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Frauen planen Wohnen

 

Bergkamen Frauen planen Wohnungen
27 Wohnungen
bisherige Nutzung Freifläche im Eigentum der Stadt im Bereich der Innenstadt
Nähe zur 1974 gebauten City
Projektbeteiligte Stadt Bergkamen
Wohnungsbaugenossenschaft WBG Lünen
Architektin Anne Rabenschlag, Berlin
IBA
FOPA Feministische Organisation von Planerinnen und Architektinnen
erste überlegungen / Planungsphase 1989: Idee geboren beim Raumplanungs-Workshop Uni Dortmund
"Mehr Macht und Einfluß von Frauen bei der Planung"
1990/91 Befragung und Wettbewerb
Sanierungs- / Baubeginn Ende 1991
erste Neunutzungen 1993: Einzug erster Bauabschnitt
Investitionssumme Wettbewerbskosten: 300.000 DM (Stadt Bergkamen)
Realisierungskosten: 5,5 Mio DM (WBG) im Kostenrahmen des sozialen Wohnungsbaus
Probleme Zuächst Image als Projekt für misshandelte Frauen
Nach dem Einzug Probleme mit den Mietern der Wohnungen über dem Gemeinschaftsraum (Bauliche Nachbesserungen)
Geplantes Cafe konnte nicht wirtschaftlich arbeiten
Umbau der Innenstadt führte zu 4 Jahren Baulärm / Beeinträchtigung auch für Mieter
Stellplätze werden schlecht angenommen, da sie gemietet werden müssen
Maisonettewohnungen schreckte potentielle Mieter mit Kindern (Sturzgefahr)

 

Darstellung des Bürgerbeteiligungsverfahrens

Bereits zur Vorbereitung des städtebaulichen Realisierungswettbewerbs wurde 1990 die FOPA beauftragt, in Bergkamen Gespräche mit Frauen zu führen, die stellvertretend für die späteren Nutzerinnen Aussagen über ihre Wohnprobleme und Wohnwünsche machen sollten. Zielgruppen waren sowohl Alleinlebende, Alleinerziehende und Familien. Diese Gespräche dienten als Hintergrundinformation für die Wettbewerbsteilnehmerinnen Sie sollten bei Ihren Entwürfen "sowohl den Zielen der neuen Stadtmittebildung entsprechen" und einen "Beitrag zu Entwicklung neuer Wohnformen" (Stadt Bergkamen, IBA 1992) liefern. Das Ziel war zudem "eine Architektur, die von Ihren zukünftigen Nutzerinnen und Nutzer in ihren verschiedenen Lebensphasen keine räumliche fixierte Festlegung geschlechtsspezifischer Rollen mehr verlangt" (ebd.)

Die Wettbewerbsjury war besetzt mit Architektinnen, Ratsmitgliederinnen, der Regierungspräsidentin, einer Vertreterin der IBA und der Architektin der FOPA, die alle vorbe-reitenden Interviews geführt hatte, sowie zwei der von ihr befragten Bürgerinnen. In einer ersten öffentlichen Veranstaltung wurde das Projekt 110 Mietinteressierten vorgestellt. In vielen persönlichen Gesprächen durch Mitarbeiterinnen der Wohnungsbaugenossenschaft Lünen wurden in den darauffolgenden Wochen weitere Details mit Interessierten aus den Zielgruppen, alleinerziehende Frauen allein oder in WG, ältere Menschen allein oder in WG, Familien, Frauen aus dem Frauenhaus, besprochen und auf dieser Grundlage ein Vorschlag zur Wohnungsvergabe und zur Kombination der Wohnungen ausgearbeitet. Diese Kombinationsmöglichkeiten ergaben sich durch die flexible Grundrissgestaltung des Siegerentwurfs. Dieser ermöglicht die variable Kombination von großen und kleinen Wohnungen. Dabei wurde darauf geachtet, dass die Wohnungen (etwa durch zwei Eingänge) später bei verändertem Bedarf flexibel zusammengelegt und getrennt werden können.

In der Bauentwurfsphase trafen sich im Juni 1991 die neuen Nachbarn zum ersten Mal und diskutierten die Grundrissgestaltungen für Küchen und Bäder der Wohnungen. Sie hatten im weiteren Verlauf Einfluss auf die Gestaltung der Bäder und Küchen, das Farbkonzept, konnten Fliesen, Bodenbelag und Tapeten selber auswählen und die Gemeinschaftsräume, Grünflächen und Spielplätze gemeinsam gestalten und realisieren.

Besondere Schwierigkeiten dieses Verfahrens

Ein solch intensives Beteiligungsverfahren bedarf eines hohen Engagements der Planer und Architekten. Dabei geraten die Akteure schnell in einen Zielkonflikt zwischen den zeitlichen und auch finanziellen Rahmenbedingungen eines Bauprojekts und den Partizipationsinteressen der Nutzer. Dazu kommen Probleme der Laien/Experten-Kommunikation. Durch die Beteiligung werden ganz besondere Anforderungen an die Transparenz und Lesbarkeit von Architekturentwürfen und die Nachvollziehbarkeit von planerischen Entscheidungen gestellt.

Gerade in diesem Projekt standen auch Fragen der Aktivierung der Nutzer im Mittelpunkt. Da die Zielgruppe aus Mietern des sozialen Wohnungsbaus bestand, waren Ihnen Fragen der Entscheidungsbeteiligung bisher fremd und es gab eine gewisse Skepsis gegenüber diesem Verfahren. Das Gesamtprojekt litt am Anfang unter einem öffentlichen Image als ‚Projekt für misshandelte Frauen', diesem Vorurteil musste mit einer intensiven Informationspolitik über die Ziele des Bauvorhabens entgegengewirkt werden. Die Gestaltung der Wohnungen über zwei Etagen hielt wider erwarten gerade junge Familien mit Kindern ab, da diese die Verbindungstreppen wegen ihrer kleineren Kinder und der damit verbunden Sturzgefahr sehr negativ bewerteten. Auch die sehr frauenfreundlichen Parkplätze wurden schlechter angenommen als erwartet, da diese in den Richtlinien des sozialen Wohnungsbaus als Tiefgaragen kostenpflichtig für die Mieter waren. Diese Miete konnte aber gerade von vielen finanzschwächeren Mietern nicht getragen werden. Nach dem Einzug mussten zudem bauliche Nachbesserungen in den Wohnungen über dem Gemeinschaftsraum vorkommen werden, nachdem diese über starken Lärm geklagt hatten.

Besondere Qualitäten dieses Projektes

Das Projekt ist ein gelungenes Beispiel dafür, dass mit Kreativität und Engagement solche Projekte auch innerhalb des engen Rahmens des sozialen Wohnungsbaus möglich sind. Der Umfang und die Intensität des Beteiligungsverfahrens als auch die Qualität der Architektur haben Vorbildfunktion. Die Vorteile für die Mieter liegen eindeutig in der sozialen Qualität ihres Wohnumfeldes. Der nachbarschaftliche Austausch an den zentralen Orten Gemeinschaftsraum, Spielplatz und Grünflachen stehen im krassen Gegensatz zu einer funktionalistischen Großsiedlungsarchitektur und deren sozialen Folgeerscheinungen von Anonymisierung und Kriminalisierung.