Presse-Information 111/98
Langzeit-Studie der Essener Hautklinik eröffnet HIV-Patienten zweiten Weg
für wirksame Therapie
Zum ersten Mal in Europa sind in der Hautklinik des Essener
Universitätsklinikums HIV-Patienten neben der Standardtherapie zusätzlich
einer Behandlung mit Interleukin-2 (IL-2) unterzogen worden. Dadurch konnte
die Immunabwehr des Köprers in bemerkenswertem Umfang stabilisiert werden.
Nach diesem ermutigenden Ergebnis wird der ersten, auf Essen beschränkten
Studie jetzt eine zweite folgen. 400 Patienten nehmen teil- aus weiteren
deutschen Kliniken sowie aus HIV-Zentren in Amsterdam, Barcelona, Mailand,
Paris und Wien.
Die Standardtherapie für HIV-Patienten besteht neben vorbeugenden Maßnahmen
gegen Gelegenheitsinfektionen in der Verordnung hochwirksamer Medikamente,
die das HI-Virus (humanes Immundefizienz Virus) daran hindern sollen, sich
zu vermehren (antiretrovirale Medikamente). Den Ärzten stehen elf
Medikamente zur Verfügung, von denen sie drei oder vier kombinieren, um die
Viruslast im Blut gegen Null zu drücken. Bei den an der Studie beteiligten
Patienten in der Essener Hautklinik waren das die Substanzen AZT, 3TC und
Saquinavir.
Den zweiten Ansatzpunkt bei der Behandlung der Patienten kann künftig, wie
die unter Beteiligung von 64 Patienten zwischen Mitte 1996 und Mitte 1997
in Essen durchgeführte und inzwischen detailliert ausgewertete Studie
nahelegt, die Verabreichung von Interleukin-2 sein, jenes wichtigen
Botenstoffes, der für die Funktion und Teilung von Lymphzellen im Körper
mitverantwortlich ist.
Schon vor einigen Jahren hatten Wissenschaftler in den Vereinigten Staaten
versucht, durch intravenöse Interleukin-2 Gaben die Immunabwehr von
HIV-Patienten positiv zu beeinflussen. Interleukin-2 in der Blutbahn wirkt
aber hochgiftig, die Patienten müssen sich während der Dauer der Therapie
im Krankenhaus strengen ärztlichen Kontrollen unterziehen.
An der von Professor Dr. Manfred Goos geleiteten Klinik für Haut- und
Geschlechtskrankheiten in Essen gingen Oberarzt Dr. Ulrich Hengge und
seine Mitarbeiter Dr. Vanessa Exner und Dr. Stefan Esser einen anderen Weg:
Interleukin-2 wurde nicht intravenös, sondern unter die Haut gespritzt.
Dort befindet sich die Substanz in einer Art Depot, aus dem sie in
verträglichen Gaben in das Blut gelangt. Die an der Studie beteiligten
Patienten konnten sich das Interleukin-2 selbst spritzen- wie Diabetiker
das Insulin. Die ambulante Fortsetzung der Studie war damit gewährleistet.
In zwei Gruppen - A und B - nahmen 44 HIV-Patienten, die mit der
Dreiertherapie aus AZT, 3TC und Saquinavir behandelt wurden, an der Studie
teil; die Behandlungserfolge wurden verglichen mit den Werten von 20
Kontroll-Patienten, die ebenfalls AZT, 3TC und Saquinavir erhielten. Die
Zahl der CD4-Zellen, die als Schaltzellen des Immunsystems Botenstoffe zur
Abwehr von Infektionen durch den Körper senden, war bei allen beteiligten
Personen vergleichbar: sie lag zwischen 200 und maximal 500 pro
Kubikmillimeter Blut- bei 500 CD4-Zellen beginnt der Wert eines gesunden
Menschen.
Die Patienten der Gruppe A spritzten sich das Interleukin-2 während der
einjährigen Studie im straffen Sechs-Wochen-Rhythmus, die Patienten der
Gruppe B immer dann, wenn die Zahl der CD4-Zellen, die nach den ersten
Interleukin-Gaben spontan angestiegen war, das 1,25 fache des
Ausgangswertes unterschritt. Die Studienleiter Goos und Hengge wollten
neben der Verträglichkeit und Sicherheit der neuen Therapieform ermitteln,
bei welchem Zeitintervall der beste Effekt erzielt wird.
Von den zunächst 44 Patienten, die mit Interleukin-2 behandelt wurden,
beendeten im August 1997 21 Patienten der Gruppe A nach durchschnittlich
8,5 und 19 Patienten der Gruppe B nach durchschnittlich nur 4,6 Zyklen von
Interleukin-2-Gaben die aktive Studienphase. Fast alle Patienten hatten sie
gut vertragen, die Nebenwirkungen beschränkten sich auf
Temperaturerhöhungen und grippale Symptome. Drei Ausnahmen gab es- bei
einem Patienten ein vorübergehender Anstieg der Leberfunktionsparameter,
bei zwei anderen die mögliche Reaktivierung einer Depression.
Demgegenüber stand- von acht Ausnahmen abgesehen- nach einem Jahr ein
beachtlicher Anstieg der CD4-Zellen- im Durchschnitt um mehr als 100 pro
Kubikmillimeter Blut von 370 auf 492 in der Gruppe A und von 350 auf 468 in
der Gruppe B. In der Kontrollgruppe, zu der im August 1997 von den zunächst
20 noch 18 Patienten gehörten, stieg die Zahl der CD4-Zellen von
durchschnittlich 388 auf 415. Bei den Studienpatienten war darüberhinaus
ein signifikanter Anstieg der natürlichen Killerzellen nachweisbar. Auch
sie spielen bei der Immunabwehr eine wichtige Rolle.
Um die Wirkung des stabileren Immunsystems auf das Auftreten von
Infektionen zu untersuchen, registrierten Hengge, Exner und Esser bei ihren
Patienten alle erkennbaren Infektionen sowie Haut-und
Schleimhautveränderungen. Bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt - 21 Monate nach
Studienbeginn - wurde bei keinem der mit Interleukin-2 behandelten
Patienten eine das Vollbild AIDS charakterisierende Infektion festgestellt,
während drei Patienten der Kontrollgruppe inzwischen an einem Gefäßtumor
der Haut, einem Kaposi-Sarkom, leiden. Hautveränderungen, die auf ein
schwächer werdendes Immunsystem hindeuten, etwa das Auftreten von
Feigwarzen, Mundpilz, Gürtelrose oder Herpes, zählten die Ärzte in der
Kontrollgruppe drei- bis sechsmal häufiger als in den Gruppen der
Interleukin-2 Patienten.
Problemlos konnten, das erwies die Studie, auch Patienten Interleukin-2
bekommen, die gleichzeitig an einer Hepatitis B oder C litten. Ein
unerwarteter, aber erfreulicher Nebeneffekt der IL-2-Therapie ergab sich
bei der Untersuchung des Blutplasmas sowie der Lymphknoten von
Studienteilnehmern. Als Folge der Stimulation virusinfizierter Lymphzellen
durch das Interleukin-2 wäre eine Steigerung der Viruslast denkbar gewesen.
Hingegen konnte sechs Monate nach Therapiebeginn bei fünf extra für diesen
Zweck untersuchten Patienten eine leicht reduzierte Viruslast im
Lymphknoten gemessen werden, und im Blutplasma fand sich keine Vermehrung.
Im Gegenteil: Bei einigen Patienten stellten die Ärzte im Verlaufe der
Interleukin-2-Therapie eine signifikante Verringerung der HI-Viruslast
fest.
Angesichts dieser Ergebnisse hoffen der Klinikdirektor Professor Dr. Goos
und Oberarzt Dr. Hengge auf einen "Durchbruch in der HIV-Therapie". Bisher
habe man sich, sagt Hengge, weitgehend mit der Minderung der Viruslast
zufriedengeben müssen. Jetzt könne man sich parallel dazu auf die Stärkung
des Immunsystems konzentrieren.
Hinweis:
Auf Wunsch können wir Ihnen weitere Informationen zur Verfügung stellen
(tel. 0201-723-3649 oder -2847 bzw. e-mail: ulrich.hengge@uni-essen.de) .