Universität Duisburg-Essen, Institut für Evangelische Theologie 

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Aaron Schart, last edited 2007-04-05

Die Gleichnisse der synoptischen Evangelien

In den Synpotikern (im Unterschied zu Joh!) sind 37 knappe Kurzgeschichten überliefert, die von den Evangelisten als Gleichnisse (griechisch: parabole; Mk 4), d.h. als eine Redeform mit uneigentlichem Sinn, bezeichnet und verstanden werden. Dieser Begriff ist allerdings zu unscharf. Ein genauerer Vergleich der fraglichen Kurzerzählungen macht wichtige Unterschiede zwischen den verschiedenen Texten deutlich. 

Die heute noch übliche Unterscheidung verschiedener Gleichnistypen geht auf Adolf Jülicher (1857-1938) zurück. In seinem zweibändigen Werk "Die Gleichnisreden Jesu" unterschied er mit Hilfe der von Aristotels in seiner Rhetorik entwickelten Kategorien vier Formen:

Das Gleichnis im engeren Sinn

Darin wird ein allseits bekannter, regelhafter Vorgang aus dem Bereich der Normalerfahrung als Analogie genommen (uneigentlicher Gebrauch der Normalbedeutung), um einen Sachverhalt aus einem den Hörern nicht vertrauten Bereich einsehbar und akzeptierbar zu machen. 

Beispiel Mk 4,3-8: Am Beispiel des weit verbreiteten Berufsbildes des Bauern, der auf widrigem Acker sein Saatgut ausbringt, kann man deutlich machen, dass menschliche Arbeit auch auf anderen Feldern menschlicher Anstrengung trotz besten Einsatzes nur dort gelingt, wo sie auf den "fruchtbaren Acker" trifft.  Der Mensch, der sich unter widrigen Bedingungen für seinen Lebensunterhalt abmüht, ist auf das fruchtbare Land angewiesen. In Analogie dazu können auch andere Arbeiten begriffen werden.  

Die Parabel

Die Parabel erzählt einen interessanten, fiktiven Einzelfall, der ein besonderes, unerwartetes Verhalten in Szene setzt. Mit dessen Hilfe kann der Erzähler die Ungewöhnlichkeit eines anderen Sachverhalts, der den Hörern nicht so nahe liegt, illustrieren. 

Beispiel Mt 20,1-16: Auch das Beispiel des Weinbergbesitzers, der am Tag der Ernte Tagelöhner anwirbt, um die Ernte der Weintrauben möglichst schnell abzuschliessen, ist zunächst einmal der allen Hörern zugänglichen Erfahrungswelt entnommen. Eine besondere Note kommt dadurch hinein, dass der Weinbergbesitzer allen seinen Arbeitern den gleichen Lohn auszahlt, egal wie lange sie am Tag der Ernte dafür gearbeitet haben. Dies dürfte als ein überraschendes, nicht mit den üblichen Maßstäben der Entlohnung zu vereinbarendes Verhalten gemeint sein (auch wenn man nicht voraussetzen kann, dass die Grundkategorie der modernen Leistungsgesellschaft "jedem nach seiner Leistung" schon damals immer und ausnahmslos in Geltung stand). 

Die Beispielerzählung

Ebenfalls einen Einzelfall bietet die Beispielerzählung dem Hörer dar. Im Unterschied zur Parabel soll dieser Einzelfall aber vom Hörer direkt nachgeahmt werden. 

Beispiele für diese Erzählungen von Präzedenzfällen finden sich -nach allgemeiner Auffassung- nur im Lukasevangelium: der barmherzige Samariter (Lk 10,30ff) stellt dar, wie man sich einsetzen soll, wenn man auf einen Menschen in einer lebensgefährlichen Notlage trifft; die Erzählung vom reichen Kornbauern (12,16ff) und vom reichen Mann und armen Lazarus (16,19ff) fordern den Hörer dazu auf, im eigenen Arbeitsleben nicht nach Reichtum zu streben. Und das Beispiel vom Pharisäer und Zöllner (18,10ff) illustriert, wie Christen beten sollen, nämlich im vollen Bewusstsein des Zurückbleibens hinter dem von Gott Geforderten. 

Allegorie

Hat eine Erzählung in ihrer eigentlichen, normalen Bedeutung keinen Sinn, sondern ist jedem Einzelzug, und nicht nur der Erzählung als Ganzer, ein verborgener Sinn unterlegt, der der Entschlüsselung durch den Eingeweihten bedarf, so handelt es sich um eine Allegorie. 

Die Forschung führt seit Jülicher zwar keine Allegorien auf den historischen Jesus zurück, aber viele Gleichnisse haben, insbesondere im Gebrauch der Evangelisten, die darin vermutlich den gemeindlichen Usus reflektieren, allegorische Züge erhalten oder wurden als Allegorien ausgebaut.

Mk, der im Übrigen auffallend wenig Gleichnisse Jesu überliefert, hat die wenigen Gleichnisse, die er überliefert, als Allegorien verstanden. Bei der ersten Darbietung eines Gleichnisses in seinem Evangelium, nämlich dem Gleichnis vom Säemann, schließt er ein Zwiegespräch zwischen Jesus und seinen Jüngern (also unter Ausschluss der Öffentlichkeit) an, das die Deutung der Gleichnisse und deren Verwendungsabsicht klärt (Mk 4,1-20). Demnach sind Jesu Gleichnisse (parabole) oder Bilder (paroimia) als Allegorien zu verstehen: Der Same ist das "Wort" (die Verkündigung Jesu?), die verschiedenen Orte, auf die der Same fällt sind unterschiedliche Typen von Hörern. Jesus gebraucht die allegorische Redeweise, um den eigentlich gemeinten Sachverhalt gegenüber den korrupten Führern Israels zu verhüllen. Es ist gleichsam eine Geheimsprache, die nur für die gedacht ist, die das eigentlich Gemeinte entschlüsseln können (vgl. auch Joh 16,25). 
Die allegorische Auslegung gewann zunehmende Beliebtheit und war die Auslegungsform der christlichen Exegese bis zum Aufkommen der historisch-kritischen Exegese. (Als Beispiel diene Augustins Auslegung des Gleichnisses vom barmherzigen Samariter).

Problematisierung der Typeneinteilung Jülichers

Die Typeneinteilung Jülichers versucht rein formale Kriterien zur Textsortenunterscheidung anzugeben und ist dadurch in ihrer Systematik recht einleuchtend. Die Unterscheidung von Parabel und Beispielerzählung setzt allerdings zusätzlich zu den formalen ein pragmatisches Kriterium ein, das aus der Form der Erzählung selbst nicht ableitbar ist. Ob ein erzählter Einzelfall nämlich zur Nachahmung empfohlen wird (= Beispielerzählung) oder dem Verweis auf eine von der Textwelt unterschiedene Sache dient (=Parabel), setzt vom Hörer die Kompetenz voraus, zwischen Nachahmungswertem und Einmaligem zu entscheiden. 

Schwierigkeit der Klassifizierung von Kurzerzählungen 

Die Zuweisung einer Kurzerzählung zu einem Typ ist für die Deutung unerlässlich, da jeder Typ vom Hörer/Leser eine andere Art von Mitarbeit erwartet. Hier liegt ein wesentliches Einfallstor für Missverständnisse!

Wie schwierig es im Einzelfall sein kann, Kurzerzählungen einem Typ zuzuweisen, zeigt sich vor allem an den Beispielerzählungen: Die von Jülicher als Beispielerzählung eingestuften lukanischen Gleichnisse hat z.B. Harnisch als Parabeln bestimmt (Harnisch, Gleichniserzählungen §2.6). Er bestreitet, dass die in den Focus gestellten Erzählfiguren ideale Beispiele rechten Verhaltens darstellen sollen. Sein Verständnis der betreffenden Kurzerzählungen als Parabeln (im Detail durchgeführt am Gleichnis vom barmherzigen Samariter, §4.5) erscheint zumindest nicht als völlig abwegig.

Die umgekehrte Fragerichtung ist aber noch viel dringender! Sind die Erzählfiguren der Parabeln nicht auch beispielhaft? Der Weinbergbesitzer, der auch denen einen Denar auszahlen läßt, die den ganzen Tag auf Arbeit gewartet haben, aber erst in der letzten Stunde eingestellt wurden (Arbeiter im Weinberg, Mt 20). Ist er nicht ein Vorbild für ein Entlohnungssystem im Sinne Jesu (auch wenn es moderner kapitalistischer Vernunft widerstreiten mag)? Der Verwalter, der den Schuldnern die Schulden erläßt (kluger Verwalter, Lk 16) - ist er nicht ein Vorbild dafür, wie man aus einer verfahrenen Situation noch das Beste für alle Beteiligten macht? Oder, wenn man den Spruchanhängen des Lk-Evangeliums selbst folgt: Ist er nicht das Negativbeispiel für den, der aus Gewinnsucht seine Handlungspielräume überschätzt und, weil er nicht zu den Folgen des Verlustes stehen kann und will, dann zu kriminellen Machenschaften greift? 

Im Einzelfall hilft nichts anderes, als die Argumente vorsichtig abzuwägen. Dabei wird man davon ausgehen dürfen, dass die kanonische Auffassung, wonach es in allen Gleichnissen um das in der Person Jesu anbrechende Gottesreich gehe, im Zweifelsfall Vertrauen verdient.

Typ der paradigmatischen Erzählung

Womöglich sind die erwähnten Parabeln gar nicht in dem Sinne als Vorbild gemeint, dass der Hörer sie nachahmen soll. Vielleicht wird durchaus zugestanden, dass sie in dieser Weise nicht wiederholbar sind! So ist das Entlohnungsverhalten des Weinbergbesitzers (Mt 20) möglicherweise weder als Grundmaxime eines Wirtschaftssystems noch als Appell an christliche Unternehmer gemeint, sondern als ein Einzelfall, der die Phantasie der Liebe dazu reizen soll, nach Chancen zu suchen, Menschen in ihren Arbeitsverhältnissen spüren zu lassen, dass sie nicht nur von ihrer Leistungskraft abhängen. 

Dies scheint mir nun tatsächlich der Fall sein. Ich schlage deshalb als eigenen Klassifizierungstyp den der paradigmatischen Kurzerzählung vor. Diese stellt ein Verhalten vor Augen, das nicht direkt nachgeahmt werden soll, aber gleichwohl beispielhaft ist. Den klugen Verwalter, von dem sein Herr Rechenschaft fordert, kann man gar nicht nachahmen, weil a) die wenigsten einen solchen Beruf überhaupt ergreifen, und b) die Situation, in die der Verwalter gerät, von keiner der beteiligten Figuren angestrebt wird. Es kann vorkommen, dass Menschen in die Situation des Verwalters geraten, anstreben können sie eine solche Situation  vernünftiger Weise nicht! Gerät man aber in eine solche Situation, dann ist das Verhalten des Verwalters vorbildlich!

Schwierigkeit des Überlieferungszustandes der Gleichnisse

Die Gleichnisse liegen uns in den synoptischen Evangelien und im nicht-kanonischen Thomasevangelium vor. Deutlich erkennbar setzen aber viele der Gleichnisse mündliche Fassungen voraus, die die Evangelisten dann für ihre Zwecke bearbeitet haben. Ein beachtlicher Teil der Gleichnisse dürfte im Kern bis auf Jesus selbst zurückzuführen sein. 

Es ist besonders das Verdienst von Joachim Jeremias darauf hingewiesen zu haben, welchen Wandlungen die Gleichnisse im Zuge des Überlieferungsprozesses unterworfen waren. Als ein Schlaglicht braucht man sich nur vor Augen halten, dass Jesus seine Gleichnisse auf Aramäisch erzählte, die Synoptiker aber griechische Fassungen darbieten. Wortspiele oder wenig gebräuchliche Fachbegriffe aus dem Kreditwesen mussten unweigerlich auf der Strecke bleiben! Noch wesentlicher sind die inhaltlichen Veränderungen: Schon die Christen der zweiten Generation haben die ursprüngliche Pointe oft nicht mehr verstanden! Die Evangelisten haben dann die meisten der Gleichnisse Jesu allegorisch interpretiert! 

Die Folge ist, dass die ursprünglich reinen Typen von mannigfaltigen Zusätzen überformt sind, die das nicht mehr verstandene ursprüngliche Gleichnis zu erläutern suchen und dadurch verschlimmbessern. Da die Gleichnisse z.B. auf der ersten Traditionsstufe als Parabel, auf der zweiten als Allegorie und der dritten als (Negativ-)Beispielerzählung verstanden und auf jeder Stufe Zufügungen im jeweiligen Verständnishorizont gemacht wurden, ergibt sich auf der Ebene des Endtextes nicht selten ein merkwürdiges Konglomerat, dessen Typenzugehörigkeit kaum mehr auszumachen ist. 

Generell kann man sagen, dass die Gleichnisauslegung seit Jülicher den Sinn der jeweiligen Urfassung zu bestimmen sucht (unabhängig davon, ob sie auf Jesus zurückgeführt werden kann oder nicht), während die Wahrnehmung der redaktionellen Einbindung der Gleichnisse erst neueren Datums ist (Childs, Brevard (1985) NT as Canon, Excursus II). Für die Typeneinteilung bleibt festzuhalten, dass die jeweils rekonstruierten Urfassungen sich erheblich leichter einordnen lassen, als die kanonischen Fassungen des Endtextes. Umgekehrt kann man davon ausgehen, dass Erzählelemente, die innerhalb eines Typs stören (z.B. allegorische Züge innerhalb einer Parabel) sekundär sind.

Zur Interpretation der Gleichnisse

Grundlegend für die Interpretation der Gleichnisse ist die Frage, ob eine Kurzerzählung einen übertragenen Sinn hat. Kann man ausschließen, dass eine Beispielerzählung vorliegt, beginnt die schwierige Suche nach dem übertragenen Sinn. 

Aufgabe der Auslegung ist es seit Jülicher, zwischen (erzählter) Bildhälfte und (veranschaulichter) Sache den einen gemeinten Vergleichspunkt (tertium comparationis) zu finden. Diese Aufgabe ist auf der Ebene des kanonischen Endtextes insofern erleichtert, als die Evangelisten sich mehr oder weniger darin einig sind, dass die Gleichnisse die Botschaft Jesu vom Gottesreich illustrieren. Häufig bieten die Evangelisten auch  noch bestimmte Situationen im Leben Jesu dar (z.B. Streitgespräche mit Pharisäern oder Anhängern), in die sie Gleichniserzählungen einbetten. Auf ganz sicherstem Boden steht man, wo die Evangelisten die Deutung des Gleichnisses gleich noch mitliefern (Mk 4).

Schwieriger wird es, wenn man die Urfassungen, insbesondere die jesuanischen Urfassungen interpretieren will. Abgesehen vom rudimentären Erhaltungszustand (Rückübersetzungsproblem, Verlust des genauen Wortlautes) stellt sich die Frage, ob es Jesus tatsächlich immer um das Gottesreich ging. Selbst wenn man das bejahen könnte, bliebe immer noch das Problem, was Jesus darunter verstand. Aus den relativ sicher auf Jesus zurückführbaren Gleichnissen ist z.B. kein Vollmachtsbewusstsein erkennbar, das über das eines zeitgenössischen Rabbis hinausgehen würde.

Mir scheint es bei einigen Gleichnissen eher das Anliegen Jesu gewesen zu sein, seinen Zuhörern deutlich zu machen, dass sie in ihrem profanen Alltag auf Gott angewiesen sind, und sie Gott dort begegnen, wo ihre Bemühungen unverdient zu einem gelingenden Leben führen. Jegliche Spiritualisierung liegt Jesus dabei fern. Der Bauer, der sein Saatgut ausbringt, ist abhängig davon, dass die Saat auf das fruchtbare Land fällt. Darin, dass er letzteres findet und dann zu Essen hat, erfährt er Gottes umgreifende Zugewandtheit (Mk 4,3-8*). Auch wenn ein Verwalter, der andere Menschen für sich arbeiten lässt, auf das fruchtbare Land nicht angewiesen scheint und von unrealistischen Renditen träumt, ist doch auch er abhängig von seinen Pächtern. Wo es gelingt, ein Modus des Überlebens für alle Beteiligten zu finden, ist Gott am Werk (Lk 18). 

Hatte Jülicher noch gemeint, die Textsorte "Gleichnis" diene lediglich der Veranschaulichung einer Wahrheit, die auch, oder sogar noch angemessener in einem allgemeingültigen (theo-)logischen Satz ausgedrückt werden kann, so tendiert die neuere Gleichnisforschung (Jüngel, u.a.) zu der Auffassung, dass ein Gleichnis Sachgehalte darlegt, die eben nicht ohne Verlust in logisch-begriffliche Sprachformen übersetzt werden können. Es gehe nicht um Belehrung über kognitive Inhalte, sondern darum, den Hörer emotional zu überraschen. Dies geschieht dadurch, dass das Gleichnis den Hörer in die Geschichte hineinzieht und ihn durch eine dramatische Ereignisfolge führt, um ihm neue Verstehensmöglichkeiten zuzuspielen. 

Die Frage ist auch, ob Gleichnisse immer nur auf eine einzige Pointe zulaufen. Haben sie nicht auch mehrere Aussagen? Blomberg etwa geht für die meisten Gleichnisse von mehreren Hauptaussagen aus, denen auch noch Nebenaussagen zugeordnet werden können. Dem entspricht in der neueren Forschung die Tendenz allegorische Züge in Gleichnissen zu finden (etwa Erlemann). In der Tat müßte doch ein Hörer/Leser einen Vergleich als unangemessen empfinden, wenn sich die Analogie zwischen der Bild- und der Sachhälfte allein auf einen einzigen Punkt erstrecken würde. 

Gleichnisse werden eingesetzt, um Hörer zu gewinnen. Sie sind deshalb genauso der Sache selbst wie den Verstehensbedingungen auf Seiten des Hörers verpflichtet. Ohne eine genaue Kenntnis der Adressaten sind sie deshalb kaum richtig zu verstehen. Dies hat überspitzt, aber doch unverlierbar Joachim Jeremias herausgestellt:

»Jesu Gleichnisse sind nicht -jedenfalls nicht primär- Kunstwerke, sie wollen nicht allgemeine Grundsätze einprägen ( ... ), sondern jedes von ihnen ist in einer konkreten Situation des Lebens Jesu gesprochen, in einer einmaligen, oft unvorhergesehenen Lage. Weithin, ja überwiegend, handelt es sich um Kampfsituationen, um Rechtfertigung, Verteidigung, Angriff, ja Herausforderung. Die Gleichnisse sind nicht ausschließlich, aber zum großen Teil Streitwaffe.«

 

Typische Themen von Gleichnissen

Die Gleichnisse lassen sich auch von den Themen ihrer Pointen her ordnen. 

 

Beispiel: Mk 4,26-29

Und er sagte: »So steht es mit dem Gottesreich: Wie wenn ein Mann den Samen aufs Erdreich auswirft und sich dann schlafen legt und wieder aufsteht, Tag für Tag und Nacht für Nacht. Und der Same keimt und wächst, wie, das weiß er selbst nicht! Ganz von allein bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, dann die Ähre. Doch sobald es die Frucht zuläßt, SCHICKT ER DIE SICHEL; DENN DIE ERNTE IST GEKOMMEN.«

Dieses Gleichnis ist nur bei Mk überliefert und steht hier im Kontext weiterer sog. Wachstumsgleichnisse. Lk und Mt haben es entweder (aus inhaltlichen oder konzeptionellen Gründen?) nicht übernommen, oder es wurde dem Mk-Evangelium erst auf einer späteren Stufe hinzugefügt. Der Schlußvers ist ein Joel-Zitat (4,13), das von einigen Auslegern als späterer Zusatz gedeutet wird.

Im Zusammenhang des Mk ist auf jeden Fall eine allegorische Auslegung angebracht. Da das Bildfeld bereits zu Eingang des 4. Kapitels gebraucht und im weiteren Kontext klar festgelegt wurde, steht man für die Interpretation des Gleichnisses auf der Evangeliumsebene auf sicherem Boden. Die Saat ist das Wort, das durch Jesus selbst und seine Jünger (=die Missionare, die ihm folgen) im römischen Reich verkündet wird. Die Zeit des Wachstums ist die Zeit bis zur Wiederkehr Christi und die Ernte steht für das Endgericht. Durch die Übertragung der Missionssituation auf den agrarischen Bereich wird den Jüngern deutlich gemacht, dass der Erfolg ihrer Missionsarbeit nicht in ihrer Macht steht, sondern dass Gott selbst sowohl für das Wachstum der Gemeinden als auch für die Beurteilung der Erfolge zuständig ist.  

Erheblich schwieriger ist die Rekonstruktion und Interpretation der Urfassung. Deutlich ist, dass das Gleichnis überarbeitet wurde.

Gegen Joachim Jeremias, der davon ausgeht, dass das Gleichnis in der überlieferten Gestalt auf Jesus zurückgehe. Die Erzählung sei zu den Kontrastgleichnissen zu zählen, weil nicht das kontinuierliche Wachstum, sondern der Kontrast zwischen Anfang und Ende bedeutsam sei. Auf dem Hintergrund spätjüdischer Endzeitvorstellungen charakterisiere Jesus die Königsherrschaft Gottes so, dass Gott »Endgericht und Königsherrschaft« herbeibringt, wenn seine Stunde gekommen ist, wie für den Landmann nach langem Warten die Ernte kommt.(151) Aktivisten (möglicherweise zelotischen Eiferern) wird entgegengehalten, dass der Anfang gemacht ist und Gottes Anfang für die Vollendung bürgt. Jetzt sei Zeit des geduldigen Wartens.(152)

Sicher sekundär ist die Betonung der Ernte, die auch noch durch ein Joelzitat eindeutig auf das Endgericht gedeutet wird. Sekundär ist aber auch die Einleitungsformel, die auf das Reich Gottes verweist.

Gegen Ulonska, der die Jesusstufe so rekonstruiert: »So ist es mit dem Reich Gottes. Jemand wirft Samen auf das Land, und das Land bringt Frucht von selbst.« (Ulonska, 41) 

Weniger sicher ist, ob der Tagesablauf des Mannes während der Phase des Wartens, das erzählerische Hineinfühlen in das Staunen des Mannes und die Differenzierung der Frucht nach Halm und Ähre bereits Bestandteil der Urfassung war. Gleichwohl spricht die Reinheit des Formtyps dagegen. Was bleibt, ist die Kurzerzählung von einem Mann, der für seine Ernte nichts tun kann, aber auch nichts tun muss:

Ein Mann wirft den Samen aufs Erdreich. Und der Same keimt und wächst und die Erde bringt Frucht - ganz von selbst!

Der beschriebene alltägliche Vorgang stellt die Arbeit des Sämanns und das Wachstum des Saatguts gegenüber. Die Gegenüberstellung hat unterschiedliche Aspekte:

Ob das Gleichnis noch auf Jesus zurückgeführt werden kann? Mt und Lk hatten es offensichtlich noch nicht in ihrer Mk-Vorlage. Dass eine nach-mk Redaktion noch auf originales Jesus-Gut zurückgreifen konnte, ist sehr unwahrscheinlich aber auch nicht ausgeschlossen. 

Notorisch schwierig ist es nun, die vom Gleichniserzähler eigentlich angezielten Übertragungen zu leisten. Mit was soll der Hörer den Vorgang des Gleichnisses identifizieren? Kann man den Sämann allegorisch deuten: Als Gott?  Jesus? Missionar? Gemeinde? Als zum Glauben gekommener Mensch? Welche Aspekte des erzählten Vorgangs sollen übertragen werden? Die Vielfalt möglicher Aspekte ist ja durchaus intendiert. Ein gut gewähltes Gleichnis legt nicht nur eine einzige Sinnspitze nahe, sondern beinhaltet viele Analogien mit der eigentlich gemeinten Sache. In diesem Phänomen liegt auch das bleibende Recht einer allegorischen Auslegung begründet. Je nachdem, welchen Aspekt an der Sachhälfte man für wesentlich hält, wird man die Intention des Gleichnisses unterschiedlich bestimmen:


Aaron Schart, 2007-04-05