Ein Zitronenfalter sitzt auf einer Blume
© Wilhelm Osterman

Gesetzesentwurf zu Pestiziden

Europäische Forscher:innen benennen Risiken

Pestizide unterliegen in der EU strengen Zulassungsverfahren. Die EU-Kommission plant nun, die Verfahren zu vereinfachen und regelmäßige Neubewertungen vieler Wirkstoffe weitgehend durch anlassbezogene Prüfungen zu ersetzen. In der renommierten Zeitschrift Science warnen Wissenschaftler:innen von 27 europäischen Forschungseinrichtungen, dass die geplante Reform zentrale Schutzmechanismen in der Zulassung schwäche – mit Auswirkungen auf Mensch und Umwelt. Zu den Co-Autoren des Beitrags gehören die Umweltforscher Professor Ralf B. Schäfer und Paul N. Ozoh sowie der Politikwissenschaftler Timo Hülsdünker von der Universität Duisburg-Essen.

Derzeit werden Pestizid-Wirkstoffe auf EU-Ebene meist für zehn Jahre zugelassen. Danach können Hersteller eine Weiterzulassung beantragen und müssen dabei Daten zur Sicherheit des Wirkstoffs vorlegen. Dieser durchläuft dann eine erneute Risikoanalyse. „Das stellt eine regelmäßige Überprüfung der Wirkstoffe nach aktuellem wissenschaftlichen Stand sicher“, erklärt Professor Ralf B. Schäfer, Umweltforscher an der Universität Duisburg-Essen.

„In der Praxis hat sich die Wiederzulassung als wichtiger Hebel erwiesen, um problematische Stoffe vom Markt zu nehmen“, betont Schäfer. Seit 2011 wurden durch die Neubewertung 59 Wirkstoffe aus Gesundheits- oder Umweltgründen nicht erneut zugelassen.

Mit der geplanten Reform würde sich die Logik der Risikobewertung verschieben. Während Hersteller heute regelmäßig nachweisen müssen, dass ihre Wirkstoffe weiterhin dem aktuellen Schutzniveau für Umwelt und Gesundheit entsprechen, würde eine Neubewertung künftig erst bei konkreten Hinweisen auf nicht akzeptable Risiken erfolgen. „Damit erfolgt faktisch eine Beweislastumkehr vom Hersteller zu den Behörden“, erklärt Schäfer. Die Forschenden kritisieren, dass dies die Risiken von Pestiziden für Biodiversität, Bestäuber, Gewässer und die menschliche Gesundheit erhöhe, das Vorsorgeprinzip untergrabe und den europäischen sowie internationalen Umweltschutzzielen entgegenwirke.

Auch Änderungen in den Übergangsregelungen bewerten die Wissenschaftler:innen kritisch: Aktuell dürfen Produkte nach Auslaufen der Wirkstoffzulassung noch bis zu 18 Monate verbraucht werden; bei unmittelbaren Gefahren ist ein sofortiger Anwendungsstopp vorgesehen. Der Reformvorschlag würde diese Fristen auf bis zu drei Jahre verlängern – selbst bei Umwelt- oder Gesundheitsbedenken, solange diese nicht als unmittelbar und schwerwiegend gelten.

„Entgegen dem Ziel, Innovation zu fördern, könnte der Vorschlag Innovationsanreize schwächen“, sagt Schäfer. „Wenn ältere Produkte länger auf dem Markt bleiben und weniger häufig überprüft werden, sinkt der Druck, sicherere und innovativere Alternativen zu entwickeln oder auf dem Markt zu etablieren.“

Im Artikel legen die Autor:innen außerdem Empfehlungen vor, wie die EU schädliche Auswirkungen von Pestiziden langfristig reduzieren und zugleich die Zulassung effizienter gestalten können, darunter öffentliche Zulassungsstudien, einheitliche Bewertungskriterien und stärkeres Umweltmonitoring. 

„Ein kontinuierliches Monitoring könnte beispielsweise helfen, regulatorische Entscheidungen an der Realität zu messen und gegebenenfalls anzupassen – ähnlich wie die Pharmakovigilanz im Arzneimittelbereich“, sagt Schäfer, der auch Mitautor eines Focus Papiers der Leopoldina ist, das dafür plädiert, Pestizidzulassungsverfahren nicht zulasten von Gesundheit und Umwelt zu lockern.

Weitere Informationen

Die Erstautorenschaft des Policy Forums in Science liegt bei der  Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Die ausführliche Pressemitteilung der Universität Freiburg finden Sie hier: https://uni-freiburg.de/gesetzesentwurf-der-eu-kommission-zu-pestiziden-europaeische-forscherinnen-benennen-risiken/ 

Zur Publikation in Science: Dimitry Wintermantel et al., EU Omnibus proposal increases pesticide risks. Science 0, DOI:10.1126/science.aeg8744

Im Bild: Die Empfehlungen der Forschenden sollen auch Insekten wie den Zitronenfalter (Gonepteryx rhamni) langfristig schützen. Foto: Wilhelm Osterman

Wissenschaftlicher Ansprechpartner an der Universität Duisburg-Essen

Prof. Dr. Ralf B. Schäfer, Professor for Ecotoxicology Research Center One Health Ruhr, University Alliance Ruhr & Fakultät für Biologie, Universität Duisburg-Essen, Tel. 0201/18 3-3962, ralf.schaefer@uni-due.de
 

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