Universität Duisburg-Essen, Institut für Evangelische Theologie 

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Hornung, Erik, (1933-): Gesänge vom Nil. Dichtung am Hofe der Pharaonen. Zürich / München: Artemis, 1990, 101-104.193-194.

Gedichte eines Lebensmüden

<193-194, gekürzt:> Auszug aus einem Werk, das wie die Klagen zur «Auseinandersetzungsliteratur» des Mittleren Reiches gehört und nur in einer einzigen Handschrift, dem Papyrus Berlin 3024 aus der 12. Dynastie (um 1800 v. Chr.), erhalten ist. Auch als «Gespräch eines Mannes mit seinem Ba» bekannt, wurde der Text erstmals 1896 durch A. Erman bearbeitet, zuletzt von W. Barta, Das Gespräch eines Mannes mit seinem Ba, Berlin 1969, und H. Goedicke, The Report about the Dispute of a Man with His Ba, Baltimore 1970.

Eine Fülle von Deutungen und Bearbeitungen hat sich immer wieder um das Verständnis dieses schwierigen Textes bemüht. So viel ist sicher, daß der «Lebensmüde» wie der «Oasenmann» am gegenwärtigen, schmerzhaft unvollkommenen Zustand der Welt, an all ihrem Elend verzweifelt und seine Hoffnung auf ein Fortleben im Jenseits richtet, so daß der Tod als Befreiung herbeigesehnt wird. Demgegenüber ist sein Ba, der frei bewegliche seelische Teil des Menschen, das lebenspendende Prinzip; er sucht den Menschen auf das Diesseits zurückzulenken, fordert zum ungetrübten Genuß des Lebens auf (wie später die Harfnerlieder) und droht sogar, sich vom Menschen zu trennen.

Die vier Strophenfolgen der Gedichte spiegeln den Gang des Dialogs: vom Streit mit dem Ba («Siehe, anrüchig ist mein Name durch dich ... ») und der Klage über die gegenwärtige Wirklichkeit («Zu wem soll ich heute sprechen? . . ») zum Preis von Tod («Der Tod steht heute vor mir ... ») und jenseits («Wahrlich, wer dort ist ... »). Am Schluß ist der Ba versöhnt und bereit, im Diesseits wie im Jenseits beim Menschen zu bleiben und sein Schicksal mit ihm zu teilen. Wäre es anders, müßte die menschliche Person zerfallen - im Totenbuch und in anderen Jenseitstexten wird betont, daß sich Ba und Körper immer wieder neu vereinigen müssen, damit ein Wiederaufleben der Verstorbenen möglich wird.

Der Mann klagt sein BA an:

Siehe, anrüchig ist mein Name durch dich, mehr als der Gestank von Aasgeiern an Sommertagen, wenn der Himmel glüht.
Siehe, anrüchig ist mein Name durch dich, [mehr als der Gestank] beim Fischempfang am Tage des Fischfangs, wenn der Himmel glüht.
Siehe, anrüchig ist mein Name durch dich, mehr als der Gestank von Vögeln, als ein Sumpfdickicht mit Wasservögeln.
Siehe, anrüchig ist mein Name durch dich, mehr als der Gestank der Fischer und als die Lagunen, in denen sie fischen.
Siehe, anrüchig ist mein Name durch dich, mehr als der Gestank von Krokodilen, als ein ganzer Wohnplatz von Krokodilen.
Siehe, anrüchig ist mein Name durch dich, mehr als eine Ehefrau, über die man ]lügen verbreitet wegen eines Mannes.
Siehe, anrüchig ist mein Name durch dich, mehr als das Kind eines Angesehenen, von dem gesagt wird, es gehöre dem, den er haßt.
Siehe, anrüchig ist mein Name durch dich, [mehr als] eine Siedlung des Königs, die auf Empörung sinnt, wenn sein Rücken gesehen wird.

Der Mann klagt über seine Lage:

Zu wem soll ich heute sprechen? Die Angehörigen sind schlecht, die Freunde von heute kann man nicht lieben.
Zu wem soll ich heute sprechen? Habgierig sind die Herzen, ein jeder beraubt seinen Nächsten.
Zu wem soll ich heute sprechen? Die Milde ist zugrunde gegangen, Gewalttätigkeit ergreift Besitz von jedermann.
Zu wem soll ich heute sprechen? Das Antlitz des Schlechten glänzt zufrieden, das Gute ist zu Boden geworfen überall.
Zu wem soll ich heute sprechen? Wer einen Mann wegen seiner schlechten Tat zur Rede stellt, bringt alle Bösewichter zum Lachen.
Zu wem soll ich heute sprechen? Man plündert. Jeder bestiehlt seinen Nächsten.
Zu wem soll ich heute sprechen? Der Verbrecher ist ein Vertrauensmann, der Bruder, mit dem man lebte, ist zum Feind geworden.
Zu wem soll ich heute sprechen? Man erinnert sich nicht an Gestern und vergilt (auch) nicht dem, der jetzt (Gutes) tut.
Zu wem soll ich heute sprechen? Die Angehörigen sind böse, man wendet sich zu Fremden, um Redlichkeit zu finden.
Zu wem soll ich heute sprechen? Die Herzen sind zugrunde gerichtet, jedermann wendet den Blick zu Boden vor seinen Angehörigen.
Zu wem soll ich heute sprechen? Die Herzen sind habgierig, man kann sich auf keines Menschen Herz (mehr) verlassen.
Zu wem soll ich heute sprechen? Es gibt keine Gerechten, die Welt bleibt denen überlassen, die Unrecht tun.
Zu wem soll ich heute sprechen? Es mangelt an Vertrauten, man nimmt Zuflucht zum Unbekannten, um ihm zu klagen.
Zu wem soll ich heute sprechen? Es gibt keinen Glücklichen, und jener, mit dem man (früher) ging, ist nicht mehr.
Zu wem soll ich heute sprechen? Ich bin mit Elend beladen, weil mir ein Vertrauter fehlt.
Zu wem soll ich heute sprechen? Das Übel, welches die Welt schlägt -kein Ende hat es!

* * *

Der Mann preist den Tod:

Der Tod steht heute vor mir wie das Genesen eines Kranken, wie wenn man ins Freie tritt nach einem Leiden.
Der Tod steht heute vor mir wie der Duft von Weihrauch, wie Sitzen unter dem Segel am Tag des Windes.
Der Tod steht heute vor mir wie Duft der Lotosblüten, wie Wohnen am Rand der Trunkenheit.
Der Tod steht heute vor mir wie das Aufhören des Regens, wie die Heimkehr eines Mannes vom Feldzug nach Hause.
Der Tod steht heute vor mir wie die Klarheit des Himmels, wie wenn ein Mensch die Lösung eines Rätsels findet.
Der Tod steht heute vor mir wie der Wunsch eines Menschen, sein Heim wiederzusehen, nachdem er viele Jahre in Gefangenschaft verbrachte.

* * *

Der Mann sehnt sich nach dem Jenseits:

Wahrlich, wer dort ist, ist ein lebendiger Gott, der die Sünde bestraft an dem, der sie tut.
Wahrlich, wer dort ist, der steht im Sonnenschiff, Erlesenes verteilt er daraus für die Tempel.
Wahrlich, wer dort ist, der ist ein Weiser, der nicht gehindert werden kann, zum Sonnengott zu gelangen, wenn er spricht.


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Last modified: April 05, 2007