Lohfink, Norbert, (1928-): Projektionen. Über die Feinde des Kranken im Alten Orient und in den Psalmen. In: Unsere großen Wörter. Das Alte Testament zu Themen dieser Jahre. Ed. Norbert Lohfink. Freiburg-Basel-Wien: Herder, 1977, 145-155.

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Projektionen: Über die Feinde des Kranken im alten Orient und in den Psalmen

Bisweilen begrüßt man die Krankheit. Sie war schon lange am Kommen, ließ sich aber nicht fassen. jetzt ist sie endlich greifbar. Man weiß, woran man ist.

Oder im Leben hatten sich unlösbare Probleme angestaut. Es gab keine Wege mehr. Nun kam eine Krankheit, vielleicht noch nicht einmal eine allzu schlimme. Aber sie ändert die Lage. Weil man krank ist, lassen sich viele Probleme neu angehen, oder sie lösen sich von selbst.

Aber es bleibt trotzdem die Ausnahme, daß man die Krankheit begrüßt. Gewöhnlich kommt sie als Feind. Sie nimmt ein Stück der Lebensmöglichkeiten. Sie raubt Freiheit, bereitet Schmerz, macht einen zur Last der anderen Menschen. Wenn sie von der Art ist, daß man etwas gegen sie tun kann, behandelt man sie auch als Feind. Der Hausarzt strafft die Gestalt. Sein Blick ist forsch. Die Arznei dient als Waffe, das Bett als Kampfplatz. Kurz: die Krankheit wird bekämpft. Vielleicht ist es den medizinischen Aufklärungstruppen sogar gelungen, den Feind genauer zu identifizieren. Man weiß, es ist dieser Virus oder jener Bazillus. Um so gezielter lassen sich die Waffen einsetzen, bis der Feind vernichtet, aus dem Körper vertrieben und gänzlich aufgerieben ist. Dann ist man wieder gesund. Die Gesundheit ist unser Freund.

Doch nicht immer läßt sie sich wiedergewinnen. Es gibt Krankheiten, die bleiben, leichte und auch schwere. Bleiben sie auch der Feind? Oft, so scheint mir, verliert sich bei den Kranken allmählich das Feindbild. Man lernt seine Krankheit kennen. Man lernt, mit ihr umzugehen, ja mit ihr zu leben. Bisweilen kann es fast zu einem freundschaftlichen Verhältnis des Kranken zu seiner Krankheit kommen. Man begegnet sogar Kranken, bei denen man sich fragt, ob sie noch ohne ihre Krankheit leben könnten. Kann man nicht so

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gar seine Krankheit pflegen? Natürlich ist das ein Extrem auf der großen Skala der Möglichkeiten. Immerhin existiert es.

Doch damit ist die Geschichte von den Feinden des Kranken noch nicht am Ende. Denn neben der Krankheit gibt es noch andere Feinde des Kranken, und um sie soll es im folgenden gehn.

Wer krank ist, ist auf andere angewiesen. Wer im Bett liegt, muß warten, bis jemand zu ihm kommt. Wenn jemand kommt, muß er von unten her zu ihm aufschauen. Er weiß auch nicht, was die andern außerhalb des Krankenzimmers miteinander besprechen. Bei vielem, was man von ihm erwartet oder mit ihm tut, durchschaut er nicht bis ins letzte, warum es genau geschieht. Er muß sich auf die Kompetenz des Arztes und derer, die ihn pflegen, verlassen. Und auf ihre gute Absicht. Er wird sie voraussetzen, und mit Recht. Aber immer mit Recht?

Die Situation des Krankseins kann daher Mechanismen der Seele auslösen, durch die der Kranke allmählich beginnt, in der Welt, die er nicht mehr genau übersieht und in der Hand hat, Feinde zu wittern. Die Krankheit selbst wird vielleicht nicht mehr als Feind empfunden. Aber in Wirklichkeit bleibt sie, was sie ist. Sie engt die Lebensmöglichkeiten empfindlich ein. Sie erzeugt Gefühle der Unsicherheit und Angst. Aber da sie dennoch als guter Bekannter erlebt wird, werden die Feinde woanders geahnt.

Mißtrauen kommt auf: gegenüber den Pflegern, gegenüber der Familie, gegenüber dem Arzt oder dem Gesundheitssystem. Der Kranke ahnt Feinde, die er sich selbst durch Projektion geschaffen hat. Wie häufig können wir diesen Vorgang beobachten. Und wie schwer ist es, die Sorgen und Vermutungen des Kranken, wenn sie sich endlich sogar zu Wort melden, aufzulösen und in neues Vertrauen zu verwandeln. Denn meistens entspricht den Projektionen ja keine objektive Wirklichkeit. Wenn der Kranke Feinde fürchtet, fürchtet er letztlich nur seine eigene Krankheit. Aber er weiß es nicht. Er rechnet mit Feinden, die ihm schaden wollen.

Die Feinde des Kranken in der Antike

Dieser Vorgang muß beim antiken Menschen noch viel stärker gewesen sein. Er lebte noch eingebundener in der Gemeinschaft seiner Familie und seiner Stadt. Seine seelische Harmonie hing noch ganz

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anders als die unsere am ständigen Kontakt mit Verwandten und Freunden, am Gespräch, an der gegenseitigen Anerkennung. Die Krankheit warf ihn noch ganz anders auf sich selbst zurück und trennte ihn von allem Normalen. So entwickelte er auch Feindprojektionen von ganz anderer Gewalt. Was bei uns oft nur im Ansatz da ist, begegnet uns in Texten aus dem Alten Orient in Überdimension.

So ist uns zum Beispiel in einem babylonischen Text aus dem 2. Jahrtausend vor Christus (Ludlul bel nemeqi) die Klage eines schwerkranken hohen Beamten erhalten, den der Gedanke quält, daß während seiner Krankheit nun seine Kollegen dabei sind, seine Position bei Hof zu untergraben. Aus dem Text entsteht das Bild eines perfekten Komplotts gegen den Kranken, wobei sogar damit gerechnet wird, daß man versucht, ihm mit Hilf e von magischen Praktiken das Leben zu entziehen. Der Text lautet:

Die Leute am Hof planen feindselige Machenschaften gegen mich. Sie versammeln sich und reden gottlose Worte. So sagt der erste: Ich will magisch bewirken, daß er den Geist aufgibt. Der zweite sagt: Ich will bewirken, daß er seinen Posten räumt. Und der dritte: Ich will sein Amt einnehmen. Der vierte: Ich will seinen Besitz übernehmen.

Hier ist leider ein Stück der Tontafel, auf der uns der Text erhalten ist abgebrochen. Wir können nicht mehr lesen, was der fünfte, der sechste und der siebte sagen. Dann heißt es:

Die Bande der sieben hat ihre Kräfte vereint, erbarmungslos wie ein Dämon ... Sie sind sich einig, eins in der Absicht. Ihre Herzen wüten gegen mich. Sie lodern wie ein Feuer. Sie wirken gegen mich zusammen mit Verleumdung und Lügen.

Die Feinde des Alten Orientalen mußten nicht notwendig Menschen sein. Man rechnete auch mit feindlichen Dämonen und mit feindlichen Toten. Aus Ägypten haben wir zum Beispiel einen Brief eines kranken Witwers an seine verstorbene Gattin. Er ist überzeugt, daß sie die Schuld an seinem bösen Zustand trägt. So schreibt er ihr:

Welchen Frevel habe ich gegen dich begangen, daß mein Zustand eingetreten ist in dieser bösen Art, in der ich mich befinde? Was habe ich gegen dich getan, daß du deine Hand hast auf mich legen lassen, obwohl ich keinen Frevel gegen dich begangen habe? Seit ich mit dir als Gatte zusammen war bis zu diesem Tag - was habe ich getan gegen dich, das ich verbergen müßte? Was liegt gegen mich vor, daß ich in diesen meinen

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Zustand eines Angeklagten versetzt worden bin? Was habe ich gegen dich getan? Ich will dich mit den Worten meines Mundes vor der Götterschaft des Totenreiches im Westen verklagen!

Dann schildert der Schreiber, wie er der Gattin ihr ganzes Leben lang alles erdenkliche Gute getan hat und fährt dann fort:

Aber siehe, du läßt doch nicht zu, daß mein Herz zufrieden ist. Ich werde gegen dich einen Prozeß führen. Man wird das Unrecht erkennen gegenüber dem Recht.

Wir können nicht genau feststellen, worin die Krankheit dieses Totenbriefschreibers bestand. War sie körperlich? War sie psychisch? Auf jeden Fall wurde ihm seine verstorbene Frau zu dem großen Feind, der vom Totenreich im Westen aus das Unheil über ihn brachte.

Oft wußte man aber auch nicht, wer die Feinde waren, vor denen man sich fürchtete. Um sich gegen sie zu wehren, stellte man ganze Listen möglicher Feinde zusammen. Sie trug man in seinen Gebeten und Beschwörungen den Göttern vor, um Hilfe zu erlangen. Wir verstehen diese Listen oft falsch. Sie sehen auf den ersten Blick wie Listen verschiedener Krankheiten aus. In Wirklichkeit sind dann die Dämonen gemeint, die diese Krankheiten bewirken. So auf weite Strecken in der folgenden Liste aus der akkadischen Serie Maqlu:

Alles Schlimme, alles Ungünstige, was sich in meinem Leib, meinem Fleisch, meinen Muskeln befindet, Unheil durch schlimme, ungünstige Träume, Zeichen und Vorzeichen, Unheil durch schreckliche, schlimme, ungünstige (Handlungen), durch Handanlegung, durch Würgung eines Hammels... durch das, was ich täglich erblicke, worauf ich auf der Straße trat, was ich an den Seiten sehe, der böse Schedu-Dämon, der schlimme Utukku-Dämon, Krankheit, Kopfschmerz, Not, Jammer, Angst, Zittern, Kummer, Schrecken, Schlaffheit, Weh, Ach, Zerknirschung, Zerschneidung des Leibes, Schrecken, Drangsal, Furcht, Sünde, böses Ereignis von seiten der Götter, Zorn, Bann durch Eid bei einem Gott, durch Eid bei der Schwurhand, Zauberei, Hexerei, Spuk, böse Machenschaften durch Menschen.

Die ganze Welt des Bösen, die für den üblen Zustand des Beters verantwortlich sein könnte, wird in allen Einzelheiten aufgeführt, eben

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weil er nicht genau weiß, wo nun in seinem Fall die Krankheit ihre genaue Ursache hat.

Die Feinde des Kranken in Israel

Das Volk Israel lebte im gleichen Kulturraum. Doch wäre dort eine solche Liste schwer denkbar. Israel war durch seinen Glauben ausschließlich an den einen Gott Jahwe gebunden. Angst vor Toten, Angst vor Dämonen und Angst vor Zauberei war dem Israeliten schlicht untersagt.

Doch solch ein Verbot der Furcht vor übermächtigen und unerreichbaren Feinden befreite den einzelnen Kranken in Israel ja nicht von seinen Ängsten und von den Mechanismen, die Feindbilder erzeugten. Nur der Rahmen akzeptabler Feindbilder war eingegrenzt. Wenn der kranke Israelit sich vor Feinden fürchtete, dann kamen dafür nur noch Menschen in Frage - es sei denn, er sah in Jahwe, seinem Gott, selber seinen großen Feind. Doch das ist eine Kühnheit des Denkens, zu der es in einem Buch Ijob kam, sonst aber nicht häufig. Und auch dort mußte dieser Gedanke am Ende kapitulieren. Normalerweise waren in Israel die Feinde des Kranken seine Mitmenschen.

Deshalb stehen uns Menschen von heute die Fantasien der Kranken in Israel vielleicht näher als die der anderen alten Orientalen. Auch uns schrecken kaum noch Tote, Zauberer oder Dämonen, und dennoch drängt es auch unsere Kranken, ihre Beengung und Angst zu objektivieren. Die Feinde des israelitischen Kranken finden wir in den Psalmen geschildert, und zwar in den Klageliedem von Kranken, die in diesem Buch der Bibel zahlreich zu finden sind.

So ist etwa in Psalm 22 die Schilderung der Krankheit des Beters völlig durchwoben mit Hinweisen auf die Feinde, die ihm schaden. Zuerst drückt er sein Vertrauen auf Jahwe aus. Dann beginnt er, klagend seine Krankheit zu schildern. Doch fast von Anfang an verwandelt sich ihm die Krankheitsschilderung in einem Blick auf die Menschen, die ihm nicht mehr wohlwollen:

Ich bin ein Wurm und kein Mensch, der Leute Spott, vom Volk verachtet.
Alle, die mich sehen, verlachen mich, verziehen die Lippen, schütteln den Kopf.

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Nach einer Äußerung des Vertrauens auf Jahwe folgt eine Bitte um Hilfe. Sie wird motiviert durch den Hinweis, kein Mensch sei vorhanden, der zur Hilfe bereit sei:

                    Seit mir nicht fern, denn die Not ist nahe, und niemand ist da, der hilft.

Dann folgt eine neue, lange Schilderung der eigenen Not. Nur in der Mitte wird die Krankheit selbst beschrieben. Am Anfang wie am Ende ist wieder nur von feindlichen Menschen die Rede. Ihre Gefährlichkeit drückt sich aus in Bildern wilder und reißender Tiere:

Viele Stiere umgeben mich, Büffel von Baschan umringen mich.
Sie sperren gegen mich ihren Rachen auf, reißende, brüllende Löwen.
Ich bin hingeschüttet wie Wasser, gelöst haben sich all meine Glieder, mein Herz ist in meinem Lieb wie Wachs zerflossen.
Meine Kehle ist trocken wie eine Scherbe, die Zunge klebt mir am Gaumen, du legst mich in den Staub des Todes.
Viele Hunde umlagern mich eine Rotte von Bösen umkreist mich, sie durchbohren mir Hände und Füße.
Man kann alle meine Knochen zählen; sie gaffen und weiden sich an mir.
Sie verteilen unter sich meine Kleider und werfen das Los um mein Gewand.

Hier schließt sich die eigentliche und breit formulierte Bitte des Psalms an. Wir entdecken zu unserem Erstaunen, daß sie sich gar nicht auf die Krankheit bezieht, sondern ganz auf die Feinde, die den Kranken in seiner Angst umgeben:

Du aber, Jahwe, halte dich nicht fern! Du, meine Stärke, eil mir zu Hilfe!
Entreiße mein Leben dem Schwert, mein einziges Gut aus der Gewalt der Hunde!
Rette mich vor dem Rachen des Löwen, vor den Hörnern der Büffel rette mich Armen!

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Selten wird man es in so dichter Form erleben, daß ein Kranker die Erfahrung seiner - sicher sehr schweren - Krankheit so umwandelt in das Erlebnis, von den Menschen verlassen, ja feindlich umstellt zu sein. Am Ende sind sie ihm alle zu wilden Tieren geworden, die um sein Todeslager herumstehen. Aber auch in anderen Klageliedern des Psalters, die länger bei der Klage über die Krankheit selbst verweilen, fehlen die Gegner meist nicht.

Die Beter empfinden offenbar gerade die Menschen, die an ihr Krankenlager kommen, als ihre Feinde. Vielleicht genügt es, daß die Besucher nicht damit rechnen, daß der Kranke wieder gesund werden wird. Der Kranke muß das nur aus ihren Worten herausfühlen, und schon wachsen sie ihm in die Figur des Feinds hinein. Nicht so sehr die Krankheit selbst, sondern der Zweifel der Besucher ist das große Leid der Kranken. So heißt es gegen Ende von Ps 6:

Ich bin erschöpft vom Seufzen, jede Nacht benetzen Ströme von Tränen mein Bett, ich überschwemme mein Lager mit Tränen.
Mein Auge ist getrübt vor Kummer, ich bin gealtert wegen all meiner Gegner.

Da sind sie wieder. Und wenn nun die Erhörungsgewißheit den Psalmenbeter überkommt, kann er sie formulieren als eine Siegesbotschaft über die sein Lager umstehenden Feinde:

Weicht zurück von mir, all ihr Frevler, denn Jahwe hat mein lautes Weinen gehört.
Gehört hat Jahwe mein Flehen, Jahwe nimmt mein Beten an.
In Schmach und Verstörung geraten all meine Feinde, sie müssen weichen und gehen plötzlich zugrunde.

Ich frage mich, ob die Feinde nicht deshalb weichen und im Nu zugrunde gehen, weil dann, wenn die Krankheit vorbei ist, auch der Feindprojektion die Wirklichkeitsbasis fehlt und sie in sich selbst zusammensinkt. Man sollte diese Gebetstexte vielleicht mehr, als wir es gewohnt sind, aus der subjektiven Erlebnisperspektive von kranken Menschen verstehen. Vielleicht ergäbe sich dann auch ein anderes Verständnis der sogenannten Fluchpsalmen - von Gebeten also, in denen der Beter den Fluch der Gottheit auf seine Feinde herabruft.

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Treulose Freunde

Doch bleiben wir noch ein wenig beim Erlebnis menschlicher Feinde durch die Kranken des alten Orients und besonders des alten Israel. Als die bittersten Feinde empfindet man die treulos gewordenen Freunde.

Der zum Feind gewordene Freund von ehedem ist ein überall im alten Orient verbreiteter Topos. So lesen wir schon in einem Klagelied aus dem Ägypten des 3. Jahrtausends vor Christus:

Zu wem kann ich heute noch reden;
Zum Bösewicht wurde ein vertrauter Freund,
der Bruder, mit dem man zusammen arbeitete, ist zum Feind geworden.
Zu wem kann ich heute noch reden?
Keiner erinnert sich der Vergangenheit.
Man tut jetzt nichts für den, der einst Gutes getan hat.
Zu wem kann ich heute noch reden?
Ich bin schwer beladen mit Elend,
weil mir ein Vertrauter fehlt.
Zu wem kann ich heute noch reden?

In einem sumerischen Gebet eines kranken Mannes lesen wir:

Mein Viehhirt hat böse Mächte gegen mich ausgesucht, und ich bin doch nicht sein Feind. Mein Gefährte sagt kein wahres Wort zu mir, mein Freund beantwortet mein redliches Wort mit einer Lüge. Ein Betrüger hat gegen mich eine Verschwörung angezettelt, und du, mein Gott, wirkst dem nicht entgegen!

In einem akkadischen Gedicht aus dem 2. Jahrtausend findet sich folgende Klage eines hohen Beamten:

Für meine vielen Verwandten bin ich wie ein Ausgeschlossener. Wenn ich über die Straße gehe, sind die Ohren gespitzt. Wenn ich den Palast betrete, blinzeln die Augen. Meine Stadt betrachtet mich finster wie einen Feind. Wirklich, mein Land ist grausam und feindlich. Mein Freund ist zum Feind, mein Gefährte zum elenden Kerl und Teufel geworden. In seiner Grausamkeit zeigt mein Genosse mich an. Beständig wetzen meine Verbündeten ihre Waffen. Mein vertrauter Freund hat mein Leben in Gefahr gebracht. Mein Sklave hat mich in der Versammlung öffentlich verflucht.. .

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Wenn mein Bekannter mich sieht, dann wechselt er auf die andere Seite. Meine Familie behandelt mich wie einen Fremden.

Alle diese Texte sind sehr fatalistisch. Es wird nicht lange nach einem Grund gesucht, warum im Augenblick der Krankheit oder des Unglücks die Freunde zu Feinden werden. Das ist einfach so. Keiner hält zu dem, dem es schlecht geht. Daher kann man eben auch, wenn es einem schlecht geht, von vornherein damit rechnen, daß einen alle verlassen. Die Welt ist schnell bereit, sich darauf einzurichten, ohne einen weiterzuleben. Man muß höchstens noch mit besonders unangenehmen Feinden rechnen, die einem ein baldiges Ende wünschen. Ein ägyptisches Sprichwort sagt: "Am Tag des Unglücks hat ein Mensch keinen Freund."

In Israel scheint das nicht ganz so selbstverständlich gewesen zu sein. Denn

immer wieder wird in den Klagepsalmen betont, daß die früheren Freunde "ohne jeden Grund" zu Feinden geworden seien. Man empfindet das also nicht als das Normale. Um so mehr wird es da, wo es eintritt, zum Gegenstand der Klage.

In Ps 41 zum Beispiel charakterisiert der Beter zunächst seine Feinde im allgemeinen. Es sind die, die ihn sogar besuchen, die ihm aber außerhalb des Krankenzimmers dann den Tod wünschen. Dann steigert er diese Feindschilderung, indem er herausstellt, daß es sich um seine früheren Freunde handelt:

Meine Feinde reden Böses über mich: "Wann stirbt er endlich, und wann vergeht sein Name?" Besucht mich jemand, so kommen seine Worte aus falschem Herzen.
Er häuft in sich Bosheit an, dann geht er hinaus und redet.
Im Haß gegen mich sind sich alle einig; sie tuscheln über mich und sinnen auf Unheil: "Verderben hat sich über ihn ergossen; wer einmal daliegt, steht nicht mehr auf." Selbst mein Freund, dem ich vertraute, der mein Brot aß, hat gegen mich geprahlt.

Noch breiter ist dieses Motiv in Ps 55 ausgeführt. Da wendet sich der Beter dem früheren Freund direkt zu und redet ihn an:

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Nicht mein Feind beschimpft mich, das würde ich ertragen;
nicht ein Mann, der mich haßt, tritt frech gegen mich auf, vor ihm könnte ich mich verbergen.
Nein du bist es, ein Mensch aus meiner Umgebung, mein Freund, mein Vertrauter,
mit dem ich, in Freundschaft verbunden, zum Haus Gottes gepilgert bin inmitten der Menge.

Nimmt man alle Aussagen der Psalmen zusammen, so ergibt sich ein recht geschlossenes Bild. Die Kranken in Israel erlebten, daß ihnen ihre Freunde zu Feinden wurden. Frühere Freunde wichen ihnen plötzlich aus und mieden sie. Oder sie legten ihnen nahe, nicht mehr im alten Freundeskreis zu erscheinen. Sie behandelten den Kranken als wertlos gewordenen Menschen, trösteten ihn mit leeren Phrasen oder, statt ihn zu trösten, schmähten sie ihn sogar und machten ihm indirekt Vorwürfe, daß er entweder zu wenig oder zu viel Gottvertrauen habe. Sie gaben ihm viele guten Ratschläge, und dann machten sie sich schnell wieder aus dem Staub.

Aus dieser Zusammenstellung ist deutlich zu sehen, daß Menschen gerade beim Krankenbesuch und bei anderem persönlichen Kontakt mit dem Kranken plötzlich als Feinde erlebt wurden. Der Kranke traut dem nicht mehr, was andere sagen und tun. Er hört verborgene Feindschaft heraus.

Vielleicht hatte er damals in vielen Fällen recht. Dem alten Orient galt der Kranke als von den Göttern verstoßen. Auch in Israel war sofort, wenn jemand krank wurde, die Frage da: Hat er gesündigt? Ist Jahwe dabei, ihn zu strafen? Die Kranken quälten sich auch selbst mit dieser Frage herum. Sagte man ihnen etwas anderes, dann hatten sie vermutlich immer Grund, an der Redlichkeit solcher Worte zu zweifeln. Sie wußten zu genau, wie man in solchen Lagen zu denken pflegte. Oder waren die Dinge doch nicht so einfach? Dachte doch nicht jeder, der einen Kranken besuchte, automatisch auf diesen Bahnen? Dann wäre wohl doch manches, was in den Psalmen über die zu Feinden gewordenen Freunde gesagt wird, Projektion und Fantasie.

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Schlußüberlegungen

Wir sind wieder bei den Überlegungen des Anfangs. Die Krankheit wird zunächst als Feind erlebt. Aber sie kann langsam vertraut werden. Die Angst, die sie dennoch erzeugt, kann sich dann in neuen Feinden vergegenständlichen. Der Kranke findet sie am leichtesten in den Menschen, die ihn umgeben. Das gibt es heute, das gab es in noch viel größeren Dimensionen beim Menschen des alten Orients und wieder anders in Israel,

Die Klagepsalmen sind keineswegs einmalige und spontane Gebete. Es sind Gebetsformulare, die in einer großen und offiziellen Gebetssammlung stehen und den kranken Menschen als Form ihres Betens angeboten wurden. Man hatte also in Israel keine Bedenken, die üblichen Projektionen kranker Menschen den leidenden Kranken geradezu anzubieten, ja sie vielleicht sogar durch das Formular erst voll hervorzurufen.

Ob man die Projektionen nicht als solche durchschaut hat? Das mag in einem gewissen Ausmaß der Fall sein. Aber vielleicht hatte man auch eine andere Erfahrung im Umgang mit ihnen und deshalb eine andere Einstellung zu ihnen.

Wir sind ja geneigt, einem Kranken klarzumachen, daß er sich täuscht. Wir werden versuchen, ihm den Projektionscharakter seiner Vorstellungen bewußtzumachen, und hoffen, daß er auf diese Weise von seinen Ängsten und Aggressionen befreit wird.

Diejenigen, die für die Psalmen verantwortlich waren, scheinen den Projektionen des Kranken mehr Realität zugebilligt zu haben. Sie scheinen vorausgesetzt zu haben, daß man um so besser mit ihnen fertig wird, je mehr man sie beim Wort nimmt und ins Wort bringt. Deshalb brachten sie den Kranken dazu, sie auszusprechen, und sie widersprachen ihm nicht.

Allerdings leiteten sie ihn an, seine Ängste im Gebet auszusprechen. Mit der Bewußtmachung der Feindbedrohung verbanden sie die Anrufung Gottes. Der Kranke, der über seine Feinde klagt und damit seine Angst offen ausbreitet, gibt sich zugleich vertrauend in die Hand seines Gottes, den er über aller Macht jedes möglichen Feindes weiß.

Wir machen auch heute die Erfahrung, daß es oft gar nicht gelingen will, einem Kranken seine Ängste auszureden. In Israel hat man einen Kranken also gelehrt, seine Ängste im Gebet auszusprechen.