Universität Duisburg-Essen, Institut für Evangelische Theologie 

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Schart, Aaron, Stand: 2007-04-05

Beyerlin, Walter, (Hg.): Religionsgeschichtliches Textbuch zum Alten Testament. Grundrisse zum AT, ATD Ergänzungsreihe. Vol. 1.  Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1975, 89-93. UB Essen 11 JNA 1101

<89:> VI. Aus dem Totenbuch


 

31. Das negative Sündenbekenntnis (Totenbuch Spruch 125)

Der Text ist durch überaus zahlreiche nicht oder nur unzureichend veröffentlichte Handschriften bezeugt. Da eine kritische Ausgabe fehlt, stützt sich die folgende Übersetzung auf die Texte bei E. Naville, Das ägyptische Todtenbuch der XVIII. bis XX. Dynastie, 1886 und E.A.W.Budge, The Book of the Dead, 1898. Zeilenzählung nach Naville.

Der offensichtlich aus verschiedenen Einzelstücken zusammengesetzte Spruch 125 ist erstmals im frühen Neuen Reich belegt. Bei zahlreichen Textvarianten im einzelnen scheint die Komposition im ganzen kanonisch zu sein. Wie die meisten ägyptischen Totentexte ist auch dieser Spruch in der vorliegenden Fassung magisch gemeint: Wer ihn aufsagt, „wird von seinen Sünden getrennt". Doch zeugt die Nennung der Sünden für die Ethik der Ägypter und steht in engem Zusammenhang mit Autobiographien und Lebenslehren. Orientiert sein könnte das negative Sündenbekenntnis an Formeln der Reinheitsbeteuerung, die Priester (oder andere Beter?) beim Betreten des Tempels abzulegen hatten (vgl. hierzu Ps. 15; 24,3-6; Jes. 33,14-16). In der vorliegenden Fassung aus dem Neuen Reich sollen Teil I vom Toten beim Betreten der Halle des Totengerichts, Teil II beim Akt der Prüfung gesprochen werden, bei dem das Herz des Toten gegen die Maat gewogen wird und der Waagbalken, an dem die beiden Waagschalen hängen, dann in Ruhe bleibt, wenn die Aussage stimmt, die genannte Sünde also nicht begangen worden ist. Teil III schließlich war wohl, wie die Einleitung sagt, beim Verlassen der Halle zu sprechen.

Sieht man von dem besonderen Verwendungszusammenhang ab, so läßt sich das Bekenntnis Teil II mit at.lichen („Beichtspiegeln", besser:) Unschuldsbekenntnissen parallelisieren, am meisten mit 5.Mose 26,13-14, mit Ps. 26,4-5, ferner mit 1.Sam. 12,3 und Hi. 31, wo freilich anders stilisiert ist. Einzelne Bekenntnissätze berühren sich substantiell mit at.lichen Ge- und Verboten sowie entsprechender prophetischer Kritik, so etwa die Beteuerung, Maße und Gewichte nicht verändert zu haben (II 16f.), mit 3. Mose 19,35 f.; 5. Mose 25,13 ff.; Ez. 45,10 ff.; Hos. 12,8; Am. 8,5; Mi. 6,10 f.; Spr. 11,1 u. ö. Die Vorstellung von dem den Menschen wägenden Gott tritt, aus dem Rahmen des Totengerichtes gelöst, in Hi. 31, 6 auf. Sie steht auch hinter Jes. 40,15; Ps. 62,10 und Dan. 5,27. Nicht zuletzt kommt sie in der Ikonographie des christ- <90:> lichen jüngsten Gerichtes zum Vorschein. Die Vorstellung von den Göttern im Gefolge des großen Gottes, die über der Menschen Wandel berichten (13; III 12), erinnert (mutatis mutandis) an Hi. 1,6ff. Daß das Totenreich als „Schweige-Land" gekennzeichnet ist (III 16), hat schließlich in Ps. 94,17 und 115,17 eine genaue Entsprechung.

Das ganze Totenbuch ist von P.Barguet übersetzt worden: Le livre des morts des anciens Egyptiens, 1967, der Spruch 125 von J. Yoyotte: Le jugement des morts, SOr 4, 1961, S. 51 ff.; vgl. dazu J. Spiegel, Die Idee vom Totengericht in der ägyptischen Religion, LÄS 2, 1935.

Einleitung

1 Was zu sagen ist beim Eintreten in die Halle der beiden Wahrheiten /325/ beim Trennen des N. N. von allem 2 Bösen, das er getan hat, beim Schauen der Gesichter der Götter 326): N.N. spricht:

I. Begrüßung

Gegrüßet seist du, großer Gott, Herr der beiden Wahrheiten! Ich bin zu dir gekommen, 3 mein Herr, ich bin zu dir gebracht worden, um deine Vollkommenheit zu schauen. Ich kenne dich, ich kenne den Namen der 42 Götter, die bei dir sind in 4 der Halle der beiden Wahrheiten, die von denen leben, die das Böse behalten haben 327), die von ihrem Blute schlürfen an jenem Tage 5 des Abrechnens der Charaktere vor Unennofer (d.i. Osiris). ‚Der, dessen beide Augen Töchter sind 328), Herr der Maat’ ist dein Name. Ich bin zu dir gekommen, 6 nachdem ich dir die Maat gebracht habe und dir das Unrecht vertrieben habe.

 

325) Die Zweizahl bezeichnet im Ägyptischen oft die Vollständigkeit, so daß zu verstehen sein dürfte „der ungebrochenen Wahrheit". „Wahrheit" heißt auf ägyptisch Maat, s. dazu Anm. 40.

326) Var.: „den Gott, den Herrn der Gesichter", d. i. der Sonnengott.

327) Die also nicht davon getrennt wurden, die den vorliegenden Spruch nicht haben aufsagen können oder nicht freigesprochen worden sind. Weniger wahrscheinlich: „die von der Bewachung der Sünder (oder der Sünden) leben".

328) Der Sonnen- und Himmelsgott, als dessen „Töchter" Sonne und Mond gelten können.

 

II. Negative „Beichte"

Ich habe kein Unrecht gegen Menschen begangen. Ich habe das Vieh (Gottes) 329) nicht in Not gebracht. Ich habe keine Unzucht getrieben 330) 7 an der Stätte der Wahrheit 331). Ich kenne nicht, was nicht existiert 332). Ich habe nicht 8 Böses getan ... 9 Mein Name ist nicht in die Barke dessen gekommen, <91:> der die Leute leitet 333). Ich habe nicht Gott 10 gelästert. Ich habe mich nicht an einem Armen vergriffen 334). Ich habe nicht den Tabu eines Gottes gebrochen. 11 Ich habe keinen Diener bei seinem Vorgesetzten angeschwärzt. Ich habe nicht krank 12 gemacht 335). Ich habe nicht weinen gemacht. Ich habe nicht getötet. Ich habe nicht zu töten geheißen 336). 13 Ich habe nicht das Leiden irgendwelcher Leute verursacht. Ich habe nicht die Speisen in den 14 Tempeln geschmälert. Ich habe nicht die Opferbrote der Götter geschädigt. Ich habe nicht die Opferkuchen 15 der Toten geraubt. Ich habe nicht einen Buhlknaben beschlafen, ich habe mich nicht selbst befriedigt 337). 16 Ich habe nichts zugefügt noch vermindert am Scheffel. Ich habe nichts vermindert am Ackermaß. Ich habe nichts fortgenommen an Ackerland. Ich habe nichts zugefügt am Gewicht der 17 Standwaage, ich habe nichts verringert am Lot der Handwaage. Ich habe nicht die Milch aus dem Mund des Säuglings fortgenommen. Ich habe 18 nicht das Kleinvieh seiner Kräuter beraubt. Ich habe keine Vögel gefangen im Schilfrohr der Götter, ich habe nicht in ihren Lagunen 19 gefischt 338). Ich habe das Wasser in seiner Jahreszeit 339) nicht abgeleitet. Ich habe keinen Damm gegen fließendes Wasser gebaut. Ich habe nicht das Feuer zu seiner Zeit (d. h. wenn es brennen sollte) gelöscht. 20 Ich habe nicht den Zeitpunkt für die Opfer überschritten. Ich habe nicht den Herden des Gottesbesitzes (d. h. der Tempel) gewehrt. Ich bin dem Gott bei seinem Auszug nicht entgegengetreten 340). 21 Ich bin rein (viermal zu sprechen) ! Meine Reinheit ist die Reinheit des großen Phönix, der in Herakleopolis ist, denn ich bin die Nase 22 des Herrn des Lebensodems, der alle Ägypter am Leben erhält ...341).

 

329) Die Menschen, s. Anm. 47.

330) Übersetzung unsicher. Ich denke an das Wort iwit, das neben der allgemeinen Bedeutung „Haus" sicher auch „Bordell" heißt (pAnast. IV 12,3 mit Varr.).

331) D. h. wohl: in der Nekropole, deren Felsgräber Liebesleuten geeigneten Unterschlupf anboten.

332) Hierzu vgl. E. Hornung, Der Eine und die Vielen, S.166 ff.

333) Var. statt „Barke" „Amt". Gemeint ist entweder der Einsatzleiter des Zwangsarbeitsdienstes (corvee) oder einer Gefangenen-Abteilung, wohl ersterer, bei dem der Sprecher nicht unangenehm auffiel.

334) Var.: an der Habe eines Armen. 335) Wohl durch Schadenzauber.

336) In dem Text Ramses' IV., der als König von Amts wegen Todesurteile zu fällen hatte, steht der Zusatz: „unrechtmäßig".

337) Die beiden letzten Sätze sind in ihrer genauen Bedeutung unsicher. Homosexualität war streng verpönt, die entsprechende Handlung ist als Siegergeste zur Entehrung des Unterlegenen bekannt. Vgl. pBremner-Rhind 22,19.

338) In den Tempelbesitzungen.

339) Während der Zeit der Nilüberschwemmung. Gemeint ist wohl die widerrechtliche Aneignung von Wasser durch Ableiten auf eigene Felder.

340) Bei manchen Prozessionen fanden Mythenspiele statt, bei denen Leute bewaffnet dem Gott und seinen Anhängern entgegenzutreten hatten. Obwohl solche Aufführungen Gegner des Gottes erforderten, scheint doch diese Rolle als Sünde gewertet worden zu sein.

341) Es folgen Hinweise auf Mythen von Heliopolis, deren Kenntnis, ja Miterleben der Tote nachweist. Danach werden die 42 Totenrichter einzeln mit - verschlüsselten - Namen angerufen und vor jedem wird versichert, daß der Sprecher eine bestimmte Sünde (deren Zusammenhang mit den Angesprochenen nur teilweise erkennbar ist) nicht getan habe (2. negative „Beichte"). Bevor die Richter das Ergebnis dieser Untersuchung dem Gott berichten, der das Urteil spricht, wendet sich der Tote nochmals an sie.

 

<92:> III. Schlußrede

2 Seid gegrüßt, ihr Götter! 3 Ich kenne euch, ich kenne eure Namen. Ich werde nicht eurem 4 Gemetzel verfallen, denn ihr werdet nichts Schlimmes über mich jenem großen Gott berichten, in dessen Gefolge ihr seid. 5 Durch euch wird mein Name nicht (vor ihn) kommen, vielmehr werdet ihr „Wahrheit“ 342) von mir sagen vor dem Allherrn, denn ich habe Wahrheit getan im Lande Ägypten. Ich habe keinen Gott beschworen 343) und ich wurde nicht belangt wegen eines regierenden Königs 344). Gegrüßet seid ihr, Götter in der Halle der beiden 7 Wahrheiten, in deren Leib nichts Unrechtes ist, die ihr von der Maat lebt, die ihr von der Maat trinkt 8 vor Horus in seiner Sonnenscheibe: Rettet mich vor Babi 345), der von den Eingeweiden der Großen lebt an jenem Tage der großen Abrechnung. 9 Seht, ich bin zu euch gekommen, ohne daß ich eine Sünde, ohne daß ich eine Schuld habe, ohne daß es etwas Böses an mir, ohne daß es einen Zeugen gegen mich gäbe, oder einen, gegen den ich etwas (Böses) getan hätte. Vielmehr 10 lebe ich von der Maat und trinke von der Wahrheit. - Ich habe getan, was die Menschen gesagt haben 346) und womit die Götter immer zufrieden sind. Ich habe den Gott mit dem zufrieden gestellt, was er liebt: "Ich habe Brot gegeben dem Hungrigen und Wasser dem Durstigen, Kleider dem Nackten und eine Fähre dem Schifflosen 347). 12 Ich habe den Göttern die Gottesopfer und den Toten die Totenopfer dargebracht. So rettet mich denn, so schützt mich denn, macht keine Meldung über mich beim Großen Gott! 13 Ich bin einer mit reinem Mund und reinen Händen, einer, zu dem die, die ihn sehen, „Willkommen!" sagen: denn ich habe jenen großen Streitfall untersucht, den der Esel und der Kater 14 im Hause des Maulaufreißers vorgetragen haben 348). Der Fährmann war Zeuge und stieß einen lauten Schrei aus. Ich habe auch das Spalten des Isched-

<93:> baumes in der westlichen Nekropole gesehen 349).  15 Ich bin der Mumifizierer (Paraschist) der Götterneunheit und kenne das, was in ihren Leibern ist 350).

Ich bin hierher gekommen, 16 die Waage im Gleichgewicht zu halten im Schweige-Lande 351) ...

 

342) Die Richter fällen nicht selbst das Urteil, berichten vielmehr dem „Großen Gott" (Osiris oder dem Sonnengott), der dann das Urteil spricht. Der Tote bittet, daß sie über ihn das Wort „Wahrheit" sagen sollen, d. h. bestätigen, daß seine Aussagen im negativen Bekenntnis den Tatsachen entsprochen haben.

343) Zauberei gegen einen Gott ist wie im AT Sünde. Vgl. 2. Mose 20,7; 5. Mose 5,11; Ez. 13,19. - Varianten haben stattdessen „gelästert", wobei Gotteslästerung mit dem folgenden „Majestätsbeleidigung" ein Begriffspaar abgäbe.

344) Es mag Beleidigung gemeint sein oder aber auch Beschwörung oder überhaupt mißbräuchliche Nennung des Namens.

345) Ein unheimlicher Gott in Affengestalt (Babi>Babuin>Pavian).

346) Gemeint sind die Lebenslehren ägyptischer Weiser, die, ähnlich der at.lichen Weisheit (Chokma), Regeln (nicht Gesetze!) für ein gott- und menschengefälliges Leben aufstellen.

347) Da die Felder oft auf der anderen Seite des Nils oder eines Kanals liegen, sind die Ärmeren, die kein eigenes Boot besitzen, oft dem Profitgeist der Bootsbesitzer ausgeliefert. Es gilt als soziale Tat, Arme unentgeltlich überzusetzen. - Vgl. III 11 insgesamt mit 5. Mose 15,7f.; Jes. 58,7; Ez. 18,7.16; Spr. 22, 9, aber auch Spr. 11, 24 ff.

348) Nilpferd? Anspielung auf einen uns unbekannten Mythus. 

349) Nach einem Kampf gegen Götterfeinde wird der Ischedbaum (Sykomore?) gespalten, damit die Sonne aufgehen, d. h. wiedergeboren werden kann.

350) Auch hier geht es um die Kenntnis geheimer Dinge, konkret vorgestellt als Leibesinhalt der Götter, der bei der Öffnung des Leibes bei der Mumifizierung zutagetritt.

351) Das Jenseits.