begegnung und das war die mit einem Commodore 64. Das war neunzehnhundert, ich weiß es nicht mehr genau. Das war ganz am Anfang dieser PC-Ära und da war einfach das Problem zu lösen, wie machen wir billig, aber einigermaßen professionell Satz für diese Zeitschrift. Wir wollten nicht so eine typische Zeitschrift, die so kraut- und rübenmäßig aussah machen, wo dann noch alles handgeschnipselt war. Also haben wir uns einen Computer ausgeguckt und uns das beigebracht. Haben zwar immer noch die Montage per Hand gemacht, und so habe ich also auch noch das Handwerk Zeitschriften und Bücher zu machen so autodidaktisch kennengelernt und das hat mich natürlich auch der ganzen Geschichte der Computerkultur, oder heute sagt man sogar Netzkultur oder Medienkultur, sagen wir Mal, im weitesten Sinne nähergebracht.

Franck:  Ist das allgemein so, daß die Literaturwissenschaftler über den PC also das Layout jetzt zu den Medien kommen, weil es sind ja auffällig viele Literaturwissenschaftler, die sich mit den Medien beschäftigen?

Bollmann:  Also ich habe die Erfahrung gemacht, und muß mir das auch selber noch erklären, daß häufig das Interesse an Literatur mehr und mehr ein Vorwand ist für das Interesse an Medien. Das heißt, viele Germanistikstudenten sind immer dann hoch motiviert, wenn es plötzlich um Medien geht und nicht mehr um Literatur. Das ist erst mal ein Phänomen auf das man trifft und daraus kann man dann Verschiedenstes machen. Die Mannheimer Germanistik hat sich in den letzten Jahren darauf besonnen, dieses Interesse immer weniger ernst zu nehmen. Also kurz gesagt, doch wir machen wieder traditionell Literaturgeschichte. Wir haben es mit Studenten zu tun, die in der Schule noch nicht mal richtig die deutsche Literatur und Literaturgeschichte kennengelernt haben, und wir müssen da sozusagen viel nachholen und sie einfach zu guten Lehrern und Literaturwissenschaftlern ausbilden. Ich habe gedacht, man müsse dieses Interesse sehr viel ernster nehmen und halte das auch für eine Chance. Ich sehe aber gleichzeitig schon die Gefahr, daß dieses Interesse auch manchmal einfach oberflächlich sein kann, weil es leichter ist. Jeder meint man hat Ahnung, jeder hat schon mal ferngesehen, jeder war schon mal im Kino, Radio hat man auch schon mal gehört. Das kennt man und meint, darüber Meinungen verbreiten zu können. Das heißt, man kann immer toll diskutieren und das ist natürlich wieder auch ein Schritt wenn man dann Wissenschaft machen will und soll im Rahmen der Universität, das zwar aufzunehmen, aber irgendwie weiterzuführen und zu transformieren.

Heimbürge:  Sind die persönlichen Interessen aus dem Verlag heraus entstanden oder gibt es da noch ganz eigene Dinge, die Sie bewogen haben, sich mit Medien auseinander-zusetzen?

Bollmann:  Ja das war schon dieses PC-Erlebnis, glaube ich. Das man damit etwas machen kann, daß ich vor allem was damit machen kann. Ich habe eigentlich zwei linke Hände, was Zeichnen, Malen und das alles betrifft und dieses sehr vermittelnde, sehr abstrakte auf den ersten Blick, hat mich irgendwie überzeugt, was dieses Gerät betraf. Also das hat mir große Freude gemacht, und ich habe dann darüber auch angefangen mich mit Typographie zu beschäftigen, mit Layout, mit all diesen Sachen, wie Zeitschriften gemacht werden, wie die layoutet werden, wie Bücher gemacht werden. Das kann ich auch relativ gut mittlerweile, würde ich sagen nach all den Jahren Verlagserfahrung. Also ein ganz praktisches Interesse. Und dann natürlich, daß ich schon so am Anfang, als ich mich anfing mit Netzkultur, mit Internet usw. zu beschäftigen, hatte ich schon eine ähnliche Idee, wie diese amerikanische Psychologin Sherry Turkle. Die hat ja mal, das erzählt sie jedenfalls in diesem Buch "Live on the screen", das jetzt auf deutsch erschienen ist, "Das Leben im Netz", die hat ja mal in Paris studiert, hat dort kennengelernt, was sie dann rückblickend gallische Abstraktionen nannte. Also sie hatte mal bei Foucault reingehört, bei Derrida und auch bei Lacon und hat dann für sich selber das Netz und alles drumherum entdeckt und meinte plötzlich feststellen zu müssen, das sind ja gar keine Abstraktionen, sondern das, was ich dort poststrukturalistisch französisch gelernt habe, kann ich ja plötzlich auf das Netz sehr gut anwenden, also auch als Psychologin ganz gut anwenden. Also sprich, daß man mit vielen Identitäten spielt und alle diese Theoreme, die damals gedacht worden sind, meinte sie plötzlich sehr konkret erfahren zu können. Mir geht es ein bißchen ähnlich, daß, wenn man eine bestimmte Ausbildung genossen hat, einfach man nach Anwendungsfeldern sucht und da war plötzlich eines da. Ich sehe die Gefahr, daß man natürlich dann auch anfängt, Theoreme und so, mit denen man sich beschäftigt hat, auf Sachen draufzustülpen, ohne noch richtig hinzusehen. Und das ist die Kehrseite dieser Medaille.

Franck:  Also sehen Sie jetzt die Verbindung in der Schrift? Daß Sie Schrift vom Buch, von der Literaturwissenschaft her zum Internet, die leider ja auch noch wirklich nur in Schriftform besteht. Oder wie sehen Sie da jetzt die Verbindung zum Internet direkt, also zu den Neuen Medien?

Bollmann:  Also erst mal würde ich sagen, da ist plötzlich etwas Neues aufgetaucht, was man als Konkurrenz-Medium zu den etablierten Medien begreifen könnte, wenn man sich für Medien interessiert. Aber wenn man einmal den Gedanken gefaßt hat, daß wenn man sich für Kultur interessiert, man sich in erster Linie für Medien interessieren sollte, da liegt es natürlich nahe, sich mit dem neuen Medium zu beschäftigen, das erst mal kennen zu lernen. Da man das bislang nicht kannte, mußte man erst mal sich die Möglichkeit verschaffen, überhaupt einen Zugang zu haben, einen Onlinezugang zu bekommen und dann konnte man ausprobieren. Und dann gibt es natürlich auch Überlegungen von verlegerischer Seite. Daß man sagt, da ist ein Thema, wir haben einen Autor, der heißt Vilém Flusser, der hat sozusagen von langer Hand sich mit solchen Sachen beschäftigt, dafür sind wir bekannt, also laßt uns doch mal überlegen, ob es nicht sinnvoll ist, zu diesem Thema Publikationen zu machen, weil es sein könnte, daß Leute sich Hintergrundwissen zu diesem Thema verschaffen müssen. Und in diesem Rahmen beschäftigt man sich dann auch als Verleger damit und natürlich ist man ja nicht der einzige oder alleinige Autor in einem Verlag, sondern es gibt Gott sei Dank viele andere und dementsprechend hat das Interesse dann auch etwas von Privatinteresse. Also wenn ich den Verlag mache, interessiere ich mich für das Internet mehr oder weniger nur nebenbei oder als einen Aspekt. Zum Beispiel die übliche Frage, ist es nicht sinnvoll den Verlag, wenn er sich schon mit dem Thema beschäftigt, ins Internet zu bringen? Also dort eine Homepage zu machen, so als Selbstdarstellung, als Möglichkeit auch Bücher anzubieten, zu verkaufen. Und dann darüber hinaus, einfach als kritischer Zeitgenosse, daß man sich fragt, was ist das Ganze für ein Ding, worauf läuft das hinaus, was haben wir damit zu tun, was soll das werden, solche Fragen...

Franck:  Es ist doch aber eigentlich ein Gegensatz. Sie sprechen doch Flusser an. Wenn ich jetzt die Flusser-Werkausgabe vom Bollmann-Verlag sehe, die wirklich ganz traditionell ist, also Festband, qualitativ hochwertiger Druck, Lesebändchen. Und darüber im Grunde auch wird über das Internet oder das Netz die Verbindung hergestellt, wo liegt da die Verbindung? Gerade das Konträre macht es das oder...?

Bollmann:  Da liegt auch ein gewisser Reiz drin. Aber wir hatten damals vor, und ich weiß nicht inwiefern das gelungen ist, wenn ich es noch mal machen würde, würde ich es etwas modifizieren, Flusser einfach als einen Klassiker zu etablieren und deshalb zieht man ihm eine bestimmtes Kleid an. Das ist eine ganz funktionale Überlegung. Ich glaube, nachdem Flusser an diesem Verkehrs-unfall gestorben war, gab es viele, ich sag jetzt mal, Fans. Die hatten sich getroffen und die Familie hat auch so was initiiert, wie eine Vilém Flusser Gesellschaft, welche dann auch relativ bald eingegangen ist. Und da gab es ganz am Anfang eine ganz konträre Diskussion, was machen wir eigentlich mit den ganzen Texten. Und da gab es zwei Meinungen zu, die eine war, wir tippen das alle irgendwie ein mit der Textverarbeitung und stellen das irgendwie auf einen Server. Das Internet kam damals auch in den europäischen Gefilden auf, und wir machen das abrufbar. Das war eine Möglichkeit. Die andere Möglichkeit, für die ich plädiert habe war, Flusser als einen Autor zu behandeln, den man wie einen anderen Autor behandelt, nur, daß er ein anderes Thema hat. Und deshalb nur, weil er ein anderes Thema hat - und er geht ja weit darüber hinaus, er hat sich ja nicht nur mit digitalen Medien und Kommunikation, sondern mit sehr vielen anderen Sachen auch beschäftigt - nur weil er sich mit diesem Thema auch beschäftigt hat, brauche ich ihn noch lange nicht auf dieses Medium, auf dieses neue Medium zu reduzieren. Ich hätte das als einen Fehler angesehen, weil es darum ging, einen Autor, der für meinen Geschmack viel zu früh gestorben war, der noch soviel eigentlich vorhatte, zu schreiben vorhatte, den muß man irgendwie zur Wirkung bringen, der muß sich entfalten können. Und da denke ich, ist Bücher zu machen immer noch der Königsweg.

Heimbürge:  Aber rein von der Verlagsarbeit her, arbeiten Sie ja eigentlich noch ziemlich traditionell. Also Sie arbeiten mit Lektoren, die sich mit den Autoren wirklich beschäftigen, auseinandersetzen und die fördern und so weiter. Warum hält dieser Verlag, der sich so unwahrscheinlich viel mit den Neuen Medien beschäftigt immer noch so an diesen alten Formen des Verlagswesen eigentlich fest? Abgesehen jetzt von dem Herrn Flusser, dem das richtige Kleid angezogen werden muß.

Bollmann:  Ja, als Verleger kann ich Ihnen natürlich auch sagen, bin ich ja auch Unternehmer. Ob ich das nun will oder nicht. Das heißt, ich habe dasselbe Problem wie viele Autoren, die von dem neuen Medium eingeladen werden, in ihm zu publizieren. Ich verdiene da nämlich nichts. Das heißt, ich habe mit vielen schon darüber gesprochen. Das ist im Prinzip nur ein Zusatznutzen, immer noch. Autoren, wenn sie denn vor allen Dingen Autoren sind und nicht noch nebenbei Brötchen verkaufen wollen oder Zeitungen austragen, müssen von dem, was sie da produzieren, in irgendeiner Weise leben können. Mit "Telepolis" gibt es mittlerweile zumindest eine anspruchsvolle Online-Zeitschrift in Deutschland, die auch relativ gut zahlt. Veröffentlichungen dort werden honoriert und zwar sehr pünktlich und sehr anständig. Wenn ich das biete, dann kann ich auch Autoren, die eben von Ihrer Arbeit leben müssen, zusehends in dieses neue Medium locken. Wenn nicht, bleibt mir nichts anderes übrig, als diesen erst mal traditionellen Weg zu beschreiten. Da mache ich mit einem Autor dann einen Werksvertrag, dort kriegt er dann bestimmte Tantiemen pro verkauften Buch, ich kann mit Vorschüssen operieren, mit all dem, womit ein traditioneller Verlag operiert. Und ich habe auch ein sehr gut funktionierendes Distributionssystem in Deutschland mit Vertretern, mit sehr vielen Buchhandlungen, mit der Möglichkeit, nicht darauf zu warten, nur das jemand kommt und sich dafür interessiert, sondern auch Angebote zu machen. Also in dem Moment, wo ein Buch im Laden liegt, ist die Chance, daß es verkauft wird natürlich gegeben, und sie ist auch relativ groß, weil der Buchhändler auch möchte, daß das was er eingekauft hat, wieder verkaufen kann. Ich habe also die Möglichkeit, auch Neugierde zu erwecken, Interesse zu erwecken, weil einfach etwas vorhanden ist, weil es in unser Bibliothekssystem eingespeist wird. Das heißt, ich bediene ja ein ganzes System rund um dieses Buch, was es in dieser Weise rund um das Netz noch nicht gibt. Dort bin ich letztlich auf guten Willen angewiesen oder auf so kleine Aktionen, wie jetzt diese Online-Zeitschrift, die wie alle Online-Zeitschriften nur, um das gleich zu sagen, rote Zahlen schreiben muß und nur aufgrund des freundlichen Engagements des großen Heise-Verlags aufrecht erhalten werden kann. Der da das macht, ich weiß nicht warum, um eine neue Technik auszuprobieren, um sein Image aufzupolieren, oder um aus irgendwelchen Gründen, die mir selbst gar nicht so ganz empfindlich sind, denn die ganze Geschichte, die man uns versprochen hat, daß es nämlich das Werbemedium der Zukunft sei, daß kann vielleicht mal in Zukunft sein, aber das ist jedenfalls noch nicht eingetreten. Also das ist sehr schwierig, irgendwie Geld wieder einzunehmen, da die Umstellung auf Abo bei einem Online-Magazin, also auf zahlungspflichtiges Abo wahrscheinlich eine Reduktion der Zugriffszahlen auf ein Zehntel, Fünftel bis zu einem Zehntel bringen würde. Das zeigen so amerikanische Versuche dieses zu tun. Also in erster Linie ist es ein ökonomischer Grund und dann könnte ich natürlich noch kommen mit der Liebe zum Buch. Das schließe ich dann gleich gerne an...

Franck:  Sie sprachen gerade den ökonomischen Aspekt an. Das ist ja nun für mich zumindest interessant. Sie haben in Ihrem Verlag hauptsächlich wissenschaftliche Arbeiten oder wissenschaftliche Bücher, die veröffentlicht werden, die aus Erfahrung heraus weniger rentabel sind, weil sie sich eben erst nach mehreren Jahren rentieren, weil eben die Käuferschaft nicht so groß ist, also eher für einen elitären Kreis... Mich würde nun interessieren, wieso trotzdem ein Verlag sich nahezu ausschließlich auf wissenschaftliche Büchern beschränkt, die ja vermeintlich nicht so rentabel sind oder was macht Ihre Bücher rentabel?

Bollmann:  Also ich glaube, da haben Sie den Verlag nur in einer Dimension wahrgenommen. Also wir haben seit Jahren auch ein frauenbiographisches Programm, was mit diesem wissenschaftlichen nur ganz am Rande etwas zu tun hat und so wissenschaftlich schätze ich so aus meiner Perspektive, aber die kann auch eingeschränkt sein, dieses Programm auch gar nicht ein. Es gibt wissenschaftliche Titel, das ist richtig. Aber zum Beispiel das "Kursbuch Neue Medien", was ich selbst herausgegeben habe, ist zu fünfzig Prozent in die Wirtschaftsabteilungen von Buchhandlungen verkauft worden. Das heißt, wir haben es auch sehr viel an Unternehmen und Unternehmensberatungen verkauft. Dort gibt es auch ein Interesse an dem Thema, auch an seriöser Hintergrundinformation. Also ich schätze, das was wir machen gar nicht als so wissenschaftlich, zumindest nicht im Sinne von akademisch ein, sondern glaube, daß wir letztlich ein Sachbuchmarkt bedienen. Also ich hätte die meisten Titel, die wir machen, am liebsten auf dem aktuellen Sachbuchtisch liegen, kriege sie da aber nicht unbedingt unter. Da ist auch klar, weil es natürlich viele gibt, die in Konkurrenz um diesen Tisch stehen. Aber wir haben letztes Jahr ein Buch gemacht, die deutsche Ausgabe von "Out of control", "Das Ende der Kontrolle", das hat geschrieben der Chefredakteur dieses amerikanischen Kult- muß man schon sagen, Computermagazins "Wired", das ist Kevin Kelly. Das Buch ist eigentlich ein relativ populäres Sachbuch, das wir dann auch in anderen Stückzahlen verkaufen konnten, wobei das will ich nicht verschweigen, bei uns sich die Stückzahlen zwischen anderthalb bis siebentausend bewegen. Aber siebentausend ist schon sehr OK, erreichen wir häufig zwar nicht, aber so vier-, fünftausend kriegen wir hin. Damit bin ich zufrieden und das ist dann sogar rentabel. Trotzdem ist es ein Verlag in dieser Art zu machen immer mehr als ein Abenteuer, weil Unternehmen wie der Bollmann-Verlag immer unterkapitalisiert sind. Das ist ein großes Problem, wenn wir mal ein schlechtes Jahr haben, dann geht es uns gleich ganz dreckig. Und vor allen Dingen, und das ist das viel härtere Problem, findet im Moment im Buchhandel, darüber im Verlagsbuchhandel eine große Konzentration statt. Das heißt, Verlage diversifizieren, statt sich zu zeigen, auf eine Sache zu konzentrieren, versuchen sie möglichst reichhaltig zu erscheinen. Sie bauen sich eigene Prints oder kaufen andere auf und der Buchhandel stellt sich immer mehr darauf ein, möglichst aus zwanzig Händen alles zu bekommen. Und so ein kleiner Bollmann-Verlag spielt da überhaupt keine Rolle mehr. Das Einkaufsverhalten der Buchhändler wird zusehends schlechter. Wir müssen uns zusehends überlegen, wie wir unsere Bücher, das ist dann wieder eine wichtige Überlegung für uns, an die Leute selbst und direkt befördern. Also wenn wir nicht selber in den großen Vertriebssystem der großen Struktur aufgehen wollen, das da auch eine Möglichkeit wäre. Also das sind solche Probleme, die sich da im Moment stellen, der Rentabilität, überhaupt der ganzen Umstrukturierung des Buchhandels. Ein Schlagwort hieße, die Verhältnisse werden einfach etwas amerikanischer zusehends. Und das hängt nicht so sehr, glaube ich, an dem Programm, was wir da machen. Also ich denke, das Programm hat ein Potential, aber die Verkaufszahlen, wie schon gesagt, die sind mal so mal so.

Franck:  Das heißt sie bedienen eine gewisse Nische im Buchmarkt und die wollen Sie auch bedienen?

Bollmann:  Richtig. Genau dazu haben wir uns irgendwann entschlossen zu sagen, wir bedienen diese Nische und wir versuchen sie ein bißchen breiter zu machen auf die Dauer. Und vor allem, so einer der ersten zu sein, die das machen. Also, wenn wir ein Konkurrenzunternehmen nennen müßten, dann könnte das zum Beispiel Westdeutscher Verlag heißen. Aber Westdeutscher Verlag ist natürlich ein sehr viel wissenschaftlicherer Verlag, also wenn man da so ein Komparativ überhaupt benutzen kann, der eine ganz andere, viel stärkere universitäre Zielgruppe hat, als wir.

Heimbürge:  Ihr Verlag wirbt mit dem Slogan: "Bollmann-Verlag, weil das Leben sich ändert..." Für uns wäre es interessant, was hat sich denn nun am Leben geändert?

Bollmann:  Ja, darüber wollte ich eigentlich heute abend etwas sagen. Aber ohne das großartig vorwegzunehmen, habe ich den Eindruck, daß sich einiges ändert. Was den Slogan angeht, sind wir dabei, den abzuschaffen. Ich glaube, er ist fehl am Platze. Er ist aus einer Bierlaune mal heraus geboren, weil wir dachten, der Verlag braucht einen Slogan, und irgendwie war gerade dabei bei einigen Mitarbeitern sich das Leben zu ändern. Anscheinend sind wir so darauf gekommen. Er hat etwas Griffiges, aber er trifft nicht sozusagen das Spezifische dieses Verlages. Deshalb scheint er mir relativ unpassend zu sein. Ich glaube aber schon, daß sich einiges am Leben ändert und könnte herausgreifen als einen Zweig das Erwerbsleben. Ich glaube, daß sich das in einer ziemlich starken und heftigen Umstrukturierung befindet. Stichwort heißt: Flexibler Kapitalismus. Dazu könnte ich jetzt was sagen. Das heißt, daß Jobs kurzfristiger werden. Also es wird sich einiges ändern und das Ganze hat letztlich schon, denke ich, zu tun, mit dem Entstehen dessen, was sich ganz klassisch Informationsgesellschaft nennt, was wir aber in seinen ganzen Implikationen überhaupt langsam erst kennenlernen. Und eine Implikation ist zum Beispiel Netzkultur, wobei wir vielleicht noch gar nicht genau wissen, was das ist. Da entsteht etwas und das ist ja das Spannende dabei, von dem wir noch nicht unbedingt genau prognostizieren können, was kommt denn nun dabei raus? Also, was das Internet betrifft zum Beispiel, gibt es ja verschiedene Prognosen wie, daß es sozusagen der Wirtschaftswachstumsfaktor Nummer Eins ist. Es gibt aber auch genau das Gegenteilige. Es gibt die technische Prognose, daß es eines Tages zusammenbrechen wird in seiner Komplexität, was ich nicht ganz glaube, daß es das tut. Aber, wir wissen noch nicht genau, was da passiert, worauf das Ganze hinaus will. Das zu begleiten, finde ich, ist auch eine spannende verlegerische Aufgabe. Ja, das ist so ein bißchen Abenteuer, natürlich relativ im Sessel sitzend.

Franck:  Wollen Sie das dokumentieren? Also jetzt praktisch das Ganze dokumentieren, festhalten, protokollarisch festhalten. Also indem Sie auch den Schwerpunkt haben Neue Medien, "Kursbuch Neue Medien". Hat das diesen Dokumentationscharakter oder soll es die Leute vielleicht mehr sensibilisieren? Für diesen Prozeß der Veränderung?

Bollmann:  Ja beides. Und ich habe also selbst festgestellt, wenn ich jetzt noch mal dieses "Kursbuch Neue Medien" mir ansehe, das, glaube ich, jetzt zweieinhalb Jahre ist, daß die Veraltungsgeschwindigkeit doch relativ rapide ist. Das heißt, man müßte eigentlich ein neues machen. Was für einen Verlag dieser Größenordnung zum Problem werden kann, weil er vielleicht gar nicht so schnell den Dingen nachkommt. Das heißt, mit Büchern stellen wir eigentlich immer noch relativ haltbare Konserven her, die darauf angelegt sind, von ihrer ganzen Ausstattung und Verpackung schon ein paar Jährchen zu halten und eigentlich sollten die Inhalte dieser Bücher auch nicht so schnell veralten, weil sie sonst besser in Magazinen oder in Zeitschriften aufgehoben wären, ja oder in Online-Publikationen. Das ist eine Frage jetzt, was mache ich für den Verlag für ein Programm. Also ich würde schon sagen, was wir publizieren, sollte schon eine gewisse Haltbarkeit haben und sollte vor allen Dingen, auf Themen eingehen, dafür sensibilisieren. Eigentlich erst einmal mit Möglichkeiten schaffen, sich mit Themen auseinanderzusetzen, die wir lachs gesprochen für Zukunftsthemen halten. Das sind so eigentlich Dinge, mit denen man sich über kurz oder lang beschäftigen muß, und sei es nur, daß man mitreden muß, sei es aber auch, daß man Informationen wirklich braucht, auf diesem Feld, die wichtig sind, um wichtige Entscheidungen zu treffen.

Franck:  Ich denke da jetzt ganz speziell an den Flusser-Reader oder auch an den McLuhan-Reader. McLuhan sagt ja auch, daß die Medien allgemein, daß wir uns nach außen verlagern, die Medien praktisch, also wir stumpfen ab, kurzum. Das ist natürlich eine Aussage, die sich sicherlich kein Mensch so einfach gefallen lassen will oder sich dabei zurücklehnt. In dem Moment, wenn man das veröffentlicht, ist es ja vielleicht doch der Versuch zu sensibilisieren dafür, oder das in das Bewußtsein der Leute zu rufen, was die Medien allgemein...

Bollmann:  Ja, nun dürfen Sie folgenden Fehler nicht machen, nämlich einen Verlag und dann auch noch den Verleger, der dahinter steckt, mit einem einzelnem seiner Titel zu identifizieren. Das heißt, ich bin in der Lage, in einem Programm Titel zu machen, deren Absicht und deren Zielsetzung einander widersprechen. Das heißt, ich bin ja nicht der Autor. Der Autor sozusagen in dem Fall sind es eigentlich eher Herausgeber. Bei so einem Reader, den wir machen, da haben wir ein relativ klares Publikum vor Augen, nämlich zum Beispiel Sie als Studierende. Und wir denken, das ist mal an der Zeit, so ein Ding zu machen. Denn erstens gibt es interessante Texte von McLuhan, die sind in dieser Weise noch gar nicht auf Deutsch erschienen. Außerdem, könnte das für eine Einführung in Medientheorie eigentlich eine sehr hilfreiche Handreichung sein, so ein Buch. Also haben wir gesagt, wir machen das und nachdem wir den Flusser-Reader ganz gut verkauft hatten, haben wir gedacht, machen wir doch eine Reihe daraus. Und jetzt machen wir gerade einen Baudrillard-Reader, und im Herbst machen wir einen Foucault-Reader. Ja, um das nur ein bißchen abzudecken das Thema. Das ist sozusagen, anders gesprochen, könnte man das Medienarchälogie nennen. Ja, wir machen so, wie auch den Foucault-Reader, den wir gerade für das Thema Medien versuchen zuzuschneiden. Das heißt, wir wollen eigentlich so eine Ahnengalerie der Medientheoretiker, jetzt ganz blumig gesagt, damit ins Leben rufen. Jetzt habe ich Frage vergessen, ganz ehrlich gesagt?

Franck:  Es ging, um die Sensibilisierung. Also das McLuhan ja ganz klar sagt,...

Bollmann:  Ach ja richtig, das mit dem abstumpfen, ja. Ich bin nicht unbedingt dieser Meinung. Also, wenn Sie mich jetzt als Privatmann oder Zeitgenosse fragen, dann sage ich Ihnen vielleicht etwas ganz anderes, als McLuhan. Wobei ich glaube, daß Sie ihn zu kurz verstanden haben. Er meint eigentlich folgendes, wenn ich ihn verstanden haben sollte, daß nämlich gerade neue Medien, wenn sie eingeführt werden, da sie immer Erweiterung unserer Sinne sind, den Sinn, auf den sie sich richten abstumpfen, in dem Sinne, daß sie ihn betäuben, sie erweitern ihn und amputieren und betäuben ihn gleichzeitig. Und unsere Wahrnehmungsfähigkeit, was dieses spezielle Medium betrifft, wird damit auch sehr unzulänglich, und wir brauchen eigentlich von dritter Seite Aufklärung über das, was mit unserer Wahrnehmung in diesem Prozeß passiert. Also das Buch "Die magischen Kanäle", das bei einem, mittlerweile ehemaligen Düsseldorfer Verlag in deutscher Erstausgabe erschienen ist, heißt ja auf gut kanadisch "Understanding Media", Medien verstehen, oder auch verstehende Medien und ich glaube, um das ging es McLuhan. Nämlich das, was sich erst mal einem Verständnis sowieso, aber sogar der Wahrnehmung verschließt, einem Verständnis zuzuführen. Also, wenn man so will, ist das viel traditioneller als man glaubt. Er wollte wirklich, phänomenologisch, hermeneutisch in gewisser Weise ein Zugang verschaffen, damit wir das, was uns widerfährt, durch neue Technologien, durch neue Medien, besser begreifen können, und damit wir überhaupt die Möglichkeit haben, damit anders umzugehen. Von daher ist eine Sensibilisierung richtig, aber meines Erachtens zu wenig.

Franck:  Ist das jetzt ein Äquivalent dazu, daß Sie jetzt das Medium Buch benutzen, um meinetwegen über das Internet zu reflektieren?

Bollmann:  Also, wenn Sie mich da jetzt immer weiter fragen, dann sage ich Ihnen natürlich klar, daß ich von der ganzen Position her mich nicht schämen würde, wenn mich jemand als Aufklärer bezeichnete. Das geht schon. Es geht um Aufklärung. Es geht darum, daß das Projekt Aufklärung auch unter Bedingungen, wo Aufklärung erst mal nicht so einen guten Ruf hat, weiter zu treiben. Aber ich komme mir jetzt nicht wie ein Erfüllungshilfe des Weltgeistes vor. Nur mich interessiert Aufklärung. Also, das gehört so ein bißchen zu meinem Lebensentwurf, wenn ich einen habe, mich für Dinge zu interessieren, neugierig zu sein, wißbegierig zu sein und darüber etwas erfahren zu wollen, aber auch kritische Fragen stellen zu wollen. Das habe ich an der Universität gelernt, und das möchte ich gerne durchhalten und zwar möglichst unter allen Verhältnissen, wenn es irgendwie geht. Daran möchte ich festhalten. Und wenn ich einen Verlag mache, halte ich auch daran fest. Das heißt, es geht mir nicht darum, noch mehr Nebel zu verbreiten, sondern etwas zur Lichtung des Ganzen zu tun und dazu beizutragen, aber das ist ein privates Statement.

Franck:  Mich würde jetzt aber interessieren, warum gerade das Buch benutzt wird, um über das Internet zu reflektieren? Also vielleicht, weil Sie Verleger sind und Bücher herausgeben, aber...

Bollmann:  Also, wenn ich eine Geschichte des Bades schreibe, dann, oder ich mich mit der Geschichte des Bades beschäftige, dann mache ich das nicht unbedingt im Bad. Das heißt für mich als Buchverleger, ist das Internet, auch wenn wir uns darauf so ein bißchen konzentriert haben in so zwei Programmen bis jetzt ein Gegenstand, mit dem sich unter anderen auch Buchautoren beschäftigen können. Fertig. Also ich würde sagen, die Verführung, daß man meint, man könnte sich mit diesem neuen Medium nur in dem Medium selber auseinandersetzen, ist zwar da, aber sie ist nicht unbedingt stichhaltig. Es sei denn, man würde sagen, diese neue Medium fegt derartig alles hinweg und ist derartig revolutionär, daß alles, was vor ihm war, so veraltet ist, daß es nicht mehr zulangt darauf, und das glaube ich nicht. Das glaube ich absolut nicht. Also, da sehe ich auch nicht, ich sehe, es gibt überflüssige Bücher, sehr viele. Und zwar, wir hatten vorhin ja das schon kurz angesprochen, gerade dann, wenn man Bücher aus welchen Gründen auch immer, letztlich geht es ja um Reputation publizieren muß, um ein bestimmten Doktorgrad zu erlangen oder um wissenschaftliche Arbeiten darzustellen. Ich glaube, da wird auch verzichtbarer auf Dauer, wenn ein anderes Medium dort an Reputation gewinnt. Das ist vielleicht auch dabei, müßte man aber im Einzelnen, glaube ich, noch darüber sprechen, ob das wirklich in der Lage ist. Aber damit ist eigentlich die mediale Leistung des Buches, über die wir uns unterhalten könnten, immer noch nicht geschmählert. Und wenn ich zum Beispiel folgendes sehe, wir machen ja eine Printausgabe dieser Online-Zeitschrift. Wir haben uns dazu entschlossen vierteljährlich das, was da im Netz veröffentlicht wird, online, worauf man online zugreifen kann, noch einmal unter Schwerpunktthemen gebündelt, auf dem traditionellen Träger Papier zugänglich zu machen. Dann kommt es immer noch einmal zu einer ganz gründlichen Durcharbeitung. Und das ist natürlich einerseits dem Medium geschuldet, nämlich wenn Sie im Netz etwas suchen, dann ist das Ergebnis ein anderes, als wenn Sie ein fertiges Resultat präsentiert bekommen, wo Sie zum Beispiel Redundanzen viel stärker vermeiden müssen. Im Netz greifen Sie mal darauf und mal darauf zu, drucken sich dieses und jenes aus, gucken mal da rein, dorthin. Diese Redundanzen fallen Ihnen gar nicht in dieser Weise auf. Wenn wir ein Heft komponieren, merken wir plötzlich, das ist doch schon längst gesagt. Das ist ja noch mal dasselbe. Das heißt, wir sind dabei, noch mal redaktionell sehr stark einzugreifen, zu komponieren, weil man erwartet, wenn man auf dem Träger Papier publiziert, und dann noch das Ganze zwischen zwei flexible oder weniger flexible Deckel packt, erwartet man so etwas wie eine Komposition. Man erwartet, daß die Herausgeber noch einmal sich Gedanken darüber gemacht haben, in welcher Reihenfolge die Themen eigentlich versammelt sind. Also das hängt alles mit der Linearität letztlich auch noch dieses Mediums zusammen. Man erwartet gewisse Vorgaben seitens der Herausgeber. Und, aber das könnte sich mit der Zeit natürlich ändern. Im Moment ist es so, daß das, was online publiziert ist, teilweise redaktionell ohne da jemanden zu Nahe treten zu wollen, von fragwürdiger Qualität ist. Das heißt, sprachlich von der Übersetzung her, von der sprachlich stilistischen Seite, aber auch von dem, was ein normales Lektorat macht, nämlich noch einmal wirklich fragen, stimmt denn das auch, sind die Sachverhalte richtig übermittelt, kann man mit einer anderen Formulierung nicht sehr viel besser diesen Sachverhalt darstellen. Es ist auch aufgrund von Zeitgründen wahrscheinlich da einfach nicht möglich. Und auch da findet unsererseits noch mal eine Durcharbeitung statt. Das hängt auch damit zusammen und vielleicht sogar in erster Linie, daß wenn wir so eine Zeitschrift natürlich machen, wir auch wiederum etwas Haltbares herstellen. Darauf soll man auch noch nach einiger Zeit zugreifen können. Im Online-Magazin wandert das ins Archiv und es steht unter jedem Artikel das Erstpublikationsdatum genau drunter. Das heißt, man verlangt glaube ich das dort auch nicht, wobei ich schon denke, daß wenn sich stärker als bislang eine Reputation um die Magazine und die Veröffentlichungsmöglichkeiten, die da im Netz entstehen, wenn die eine bessere Reputation kriegen sollten, wird man dort genauso sorgfältig arbeiten müssen wie man es seit Jahrhunderten im Medium Buch sich antrainiert hat und gewöhnt ist. Also da scheinen mir noch so gewisse Diskrepanzen auch zwischen dem Selbstverständnis und dem, was man wirklich da macht zu bestehen, aber das sind vielleicht Kinderkrankheiten, die sich mit der Zeit erledigen.

Franck:  Also die drei Vorteile des Buches liegen zum einen, einerseits in der Komposition, also des Gesamtumfangs, also jetzt die Kapitel und die Zusammenstellung. Zweitens dann in der Qualität, also das vieles ausformuliert wurde und nicht so flüchtig ist wie im Internet und Drittens, in der Haltbarkeit, also in der Archivierung, jetzt im Sinne von, ich kann es mir in das Regal stellen.

Bollmann:  Also zusammengefaßt von meiner Seite, Veröffentlichungen im Netz, so wie es im Moment der Fall ist, sind kurzfristiger und flexibler, sie sind auch kurzfristiger möglich. Viele Autoren schreiben etwas und wollen es sofort veröffentlichen. Für die ist das Netz ideal, weil sie sozusagen innerhalb einer ganz kurzen Zeitspanne das veröffentlicht sehen. Das ist ja ein Akt der Publikation, wenn man etwas ins Netz stellt, publiziert man, da kann kein Verlag mithalten. Allein seine Sorgfaltspflicht erlaubt das nicht. Aber vor allen der gesamte herstellerische und ökonomische Prozeß, also von einem fertiggestelltem Manuskript bis zur Fertigstellung des Buches, soweit das es in den Buchhandlungen liegt, vergeht mindestens ein halbes Jahr, wenn nicht länger. Alles andere kann man eigentlich nicht erreichen. Das heißt, es ist letztlich ein sehr träger, langsamer Apparat, um es negativ zu beschreiben, während das Netz ganz andere kurzfristige Handlungen erlauben, sehr flexibel ist in seiner ganzen Art und Weise. So flexibel wie eine Tageszeitung in gewisserweise ist und vielleicht sogar noch etwas flexibler. Von daher haben wir es da mit zwei verschiedenen Welten zu tun.

Franck:  Das würde heißen, die Apokalyptiker, die das Ende des Buches verkünden, würden verstummen?

Bollmann:  ...haben Unrecht.

Franck:  ...haben Unrecht.

Bollmann:  In gewisser Weise schon. Ich meine, wir sind in der Buchwelt zunehmend einem Kommerzialisierungs- und Ökonomisierungsdruck ausgesetzt. Das sind aber alle Branchen im Moment, die es da gar nicht gibt, die ist dort einfach nicht ausgenommen. Nur wenn es um Kultur geht, ist man dort etwas wehleidiger, und ich verstehe das sogar häufig gar nicht als Wehleidigkeit, sondern als ernsthaften Einspruch gegen das, was dort auf, nicht auf uns zukommt, sondern was längst im Gange ist. Trotzdem würde ich diese Welle der Kommerzialisierung nicht so deuten, daß das doch das letzte Feuerwerk vor dem Verschwinden wäre, was ja einige schon gemacht haben. Nach dem Motto, man bietet gerade alles noch mal auf, haut alles raus, zeigt was man alles kann, um dann abzutreten. Sozusagen der große Knall zum Schluß. Das glaube ich nicht. Ich glaube, daß der Buchmarkt sich eher so verändern wird, daß die breite Distribution sich immer stärker auf wirkliche Bestseller, gut verkäufliche Ware konzentrieren wird, und daß die ganzen anderen zielgruppengenaueren Veröffentlichungen sich andere Wege suchen werden und da ist für mich als Verleger das Internet erst mal gar nicht als Publikationsinstrument oder -medium interessant, sondern eher als Mittel, um neue Leser zu erreichen. Wenn ich mich schon mit dem Internet in einigen Büchern beschäftige, dann ist es ja klar, daß meine Leser dieses in irgendeiner Art und Weise auch tun werden. Jedenfalls eine gewisse Zahl davon. Also kann ich - wir sind gerade dabei unsere Homepage vollkommen neu zu bauen, weil wir mit ihr absolut nicht zufrieden sind - kann ich, wenn ich das geschickt einsetze dieses Instrument, vielleicht auch mehr Leute darauf aufmerksam machen, daß es diese Bücher gibt. Also ich kann es erst mal als Marketinginstrument einsetzen, wobei ich das gar nicht so überstrapaziert ausdrücken will eigentlich. Erst mal sagen wir nur, es gibt dieses Buch, und wer es dann unbedingt will, der kann es sich kaufen, der kann es sich auf diesem Wege vielleicht auch bestellen. Da sehe ich Möglichkeiten neuer, erst einmal neuer Distribution des alten Mediums Buch. Was das den Übergang, wenn es ihn denn in Teilbereichen gibt, vom Buch zur Netzpublikation betrifft, da wäre ich halt vorsichtig, solange man nicht genaue Aussagen darüber machen kann, was denn eigentlich Autoren und auch Verlage dabei verdienen, wobei ich will gar nicht so brudon sprechen. Sprechen wir erst mal für die Autoren. Es gibt sozusagen das Berufsbild des Autors, das wollen wir alle irgendwie auch nicht abschaffen. Aber der arme Kerl muß ja wie gesagt auch leben. Also muß er in irgendeiner Weise für seine Veröffentlichungen etwas bekommen und ich denke, er sollte eigentlich auch so viel Geld bekommen, daß er wieder ein neues Buch schreiben kann bzw. einen neuen Text oder eine neue Veröffentlichung vorbereiten kann. Also solange dieses überhaupt nicht gelöst ist, kommt es eigentlich als neues Medium, was das alte ablöst nicht so richtig in Frage. Im wissenschaftlichen Bereich, scheint mir das was anderes zu sein.

Heimbürge:  Werden sich aber die Wahrnehmungsgewohnheiten nicht eventuell ändern, also Vilém Flusser sprach, ich glaube in dem Buch "Medienkultur", von der Technokultur der neuen Generation, deren Wahrnehmungsgewohnheiten sich durch die Neuen Medien völlig ändern werden. Also in Bezug auf die Generation, die wir vielleicht jetzt gerade haben. Wir sind ja noch sehr mit dem Medium Buch verbunden, rein von der Erziehung her, wie wir das ganze auch kennenlernen, von der Schulbildung her. Wenn wir jetzt nun sehen, die Entwicklungen gehen dahin, daß auch in den Schulen mehr und mehr das Medium Computer und Internet genutzt werden, wird sich dahingehend nicht die Wahrnehmungsweise der kommenden Generation ändern und damit auch eventuell auch das Buch als Wissensspeicher irgendwo seine Wertigkeit verlieren?

Bollmann:  Das ist richtig, einerseits. Andererseits geht mir gerade ein Gedanke, weil Sie das recht funktionalistisch zu sehen scheinen, durch den Kopf. Ich glaube, als Wissensspeicher ja. Nur, wenn ich mir überlege, warum die meisten Leute Bücher schreiben, dann scheint mir die Motivation nicht darin zu liegen, einen Wissensspeicher zu bedienen. Man kann sich natürlich eigentlich fragen, was will so ein Autor eigentlich? Warum schreibt er ein Buch? Und sehr häufig wird man natürlich solche Antworten bekommen, wie die, ich will wirken, ich will Menschen erreichen und so weiter. Wenn das stimmt, dann sollte sich ein Autor zukünftig wenn er ein Anliegen hat, alles sehr genau überlegen, wo kann er eigentlich die meisten Menschen erreichen? Noch dazu kurz in Klammern: Ein Verlag bietet einem Autor ja meistens auch eine Paketlösung an. Das heißt, wenn er ein Buch macht, hat er auch die Möglichkeit, Vorabdrucke in Zeitschriften zu machen, oder er kann aus dem heraus, was er dort als Buch veröffentlicht, Auszüge woanders oder Abfallpreodukte in anderen Umfeldern veröffentlichen und noch etwas dabei verdienen. Und er bietet vor allem auch dem Autor mittlerweile mehr ein Imageprodukt an. Das heißt, sehr häufig verdient ein Autor an seinem Buch gar nicht seinen Lebensunterhalt, aber die Tatsache, daß er ein Buch geschrieben hat, macht ihn sozusagen zu einem begehrten Menschen, der auch woanders Aufträge bekommt, weil er eben Reputation gewonnen hat durch die Tatsache des Buches. Ja unsere Politiker schreiben zusehends Bücher oder lassen welche schreiben, weil sie natürlich den Imageverlust in irgendeiner Weise kompensieren wollen. Aber darauf bezogen noch einmal, ich glaube, als Autor aufzutreten ist vielleicht auch der Wunsch etwas Dauerhaftes hervorzubringen, sich zu verewigen. Das kann ich im Netz überhaupt nicht. Jedenfalls scheint mir das im Moment zumindest nicht dafür tauglich zu sein. Und alle, die sich mit dem Netz gerade in Amerika beschäftigen, schreiben dann auch wieder Bücher, weil sie den Eindruck haben, daß das, was sie zu sagen haben, soll nicht einfach nur flüchtig sein und von einem Tag auf den anderen wieder verschwinden. Wir haben um das Buch herum Archivierungs- und Bibliothekssysteme ausgebildet, die es ermöglichen, daß wenn das Buch dann weg ist vom Verkaufspunkt und auch weg ist aus dem Verzeichnis lieferbarer Bücher, gibt es das auch immer noch. In irgendeiner Bibliothek wird es schon stehen, irgendwo werden noch Exemplare beim Antiquar sein. Es geht zur Zeit darum, so etwas wie die Gewißheit, daß das, was ich dort gemacht habe, nicht einfach verschwindet, sondern wenn es denn eine bestimmte Haltbarkeit hat, auch medial für sie garantiert wird. Und das scheint mir schon sehr attraktiv weiterhin zu sein, weil sie natürlich nicht einfach so verschwinden wollen. Ich glaube, das ist eine stärkere Zumutung, um noch mal auf die Kurzfristigkeit und die Flexibilität einzugehen. Ich glaube, wir wollen, oder ich würde auch gerne etwas Dauerhafteres, als was nur einen Tag braucht hervorbringen. Ich glaube, das ist ein Bedürfnis, das ist ein Wunsch, den viele Menschen haben und dementsprechend muß man Medien auch mal unter solchen Aspekten betrachten, was sie eigentlich denjenigen, die sich ihrer bedienen bringen - an Dauerhaftigkeit, an Wertigkeit.

Franck:  Sie beschreiben gerade das Phänomen der Dauerhaftigkeit und der Materialität. Es ist ja auch so, daß man im Internet sich die Seiten dann ausdruckt, das, was man lesen will druckt man sich meistens aus und liest es nicht am Bildschirm. Kann es dann doch wieder zur Konkurrenz zum Buch werden?

Bollmann:  Das sind natürlich alte Gewohnheiten auch noch und ich weiß nicht, die Bildschirme sind halt auch noch nicht so toll, daß sich auf ihnen bequem lesen läßt. Nun könnte man sich andere Bildschirme vorstellen. Also da scheint mir einfach auch technisch noch vieles nicht ausgeschöpft zu sein. Ich kann mir vorstellen, daß zukünftig auch stärker am Bildschirm gelesen wird. Also das will vielleicht auch antrainiert und geübt sein. Wir machen es so seit Generationen, jetzt machen wir es auch weiterhin erst mal so. Aber andere kommen, die machen es schon teilweise nicht mehr so und so verändert sich das allmählich. Da würde ich gar nichts gegen sagen wollen. Nur was mein Problem ist, ist die Frage, ob diese Kurzfristigkeit und diese Flexibilität, die das bietet, ob man nicht auch eine Art Gegenrechnung aufmachen muß, was man damit verliert, und ob man es so attraktiv machen kann, daß alle sagen werden, wir verzichten darauf, wir brauchen das nicht mehr, und das glaube ich nicht.

Franck:  Was verlieren wir denn dadurch? Also die Dauerhaftigkeit?

Bollmann:  Das, was ich gerade versucht habe, ihnen zu beschreiben.

Heimbürge:  Wir hatten aber vorhin gesagt gehabt im Zusammenhang mit der Wirtschaftlichkeit von dem Verlag, daß es natürlich ein Problem ist, vor allem wenn man jetzt über diese neuen Medien schreibt, daß diese rasante Entwicklung natürlich dann auch, was die Publikationen über dieses Medium angeht, teilweise zwei Jahre zurückliegen, wenn wir jetzt an das "Kursbuch Neue Medien" denken. Wird sich da nicht von der Wirtschaft her etwas tun, daß wir sagen, wir wollen aktuell sein, was natürlich ganz wichtig ist heutzutage?

Bollmann:  Ja. Deshalb bereiten wir auch für nächstes Jahr einen Nachfolger dieses "Kursbuch Neue Medien" vor. Das geht ein bißchen so im Verlag. Wir kaufen uns Rechte oder wir schaffen uns Rechte an Publikationen und verkaufen diese Rechte auch weiter, das heißt, wenn wir uns ein Buch schaffen, wie das "Kursbuch Neue Medien", das gibt es ja mittlerweile als Taschenbuch bei ROWOLT, dann sind wir natürlich daran interessiert, wenn wir den Eindruck haben, in unserem Rahmen verkauft sich da nicht mehr viel, können wir nicht noch ein Taschenbuchverlag gewinnen, der eine Lizenzausgabe macht, den wir die Rechte für fünf, sechs, sieben Jahre überlassen, und der noch mal, weil er einen anderen Markt hat, den er bedienen kann, andere Käufer für dieses Produkt findet. Und dann übergeben wir ihm das, und der bezahlt eine bestimmte Summe oder einen bestimmten Anteil auch wieder am Verkauf. Es geht ja alles mit Rabatten in dem Fall hier und kann dann seinerseits es für diese Zeit veröffentlichen. Gar nicht mal exklusiv, aber als Taschenbuch exklusiv. Von daher haben wir sowieso schon immer eine gewisse Rhythmik da drinnen. Und die Rhythmik kann man, glaube ich, so beschreiben heute für einen Verlag in der Größe, daß man solche Titel mindestens zwei Jahre verkaufen muß, aber auch höchstens zwei Jahre verkaufen kann. Das heißt, nach zwei Jahren ist eigentlich an Verkauf nicht mehr großartig zu denken, dann tröpfelt das höchstens nur noch. Und dann ist es sinnvoll, entweder einen Nachfolger zu haben oder wie gesagt, dieses Lizenzrecht jemand Drittem zu überlassen. In dem Falle haben wir es sowohl geschafft, dieses Lizenzrecht dem ROWOHLT-Verlag zu überlassen, als auch, daß wir über Nachfolger nach denken, weil es, glaube ich, ein Buch ist, daß könnte sowieso in einem Zwei- bis Dreijahresrhythmus periodisch erscheinen, weil sich einfach nach zwei bis drei Jahren wieder so viel getan hat, es so viele neue Perspektiven gibt, daß das sinnvoll ist, so etwas zu machen. Da gibt es dann zwei Überlegungen. Nämlich, Nachfolger haben es immer etwas schwerer als die Pilotprojekte, ist das eine, und das andere: es haben sich natürlich schon viele dafür interessiert, ein paar wird man davon auch beim zweiten Mal erwischen. Und da überlegt man dann, ob es Sinn macht, das zu machen, hat es keinen Sinn. Und in unserem Falle sind wir dann zum Schluß gekommen, es hat Sinn es zu machen. Und dementsprechend werden wir das dann auch machen. So könnte das dann auch eine Art Institution wieder werden, die zwar nach zwei Jahren nicht mehr aktuell ist als einzelne Veröffentlichung, aber als Institution ist es auch wieder auf Dauerhaftigkeit angelegt. Also der Buchhandel hat sich ja auch da, wo er kurzfristige Projekte macht, wieder Instrumente verschafft, um dauerhaftig mit diesen Sachen umgehen zu können. Also zum Beispiel wenn ich einen Weltalmanach mache wie der FISCHER-Verlag, dann kommt der jedes Jahr, weil einfach die Zahlen, Daten, Fakten jedes Jahr neu da drin stehen müssen. Aber es gibt natürlich diese Institution "Weltalmanach", die ist auf Dauerhaftigkeit angelegt, nur ich muß das Buch nach einem Jahr neu auflegen, um dort die Korrekturen vornehmen zu können.

Franck:  Das Besondere, wenn sie das jetzt beschreiben, da reiht sich die "Telepolis" natürlich schön ein. Weil sie quartalsweise erscheint, sozusagen dauerhaft und regelmäßig Geld einbringt und natürlich auch dauerhaft Wissen vermittelt. Können sie vielleicht ganz kurz mal die Entstehungsgeschichte um die "Telepolis" abreißen?

Bollmann:  Also wenn ich richtig informiert bin, ist die Entstehungsgeschichte so, daß Florian Rötzer, der Redakteur des Online-Magazins ist und als Publizist nicht ganz unbekannt ist, sich irgendwann den Begriff "Telepolis" ausgedacht hat. Und zwar als europäische Konkurrenz zu Cyberspace, weil er dachte, alle reden vom Cyberspace, reden wir doch von "Telepolis". Er hat sich sowieso für Politik interessiert, aber er interessiert sich natürlich auch für das Phänomen Stadt, für Urbanität, was ja auch in "Polis" mit drin ist und "Tele", das kennen wir von Telefon, von Television usw. Er meinte, das wäre ein Neologismus, der ganz gut diese neue Welt und zwar in eine europäische Perspektive, intellektuelle Perspektive faßt. Und daraufhin hat er mit anderen zusammen mehrere Symposien zu diesem Thema veranstaltet. Das lag damals sowieso - es ist jetzt zwei bis drei Jahre her - in der Luft. Alle haben sich plötzlich mit dem Phänomen Stadt am Netz, Cyber-City, digitale Stadt beschäftigt. Da gab es dann große Veranstaltungen in Luxemburg und auch eine in München, die Burda-Akademie hat da mitgesponsert, und der BOLLMANN-Verlag hat hinterher ein Buch, das ihn einen Sommerurlaub in Dänemark gekostet hat, mit Florian Rötzer gemacht, das heißt dann auch "Die Telepolis". Wir haben dann auch versucht, einen Begriff zu lancieren und mit dem Autor Rötzer in Verbindung zu bringen. Und dann kam irgendwann das Online-Magazin. Das hatte ich gar nicht so richtig mitbekommen. Da hat nämlich diese Veranstaltungsgruppe, die diese Symposien gemacht hatte, den Namen "Telepolis" dem HEISE-Verlag verkauft. Ich weiß nicht, was die dafür bezahlt haben, aber seit dem ist jedenfalls der HEISE-Verlag - meint er zumindest - Eigentümer dieses Begriffs "Telepolis" zu sein. Was auch immer das wiederum heißen mag. Jedenfalls haben die das gekauft mit dem Hintergedanken es als Titel für ein Online-Magazin, das es so bislang noch nicht im deutschen Sprachraum gab, zu verwenden. Und da lag es natürlich auch nahe, Florian Rötzer, der ja irgendwie mit dem Begriff "Telepolis" verbunden war, zum Redakteur zu machen. Und Florian Rötzer selbst hat dann die Idee entwickelt, daß es doch vielleicht sinnvoll sei, das, was sie dort online machen, das heißt bei uns in der Branche "Zweitzuverwerten". Also das heißt, dort gibt es gewisse Zugriffszahlen, die steigen stetig, aber es gibt vielleicht auch die Möglichkeit mehr und andere Leute, die vielleicht sonst gar nicht großartig online gehen, mit der Thematik der "Netzkultur" zu erreichen. So haben wir uns das vorgestellt. Außerdem mögen da versteckte Bedürfnisse nach größerer Haltbarkeit dahinterstehen. Wir haben jedenfalls damals mit ihm und dem HEISE-Verlag verhandelt, die auch daran interessiert waren, das aber nicht selbst machen wollten, weil sie ja noch Zeitschriften wie "CT" - Computer Technik, die ja, soweit ich weiß, die auflagenstärkste Zeitschrift in dem Bereich im deutschsprachigen Raum ist. Kurz und gut: Als Online-Magazin fanden sie das interessant, aber im Printbereich wollten sie sich da nicht engagieren. Und da wir uns da in dem Bereich einen Namen gemacht hatten oder einen Namen machen wollten, haben wir das dann gemacht. Und haben mit denen einen einfachen Lizenzvertrag, das heißt, wir dürfen, das, was dort im Netz veröffentlicht ist abdrucken in dieser Zeitschrift, die auch "Telepolis" heißt und müssen dafür bestimmte Lizenzgebühren zahlen. So einfach ist das. Und der Erfolg ist mäßig, sehr mäßig. Also wir stecken da Geld rein und ziehen da kein Geld raus. Der Buchhandel will es nicht. Der will überhaupt keine Zeitschriften, weil ihm ist das zu doof in solchen kleinen Sümmchen irgendwelche Fortsetzungen zu halten. Man muß sie auch pflegen, sich darum kümmern. Er will das gar nicht besonders, von daher mißtraut er der Sache sowieso. Dann mißtraut der Buchhandlung überhaupt dieser ganzen Netzkultur, weil er das so vielleicht als Konkurrenzmedium sieht, aber auch einfach es manchmal nicht fassen kann. Das heißt, wir sind letztlich auf Abonnenten angewiesen, und die Zahl der Abonnenten steigt tröpfelnd stetig, aber nicht so, daß man von einem Boom sprechen kann. Jetzt sind es ein paar Hundert, und wir bräuchten eigentlich Zwei-, Dreitausend, um das ganze einigermaßen mit einer schwarzen Null abschließen zu können. Also das ist noch so ein Engagement, auch wenn wir es sozusagen quasi nachdrucken, was, wie ich vorhin schon gesagt habe, gar nicht so einfach ist und so einfach nicht stimmt, wo wir erst einmal - verlegen kommt ja von vorlegen - irgendwie Zukunft mitfinanzieren und uns fragen, können wir uns das überhaupt leisten, und wie können wir das eigentlich so ausstatten, kurzfristig, ohne die ohnehin schlechte Bilanz nicht noch mehr zu vermasseln.

Franck:  Was verstehen sie überhaupt unter "Netzkultur"?

Bollmann:  Was das nun soll?! Ja, das ist so was ähnliches wie "Medienkultur". Das sind alles Versuche, Begriffe, von denen man nicht genau weiß, wofür sie eigentlich stehen, mit einem bewerten Begriff zu verbinden und aus dieser Hochzeit zweier ungleicher Gestalten irgend etwas zu zaubern, was die breite Masse, die Geldgeber und alle irgendwie verstehen. Wir haben das so ein bißchen aus dem Amerikanischen übernommen. Kelly spricht immer von "Netculture". Das fand ich einen guten Begriff. Damals gab es aber auch schon "Netzkultur" so ein bißchen. Letztlich steckt aber folgende ernsthafte Anstrengung dahinter, und das habe ich bei Flusser eigentlich gelernt. Wenn ich ihn richtig verstanden habe, ist er bei aller Technikverliebtheit doch davon ausgegangen, daß wenn man dem was abgewinnen soll, was dort unter neuen Technologien unsere Lebensverhältnisse bestimmt, man "dieses barbarische Zeug kultivieren muß". Das heißt, von sich aus ist es erst mal die pure Barbarei und nur, wenn wir Anstrengungen unternehmen es für uns sozusagen umgangsfähig zu machen, können wir damit über kurz oder lang etwas damit anfangen. Letztlich ist es unsere Aufgabe, das zu kultivieren was da entsteht. Es in unser kulturelles System einerseits einzuführen, dieses kulturelle System dadurch aber auch verändern zu lassen. Das ist so eine Art, früher hätte man das Dialektik genannt, heute sagt man so etwas nicht mehr, es ist unfein geworden. Aber letztlich handelt es sich um diesen Prozeß der Auseinandersetzung, daß beide was davon haben, in den Dialog treten, hätte Flusser eher gesagt, sich beide aber dadurch auch verändern. Und natürlich bin ich nicht Bill Gates, und das ist schon das ganze Problem. Das heißt, was wir da mit dem kleinen Verlag machen, ist sozusagen Kultivierung im Minibereich und das ist so ähnlich wie jeder kann seine Homepage ins Netz stellen und keiner wird sie beachten. Das heißt, letztlich haben wir wenig Einfluß darauf was da passiert und von daher ist das mehr ein Szeneprodukt, wobei ich aber schon glaube, daß die Szene wirklich ernsthaft daran interessiert ist, das Netz und die damit verbundene Technologie in irgendeiner Weise kulturell produktiv zu machen und sich auf dieser kulturellen Ebene damit auseinanderzusetzen.

Franck:  Sie sprachen gerade ein Problem an, das im Internet offensichtlich ist - die Ordnung. Das heißt, jeder kann alles reinstellen und es ist schwer, dieses dann auch noch zu finden. Ist die Netzkultur, Kultur oder Kultivierung so zu verstehen, daß wir versuchen uns alles zu ordnen?

Bollmann:  Das ist eine mögliche Form. Es ist vielleicht nicht die angemessene Form. Und es gibt ja sehr verschiedene Ordnungen - es gibt hierarchische Ordnungen, aber das Netz ist natürlich auch eine Form von Ordnung. Das heißt, die Browser, so wie sie heute sind, stellen ja schon bestimmte Ordnungsmittel bereit, also die Bookmarks, die es mir möglich machen, Sachen die ich gefunden habe, problemlos wieder aufzufinden, ohne mir die Adresse zu notieren. Das sind ja Abkürzungsverfahren, die auch Ordnung hineinbringen. Ich glaube, daß, was zusehends notwendig ist, ist vielleicht etwas, was man Kultur der Navigation nennen könnte. Das heißt, wir haben es mit einer Aufgabe zu tun, die zum erstenmal, glaube ich, Ende des Zweiten Weltkrieges von einem Amerikaner namens Bush, nicht der spätere Präsident, in Angriff genommen worden ist. Der hat nämlich so ein Maschinchen erfunden. Das nannte er "Memex". Damals war vom Internet und all dem noch gar nicht die Rede, und das war eine Ordnungsmaschine, die es mir möglich machte, Pfade, die ich einmal angelegt hatte so miteinander zu verknüpfen, daß ich ein Muster in meine Interessen hinein bekam, das ich auch abrufen konnte. Und ich glaube, wir müssen solche Muster ausbilden. Das sind sozusagen solche Ordnungsmöglichkeiten, aber das muß jetzt nicht Kasernen-hofordnung oder hierarchische Ordnung sein, aber wir sind einfach darauf angewiesen nicht nur Sachen zu finden, sondern sie auch Wiederzufinden. Das heißt, auch da geht es um eine gewisse Dauerhaftigkeit. Ich engagiere mich einmal, aber ich muß darauf zurückkommen können. Also vieles im menschlichen Leben ist darauf angewiesen, daß man auf etwas zurückkommen kann. Es gibt ja diesen Schlachtruf der Phänomenologie, der immer wieder gern zitiert worden ist: "Zu den Sachen selbst!". Aber den muß man natürlich ergänzen durch den zweiten Imperativ: "Bei den Sachen bleiben!". Wenn man sie einmal gefunden hat, muß man auch bei ihnen bleiben können. Man muß die Möglichkeit haben, zumindest wieder auf sie zurückzukommen, und dafür brauche ich erst mal diese Ordnungsprinzipien. Und das könnte auch eine Aufgabe der Kultivierung sein, dort weitere, intelligentere, interessantere einzuführen als bislang bekannt sind.

Franck:  Wenn Sie immer wieder davon sprechen, Technik zu kultivieren, heißt das, daß Kultur vor der Technik kommt? Was halten Sie von der Position, beispielsweise wie der von Friedrich Kittler, daß so etwas wie Kultur und Individuen nur Effekte von Technik sind?

Bollmann:  Nein. Also so etwas halte ich für Unsinn. Natürlich kommt Kultur vor Technik, in dem Sinne, daß die Anstrengungen, die wir unternehmen wenn wir Techniken ausbilden, darauf angelegt sind, nicht einfach diese Techniken auszubilden, sondern die haben einen bestimmten Sinn und Zweck, nämlich am Anfang uns das Überleben zu sichern, teilweise auch heute noch, und diese Sicherung des Überlebens fortzusetzen. Und darüber hinaus ist es dann vielleicht auch mehr als nur das Überleben zu ermöglichen, nämlich ein einigermaßen gutes Leben. Ich glaube, es sind letztlich Kultivierungs-zwänge und Kultivierungsmöglichkeiten. Nur ist es mit der Technik so, das ist ja nun das alte Problem, daß sich das Mittel gegenüber dem Zweck schnell verselbständigt, und das es dann wieder neu, sozusagen mit einem Zweck ausgestattet werden muß. Das heißt, man muß sozusagen noch einen drauf setzen, um dem wieder habhaft zu werden. Und man sieht sozusagen, daß man es teilweise gar nicht kann. Das bedeutet aber nicht, daß diese Anstrengung selber das zu tun, nicht sinnvoll ist. Also, ich würde auch den Satz von Flusser, daß "alle Revolution technische Revolution" sei, nicht für bare Münze, sondern erst einmal als Provokation nehmen, um über etwas nachzudenken. Aber direkt hinterher schieben, daß es eigentlich, wenn es denn eine neue Freiheit gibt aufgrund des Internets, dann diese Freiheit etwas ist, was man zwar mit der Technologie durchsetzen muß, aber was aus ganz anderen Quellen gespeist wird. Also ein Techniker versteht nichts von Freiheit aufgrund der Technik. Sondern die Technik ist sozusagen nur Mittel, um diesen Zweck "Freiheit" herzustellen und dann auch bei der Freiheit bleiben zu können.

Franck:  Sie sprechen von der Freiheit und Internet...

Bollmann:  Das war jetzt ein Beispiel. Man sagt sehr häufig, die Neuen Medien sind eine Befreiung aus allen Zwängen. Aber diese Befreiung selber, glaube ich, die muß ich anders denken als nur technisch. Es sei denn, ich möchte diesen Begriff der Befreiung, Freiheit und all das überhaupt für mich aufgeben, was mir Kittler zu machen scheint.

Franck:  Ich wollte jetzt noch einmal auf einen anderen Punkt. Freiheit und Internet, das auch im Kursbuch "Neue Medien" in dem Artikel "Auffahrt auf die Datenautobahn" behandelt wird. Dort sprachen Sie von einer "Einbahnstraßen-Datenautobahn". Also sprich, die viel beschworene Demokratie im Internet würde es als solche gar nicht geben. Der Rückkanal würde fehlen.

Bollmann:  Dazu kann man Verschiedenes sagen. Also erst mal kann man dazu sagen, daß es in den 70er Jahren ein sehr interessantes Ereignis gegeben hat, das hat uns das Privatfernsehen beschert. Die SPD zumindest, auch andere Politiker, waren damals am Anfang vehement dagegen. Es hat ein ausschlaggebendes Argument gegeben, warum es doch vielleicht sinnvoll ist das einzuführen, und das hieß "Interaktives Fernsehen". Es war bürgerbeteiligtes Fernsehen. Man hat Modellversuche damals in Amerika zitiert, die - ich habe mich da mal ein bißchen mit beschäftigt - sollten beweisen, daß es sinnvoll ist, mehr Demokratie mit mehr Fernsehen zu wagen, daß Fernsehen sozusagen wirklich als Instrument der Demokratisierung zu nutzen. Das war aber ein sehr ausschlaggebendes Argument, um damals sehr kritische Leute umzustimmen, da man sich erhofft hatte, von diesen privaten Initiativen, daß sie mehr Demokratie bringen würden - das Gegenteil ist eingetreten. Ich habe so ein bißchen den Verdacht, was das Internet betrifft, daß Interaktivität auch nur ein Vorwand ist, um uns mehr Kanäle und sonstige kommerzialisierte Angebote zu stellen. Sehr häufig ist Interaktivität eigentlich nur: Mit Speck fängt man Mäuse - so ungefähr. Und ich sehe folgende Gefahr. Wenn man nicht ernsthafte demokratische Absichten hat, die völlig unabhängig erst mal sind von dem Medium und ein Medium, wenn es sich dann anbietet als Mittel zur Durchsetzung von Demokratie. Wenn man das nicht macht, daß sozusagen weniger Demokratie dabei herauskommt. Ich glaube, man braucht erst einmal politische Ziele, und dann kann man sich über die Durchsetzung dieser Ziele unterhalten und sich darüber unterhalten, ob nicht das Internet sich mehr zu einer - wenn man von der Zuschauer- zur Beteiligungsdemokratie will - ob es nicht ein interessantes Instrument ist, das sich anbietet, um mehr Demokratie zu wagen und mehr Demokratie durchzusetzen. Aber erst einmal brauche ich sozusagen diesen Begriff und diese Vorstellung von mehr Demokratie, und dann kann ich mir überlegen welche Technik. Und nicht umgekehrt. Es bietet sich an, aber es hat auch die Monopolstellung, was Software betrifft, die MICROSOFT mittlerweile hat, und die die Firma versucht auch auf dem Inhaltesektor durchzusetzen, wie man die digitalen Rechte an der gesamte Weltkunst sozusagen gekauft hat, die kann uns auch was ganz anderes bescheren. Es ist möglich, von der Anlage her ist das Internet ein sogenanntes Pull-Medium, das heißt der Benutzer zieht sich seine Informationen da raus und bestimmt selber welche. Aber es gibt natürlich längst schon Überlegungen, ob man daraus nicht auch ein Push-Medium machen kann. Man kann das in den Staaten sehr viel besser, weil dort die Telefonkosten im engeren regionalen Bereich häufig sozusagen gegen Null tendieren. Da kann ich immer die ganze Zeit online sein, es kostet mich nichts. Da gibt es bestimmte Dienste, die feuern sozusagen mir auf bestimmten Kanälen immer das, was ich meinte mal wählen zu müssen auf meinen Apparat. Das heißt, das Netz selber ist schon - man kann das umbauen. Von sich selbst sagt es erst einmal nicht: ich bin demokratisch. Es bietet höchstens die Möglichkeit, Demokratisierungsprozesse voranzutreiben, in dem man es benutzt. Und da gibt es sehr verschiedene Erfahrungen damit, negative und positive und aus denen kann man lernen. Und so muß man das einbetten. Aber an sich selber sagt es erst einmal nichts darüber aus. Politisch ist es trotzdem allemal.

Heimbürge:  Inwieweit würden sie dann dahingehend und natürlich auch aus der Sicht des Verlegers solche Internet-Projekte beurteilen, wie zum Beispiel im ZDF das stattfindet, diese "Novel in Progress", die es also im Grunde jedem Internetsurfer ermöglicht, an einem Roman mitzuwirken?

Bollmann:  Ja, es gibt ja alte Ideen, die hängen mit der Abschaffung oder dem Tod des Autors zusammen und der Frage, ob man nicht auch den Prozeß der Kreativität im literarischen Bereich demokratisieren muß, indem man ihn sozusagen mehr Interaktion dort hineinbringt. Also als Verleger würde ich erst mal sagen, daß ich den Eindruck habe, daß sich kein Schwein dafür so richtig interessiert, außer denen, die da mitschreiben. Das heißt, man stellt interessanterweise sozusagen unleserliche Texte wahrscheinlich her, also Texte, sie sich selbst genug sind, weil es hat allen Beteiligten was gebracht, dort mitzumachen. Und das vielleicht ja auch schon erst mal der Zweck der ganzen Angelegenheit, also diese Erfahrung eines kollektiven Schreibens zu machen. Man hat auch schon längst vor dem Netz mit solchen Sachen experimentiert. Insoweit ich informiert bin, gibt es auch relativ traditionelle literarische Formen, die mehr als einen Autor erfordern, wo man das also versucht nachzustellen oder abzubilden, so ein Erzählerkollektiv, so eine Erzählerpluralität. Ich glaube letztlich, so ein guter Roman kommt da nicht raus, aber das bedeutet nichts, es muß ja auch kein guter Roman dabei herauskommen. Es kann ja auch sein, daß das Experiment selber als Experiment erst mal sinnvoll ist, und wenn man es von kommerziellen Gesichtspunkten freihalten kann, um so besser. Das heißt, zwar bin ich als Verleger dazu gezwungen, kommerziell im gewissen Maß zu denken, aber ich kann mich doch trotzdem ohne Probleme an so einem kreativen Akt des Schreibens mit mehreren zusammen beteiligen und bin ganz froh, daß wir das nicht auch noch veröffentlichen müssen. Also im Gegenteil, ich würde versuchen, das Netz für so viel Räume wie möglich freizuhalten, wo eben sich nichts rechnen muß, wo man letztlich die Subvention, die von den gesamten Universitäten ja kommt, die solche Server und auch Datenleitungen aufrecht erhalten, daß man die sinnvoll nutzt und bestimmte Sachen machen kann, wo man selbst erst mal kein Geld hineinstecken muß.

Heimbürge:  Wäre das als Zukunft denkbar?

Bollmann:  Ja, gerade im Wissenschaftsbereich immer stärker. Im kreativen Bereich glaube ich auch. Da fangen ja viele Sachen erst an. Im Moment ist es so ein bißchen ein Marketinggag. Also irgendwelche Zukunftsromane, die veröffentlicht der Autor einfach so im Netz und dann dürfen alle darüber abstimmen, ob der Held nun stirbt oder nicht. Der Autor, das kann ich ihnen sagen, und der Verlag machen hinterher sowieso, was sie für richtig halten. Die setzen sich zusammen und überlegen sich, was ist sinnvoll, kommt er um oder nicht, und dann kriegt er den Auftrag. Interessanter finde ich die Idee, die hatte Flusser auch immer sehr propagiert, und da bin ich viel zu wenig informiert. Ich habe nur gehört, daß mittlerweile Bestseller in Amerika schon von Schreibprogrammen geschrieben werden, die einfach viele Dinge, die man eben braucht für einen Bestseller, so neu miteinander rekombinieren, daß daraus wieder ein neuer Michael Crichton oder ein anderes Buch dieser Sorte herauskommt. Ich halte das für denkbar, daß das geht. Ich glaube, daß es intelligente Software geben könnte, wenn es sie nicht schon gibt, die eigentlich die Fließbandproduktion von Bestsellern erlaubt, und das wäre natürlich auf eine ganz andere Weise dann der Tod des Autors. Und auf eine ganz andere Weise wird es für meinen Geschmack den Bestsellermarkt dekuvrieren. Also wenn es denn wirklich möglich ist, dort in dieser Weise Fließbandproduktion zu machen, und dann ist es ja fast egal, ob das eine Maschine oder ein Autor macht, vielleicht ist der Autor ja auch schon längst tot und nur noch eine Horde von Berufsschreibern sitzt daran und knüpft immer neue Geschichten da zusammen. Ich halte alles erst mal für möglich, ohne da groß an Verschwörungen da zu glauben. Dann will ich das auch nicht mehr lesen. Das ist einfach mein Standpunkt. Mich interessiert es dann nicht mehr, ob es auf die Dauer viele interessieren wird, wird sich zeigen. Ich glaube, daß muß man einfach durchexperimentieren, und daß macht der Buchmarkt ja auch im Moment. Also wieviel beliebige Literatur kann ein Markt, kann eigentlich die gesamte Welt noch ertragen? Es ist, glaube ich, so eine Probe auf die Belastbarkeit der Versorgung mit solchem Zeug. Und irgendwann sagen einfach alle: "Nein, Danke; Will ich nicht mehr; ich verabschiede mich"? Daß könnte schon dieser Effekt sein, daß irgendwann sich alle Leser verabschieden und sagen: "Nein, ich will kein neues Buch, ich habe genug davon, bitte keine Romane dieser Art mehr". Das weiß ich nicht. Darauf zu setzen, halte ich für relativ frivol, deshalb würde ich das nicht machen wollen, aber möglich ist das natürlich.

Franck:  Also retten sich momentan gerade Buch und Autor gegenseitig? Der Autor braucht das Buch, um dauerhaft da zu sein, und das Buch braucht den Autor, um einen lebenden Autor zu haben, eben kein Softwareprogramm, das ein Buch schreibt.

Bollmann:  Richtig. Ja ich glaube auch, daß es eine bestimmte, hochtrabendes Wort, Kulturleistung ist, von der ich nicht genau weiß. Also man sollte sich gut überlegen bevor man sie preisgibt, was man da preisgibt. Das ist sozusagen mein Plädoyer. Also man kann ja schnell alles über Bord werfen, wobei so schnell das auch nicht geht. Also den Buchmarkt kann man mal nicht so eben am blauen Tisch über Bord werfen. Das schaffen wir alle nicht zusammen. Der wirft sich schon selbst über Bord. Aber dieses "Über Bord werfen" hängt ja schon mit bestimmten Denkweisen und Denken zusammen, die man propagiert, und ich glaube, da gibt es auch viele nicht ganz zu Ende gedachte Gedanken. Natürlich ist es toll, mal was Neues zu denken. Ich finde, daß kann man auch gar nicht genug tun, aber man sollte zwischendurch auch noch mal die Nachdenklichkeit kultivieren, daß man sich noch mal einen zweiten Denkschritt überlegt: Was denke ich da eigentlich, wenn ich dieses denke, und was ist eigentlich der Preis dafür, wenn das so realisiert wird? Und ich weiß nicht, ob dieser Preis dann gerade von denjenigen, die das dann denken, auch bezahlt werden will.

Franck:  Wir vertrauen jetzt also darauf, daß das Buch nicht untergeht. Ich glaube, daß ist ja auch schön so zum Ende hin festgestellt zu haben, daß das Buch nicht untergeht. Kommen wir zum Schluß. Wir haben zum Schluß noch ein paar Fragen vorbereitet bzw. so ein kleines Assoziationsspiel. Wir sagen ihnen ein paar Worte, und Sie sagen uns ganz kurz, was Ihnen dazu einfällt oder versuchen das zu einem Satz zu formulieren. Das erste Wort ist Medienkultur...

Bollmann:  ...ist eine Erfindung des FISCHER-TASCHENBUCH-VERLAGES, um eine bestimmte neue Reihe zu lancieren.

Franck:  Bücher...

Bollmann:  Auf Bücher möchte ich nicht verzichten.

Franck:  Der Computer...

Bollmann:  ...ist ein überschätztes Werkzeug.

Franck:  Das Internet...

Bollmann:  Das Internet. Jetzt schon wieder zu sagen, es ist überschätzt, ist redundant, und daß will ich auch gar nicht tun. Im Internet stecken Möglichkeiten, die wir noch gar nicht kennen und wir projizieren Möglichkeiten hinein, die es gar nicht bietet.

Franck:  Neue Medien...

Bollmann:  Die neuen Medien sind immer die neuen Medien gegenüber den alten Medien, deshalb können mal die neuen Medien auch die alten Medien sein, nämlich dann, wenn es wieder neue gibt.

Franck:  Und Weimar '99...

Bollmann:  Da gehe ich hin.

Franck:  Wir bedanken uns recht herzlich und wünschen Ihnen viel Spaß heute abend beim Vortrag.

Bollmann:  Danke.

 

Diese Transkription enthält das gesamte Interview mit Dr. Stefan Bollmann.
Die grün markierten Passagen stellen die geschnittenen Sequenzen dar.