Universität Duisburg-Essen, Institut für Evangelische Theologie 

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Becker, Ulrich / Johannsen, Friedrich / Noormann, Harry: Neutetamentliches Arbeitsbuch für Religionspädagogen. Urban Taschenbücher 439. Stuttgart u.a.: Kohlhammer, 2., überarbeitete. Aufl. 1997, 41-61 (Auszüge ohne Anmerkungen)

Johannsen, Friedrich: Selig sind die Friedensstifter. Der Streit um die Bergpredigt

Fragestellungen:

Die Faszination der Bergpredigt reicht über den christlichen Kulturraum hinaus und provoziert in und nach 2000 Jahren Christentumsgeschichte (mit Kreuzzügen, Inquisition, Hexenverbrennungen, Segnung von Waffen, Arierparagraph . . . ) die Frage nach der Entsprechung von den Erscheinungsformen des Christentums und seiner Ursprungstradition. Paradigmatisch hat dieses Problem Mahatma Gandhi angesprochen:

»Die Botschaft Jesu ist in der Bergpredigt enthalten, ganz und unverfälscht ... Wenn nur die Bergpredigt und meine eigene Auslegung davon vor mir läge, würde ich nicht zögern zu sagen: >Ja ich bin ein Christ<. Aber ich weiß, daß ich mich in dem Augenblick, in dem ich so etwas sage, den gröbsten Mißverständnissen aussetzen werde. Negativ kann ich euch sagen, daß meiner Meinung nach vieles, was als Christentum gilt, eine Verleugnung der Bergpredigt ist. Bitte, achtet sorgfältig auf meine Worte. Ich spreche in diesem Augenblick nicht von christlichem Verhalten im einzelnen, ich spreche vom christlichen Glauben, vom Christentum, wie es im Westen verstanden wird. Ich bin mir schmerzlich der Tatsache bewußt, daß das Verhalten überall weit hinter dem Glauben zurückbleibt. Ich kritisiere darum nicht. Ich weiß aus eigener Erfahrung, daß mein Verhalten hinter meinen Prinzipien zurückbleibt, obwohl ich mich jeden Augenblick bemühe, nach meinen Grundsätzen zu leben. Aber ich lege euch meine grundlegenden Probleme vor in bezug auf die Erscheinung des Christentums in der Welt und die Formulierung des christlichen Glaubens. Ein Text hat mich immer wieder ergriffen, schon vor meinen ersten Zeiten her, als ich die Bibel las: >Suchet zuerst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, und alles andere wird euch dazugegeben werden.< Ich sage euch, wenn ihr diesen Absatz versteht, bewahrt und in seinem Geiste handelt, dann braucht ihr nicht einmal zu wissen, welchen Platz Jesus oder irgendein anderer Lehrer in eurem oder meinem Herzen einnimmt.«/1/

Seit gut einem Jahrzehnt ist die Bergpredigt im Rahmen der Friedensdiskussion und der Frage, ob und wie diese Welt noch eine Überle- <42:> benschance hat, neu entdeckt worden. Eine von vielen engagierten Positionen nimmt hier der Jounalist Franz Alt ein:

»Frieden ist möglich«, so lautet die zentrale These seines Bestsellers, wenn endlich die Bergpredigt als realistischer Anstoß für das politische Handeln entdeckt und praktiziert wird. »Die Bergpredigt ist die geistige Energiereserve für die Menschheit. Sie wartet auf ihre Entdeckung. Das kann aber nur von jedem einzelnen selbst geleistet werden. Und zu diesen einzelnen, welche die Bergpredigt zu entdecken haben, gehören auch die Politiker. Mit der Bergpredigt kann man nicht regieren? Man kann heute nur noch mit der Bergpredigt regieren. Wer sich auf die Bergpredigt einläßt, beginnt zu ahnen, daß hier das Ende der Angst und der Anfang der Freiheit auf ihn warten.«/2/

Gegen die Überzeugung von einer politischen Bedeutung der Bergpredigt steht der bis heute in verschiedenen Variationen nachgesprochene Satz Otto von Bismarcks: »Mit der Bergpredigt kann man keine Politik machen.«

Max Weber hat diese These in seinem Werk: »Politik als Beruf« ideologisch untermauert. Das politische Handeln sei dadurch gekennzeichnet, daß es für andere Verantwortung übernimmt. Gewaltverzicht vertrage sich aber nicht mit der Verantwortung für andere. So bleibt für die Entfaltung der Bergpredigt nur der private Raum.

Als eine vom NT her gebotene dritte Möglichkeit zwischen privatistischer und politischer Position entfaltet der katholische Neutestamentler Gerhard Lohfink die Bergpredigt als Herausforderung für die Kirche: Sie sei »der einzige Ort, wo die Bergpredigt ganzheitlich, und das heißt neben anderem auch gesellschaftlich, gelebt werden kann.«3 Als Begründung dient ihm die Ursprungssituation: Die Bergpredigt gilt den Nachfolgern Jesu, die sich als Volk Gottes verstehen und in Gestalt einer Kontrastgesellschaft die Verheißungen des Gottesreiches schon real leben. Gewisse Entsprechungen findet dieser Ansatz in der Nachfolgeethik Bonhoeffers und im Bereich reformierter Tradition. Die Christengemeinde hat die Funktion, als »Salz der Erde« und »Licht der Welt« durch ihre Praxis auf die politische Gemeinde auszustrahlen.

3. 1. Historisch-kritische Annäherungen

3.1.1. ZurAuslegungsgeschichte

Der Streit um die Bedeutung der Bergpredigt für die Lebenspraxis durchzieht die Geschichte des Christentums:

Für die frühe Christenheit stellte sich die Frage nach der Bedeutung der Bergpredigt für das politische Handeln nicht, weil sie von den politischen Handlungsmöglichkeiten ausgeschlossen war. Maßgebend für ihr Verständnis war das Bild von der engen und weiten Pforte und vom breiten Weg des Todes und dem schmalen Weg des Lebens (Mt <43:> 7,13f). Auf diesem Hintergrund wurde die Bergpredigt verstanden als Wegweisung für alle, die sich zu Christus bekennen. Wie der Kommentar zum Matthäus-Evangelium von Johannes Chrysostomos (354-407) erkennen läßt, gibt die Kraft Gottes und nicht das eigene Vermögen die Möglichkeit einer (stufenweisen) Annäherung an die Feindesliebe. Andere Dokumente zeigen jedoch, daß schon bald das Problem der Erfüllbarkeit in den Vordergrund der Überlegungen drängte. Unter diesem Aspekt kamen Konzessionen und Abschwächungen ins Spiel. Insgesamt wurde jedoch an der Gültigkeit für alle festgehalten.

Im Mittelalter setzte sich dann der Gedanke einer Stufen- oder Gruppenethik durch, die nach Graden der Vollkommenheit differenzierte. Für den »Normalchristen« galten die Zehn Gebote, die Haustafeln der paulinischen Briefe und entsprechende Kirchengesetze. Die Höchstforderungen der Bergpredigt als »evangelische Ratschläge« setzen eine besondere Lebensform voraus, die nur der Ordensstand ermöglicht. Die Erfahrung, daß die Orientierung an der Bergpredigt besondere Lebensformen fordert, wurde auch für viele mittelalterliche Bewegungen konstitutiv, die für die Kirche als Häretiker galten. Diese Linie setzt sich mit gewissen Unterschieden fort in täuferischen Gruppen der Reformationszeit und aus ihnen hervorgegangenen Gemeinschaften (z. B. Mennoniten, Quäker, Hutterer), die jeweils auf eigene Art den Weisungen der Bergpredigt folgten und Konzessionen ablehnten.

Luther wandte sich grundsätzlich gegen die Tradition der Zweistufenethik, die für ihn von Verdienstdenken und Werkgerechtigkeit geprägt war. Im Rahmen seiner Zwei-Reiche-Lehre entwickelte er gegenüber den Herausforderungen der Bergpredigt die Vorstellung, daß der Christ gleichsam Bürger zweier Welten ist, die Gott auf unterschiedliche Weise regiert: In der Gemeinschaft Christi mit dem »Gesetz« der Liebe und in der Welt durch die mit Schwertgewalt ausgestattete Obrigkeit, die das Böse im Zaum halten soll. Der Christ ist als erlöste Christperson der Bergpredigt verpflichtet, soweit die Konsequenzen dieser Orientierung nur ihn selbst betreffen. Als Weltperson, besonders wenn er als Amtsträger für andere handelt, ist er primär der Begrenzung des Bösen und den Gesetzen irdischer Gerechtigkeit verpflichtet. Luther hat beide Bereiche jedoch nicht prinzipiell getrennt, wie das spätere Luthertum, sondern in der Praxis von Fall zu Fall die Chance einer an der Bergpredigt orientierten Handlungsweise auch im öffentlichen Bereich gesehen. Seine Zuordnung der beiden Regimenter ist gegenüber der statischen Verhältnisbestimmung der lutherischeu Orthodoxie dynamischer. Vor allem die Abgrenzungen zum Täufertum hatten zur Folge, daß in der protestantischen Tradition eine statische Ordnungsethik die Herausforderungen, die die Bergpredigt an die Nachfolge Jesu stellen, verdrängte.

Im Anschluß an Max Webers Unterscheidung von Gesinnungs- und Verantwortungsethik setzte sich zu Beginn unseres Jahrhunderts eine <44:> Auslegung der Bergpredigt als Grundlage einer Gesinnungsethik durch, bei der das konkrete Handeln sekundär wird./4/

Der kurze Einblick in die Auslegungsgeschichte zeigt ein vielfältiges Spektrum an Versuchen, die Spannung zwischen den Welterfahrungen und der Bergpredigt auf die eine oder andere Weise auszugleichen. Doch nur wenn diese Spannung ausgehalten wird, kann die Bergpredigt als Ermutigung und Anregung verstanden werden, mit oder gegen die übliche Welterfahrung neue Möglichkeiten des Lebens zu entdecken und zu erproben. Ein grundsätzliches Problem der christlichen (besonders der protestantischen) Auslegungsgeschichte ist dadurch bedingt, daß das paulinische Gesetzesverständnis die Bergpredigt überschattete. Aber der jüdische Jesusanhänger Matthäus hat wohl auch aufgrund biographischer Erfahrung ein positiveres Verhältnis zur Toratradition als Paulus und hat es entsprechend in die christliche Gemeinde eingebracht. Nicht das Ende des Gesetzes (der Tora), sondern die Erfüllung im ursprünglichen Geist der Liebe ist sein Thema. Tora, wie sie Jesus im eigentlich immer schon gemeinten Sinne zur Sprache bringt, ist Wegweisung für das, was das Leben schützt und in seiner Fülle zur Entfaltung bringen kann. Ein Verständnis von der Bergpredigt als Forderung trifft die Grundintention letztlich ebensowenig wie die Frage nach der Erfüllbarkeit. Jesus hat sie gelebt und damit seinen Nachfolgern den Weg einer Gerechtigkeit gezeigt, die der Zukunft Gottes entspricht.

Ein Einblick in die Ursprungsgeschichte der Bergpredigt läßt erkennen, daß die Worte und Taten Jesu von Anfang an Anstöße zu unterschiedlichen Rezeptionen und Fortschreibungen gaben.

3.1.2. Zur Ursprungsgeschichte der Bergpredigt

Die Bergpredigt wird in der vorliegenden Form überwiegend als eine Komposition des Mt gesehen, der Überlieferungen gesammelt, bearbeitet und ausgelegt hat. Sie hat Anhalt an der Predigt Jesu, darf aber nicht mit dieser identifiziert werden. Einen größeren Teil des Materials hat Mt aus der sog. Spruch- bzw. Logienquelle geschöpft.

Exkurs Logienquelle:

Beim synoptischen Vergleich von Mk, Mt und Lukas kann man beobachten, daß gerade bei der Bergpredigt (Mt) und Feldrede (Lk), aber auch bei anderen Jesusworten Übereinstimmungen zu erkennen sind, die - wie die Leerstellen in der Synpose bei Mk erkennen lassen - nicht von Mk übernommen sein können. Die 1863 von H. J. Holtzmann entwickelte und inzwischen mehrfach rnodifizierte Quellentheorie der synoptischen Evangelien geht von der Annahme aus, daß Mt und Lk neben dem Markus-Evangelium und jeweiliger Sonderüberlieferung (Sondergut) noch eine nicht mehr erhaltene schriftliche Sammlung von ins Griechische übertragenen Jesusworten und in geringem Umfang auch Erzählstoff vorgelegen hat, die zwischen 35-70 n. Chr. im palästinensischen Raum entstan <45:> den ist. Die nicht geringen Abweichungen zwischen Mt und Lk führten zu Überlegungen, daß die Spruchquelle in verschiedenen Fassungen kursierte, nur mündlich überliefert wurde oder von den Evangelisten jeweils eigenständig redigiert wurde. Die Übereinstimmungen sind jedoch so groß, daß es m.E. doch wahrscheinlicher ist, daß sie in schriflicher Form in verschiedenen Variationen überliefert wurde. Die Logienquelle enthält vor allem die Lehre Jesu, und sie dürfte der Belehrung und Erbauung gedient haben. Die Passion Jesu und ihre Deutung fehlt dort ebenso wie der Messiastitel. Ursprüngliche Tradenten der Logien sind nach Gerd Theißen Anhänger Jesu gewesen (Jesusbewegung), die als besitzlose Wandercharismatiker der Lehre Jesu entsprachen. Die Überlieferung von Jesusworten hatte ihr Motiv in dem Wunsch, ihm in der Lebenspraxis zu entsprechen.

Die Bergpredigt wurde in der uns vorliegenden Gestalt von Jesus nicht gehalten sondern ist ein Produkt des Überlieferungsprozesses. Wieweit sie bereits in der Logienquelle vorgeformt war, wird unterschiedlich beurteilt. Sie können sich ein eigenes Urteil bilden, indem Sie die Ähnlichkeiten zwischen den Überlieferungen von Mt und Lk beobachten und bedenken, ob erkennbare Übereinstimmungen und Unterschiede eher für oder gegen eine bereits als Rede konzipierte Grundform sprechen.

Wegen der deutlichen Ähnlichkeiten im Aufriß und Wortlaut läßt sich vermuten, daß ein Grundbestand der Bergpredigt in der Logienquelle vorgelegen hat. Mt hat weitere Redestücke aus der Logienquelle eingearbeitet, die Lk an anderen Stellen seines Evangeliums aufnimmt./5/

<46:> Beim synoptischen Vergleich fällt auf, daß Mt neben den vermutlich aus der Logienquelle übernommenen Teilen auf weitere Überlieferungen zurückgreift. Im Hinblick auf diese eigenen Überlieferungsstücke und Gestaltungen spricht man vom Sondergut des Mt. Schon der synoptische Vergleich zeigt, daß Mt die Überlieferungen nicht nur wiedergibt, sondern z. T. erheblich bearbeitet und in einen konzeptionellen Gesamtzusammenhang bringt.

3.1.3. Bergpredigt und Feldrede

Mt inszeniert die Bergpredigt als zusammenhängende Lehrrede, die Jesus auf einem Berg hält. Da Jesus bei Lk vom Berg in die Ebene hinabsteigt bevor er redet, wird seine Fassung als Feldrede bezeichnet. Als Hörer der Bergpredigt und der Feldrede werden die Jünger Jesu und die Volksmenge genannt. In der Feldrede werden die Jünger direkt angesprochen. Diese zweifache Zuhörerschaft hat den Anstoß zu der oben genannten mittelalterlichen Auslegung gegeben, daß beide Gruppen in unterschiedlicher Weise gemeint seien. Die große Zuhörerschaft deutet jedoch eher daraufhin, daß die Lehre Jesu nicht nur einen engeren Kreis betrifft, sondern alle: Jesusanhänger und die, die für seine Sache gewonnen werden sollen. Der Berg ist der typische Ort der Offenbarung. Erst die spätere christliche Tradition hat einen Berg am See Genezareth lokalisiert. Da es bei Mt inhaltlich nicht um ein neues Gesetz geht, sondern um Erfüllung der Tora im ursprünglichen Geist der Liebe, verbietet sich der typologische Vergleich in dem Sinne, daß Jesus Mose ablöst und der Berg der Seligpreisungen den Horeb/Sinai ersetzt.

3.1.3.1. Zur Überlieferungsgeschichte der Bergpredigt

Die Bergpredigt ist eine Zusammenstellung, Bearbeitung und Interpretation von Überlieferungen durch den Evangelisten Matthäus. Ihr nicht eindeutig zu rekonstruierender Kernbestand geht auf Jesus zurück. Vermutlich sind die meisten Teile der Feldrede des Lukas auf Jesus zurückzuführen. Die nächste Überlieferungsstufe dürfte im Kontext der Jesusbewegung zu suchen sein, die in ihrer Lebensform als Wandercharismatiker die Weisungen Jesu lebte und tradierte. Eine weitere Zuwachsstufe und Ausdifferenzierung liegt auf der Ebene der ersten seßhaften Gemeinden und deren Auseinandersetzungen mit jüdischen Torainterpre <47:> ten. Aus dieser Grundlage schöpft Matthäus und inszeniert die Bergpredigt als Vermächtnis Jesu, des von Gott bevollmächtigten Auslegers und Erfüllers der Tora. Die Bergpredigt wie ihre Vorformen haben einen konkreten Situationsbezug (Sitz im Leben), der bei der Auslegung bedacht sein will und eine schlichte Übertragung in andere Verhältnisse problematisch macht.

3.1.3.2. Aufbau der Bergpredigt

Situationsbeschreibung (5,1-2) Die Seligpreisungen (5,3-12) Bildworte-Salz und Licht (5,13-16) Gültigkeit der Tora (5,17-20) Die Antithesen (5,21-48) (Vom Töten, Ehebrechen, Scheidung, Schwören, Vergeltung, Feindesliebe) Almosen (6,1-4) Vom Beten (6,5-8) Das Vaterunser (6,9-15) Vom Fasten (6,16-18) Vom Reichtum und Sorgen (6,1934) Vom Richten (7,1-5) Von der Gebetserhörung (7,7-11) Die goldene Regel (7,12) Die enge Pforte und der schmale Weg (7,13-14) Erkennen an den Früchten (7,15-20) Es zählt die Tat (7,21-23) Haus auf dem Felsen (7,24-27) Die Wirkung der Predigt (7,28-29)

3.2. Aspekte zur Auslegung

3.2.1. Die Seligpreisungen

Wie die Gabe der Tora am Sinai/Horeb die Rettungstat Gottes (Befreiung aus Ägypten) voraussetzt und die Gebote den Befreiten zur Bewahrung der geschenkten Freiheit6 verhelfen sollen, beginnt auch die Bergpredigt nicht mit Forderungen, sondern in den Seligpreisungen mit Feststellungen von gewährtem Heil. Der synoptische Vergleich zeigt, daß bei Lk die Armen, Weinenden und Hungernden direkt (in der 2. Person) angesprochen werden, während sich bei Mt eine lehrhafte Form in der dritten Person findet. Es ist anzunehmen, daß die lukanische Fassung der Ursprungssituation eher entspricht und Jesus die Armen, Hungernden und Weinenden direkt angesprochen und ihnen Heil im Sinne einer Sprachhandlung zugesprochen hat: Wie bei anderen Sym <50:> bolhandlungen (Heilungen, Speisungen) setzte er damit durch seinen befreienden Zuspruch eine neue Realität inmitten der anderen Wirklichkeitserfahrung. Diese Unmittelbarkeit der Reich-Gottes-Erfahrung wurde dann in der frühen Überlieferung in futurische Form gesetzt. Damit ändert sich tendenziell der Charakter der Preisungen. Aus Worten, die eine neue Erfahrung stiften, werden (mahnende) Hinweise auf die Bedingungen neuer Erfahrungen.

Die Form der Seligpreisung hat in der (weisheitlichen) jüdischen und der griechischen Tradition Vorprägungen im Sinne von gelingendem Leben, zu dem aufgrund bestimmter Tatbestände gratuliert werden kann. So ist vermutlich eine Wortfeldumschreibung angezeigt, die zwischen glücklich mit sich, dem Mitmenschen und Gott eins sein, heilsein und selig liegt und alle Aspekte umfaßt. Ein Blick in diese Zusammenhänge läßt erkennen, daß man dem historischen Verständnis nicht gerecht wird, wenn man nur die in der Christentumsgeschichte gewachsenen Vorstellungen von Seligkeit oder Heil hier einliest. So spricht Jesus Sirach (25,7-9 bzw. 11-12 in der Lutherbibel) vom Wohlergehen in Verbindung rnit einer verständigen Frau, einem treuen Freund und der Fähigkeit zu kluger Rede. »Wohl dem Manne, der nicht dem Rat der FrevIer folgt ... sondern Lust an Gottes Weisung hat«, heißt es in dein weisheitlich geprägten Psalm 1, Wenn man davon ausgeht, daß Jesus seine Worte auf einem Hintergrund spricht, wo Gesetzestreue als Grundlage für das Wohlergehen gilt, liegt in seinem Zuspruch an die, die aufgrund ihrer materiellen Situation gar nicht in der Lage sind, formal gesetzestreu zu leben, eine befreiende Initation der praktizierten Gesetzesfrömmigkeit. Bei Lk ist die (vermutlich) ursprüngliche Überlieferung um 6,22f erweitert, was auf dem Hintergrund der Ausgrenzung der Anhänger Christi durch die Synagoge zu verstehen ist./7/

1. »Selig ihr Armen - denn euch gehört das Reich Gottes»

Mt hat die Seligpreisung der Armen durch den Zusatz »im Geist« und die der Hungernden durch den Zusatz »und Dürstenden nach Gerechtigkeit« in signifikanter Weise verändert. Ursache für die oft als Spiritualisierung bezeichneten Veränderungen dürfte bei Mt die andere soziale Situation der Gemeinde sein, die die unmittelbare materielle Notlage durch entsprechende Verteilung der Güter gelindert hat. Möglicherweise hat Mt die große Bevölkerungsgruppe im Auge gehabt, die die Weisheit der Tora nicht studieren konnte und daher in geistlichen Angelegenheiten als arm galt, weil sie den religiösen Anforderungen nicht genügte bzw. genügen konnte./8/

Die veränderte Situation öffnete den Blick dafür, daß auch geistliche Armut heilungsbedürftig sei. Bei der häufig zu findenden Folgerung, daß es auf das Bewußtsein ankomme, vor Gott mit leeren Händen dazustehen, darf nicht übersehen werden, daß die ursprüngliche Rede Jesu den materiell Armen galt.

<51:> Vielleicht kann die Spannung zwischen der Mt- und der Lk-Fassung angesichts des Armutsproblems großer Teile der Welt helfen, dafür die Augen zu öffnen, daß die geistliche Armut der nördlichen Erdhälfte und materielle Armut der südlichen Erdhälfte zusammenhängen. Wenn wir materiell Reichen die Seligpreisung des Mt als uns gewährte Chance wahrnehmen können, erschließt sich vielleicht die Erkenntnis, daß wahrer Reichtum nicht im Besitz, sondern im Empfangen und Teilen liegt.

2. »Selig die Trauernden; sie werden getröstet werden. «

Es gehört heute zur psychologischen Allgemeinbildung, daß Trauern, bzw. bei einer Verlusterfahrung trauern zu können, heilsam sein kann. Die Situation eines Trauernden ist gekennzeichnet durch Fiktion des Selbst- und Weltverständnisses, die durch den Tod eines geliebten Menschen, aber auch durch Trennung von geliebten Menschen oder Dingen ausgelöst wird. In der Trauer artikuliert sich die Leidenschaft fürr ddass Leben in seiner Fülle. Unfähigkeit zu trauern ist Unfähigkeit, den Verlust an Lebensfülle und Lebendigkeit zu bemerken und zu durchleiden. Damit werden gleichzeitig die Möglichkeiten verspielt, die Chancen neuen Lebens wahrzunehmen, die sich im Trauerprozeß erschließen. Trauer äußert sich in Klage über den Verlust und Anklage gegen das, was ihn verursacht, sei es eigene Verfehlung oder Widerfahrnis. Die Seligpreisung gibt der Klage Raum und verbietet, Trost als billige Vertröstung zu verstehen. Dem Menschen, der die Erfahrung des beschädigten Lebens in seiner Tiefe erlebt, wird die Trauer selbst als Beginn des Trostes zugesprochen.

3. »Selig die Gewaltlosen; sie werden das Land erben«

Die Seligpreisung der Gewaltlosen (Sanftmütigen) gehört zum matthäischen Sondergut. Ihre Grundlage ist vermutlich die heilsame Erfahrung derer, die die politische Ohnmacht aushalten, ohne dabei untätig zu sein. Auf dem Hintergrund der Abgrenzung gegenüber den Zeloten kann diese Ergänzung auch als Hinweis interpretiert werden, in Entsprechung zu Jesus den Versuchungen der Macht zu widerstehen, die darin liegt, den Problemen von oben herab oder mit Gewalt begegnen zu wollen. Es handelt sich nicht um eine Aufforderung zur Passivität, sondern um die Anregung zu einem Verhalten, das auf die Chance eines sanften Heilungsprozesses setzt und sich von Liebe und vorbehaltloser Zuwendung leiten läßt. Gegen die übliche Welterfahrung wird diesem Handeln Zukunft verheißen.

Das Motiv der Landverheißung aus der jüdischen Tradition ist in Analogie zu Psalm 37,11 und spätjüdischen Vorstellungen nicht mehr auf ein konkretes Land (Israel) bezogen, sondern meint »Land« im Sinne von Welt als umfassende Lebensgrundlage. Die Ohnmacht verwandelt sich nicht in Macht, sondern ist selbst die Möglichkeit, diese Lebensgrundlage zu »erhalten«. <52:>

4. »Selig, die hungern und dürsten nach Gerechtigkeit; sie werden satt werden. «

Die Seligpreisung der Hungernden meint ursprünglich die Sättigung der unmittelbar vom Hungertod Bedrohten. Die Mahlgemeinschaft Jesu und der Jesusbewegung hat durch ihre Praxis des Teilens und der Gemeinsamkeit mit Ausgeschlossenen Zeichen gesetzt, wie sich die Bedrohung durch den Hunger wandelt. Mt hat mit der Veränderung in Hunger nach Gerechtigkeit hier sein Hauptwort' eingefügt. Gerechtigkeit ist bei ihm auf den zwischenmenschlichen Bereich bezogen und nicht auf das Gottesverhältnis. Die von Mt ursprünglich gemeinte Bedeutung wird daher verfehlt, wenn hier Gerechtigkeit, die vor Gott gilt' eingelesen wird oder eine nur passive Erwartung von Gerechtigkeit. Hunger und Durst sind hier Ausdruck einer aktiven Haltung.9 Es geht um das Leiden am Unrecht und die Leidenschaft einer besseren Gerechtigkeit aus dem Geist der Liebe, die in einer paradoxen Spannung zu den Welterfahrungen steht.

5. »Selig, die Erbarmen üben; sie werden Erbarmen erfahren. «

Der Übergang zur 5. Seligpreisung wird oft als Schnittstelle zu einer 2. Viererreihe gesehen, die mehr ethischen Charakter hat und deren Ursprung in einer Lebensordnung frühchristlicher Gemeinden liegt. Eine prinzipielle Unterscheidung ist m.E. jedoch nicht angebracht.

Die Preisung des Erbarmens bzw. der Barmherzigkeit oder auch des Mitleids steht in einem deutlich erkennbaren Zusammenhang zur jüdischen Tradition. Mt nimmt in seinem Evangelium diesen Bezug an mehreren Stellen auf. Mit Rückgriff auf den prophetischen Satz: Mitleid will ich und nicht Opfer (Mt 9,13; 12,7; vgl. Hosea 6,6) wird eine religiöse Praxis kritisiert, in der sich die Gottesverehrung gegen den bedürftigen und leidenden Menschen kehrt. Erbarmen ist die Grundzuwendung Gottes (Ps 103,13), und der Gerechte ist derjenige, der sich davon anstiften läßt. Er ist barmherzig gegenüber dem Mitmenschen (Ps 37,21) und auch gegenüber der nichtmenschlichen Kreatur (Spr 12,10). Auf diesem Hintergrund liegt im Einüben von Empathie gegenüber der Kreatur eine Entsprechung zum Handeln Gottes. Die Preisung ist eine Einladung, die Möglichkeit der Empathie als verheißungsvolle Möglichkeit aufzugreifen. Leidenschaftliche Zuwendung kann weder als Forderung noch als Pflichtübung verstanden werden. Daher scheitert auch jede Interpretation, die das »denn sie werden« im Sinne einer berechnenden Erwartung versteht, an der Sache selbst.

6. »Selig, die reinen Herzens sind; sie werden Gott schauen.«

Reinheit ist nach traditioneller Vorstellung Bedingung dafür, das Gegenüber Gottes auszuhalten. In kultischen Reinheitsgesetzen wurden die Bedingungen für die äußere Reinheit festgelegt. Eine schwerwiegende Folgewirkung der Gesetze liegt darin, daß sie Distanz zu andern schaf- <53:> fen, die als unrein gelten. Angst vor schlechtem Einfluß führt zur Abgrenzung. Die gewünschte Nähe Gottes wird mit Abstand zum Mitmenschen und zur Mitkreatur bezahlt. Der Vorgang wiederholt sich in säkularer Form in der Abgrenzung vom Fremden und allem, was die eigene labile Identität bedroht. Wenn Jesus und die Jesusbewegung auf Konfliktkurs mit den Reinheitsvorschriften gingen, liegt wohl die Erfahrung zugrunde, daß die Praxis der Ausgrenzung dem Willen Gottes zuwiderläuft. Zugleich wurde aber der Sinn der Reinheitstradition neu entdeckt, wie sie etwa in Ps 51,12 zum Ausdruck kommt: »Schaffe in mir ein reines Herz«. Im hebräischen Denken ist das Herz Sitz und Zentrum des Denkens, Wollens und Fühlens. Ganzheitliche Reinheit aber ist nur als Folge eines schöpferischen Aktes Gottes denkbar. Gott von Angesicht zu Angesicht zu schauen, ein Hoffnungsbild ungetrübter Gottesnähe, kann nur Gott selbst in einem schöpferischen Akt ermöglichen. Hierbei ist an den Menschen zu denken, der keine Maskierung mehr braucht.

Wenn in dem von Mt (15,11) überlieferten Jesuswort davon die Rede ist, daß nicht das, was der Mensch von außen zu sich nimmt, ihn unrein macht, sondern was von ihm ausgeht, ist damit die entscheidende Denkrichtung angegeben: Die eigene Zerrissenheit und Zwiespältigkeit wahrzunehmen, den Balken im eigenen Auge, der den Splitter bei anderen wahrnehmen läßt und hindert, sich ihm zu öffnen.

7. »Selig, die Frieden schaffen; sie werden Gottes Söhne heißen.«

Daß die 7. Preisung den aktiven Friedensstifter meint und nicht eine friedliche Gesinnung, muß heute kaum noch betont werden. Vielleicht aber wohl, daß Friede (Schalom) in hebräischer Tradition kein Ruhezustand ist, sondern ein umfassendes Wohlergehen, bei dem sich die Dynamik von Liebe und Gerechtigkeit entfalten kann. Schalom ist weit mehr als die Abwesenheit von Krieg und Friedenstiften ist nicht zu verwechseln mit friedlichem Verhalten oder Friedensappellen. Es ist das Praktizieren von Frieden, das gleichzeitig von Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und Reinheit des Herzens mitbestimmt ist. Auch bei dieser Preisung sollte die Frage nach der Erfolgsaussicht u. a. nicht die Chancen verbauen, die der Satz erschließt: Wer sich mit sich selbst versöhnen läßt, braucht sich nicht in äußeren Feinden zu bekämpfen, sich nicht über Besitz zu definieren und eifersüchtig darüber zu wachen. Er kann Empathie entwickeln. Friedenstiften heißt nicht, Bedingungen für den Frieden zu bestimmen, sondern auf die Möglichkeiten von unerwarteter Gewaltfreiheit, Vergeltungsverzicht und Entgegenkommen zu setzen, die durch Irritation der gewohnten Reaktionsmuster aufbrechen. Aufgaben für Friedensstifter warten in jedem Lebensbereich einschließlich der Ebene der großen Politik. <54:>

8. »Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden ... «

Die abschließende Seligpreisung der Verfolgten hat ihren Sitz im Leben in der Auseinandersetzung zwischen Synagoge und den wegen ihrer Jesusnachfolge Ausgeschlossenen und Bekämpften (s. Kap. 2). Ihr Schicksal wird mit dem der alttestamentlichen Propheten in Beziehung gesetzt und ihre von Ohnmacht gekennzeichnete Situation gegen die Erfahrung als verheißungsvoll und Grund zum Jubeln proklamiert. Hierin liegt deutlich eine Ermutigung, der erkannten Wahrheit zu entsprechen, auch wenn nicht nur die Zustimmung ausbleibt, sondern negative Konsequenzen drohen. Problematisch wäre aber die umgekehrte Schlußfolgerung, daß Verfolgung selbst bereits die Verfolgten ins Recht setzt./10/ Kritisch ist ferner zu bedenken, daß hier der Lohngedanke ein Gewicht erhält, der der Gesamtintention des NT entgegenläuft.

3.2.2. Salz der Erde - Licht der Welt (zu Mt 5,13-16)

In den Bildworten von Salz und Licht wird das Sendungsverständnis und die Beziehung der Nachfolger Jesu zur Welt anschaulich. Die beiden Bildworte gehen vermutlich auf die Logienquelle zurück. Sie sind bei Mt als direkte Anrede an die Nachfolger Jesu verfaßt und durch die Anwendung in V. 16 von Mt in den Kontext redaktionell eingebunden. Hier wird die Funktion der Jünger in der Welt beschrieben: Ohne Salz ist die Speise nicht genießbar. Kann man auch essen was ungesalzen ist? (Hiob 6,6a) Vielleicht liegt eine Anspielung an jüdische Überlieferungen vor, die die Tora mit dem Salz vergleicht und den Knecht Gottes (Jes 42,6), mit dem sich Israel identifiziert, als Licht der Völker versteht. Der Kontrast ist unverkennbar. Der kleinen Schar der Nachfolger Jesu wird nun diese Rolle zugeschrieben. Ihr seid es!

Vermutlich kann der in der Sozialpsychologie verwendete Begriff der Zuschreibung dem Verständnis dienlich sein. Es wird ein Bild auf eine Gruppe projiziert, das prägend wirkt. Die hier gemeinte Gruppe ist identisch mit den Seliggepriesenen. Entgegen der Wirklichkeitserfahrung wird die Fähigkeit behauptet, die Welt genießbar zu machen und, wie die Öllampe die palästinensische »Einraumwohnung« erhellte, die Dunkelheit der Welt auszuleuchten. Aber Salz und Licht müssen funktionsgerecht eingesetzt werden. Für sich genommen hat Salz ebensowenig einen Wert wie ein Licht, dessen Leuchtkraft unterdrückt wird. Salzen und Erleuchten geschieht für Mt durch die guten Werke: Frieden <55:> stiften, Hungernde speisen, den Armen ihren gerechten Anteil geben, Nächstenliebe bis zur radikalsten Gestalt der Feindesliebe ausdehnen. Die folgenden Antithesen zeigen, wie Würze und Licht sich dadurch entfalten können, daß die gewohnten Verhaltensmuster überschritten werden.

3.2.3. Zum Verständnis der Antithesen

Die Grundsatzerklärung in Mt 5,17-20

Eine Schlüsselstellung für das Verständnis der Antithesen nimmt bei Mt die Grundsatzerklärung in Mt 5,17-20 ein. Es ist von der gut begründeten Annahme auszugehen, daß für Jesus und die frühe Jesusbewegung als innerjüdische Bewegung die Treue zur Tora kein Thema war. Da somit die Frage nach der weiterbestehenden Gültigkeit der Tora erst auf dem Hintergrund der Abgrenzung zwischen Juden und jüdischen Christen als Problem der christlichen Gemeinden aufkam, folgt daraus, daß allenfalls einzelne Elemente dieses Textes auf Jesus selbst zurückgehen können.

Nach G. Eichholz nimmt Mt in V.18-19 eine, die fortdauernde Gültigkeit der Tora betonende Tradition judenchristlicher Prägung auf und interpretiert diese in seinem Sinne, indem er die Verse 17 und 20 redaktionell gestaltet.

Gegenüber verschiedenen anderen Einschätzungen ist für die Position des Matthäus-Evangeliums festzuhalten:

Jesus bringt (nach Mt) vielmehr gegenüber falschen Konzessionen die ursprüngliche, vom Gebot der Liebe geleitete Intention zur Geltung, die auch hinter jedem Einzelgebot steckt. In seiner vom Liebesgebot geprägten Einheit von Reden und Handeln erfüllt Jesus den der Tora als ganzer innewohnenden Sinn /11/, dem gefährdeten Leben Freiräume zu eröffnen und die Möglichkeit der Zukunft zu erhalten. Dies ist die Basis für die gegenüber den Pharisäern bessere Gerechtigkeit der Gemeinde (Mt 5,20). Die Konsequenzen werden dann in den folgenden Antithesen ausgeführt.

Die Antithesen

Die antithetische Redeweise wird in der christlichen Auslegung gern als unvergleichliche Besonderheit der Rede Jesu herausgestellt, deren Inhalt mit der Tradition der Toradiskussion nicht zu vergleichen sei.

Inzwischen wurde nachgewiesen, daß die antithetische Redeweise doch im Judentum der Zeit Jesu anzutreffen ist und ihren Sitz im Leben in einer rabbinischen Lehrdiskussion hat. Mit ihr wird einer herrschen <56:> den Lehrmeinung widersprochen./12/ Die 3., 4. und 6. Antithese finden sich - in nicht antithetischer Gestalt - auch bei Lukas und dürften demnach aus der Logienquelle stammen. Die 1., 2. und 5. Antithese gehören zum Sondergut des Mt. Es ist umstritten, ob die antithetische Form in der Logienquelle enthalten war und ihren Ursprung in der Verkündigung Jesu hat. Die Vermutungen hierzu gehen weit auseinander. Daß die Thesen inhaltlich an der ursprünglichen Rede Jesu Anhalt haben, ist wenig zweifelhaft. Wenn verschiedene Ausleger hier die im Kontext des Judentums unvergleichliche Einzigartigkeit betonen, darf nicht übersehen werden, daß diese Feststellungen dem Wunsch entgegenkommen, die Ursprünge des christlichen Selbstverständnisses schon beim historischen Jesus festzumachen. Von jüdischer Seite wird jedenfalls der Hypothese widersprochen, daß Jesu Lehre nicht aus dieser Tradition allein erklärt werden könne./13/ Auf der Ebene des Mt-Evangeliums ist dann allerdings die Lehre Jesu in Abgrenzung zum zeitgenössischen Judentum entfaltet. Die Einzelgebote der Tora werden überboten und auf ihren Urgrund bezogen. Der Tun-Ergehen-Zusammenhang, der die Gestalt der älteren Dekalogüberlieferung prägt (z. B. Elterngebot), wird radikal gesteigert und kommt eben dadurch als Bedingung für die Neuerfahrung der Wirklichkeit zur Sprache. Kein Hinweis auf andere Autoritäten sichert die Argumentation ab, sie gewinnt ihre Evidenz durch den Sprecher und ihren Inhalt.

Der Mechanismus vom Tun-Ergehen-Zusammenhang wird radikal zuendegedacht: Das Leben des anderen wird bereits durch aggressive Sprache bedroht. Entsprechend beginnt das Schuldigwerden und die Bedrohung durch die Schuldfolgen schon hier: bereits wer seinem Bruder zürnt, verfällt der Strafe, die für das Töten vorgesehen ist: der Todesstrafe. Bereits im begehrlichen Blick auf eine andere Frau ist der Ehebruch angelegt. Die Einsicht in diese Zusammenhänge legt eine andere Denkweise nahe. Radikales Zuendedenken fördert eine Neuorientierung. Leben ist nicht erst gefährdet, wenn die biologische Existenz bedroht ist. Jede Behinderung seiner Entfaltung tötet ein Stück Lebendigkeit. Diese Sicht provoziert ein Umdenken von der Frage nach dem Verbotenen zum Gebotenen, das das Leben in seiner Fülle zur Entfaltung kommen läßt. Die Partnerschaft der Geschlechter ist durch Rechtsnormen kaum zu schützen. Die Ablehnung jeder Scheidungspraxis zielt nicht auf eine neue rechtliche Norm, sondern auf ein Grundverständnis menschlicher Partnerschaft, in der Liebe Gestalt gewinnen kann. Weil die Liebe unbegrenzt ist, bedarf sie des unbegrenzten Raumes. Die Wahrhaftigkeit der Rede ist tangiert, wenn es der besonderen Bekräftigung bedarf. Wahrheit wird damit zum Grenzfall. 14 Wenn die Mt-Fassung sagt: Eure Rede sei Ja Ja oder Nein Nein, nimmt sie die verbreitete Halbherzigkeit aufs Korn, mit dem Ja ein Nein oder umgekehrt mitzudenken und damit die menschlichen Beziehungen unwahrhaftig zu machen. Unwahrheit vor Gericht bedroht das physische Leben des Auge <57:> klagten - jede Unwahrhaftigkeit bedroht ein Stück Lebendigkeit. Was bedeutet es, wenn dem als Rechtsnorm durchaus positiven Vergeltungsprinzip (Auge um Auge), das auf Wiedergutmachung ausgerichtet ist und vor maßloser Vergeltung schützt, ein völlig anderes Reaktionsprinzip entgegengehalten wird?

Dem Aggressor auch die andere Backe hinhalten, auch den Mantel geben, wenn das Untergewand gefordert ist, zwei Meilen Gepäck tragen, wenn ein Besatzungssoldat eine fordert, dem Bittenden geben und sich dem, der borgen will, nicht verschließen? Gemeint ist jedenfalls kein passives Verhalten, sondern eine aktive Reaktion, die das Böse gleichsam austoben und sich totlaufen läßt und damit den Kreislauf des Bösen und der Vergeltung durchbricht. Höhepunkt und Abschluß finden die Antithesen im Durchbruch von der Nächstenliebe zur Feindesliebe (Mt 5,43-48), die der Liebe erst ihre wahre Gestalt gibt, aber zugleich die Welterfahrungen von Tat und Vergeltung in höchstem Maße hinter sich läßt. Die hilfreiche Orientierung bietende Aufteilung der Welt in Gute und Böse wird außer Kraft gesetzt und durchbrochen. Wer richtet (Mt 7, 1 ff), unterliegt dem Kreislauf des Richtens. Wo nicht mehr eingeordnet, schematisiert, geurteilt oder verurteilt wird, öffnet sich der Zirkel der Stigmatisierungen und Festlegungen zu der Möglichkeit, Kinder Gottes zu sein.

Die Antithesen wie die ganze Bergpredigt öffnen ein Fenster für die Möglichkeiten des Lebens aus der Perspektive Gottes und laden ein, es in kreativer Weise damit zu versuchen.

3.2.4. Die Wirkung der Rede (zu Mt 7,28f)

Die Wirkung der Rede auf die Volksmenge ist Erschrecken. Die von der Zürcher Bibel gewählte Übersetzung (erstaunen) ist wohl zu schwach: Gemeint ist eine tiefe Betroffenheit, ein außer sich geraten, das nach Mt seinen Ursprung in der Vollmacht Jesu hat (7,28f)./15/ Ähnlich wie bei Heilungserfahrungen oder Dämonenaustreibungen wird durch die Rede die gängige Einstellung zur Wirklichkeit, zu Gott und den Mitmenschen in höchstem Maße irritiert. Gewohnte Denk- und Handlungsmuster werden zerbrochen und damit das sicherheitgebende Verständnis der Wirklichkeit. Es ist eine heilsame Irritation, weil sie die Bedingung dafür ist, die Welt neu aus der Perspektive des Bergpredigers wahrzunehmen und entsprechend neue Erfahrungen mit bisher unentdeckten Möglichkeiten zu machen. Diese Sicht entspricht der Wahrnehmung der Welt als Schöpfung Gottes, deren gute Chancen in der Irritation des Gewohnten sichtbar werden. Die Formulierung: »er redete wie einer, der Vollmacht hatte«, führte in der Auslegungsgeschichte bis heute zu dem verhängnisvollen Schluß, daß es die Autorität Jesu ist, die der Rede erst ihr Gewicht gibt und daß so an die Stelle alter Autoritäten hier eine <58:> neue rückt. Dagegen ist Weder Recht zu geben, wenn er darauf hinweist daß das »ich aber sage euch« ein Abschied von jedem Autoritätsmodell bedeutet. 16 Nicht auf der Besonderheit des Sprechers, sondern auf der Überzeugungskraft der Rede selbst liegt der Akzent. Diese Erkenntnis ist auch für die religionspädagogische Praxis von höchster Bedeutung. Die Worte der Bergpredigt sind nicht deshalb wahr, weil Jesus sie spricht, sondern weil die Wahrheit der Worte bei den Zuhörern evident wird. Daher ist das Kommunikationsgeschehen selbst von höchster Relevanz. In der Vermittlung sind die Worte der Bergpredigt für unsere Zeit so zu entfalten, daß sie die gewohnte Sicht irritieren, zu neuer Wahrnehmung herausfordern und dazu anstiften, sich und andere als Teil der guten Schöpfung Gottes wahrzunehmen und entsprechendes Handeln zu erproben.

3.3. Die Bergpredigt als Einladung zum gleichnishaften Handeln

Wenn in der christlichen Tradition die Bergpredigt (besonders die Antithesen) vor allem unter dem Gesichtspunkt der Erfüllbarkeit betrachtet wurde, liegt darin gegenüber der Ursprungstradition eine problematische Verkürzung bzw. Verzerrung. Sicher hat die Frage der sog. Parusieverzögerung (die erwartete Ankunft Christi als Richter und Weltherrscher) die Urgemeinde mehr und mehr beschäftigt. Die Bergpredigt läßt aber nicht erkennen, daß hier außergewöhnliche Ansprüche für eine kurze Zeit des Durchhaltens formuliert sind, wie z. B. A. Schweitzer annahm. Wenn überhaupt von Ethik gesprochen werden kann, geht es nicht - oder wenigstens nicht zentral - um eine Interimsethik, Gesinnungsethik oder in Endzeitstimmung gründende eschatologische Ethik (Strecker), sondern schlicht um eine Ethik der Nachfolge Jesu. Dazu soll in Entsprechung zum Missionsauftrag (Mt 28) die ganze Welt eingeladen (aber nicht gezwungen) werden. Sie ist davon bestimmt, daß im Anschluß an das Wirken Jesu die Wirklichkeit der Welt vom erwarteten Anbruch des Gottesreiches (Mt: Reich der Himmel) her gesehen und dieser Erwartung schon jetzt im Handeln entsprochen wird. Damit hat sich gegenüber dem Auftreten Jesu und der frühen Jesusbewegung ein Wandel vollzogen: Dort hat das Bewußtsein von der hereinbrechenden Gottesherrschaft die ganze Existenz bestimmt. Die Welt wurde unter dem Blickwinkel ihrer Möglichkeiten gesehen, die sich gleichnishaft als Wirklichkeit des Reiches Gottes erschließen. Die Lebenseinstellung und das (symbolische) Handeln entsprachen diesem gleichnishaften Entwurf der Welt so, daß Erinnerung an Jesus und Entwurf einer heilsamen Lebenspraxis eine Einheit bildeten.

Mit zunehmender Etablierung christlicher (Haus-)Gemeinden rückt in der Folgezeit die Frage in den Mittelpunkt, wann die im Auftreten <59:> Jesu zeichenhaft sichtbar gewordene Gottesherrschaft in umfassender Gestalt in Erscheinung tritt, wer an ihr teilhat und wer nicht. Die Theologie unterscheidet den unterschiedlichen Wirklichkeitsbezug des Reiches Gottes mit den Begriffen präsentische und futurische Eschatologie. Die Konzeption der Bergpredigt des Mt verbindet beide Pole. (Selig sind - sie werden). Sobald die Lebensgestaltung nicht mehr (selbstverständlicher) Ausdruck einer in der konkreten Wirklichkeit erscheinenden neuen Möglichkeit ist, sondern eine Zweckbestimmung erhält, kommt das Gesetz im Sinne einer Fremdbestimmung ins Spiel als unerbittliche Forderung oder Einlaßbedingung für das Reich Gottes. Dann stellt sich die Frage des Verdienstes, der Werkgerechtigkeit und der Erfüllbarkeit. Tora als von der Liebe geprägte Lebenschance, nicht als Forderung, sondern heilsame Möglichkeit, bei der der Weg das Ziel ist, gerät dann aus dem Blick. Bei diesem veränderten Verständnis von Tora als Forderung kommt zwangsläufig die Frage nach der Erfüllbarkeit auf. Dem ursprünglichen Charakter der Bergpredigt wird diese Frage ebensowenig gerecht wie die Trennung zwischen privater und öffentlicher Gültigkeit, der Reduktion auf Gesinnung, die Konzeption einer Interimsethik oder die Gegenüberstellung von Werkgerechtigkeit und Glaubensgerechtigkeit.

Aus der Einsicht, daß bereits im NT die Überlieferungen im Blick auf neue Situationen umgestaltet und uminterpretiert wurden, ist zu folgern, daß die eigene Auslegung weder allein durch Rückbezug auf das damalige Verständnis gewonnen werden kann, noch durch Berufung auf die Autorität Jesu oder der Urgemeinde. Es ist vielmehr in kritischer Auseinandersetzung mit dem Verständnis in den Ursprungstraditionen und der Wirkungsgeschichte im Blick auf die Gegenwart eigenständig zu begründen, wie und woraufhin die Überlieferung heute anspricht und in Anspruch genommen werden soll. Besonders die lutherische Tradition hat ein weltbezogenes Verständnis der Bergpredigt erschwert. In m.E. tieferem Verständnis der Wahrheitsmomente dieser Tradition ist die Bergpredigt als Gestalt des befreienden Evangeliums (neu) zu erschließen./17/ Grundlegend ist, daß das Handeln nicht dazu dient, sich gegenüber Gott in ein (besseres) Verhältnis zu setzen, sondern aus dem von Gott gesetzten Verhältnis - befreit vom Rechtfertigungs- und Selbstverwirklichungszwang - das Lebensdienliche zu suchen und zu tun. So verstanden, kann die Bergpredigt Impulse zu kreativem Denken und symbolischem Handeln geben, alltagsweltliche Erfahrungen und Zwänge zu überschreiten und im Lichte des Reich-Gottes-Gedankens neue Möglichkeiten des Lebens und des Zusammenlebens experimentierend zu entdecken helfen. Das Handeln dient nicht dem Gottesverhältnis, sondern nimmt den von Gott aufgezeigten Weg zur Gestaltung des mitmenschlichen (und mitkreatürlichen) Umgangs auf. Für die Arbeit mit der Bergpredigt in religionspädagogischen Zusammenhängen stellt sich damit die Aufgabe, das Verständnis als Forderung ebenso zu <60:> überwinden wie die Frage der Erfüllbarkeit. Der Gehalt der Bergpredigt ist als Denkanstoß für neue Möglichkeiten des Lebens ins Spiel zu bringen, im Rückgriff auf den »Bergprediger Jesus«, der die Bedingungen dieser Möglichkeiten freigelegt hat.