Verena Bauernschmidt von der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften und Dr. Eike Spielberg von der Universitätsbibliothek
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Coffee Talk: Tag der Frauen und Mädchen in der Wissenschaft

Wer publiziert, profitiert?!

  • von Jennifer Meina
  • 13.02.2026

Haben Frauen und Männer die gleichen Voraussetzungen, um im Wissenschaftssystem erfolgreich zu sein? Darüber sprachen unter anderem Verena Bauernschmidt aus der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften und Dr. Eike Spielberg von der Universitätsbibliothek im Rahmen eines Coffee Talks an der Universität Duisburg-Essen. Eingeladen hatten zum Tag der Frauen und Mädchen in der Wissenschaft das Prorektorat für Universitätskultur, Diversität und Internationales, das Diversity Support Center, die zentralen Gleichstellungsbeauftragten der UDE, das Graduate Center Plus und das Essener Kolleg für Geschlechterforschung.

In Berufungskommissionen wird regelmäßig diskutiert, ob Bewerberinnen mit weniger Publikationen zu Vorträgen eingeladen werden sollten. „Frauen werden durch solche Kriterien oft früh ausgeschlossen“, sagt Verena Bauernschmidt. In den Wirtschaftswissenschaften publizieren Frauen in Deutschland rund 20 Prozent weniger als Männer, während Publikationen – neben Drittmitteln – eine zentrale Rolle in Berufungsverfahren spielen. Aus diesen Beobachtungen heraus stellten Bauernschmidt und Prof. Dr. Martin Karlsson, Lehrstuhlinhaber für Gesundheitsökonomie an der UDE, einen Antrag bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Das Projekt „Understanding Gender Inequality in Academic Economics“ hat das Ziel, Genderunterschiede im akademischen Karriereverlauf besser zu verstehen.

Fehlende Vorbilder und Perspektiven

Dass es aktiven Handlungsbedarf gibt und sich das Problem nicht „von selbst“ löst, davon ist Bauernschmidt überzeugt. Insbesondere in den Wirtschaftswissenschaften stagniere der Frauenanteil auf bestimmten Karrierestufen. Warum ist Handeln hier relevant? Weibliche Vorbilder fehlen, wodurch sich Studentinnen seltener in entsprechenden Positionen sehen – etwa als Professorinnen in der Makroökonomie. Zudem gehen wichtige Perspektiven verloren, die häufiger von Frauen eingebracht werden. Diese Einseitigkeit wirkt sich langfristig auch auf (fehlenden) politischen und gesellschaftlichen Einfluss der Forschung aus.

Doch woran liegt es konkret, dass Frauen deutlich seltener eine Professur innehaben – in den Wirtschaftswissenschaften an der UDE etwa nur neun Prozent? Bauernschmidt nennt mehrere Faktoren: Männer erhalten nach dem Master häufiger Stellen an forschungsintensiven Einrichtungen und haben dadurch mehr Zeit für Forschung und Publikationen. Frauen übernehmen dagegen überproportional viele akademische Serviceleistungen – etwa in Lehre oder Studienberatung. Auch Unterschiede in Netzwerken spielen eine Rolle. Im Publikationsprozess zeigen Studien keine Unterschiede bei der Annahme von Artikeln, wohl aber bei den Abläufen: Beiträge von Frauen ohne männliche Koautoren werden häufiger bereits früh abgelehnt (Desk Rejection), und Review-Prozesse dauern länger. Nach Ablehnungen überarbeiten Frauen ihre Manuskripte im Schnitt deutlich länger als Männer – obwohl ihre Texte häufig eine höhere Lesbarkeit aufweisen.

Mutterschaft wirkt sich negativ, Vaterschaft positiv auf Karriere aus

Auch Elternschaft spielt eine Rolle: In der Volkswirtschaftslehre scheint sie sich für Männer eher positiv, für Frauen dagegen eher negativ auf den Publikationsoutput auszuwirken – allerdings sind die Auswirkungen nicht einheitlich. Studien aus dem deutschsprachigen Raum zu verwandten Disziplinen finden ebenfalls diese Mutterschaftsnachteile, aber keine Vaterschaftseffekte.

Was also tun? Geplant ist innerhalb des Projekts unter anderem, Co-Autor:innenschaften, Publikationsleistungen und Anerkennungsmechanismen genauer zu analysieren. Dafür werden Wirtschaftswissenschaftler:innen im deutschsprachigen Raum befragt. Die Erhebung umfasst eine Befragung mit experimentellem Design zur Wahl von Ko-Autor:innenschaften sowie die Analyse bibliometrischer und biografischer Daten.

Transparenz schaffen

Ergänzt wurden die Ausführungen durch Dr. Eike Spielberg, der die UDE Gender Publication Gap App vorstellte. Das Tool wird gemeinsam mit Dr. Sarah Kritzler von der Universitätsbibliothek Essen entwickelt und stellt Daten zum Publikationsgeschehen nach Geschlechtern bereit. „Unser Ziel ist es, Transparenz zu schaffen“, betonte Spielberg. Aussagen zu Ursachen treffe die App bewusst nicht – sie liefere Zahlen. Und die zeigen: Nur in der Fakultät für Bildungswissenschaften waren zwischen 2021 und 2026 mehr Frauen als Männer an Publikationen beteiligt. In allen übrigen Fakultäten überwogen männliche Autoren. Den größten Gender Publication Gap weist die Fakultät für Ingenieurwissenschaften auf, wo der Männeranteil an den Publikationen 63 Prozentpunkte über dem der Frauen lag.

Diese Unterschiede zeigen sich auch in der Gesamtbetrachtung: Zwischen 2021 und 2026 entfielen an der UDE 73 Prozent der Publikationsbeteiligungen auf Männer – eine Gender Publication Gap von 46 Prozent. Damit ist er deutlich größer als der Gender Gap bei der Beschäftigung des wissenschaftlichen Personals (Gender Staff Gap) – also dem Unterschied im Anteil von Frauen und Männern unter den wissenschaftlich Beschäftigten –, die im Zeitraum von 2021 bis 2024 bei 15 Prozent lag.

Die App ermöglicht zudem Vergleiche zwischen Fakultäten und dem sogenannten Gender Staff Gap. Während in der Physik zwar insgesamt weniger Frauen tätig sind, diese aber anteilig ähnlich viel publizieren wie Männer, zeigt sich in der Biologie ein anderes Bild: Dort sind 51 Prozent des wissenschaftlichen Personals Frauen, gleichzeitig stammen 65 Prozent der Publikationen von Männern – ein Gender Publication Gap von 30 Prozent.

Das Tool werde derzeit weiter ausgebaut und soll künftig universitätsweit stärker kommuniziert und genutzt werden, so Spielberg.

Im Bild (Kreise):
Verena Bauernschmidt und Dr. Eike Spielberg

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