Universität Duisburg-Essen, Institut für Evangelische Theologie 

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Field, David: Biblische Aussagen zur Homosexualität.

Brennpunkt Seelsorge 5 (1992) 105-111.

Was sagt das Alte Testament?

Es gibt nur wenig biblisches Material zur Frage der Homosexualität; aber dieses wenige scheint sehr zuungunsten einer duldsamen Haltung ihr gegenüber zu sprechen. Im Alten Testament gibt es zwei ausführliche Passagen, die nach überlieferter Auffassung die Homosexualität in ein besonders schlechtes Licht rücken.

Der erste Abschnitt in 1. Mose 19 befaßt sich mit einem Vorfall, von dem der Begriff Sodomie abgeleitet worden ist. In seinem Haus in der Stadt Sodom bot Lot zwei Boten Gottes, die bereits von Abraham bei der Eiche von Mamre bewirtet worden waren, Gastfreundschaft an. Mit feindlichen Absichten, die Lot sofort richtig einschätzte, umstellten die Männer der Stadt das Haus ("vom Jüngling bis zum Greise" - Vers 4) und forderten die Herausgabe der beiden Gäste,

Lot bewies dabei großen Mut: Er ging hinaus, um mit ihnen zu reden und, als das nicht gelang, bot ihnen seine zwei jungfräulichen Töchter anstelle der Männer an. Als auch das den Mob nicht befriedigte, wurde Lot fast selbst zum Opfer, doch seine himmlischen Gäste griffen rechtzeitig ein. Die Zerstörung Sodoms folgte auf dem Fuß. Die Folgerung daraus ist, daß die homosexuellen Absichten der Männer von Sodom zumindest teilweise für das göttliche Gericht verantwortlich waren, das die Stadt erleiden mußte.

Der Bericht über den zweiten Vorfall Richter 19 zeigt einen sehr ähnlichen Verlauf. Ein Reisender, der spät in der Nacht mit seiner Nebenfrau und seinem Diener die Stadt Gibea erreichte, wurde von einem alten Mann in sein Haus eingeladen. Als die Männer der Stadt ("ruchlose Männer" Vers 22) hörten, daß ein Fremder in der Stadt sei, verlangten sie, daß der Gast zu ihnen herausgebracht werde. Der Gastgeber weigert sich wie Lot und bietet ihnen einen Ersatz an: seine eigene jungfräuliche Tochter und die Nebenfrau seines Gastes. Das Angebot stößt auf taube Ohren, dennoch wird die Nebenfrau hinausgeschickt; und "sie machten sich über sie her und trieben ihren Mutwillen mit ihr die ganze Nacht bis an den Morgen" (Vers 25).

Bei Tagesanbruch lag sie als lebloses Wrack auf der Türschwelle. In diesem Falle erfolgte das göttliche Urteil durch eine militärische Aktion. Gibea wurde wie Sodom für die Sünden seiner Bürger schwer bestraft. Und wieder wird gefolgert, daß hier ein homosexuelles Vergehen beabsichtigt war.

Nach diesen beiden Berichten ist man sehr geneigt zu glauben, daß homosexuelles Handeln (oder auch nur seine Androhung) die Strafe Gottes zur Folge habe. Das allerdings wird gleich von zwei Seiten in Frage gestellt. D. S. Bailey behauptet in seinem Buch Homosexuality and the Christian Tradition, Gott habe die Leute von Sodom und Gibea nicht deswegen bestraft, weil sie eine homosexuelle Vergewaltigung angedroht, sondern weil sie das Gastrecht gebrochen hätten. In beiden Fällen, so betont er, hätten die Männer verlangt, die Fremden kennenzulernen. Ihre Absichten seien feindlich, aber nicht homosexuell gewesen. Demnach (so folgert er) falle das stärkste biblische Argument gegen die Homosexualität in sich zusammen. Die beiden genannten Abschnitte hätten überhaupt nichts mit Sexualität zu tun; ihr Thema sei das Gastrecht.

Baileys Argumente fanden ein erstaunlich wohlwollendes Echo in den Büchern, die sich mit der biblischen Einstellung zur Homosexualität befassen - was um so befremdlicher ist, wenn man bedenkt, wie kühl seine Deutung von Kommentatoren des Textes aufgenommen worden ist. Stimmt sie, dann hätte das Wort erkennen innerhalb von vier Versen völlig unterschiedliche Bedeutungen: In 1. Mose 19,5 und Richter 19,22 bedeutete es "kennen lernen"; in 1. Mose 19,8 und Richter 19,25 hingegen eindeutig "mit jemandem Geschlechtsverkehr haben".

Noch schwerwiegender ist, daß uns nicht erklärt wird, warum in beiden Fällen der Gastgeber das Verlangen nach einer förmlichen Vorstellung damit beantwortet, daß er seine Tochter zum sexuellen Mißbrauch anbietet - und warum die Nebenfrau des Besuchers in Gibea so grausam mißhandelt wurde. Nicht zuletzt stellt diese Interpretation auch die neutestamentliche Deutung der Bestrafung Sodoms ernsthaft in Frage (Judas 7). Baileys Erklärungen überfordern die Gutgläubigkeit vieler seiner Leser. Um mit Derek Kidner zu sprechen: "Die Zweifel, die Dr. Bailey angemeldet hat, haben eine größere Verbreitung gefunden als die Gründe, die er für sie angibt. Nicht einer davon, so darf man wohl sagen, hält einer ernsthaften Prüfung stand."/1/

Es scheint also keinen Zweifel daran zu geben, daß der Mob von Sodom und Gibea auf homosexuelle Vergewaltigung aus war. Diese Tatsache an sich wirft allerdings eine zweite, viel schwerwiegendere Frage auf: Ist es rechtens, jene beiden altestamentlichen Vorfälle als Grundlage für eine pauschale Verurteilung jeglicher Homosexualität zu benutzen?

Eine Vergewaltigung unterscheidet sich doch von einer Liebesgeste wie Tag und Nacht. Nur wenige aktive Homosexuelle – wenn überhaupt welche – würden sich dafür einsetzen, die Freiheit für Homosexuelle so weit auszudehnen, daß Notzucht erlaubt wäre. Die biblische Verurteilung der Homosexualität riefe vermutlich nur wenig Widerspruch hervor, wenn sie sich auf die Fälle bezöge, in denen jemand einem unwilligen Partner seine Gunst aufzwingt. Die Freiheit, für die die Homosexuellenbewegungen kämpfen, ist eine andere: Sie wollen, daß ein gleichgeschlechtliches Paar in beiderseitigem vollen Einverständnis seine Gefühle ausdrücken darf. Gibt es irgendwelche Anzeichen dafür, daß die Bibel eine solche homosexuelle Verbindung verurteilt?

Neben den recht ausführlichen Berichten über die Vorfälle in Sodom und Gibea geht das Alte Testament nur noch in vereinzelten Versen auf homosexuelle Handlungen ein. In 3. Mose 18,22 und 20,13 wird die männliche Homosexualität als "Greuel" bezeichnet, auf das die Todesstrafe zu folgen hat. Im ersten Buch der Könige klingt das Thema erneut an: Dort wird verurteilt, daß es männliche Prostitution im Lande gibt, und ihre Ausmerzung wird als ein Zeichen geistlicher Erneuerung gewertet (1. Kön 14,24; 15,12; 22,47). Zur Vervollständigung des Bildes könnte man noch die Verurteilung des Transvestitismus in 5. Mose 22,5 erwähnen.

Wiederum scheint es, als seien die Argumente gegen die Homosexualität unerschütterlich. Doch es gibt Einwände: Betrachtet man die wenigen, in ihre; Aussage aber eindeutigen alttestamentlichen Stellen in ihrem religionsgeschichtlichen Kontext, so mildere sich ihr harter Ton, meinen einige Forscher. Das Alte Testament verbiete ja auch Ehen zwischen Angehörigen verschiedener Völker: die Gründe dafür seien jedoch nicht ethischer, sondern religiöser Natur. Nicht die Heirat mit fremden Bräuten solle dadurch verhindert werden, sondern die Einführung fremder Götter. Auch die männliche Prostitution habe wie der Transvestitismus mit dem Import fremder Götterkulte zusammengehangen. Interpretiere man also die Verse vor dem Hintergrund der historischen Situation, so stimme es zwar, daß sie homosexuelle Handlungen, die einem Götzenkult dienten, untersagten, eine Homosexualität ohne kultische Hintergründe sei davon aber möglicherweise nicht betroffen.

Können wir daraus schließen, daß das gesetzliche Verbot der Homosexualität lediglich eine Kodifizierung des göttlichen Urteils über Götzendienst und sexuelle Verfehlungen der Art, wie sie in Sodom und Gibea geschehen sind, darstellt? Können wir ehrlichen Herzens behaupten, das Alte Testament habe nichts gegen eine von Götzenkulturen unabhängige, körperliche Liebe zwischen zwei Homosexuellen, die lediglich die Freiheit für sich in Anspruch nehmen wollen, die ihre heterosexuellen Freunde besitzen - die Freiheit, ihrer Zuneigung zueinander körperlich Ausdruck zu verleihen?

Keine dieser Fragen ist mit einem einfachen Ja zu beantworten. Die biblischen Schreiber wenden sich zwar in erster Linie gegen das flüchtige sexuelle Erlebnis mit religiösem Unterton; die homosexuelle Liebesbezichung kann aber dennoch nicht so einfach von ihrem umfassenden Verbot ausgenommen werden. Der Kontext des Homosexualitätsverbotes im 3. Buch Mose umschließt die Verurteilung sowohl des Geschlechtsverkehrs mit Blutsverwand und den Ehebruch als auch die Prostitution und den Verkehr mit Tieren. Jede der beiden erstgenannten Formen kann, wie wir wissen, in eine Beziehung eingebettet sein, die in jeder Hinsicht so sanft und zärtlich sein kann wie das Liebesband zwischen zwei Männern oder zwei Frauen. Das biblische Verbot erstreckt sich gleichwohl auf alle vier genannten Formen, trotz des ungeheuren seelischen Leidens all jener, die sich deswegen der uneingeschränkten körperlichen Bekundung ihrer Gefühle enthalten müssen.

Was sagt das Neue Testament?

Eindeutige Stellungnahmen zur Homosexualität finden wir im Neuen Testament noch seltener als im Alten. Jesus selbst hat sich, soweit wir es den vier Evangelien entnehmen können, nie zu diesem Thema öffentlich geäußert. Ihm scheint es vielmehr um die Sünden der Gesinnung und des Herzens (wie Stolz, Habgier und Selbstsucht) gegangen zu sein - was unsere Vorliebe für die Beschäftigung mit Sünden der Sexualität sehr in Frage stellt.

Außer der Anspielung auf die Sünde von Sodom im Judasbrief stammen sämtliche neutestamentlichen Bemerkungen zu unserem Thema aus der Feder des Paulus. Er äußerte sich sehr deutlich zur Frage der Homosexualität, hatte er es doch mit Heidenchristen zu tun, deren Umwelt im Blick auf Moral um vieles duldsamer war als die der Juden, zu denen Jesus geredet hat. Und wie von einem Mann, der die Schriften des Alten Testamentes in- und auswendig kannte, nicht anders zu erwarten, ist der Ton des Paulus eindeutig verurteilend.

In Römer 1 beschreibt er, welche Folgen ein Leben haben kann, das mehr den Dingen der Schöpfung als Gott, dem Schöpfer, geweiht ist: "Denn ihre Frauen haben den natürlichen Verkehr mit dem widernatürlichen vertauscht. Ebenso haben auch die Männer den natürlichen Umgang verlassen und sind in Begierde zueinander entbrannt. Männer haben mit Männern Schande getrieben und den Lohn ihrer Verirrung, wie es ja sein mußte, an sieh selbst empfangen" (Vers 26-27).

Nebenbei bemerkt ist es interessant, daß Paulus im Blick auf die lesbische Liebe realistischer ist als unser Gesetz, das diese weitgehend ignoriert.

In 1. Korinther 6,9 faßt er sich kürzer, ist aber ebenso deutlich: Unter den "Ungerechten", die das Reich Gottes nicht ererben werden, befinden sich "Menschen, die mit Partnern aus dem eigenen Geschlecht verkehren"! "Die Gute Nachricht" (3. Auflage, 1971) benutzt diese Formulierung als Übersetzung zweier von Paulus verwendeter griechischer Wörter, die wörtlich übersetzt "Weichlinge", und "Männer, die Geschlechtsverkehr mit Männern haben", bedeuten. In 1. Timotheus 1,10 schließlich werden die "Unzüchtigen" zu den "Ungerechten und Ungehorsamen" gezählt, die unter das göttliche Gesetz fallen.

So eindeutig das Urteil dieser wenigen Verse über die Homosexualität auch ist, man hat dennoch zu beweisen versucht, daß Paulus nur an eine kleine Gruppe von Homosexuellen dachte, als er dies schrieb, nämlich an die Perversen unter ihnen. In einigen modernen englischen Bibelübersetzungen tauchen in den oben genannten Textstellen Begriffe wie "Perversion", "homosexuelle Perversion" und "pervertierte Homosexuelle" auf.

Die Schlüsse, die man aufgrund dieser Übersetzungen zieht, sind beabsichtigt. Man engt damit die paulinischen Worte bewußt auf jene ein, die aus schierer Neugier oder übergroßer Begierde in homosexuelle Verhaltensweisen hineinschlittern. Eine solche Perversion ziehe den Zorn Gottes auf sich - und das zu Recht, denn dieses von Heterosexuellen ausgeübte homosexuelle Verhalten bringe die Homosexualität insgesamt in Mißkredit. Das Thema der Inversion (= Umkehrung des Geschlechtstriebs) würde von Paulus gar nicht berührt. Dem Neuen Testament sei nichts zu entnehmen, das einer Verurteilung der Männer und Frauen gleichkäme, deren sexuelle Veranlagung sie in eine intime und dauerhafte Beziehung mit einem Angehörigen des gleichen Geschlechts treibe. Zu diesem Schluß gelangen unter anderen Scanzoni und Mollenkott in ihrem Buch Is the Homosexual My Neighbour?/2/

Der sprachwissenschaftliche Befund, auf den sie ihre Erkenntnisse gründen, ist freilich so ungesichert, daß man sich nicht auf ihn verlassen kann. Die Übersetzer haben vielleicht gar nicht die Absicht gehabt, die Unterscheidung zwischen Perversion und Inversion wiederzugeben, womit ihre Übersetzungen nach heutiger Erkenntnis freilich irreführend wären. Wollten sie mit ihrer Wortwahl aber andeuten, schon Paulus habe diese moderne Unterscheidung getroffen, so haben sie den von ihm benutzten griechischen Worten eine Bedeutung beigelegt, die diesen gar nicht entspricht.

Der gebräuchlichste Ausdruck im Neuen Testament, arsenokoites, umfaßt jegliches homosexuelle Verhalten. Er ist zusammengesetzt aus den Worten für "männlich" und "Geschlechtsverkehr" und meint einfach nur den Vorgang der homosexuellen Vereinigung. Er enthält keinerlei Hinweis auf eine Unterscheidung zwischen Pervertierten und Invertierten oder zwischen einem flüchtigen sexuellen Erlebnis und einem von Liebe getragenen. Paulus hätte gezieltere Begriffe wählen können, zum Beispiel paiderastes (Knabenliebhaber) oder paidophthoros (Knabenschinder) oder arrenomanes (mannstoll). Doch er wählte die allgemeinste aller Bezeichnungen.

Zeitgenössische nichtbiblische Quellen bringen uns in diesem Punkt auch nicht weiter. In der Apologetik des Aristides folgt auf zwei gezielte, aber unterschiedliche Begriffe ebenfalls das Wort arsenokoites. In The Church and the Homosexual nimmt McNeill darauf Bezug und betrachtet es als Bestätigung dafür, daß Paulus zwischen pervertiert und invertiert unterschieden habe. Man könnte jedoch genauso gut behaupten, Aristides habe mit arsenokoites einen Oberbegriff für das gewählt, was er vorher anhand zweier gezielter Beispiele klargemacht hatte. Scanzoni und Mollenkott berufen sich ihrerseits sehr auf den Roman Satirae von Petronius./3/ Hier muß jedoch darauf hingewiesen werden, daß dieses Werk ursprünglich nicht in Griechisch abgefaßt war.

Es gibt noch ein weiteres Argument dafür, daß Paulus nichts gegen eine invertierte Liebesbezichung, gehabt habe, und das wiegt schwerer. In Römer 1 spricht er ausdrücklich von Männern, die den natürlichen Umgang mit dem Weile verlassen haben". Invertierte Homosexuelle können einen solchen Umgang aber gar nicht verlassen! Folglich können Paulus' strenge Worte (so wird argumentiert) nicht als pauschale Verurteilung jeglicher Homosexualität ausgelegt werden.

Ähnlich liegen die Dinge in 1. Korinther 6: Nachdem Paulus in Vers 9 flüchtig auf die Homosexuellen eingegangen ist, beklagt er in den Versen 12-20 vor allem die heterosexuellen Beziehungen zu Prostituierten. Wenn aber der einzige Gegenstand seiner Kritik in diesem Kapitel der kurze Mißbrauch der käuflichen Liebe ist, so können auch hier seine Worte (wie wiederum gefolgert wird) nicht für den durchschnittlichen Invertierten gelten, der sich ebensosehr nach einer stabilen Liebesbeziehung sehnt wie der durchschnittliche Heterosexuelle. Im Kontext von 1. Timotheus 1,10 geht es ebenfalls um Menschen, die die kostbarsten menschlichen Beziehungen zerschlagen, indem sie töten, lügen und andere sexuell verführen: also kann auch hier wiederum nicht der Invertierte gemeint sein (so sagt man), denn sein Herzenswunsch ist es ja, die Beziehung zu festigen, und nicht, sie zu zerstören.

Aus diesen Beispielen geht eines ganz klar hervor: Die Auslegung vom textlichen Zusammenhang her ist eindeutig der Punkt, von dem alles abhängt. Wenn die Worte des Paulus nach heutiger Erkenntnis dahingehend gedeutet werden können, daß der invertierte Homosexuelle von der Verurteilung ausgenommen ist, dann muß die traditionell feindliche Einstellung der biblischen Theologie gegenüber jeglicher Homosexualität dringendst neu überdacht werden. Wir kommen deshalb nicht darum herum, im folgenden Kapitel den theologichen Kontext der paulinischen Aussagen näher zu untersuchen, um abschließend beurteilen zu können, in welchem Umfang sein Verbot wirklich gilt.

 Homosexualität contra Schöpfungsabsicht?

Hier müssen wir uns nun den neutestamentlichen Aussagen zur Homosexualität zuwenden, auch wenn sie dem oberflächlichen Betrachter etwas dürftig vorkommen. Jede biblische Aussage steht neben dem historischen auch in einem theologischen Zusammenhang.

Wir haben gesehen, daß das Urteil des Paulus, vor seinem historischen Hintergrund betrachtet (aus der heutigen, differenzierten Sicht), eher für die Pervertierten als für die Invertierten bestimmt zu sein scheint. Das zeigt uns, wie notwendig es ist, die Briefe der Apostel in ihrem historischen Kontext zu deuten. Auch die Gefahren, denen man sich aussetzt, wenn man eine biblische Ethik entwickelt, machen dies erforderlich. Um den Worten des Paulus gerecht zu werden, ist es aber ebenso unerläßlich, das theologische Umfeld zu erforschen, in das er seine Aussagen über die Homosexualität eingebaut hat.

Der theologische Kontext in Römer 1 ist die Schöpfung. Nachdem er in den Versen 16-18 sein Thema formuliert hat (die Herrlichkeit des Evangeliums im Gegensatz zur menschlichen Sünde, die das Urteil Gottes nach sich zieht), verbreitet sich Paulus über die schreckliche Verfassung der Menschheit. Er will damit deutlich machen, welch schlechten Tausch die Menschen in geistlicher und moralischer Hinsicht eingegangen sind.

Der Mensch ist zur Ehre Gottes erschaffen, aber er hat die "Herrlichkeit des unvergänglichen Gottes" verwandelt in das Bild verweslicher Ersatzgötter (Verse 19-23). Dieser schlechte Tausch führte auch zum moralischen Zusammenbruch (Verse 26-27), und um nur eine Folge der Verdrehung der Wertmaßstäbe zu nennen, greift Paulus noch einmal auf den Begriff des Verwandelns zurück – "denn ihre Frauen haben den natürlichen Umgang in den unnatürlichen verwandelt; desgleichen auch die Männer. ."

Die zur Schöpfung hergestellte Verbindung wirft ein völlig neues Licht auf die Bedeutung der Worte "natürlicher Umgang" in den Versen 26 und 27. Wir haben bereits gesehen, daß sich einige an diese Formulierung klammern, weil sie in ihr einen Ausweg für den invertierten Homosexuellen sehen. Für ihn ist der Verkehr mit einem Angehörigen des anderen Geschlechts unnatürlich; er (oder sie) hat niemals diese Wandlung vom Natürlichen zum Unnatürlichen vorgenommen, die Paulus verurteilt. Es mag richtig sein, einen solchen Menschen als "unnormal" zu bezeichnen (insofern als er Angehöriger einer Minderheit in einer vorherrschend heterosexuellen Gesellschaft ist); "unnatürlich" wäre hier jedoch sicherlich das falsche Wort.

Indes macht gerade der theologische Kontext der paulinischen Worte obige Deutung unhaltbar. Mit den Worten "unnatürlicher Umgang" bezieht sich Paulus nicht auf einzelne Männer und Frauen, wie sie sind. Sein Blick geht weiter. Er verweist ganz radikal auf den Mann und die Frau, wie Gott sie geschaffen hat. Mit unnatürlich meint er, "unnatürlich für die Menschheit der Schöpfungsordnung Gottes." Und seinem Verständnis nach ist diese Ordnung eindeutig heterosexuell.

So wird die Unterscheidung zwischen invers und pervers (die Paulus ohnehin kaum hätte machen können) umgangen. Das "Verwandeln", an das er denkt ist mehr als der von Launen diktierte Geschlechtertausch eines nach neuer Stimulation suchenden Perversen. Es ist die durch jede homosexuelle Verhaltensweise geschehende Abweichung vom Schöpfungsplan Gottes. Vor dem Hintergrund der Schöpfungsordnung ist jeder homosexuelle Umgang ein "unnatürlicher Umgang".

Aufgrund dieser Verse im Römerbrief muß sich ein Christ gegen Kinsey zur Wehr setzen, wenn dieser behauptet: "Die Homosexualität ist seit Urzeiten ein wichtiger Bestandteil menschlicher sexueller Betätigung, schon allein deshalb, weil sie Ausdruck gewisser Urfähigkeiten des menschlichen Tieres ist." Ein Invertierter mag das eigene homosexuelle Verhalten als vollkommen natürlich empfinden. Aber das ändert nichts an der theologischen Tatsache, daß für die Menschheit insgesamt die Homosexualität ebenso unnatürlich ist wie die Abgötterei. Irgendwo unterwegs hat ein "schlechter Tausch" stattgefunden.

Wenn wir erst einmal erkannt haben, daß Römer 1 in Zusammenhang mit der Schöpfung zu sehen ist, dann gewinnt der theologische Kontext der beiden anderen neutestamentlichen Stellen sehr an Interesse und Bedeutung.

In 1. Timotheus 1 ist der Kontext eine Neufassung der Zehn Gebote. Paulus erläutert, welchen Stellenwert die Gesetze der Moral - und insbesondere die Zehn Gebote im Leben eines Christen einnehmen. Er zitiert die Gebote nicht wörtlich, aber die alttestamentliche Wortwahl schimmert gleichsam unter der Oberfläche durch. Die ersten vier Begriffe, die er wählt, stehen für falsche Verhaltensweisen gegenüber Gott. Sie sind Kurzfassungen der ersten vier Gebote (mit den "Gottlosen und Sündern" in Vers 9 sind die gemeint, die Gott nicht ehren und sich ihm bewußt widersetzen; mit den "Unheiligen und Ungeistlichen" die, die nichts für heilig erachten, weder den Namen noch den Tag des Herrn).

Darauf folgt die Bemerkung über die "Vatermörder und Muttermörder" (das Gegenteil von "Vater und Mutter ehren" – fünftes Gebot) und über die "Mörder" (vergleiche "Du sollst nicht töten"). Das Wort "Menschenhändler" (Vers 10) stellt eine interessante Parallele zum achten Gebot her: "Du sollst nicht stehlen" (es gab in Ephesus einen blühenden Schwarzhandel mit entführten Sklaven); deutlicher ist der Zusammenhang zwischen dem neunten Gebot und den Begriffen "Lügner" und "Meineidige". Die letzten Worte in der Aufzählung ("und wenn noch etwas anderes der rechten Lehre zuwider ist . . .") scheinen ein bißchen lässig mit dem zehnten Gebot über die Habsucht umzugehen, aber darin spiegelt sich wohl die Tatsache wider, daß es Paulus hier nicht so sehr um Sünden der Gesinnung und des Herzens geht.

In der Mitte dieser interessanten Aufzählung finden wir den Hinweis auf die "Unzüchtigen" und "Knabenschänder". Beides sind Menschen, die sich außerehelichem Geschlechtsverkehr hingeben, heterosexuellem oder homosexuellem; es liegt einfach nahe, darin eine Deutung des siebten Gebotes zu sehen. Daraus ergibt sich, daß homosexuelles Verhalten ebenso gewiß von den Forderungen der Zehn Gebote betroffen ist wie heterosexueller Ehebruch.

Das eigentlich Bedeutsame jedoch ist, daß die Homosexualität überhaupt in eine Auslegung der Zehn Gebote einbezogen wird, besonders angesichts von Römer 1. Nachweislich ist der Dekalog theologisch und ethisch tief in der Schöpfungslehre der Genesis verwurzelt./4/ Mit anderen Worten: Der Dekalog fordert Männer und Frauen auf, ein Leben in dem Stil zu führen, den der Schöpfer für seine Schöpfung beabsichtigt hat. Und in diesem Schöpfungsplan haben homosexuelle Praktiken, wie PauIus in seinem Brief an die Römer dargelegt hat, keinen Raum. Es mag sein, daß der Apostel bei der Abfassung des ersten Timotheusbriefes vor allem an den Homosexuellen in Ephesus dachte, der häufig seine Sexualpartner wechselt. Der theologische Zusammenhang aber, in den er diesen Teil seiner Lehre stellt, umschließt die gesamte Menschheit und jegliches homosexuelle Verhalten.

In 1. Korinther 6,9 stoßen wir erneut auf die Begriffe "Unzüchtige" und "Knabenschänder". (verstärkt durch eine weiter Bezeichnung für Homosexuelle und einen ausdrücklichen Hinweis auf Ehebrecher). Der theologische Kontext ist hier jedoch ein anderer. Paulus schreibt über Menschen, die vom Reich Gottes ausgeschlossen sein werden. Seine Hauptsorge gilt hier ohne Zweifel der korinthischen Vorliebe für flüchtige sexuelle Erlebnisse. Doch die Tatsache, daß er seine Worte in den gedanklichen Rahmen vom Reich Gottes stellt, verleiht ihnen eine viel größere Bedeutung.

Gottes Reich ist kein Hoheitsgebiet, sondern ein Zustand, in dem seine Herrschaft anerkannt wird; sein Reich beginnt dort, wo sein Wille getan wird. Mit anderen Worten: Es kann, theologisch gesehen, von Gottes Schöpfungsplan (als sein Wille getan wurde) eine gerade Linie bis zu seinem Reich gezogen werden (wo sein Wille getan wird und getan werden wird). Und im Reich Gottes, so sagt Paulus, ist kein Raum für homosexuelles Verhalten. Erneut müssen wir uns stellen, aber nicht einem spontanen Rat für eine längst vergessene christliche Gemeinde mit ihren besonderen Problemen, sondern einer Aussage zur menschlichen Sexualität, die so umfassend ist, daß sie zurückreicht bis zu Gottes Erschaffung von Mann und Frau.

Wenn man sie in ihrem theologischen Zusammenhang betrachtet, weisen die neutestamentlichen Aussagen zur Homosexualität eine erstaunliche Einheitlichkeit auf. Nach dem Plan Gottes gibt es homosexuelles Verhalten von der Schöpfung bis zum Eintritt seines Reiches keinen Raum. Es ist deshalb überhaupt nicht verwunderlich, daß Gottes grundlegende Weisungen für das Leben – zusammengefaßt in den Zehn Geboten (die seine Schöpfungsordnung widerspiegeln und sein Reich vorwegnehmen) – homosexuelles Verhalten insgesamt ausschließen. Trotz der modernen Differenzierung zwischen invers und pervers können wir uns kaum der Erkenntnis verschließen, daß das Neue Testament ein theologisches Veto gegen jede homosexuelle Praxis einlegt - wie stark die Motive für sie auch sein mögen.

Anmerkungen:

1) F. D. Kidner, Genesis (Inter-Varsity Press, 1967), S. 137.

2) Letha Scanzoni and Virginia Ranzey Mollenkott, Is the Homosexual My Neighbour? (SCM Press, 1979), S. 71-72, 111.

3) Ibid., S. 67-68.

4) Vergleiche, C. F. H. Henry, Christian Personal Ethics (Eerdmans, 1957), S. 272ff.