Universität Duisburg-Essen, Institut für Evangelische Theologie 

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Schart, Aaron, last edited: 2007-04-05

Lohfink, Norbert: Wo sind heute die Propheten?
Stimmen der Zeit 113 (1988) 183-192.

(1)  Prophetie erscheint uns heute als etwas Befremdliches, und zwar wegen ihrer uns ungewohnten Erlebnis- und Vermittlungsformen: Visionen, Träume und Ekstasen, bärtige Störenfriede der bürgerlichen Ordnung, Straßenredner und Straßentheater, härene Röcke und Heuschrecken, schwer verständliche Bücher. Derartiges gehört für uns in Kulturformen ferner Vergangenheit, „primitiver" Gesellschaften, oder aber, wenn es heute noch auftritt, an den Rand des in unserer Gesellschaft als normal Geltenden: zu Aberglauben und Volksfrömmigkeit, vielleicht noch zu Pfingstbewegung und Friedensmärschen. Alles riecht nach vorrational, wenn nicht irrational, und paßt nicht mehr in die aufgeklärte Moderne.

(2) Trotzdem hallt der Ruf nach dem Prophetischen weiter. In Lateinamerika fordert die Theologie der Befreiung die Kirche auf, ihren prophetischen Auftrag wahrzunehmen und die Anklage gegen die Ausbeutung der Armen ertönen zu lassen. Bei uns fragen die, die unter der Kirche leiden, wo denn die Propheten bleiben: Es wird gesucht nach dem Prophetischen in der Kirche. Und immer wieder gleitet der Blick zurück zu diesen Gestalten des Alten Testaments. Man liest ihre Bücher und weiß doch nicht so recht, was sie uns heute zu sagen haben.

(3) Die Alttestamentler, die für diese Propheten Israels zuständig sind, tun sich mit ihnen auch nicht leicht. Es erfordert unendliche Mühe, aus ihren Büchern das herauszuanalysieren, was wirklich von ihnen stammt, und dann das zu verstehen, was darüber und darumherum geschrieben wurde, von immer neuen Generationen, die die alten Worte der Propheten für immer neue Situationen aktualisierten. Über dieser Schwerarbeit verliert man fast die Frage der Zeitgenossen aus dem Gedächtnis, wo denn heute die Propheten seien und was man heute von den Propheten Israels lernen könne.

(4) Das Folgende ist der Versuch eines Alttestamentlers, doch einmal von seinen fachspezifischen Fragen aufzublicken und den Zusammenhang mit heute - wenn es ihn gibt - für sich und seine Leser wieder in den Blick zu bekommen. Es soll dabei in keiner Weise alles gesagt werden. Nur einen bestimmten Aspekt, der mir nicht uninteressant zu sein scheint, möchte ich hier ein wenig entwickeln: Das Wichtigste stelle ich zurück: die eigentliche Botschaft. Und ich sehe zunächst auch von allen Erscheinungsformen der prophetischen Psyche oder des prophetischen Auftritts ab. Ich frage einfach nach der Funktion der Propheten für die Gesellschaft, in die hinein sie ihre Botschaft verkünden.

(5) <184:> Bei dieser Betrachtung scheint es mir hilfreich, mit einem Begriffspaar zu arbeiten, das Max Weber zu Beginn unseres Jahrhunderts in die Diskussion eingebracht hat: Institution (oder auch: Amt) und Charisma. Die Spannung zwischen Institution und Charisma kann man unter verschiedensten äußeren Gestalten durch die ganze Gesellschaftsgeschichte verfolgen.

Institution und Charisma

(6) In segmentären, (akephalen) Gesellschaften gibt es zwar Institutionen, aber oberhalb des Familienvaters und eventuell noch des schon nur noch inspirierenden, nicht mehr befehlenden Dorfältesten noch kein eigentliches Amt. Die grundlegende Institution ist die gemeinsame Festlegung auf den Stammbaum als ein Grundraster, von dem aus das gegenseitige Verhalten geregelt werden kann. In Krisensituationen, etwa bei einem Streit zwischen Familien, einer Fehde zwischen Dörfern oder einem Krieg zwischen Stämmen versagt diese Institution. Dann pflegt in diesen Gesellschaften „Charisma" zu entstehen. Ein Inspirierter tritt auf und stellt sich an die Spitze. Er führt die Fehde oder den Krieg. Nach dem Sieg erlischt sein Charisma. Er tritt wieder ins Glied zurück. Die egalitäre Grundsituation ist wiederhergestellt. Da in Gesellschaften dieses Typs die Religion mit der Gesellschaft noch deckungsgleich ist, treten die charismatischen Gestalten selbstverständlich im Namen der Gottheit auf und werden von ihr gelenkt und getragen. Vermutlich galt das alles auch für die vorstaatliche Zeit Israels. Das Charisma flackerte also da auf, wo die Institution an ihre Grenze geriet. Seine Träger sind in die spätere Geschichtsschreibung als die „Richter" Israels eingegangen.

(7) In staatlich organisierten Gesellschaften  ist die Institution auch personal greifbar: eben in en rägern der Zentralinstanz, die das evolutiv Neue dieser Gesellschaften ausmacht. Also im Häuptling, im König, und dann natürlich in ihrem Mitarbeiterstab, dem Verwaltungsstab (Beamte) und dem Erzwingungsstab (Offiziere usw.). Doch je stärker hier die Institution sich in Persönlichkeiten konkretisiert, desto leichter kann sie sich falsch fixieren und in nicht mehr realitätsgerechtes Handeln hineingeraten. So erscheint nun wiederum Charisma als Gegenspiel: Es sind Träger der Kritik und der Korrektur gegenüber der im konkreten Einzelfall oder sogar grundsätzlich zu sehr verfestigten und nicht mehr dem Gemeinwohl dienenden staatlichen Institution und ihren Trägern.

(8) Im Gegensatz zum segmentären Charisma steht dem innerstaatlichen Charisma nicht mehr ohne weiteres Macht zur Verfügung. Denn alle Machtpositionen sind institutionell besetzt, während in der segmentären Gesellschaft in normalen Zeiten jede Machtkonzentration gerade vermieden wurde und so in Krisenzeiten automatisch den Trägern des Charismas zufiel. Das kritische Potential des Charismas in den staatlich verfaßten Gesellschaften hat es also schwerer, weil es machtloser ist. <185:> Es ist stärker auf intellektuelle und emotionale Überzeugungskraft angewiesen, nicht nur im Augenblick, wo es ersteht, sondern durchgehend.

(9) Da auch in den frühen staatlichen Gesellschaften die Religion noch nicht zu einem Teilsystem gemac auc charismatische Kritik sich stets religiös begründen. Das heißt, um nun unser Vokabular einzuführen, die „Propheten" treten stets im Namen der Gottheit auf. Das Königtum legitimiert sich durch göttliche Einsetzung, die Propheten kritisieren die Könige und geben ihnen Weisungen im Namen der gleichen Götter.

(10) Da die staatlichen Instanzen in Personen verkörpert sind, ist auch das kritische Charisma darauf angewiesen, den Machtinhabern Persönlichkeiten entgegenzusetzen. Prophetie ist mehr als nur verbale Aktion. Sie beschlagnahmt die ganze Biographie und wird zum Schicksal. Wer als Prophet auftritt, riskiert sein Leben.

(11) Im Umkreis Israels begegnen wir esem Typ prophetischen Charismas besonders deutlich in den Archiven vo o prophetische Interventionen, die an die Könige ergingen, archiviert worden sind und sich so für uns erhalten haben. Das Archiv stammt aus der ersten Hälfte des 2. Jahrtausends v. Chr., also lange vor der Zeit Israels. Aber auch in anderen Regionen und Perioden des alten Orients sind solche charismatische Kritikpotentiale in den verschiedensten Formen belegt.

(12) Insofern ist es gar nichts spezifisch Israelitisches, wenn sofort mit der Entstehung des Staates auch die ersten Propheten auftreten, und zwar am Hof: Samuel, der Prophet Sauls, Natan, der Prophet Davids. Zumindest die spätere Geschichtsschreibung hat sogar eine Theorie des kontinuierlichen Übergangs vom vorstaatlichen zum staatlichen Charisma entworfen: in der Person Samuels, der zugleich der letzte große Richter" (also vorstaatliche Charismatiker) und der erste große Prophet war und als solcher Könige ein- und absetzte.

(13) Selbstverständlich treten im staatlichen Israel die Propheten im Namen Jahwes, des Gottes Israels, auf. Sie sind die herausragenden religiösen Persönlichkeiten. Als solche sind sie am hellhörigsten und den Glaubenstraditionen Israels am stärksten unter allen verpflichtet. Viele von ihnen riskieren ihre bürgerliche Existenz, ja ihr Leben für ihren Auftrag.

(14) Überall in der alten Welt und so auch in Israel spielt sich das ständige Ringen zwischen Institution und Charisma ab. Denn die Träger der Institution können aus er atur er ac e as arisma natürlich nicht als etwas Angenehmes empfinden. Einer der immer wieder beobachtbaren Vorgänge ist die Domestikation des Charismas. Das heißt, die Inhaber der Institution versuchen, das zunacist ungerufen auftretende Charisma selbst in die Hand zu bekommen und gewissermaßen in die Institution zu integrieren.

(15) Hier gibt es eine ganze Reihe immer wiederkehrender Muster der Domestikation. Etwa die Bindung der Propheten an den Tempel oder den königlichen Hol. Sie werden dort angestellt und beköstigt. Oder die zunehmende Institutionalisierung ihrer Methoden der Erkenntnisfindung. In den damaligen Formen: Aus der <186:> visionären Mantik wird immer mehr technische und wissenschaftlich kontrollierte Mantik. So werden dann auch aus den spontanen Auftritten Pflichtübungen. Das Ganze könnte man die Professionalisierung des Prophetischen nennen.

 

Prophetie Israels

(16) Es gibt dann natürlich bald auch Sanktionen für nicht genehme Aussagen. Die Spannung zwischen staatlich regulierter und spontaner Prophetie läßt sich schon in den Archiven von Mari beobachten. In Israel liegt genau an diesem Punkt die Entstehung des Phänomens, das wir nun in einem engeren Sinn die „Prophetie Israels" nennen.

(17) Denn die im Alten Testament auftretenden Propheten, erst recht diejenigen, deren Worte uns in den nach ihnen benannten Büchern erhalten sind („Schriftpropheten"), sind weithin spontane Propheten, die schon gegen domestizierte Hofoder Tempelpropheten auftreten müssen. Das gilt etwa von Elija und Elischa, oder von Micha ben Jimla, von denen wir nur aus den Königsbüchern wissen.

(18) Zur Zeit der Schriftpropheten wird der Gegensatz oft auf die Formel „Heils- und Unheilsprophetie" gebracht, weil die domestizierten Propheten den bestehenden Verhältnissen und der geplanten Politik gegenüber affirmativ, also Heil ansagend, die neu aufstehenden Propheten dagegen kritisch, also negativ urteilend, Unheil ansagend, auftraten. Das heißt nicht, daß die undomestizierten Propheten Israels nur Unheil ankündeten. Doch zunächst einmal erschienen sie stets als die Störenfriede, und deshalb kann bei Jeremia die Ankündigung von Unheil geradezu zum Kriterium von echter prophetischer Berufung werden.

(19) Mit dem Festhalten am Charismatisch-kritischen hängt es auch zusammen, daß in Israel die Prophetie schließlich dazu kam, Bücher zu produzieren. Denn das war -zumindest unter den damaligen kulturellen Verhältnissen - keineswegs automatisch mit dem Wesen des gegen die Institution stehenden Charismas gegeben. Zwang zur schriftlichen Aufzeichnung konnte sich in verschiedenen Zusammenhängen ergeben.

(20) Mit der Erfolglosigkeit des Charismas innerhalb übermächtiger Institution hängt auch noch eine andere Erscheinung zusammen, die wir geschichtlich an der Prophetie in Israel feststellen. Es ist die Erweiterung der Perspektive von der Kritik der gegenwärtigen Situation und entsprechenden Handlungsaufforderungen zur Ansage anderer, besserer, zukünftiger Verhältnisse. Also das, was man gewöhnlich als die Wendung der Prophetie zum Eschatologischen bezeichnet.

(21) Zwar fehlt grundsätzlich in keiner Kritik des Bestehenden das geheime Leitbild des Zukünftigen. Doch kann der Zwang entstehen, es genauer herauszuarbeiten, wenn die Kritik nicht akzeptiert wird. Ferner wird keine Unheilsansage ankommen, wenn sie nicht für den Fall, daß man auf die Kritik hört, eine neue, bessere Zukunft ansagt. Und die muß, damit sie wirkt, auch geschildert werden. Die Lage zwingt dann zum Entwurf einer futurischen Gegenwelt.

(22) Nochmals stärker wird diese Notwendigkeit, wenn die Propheten nicht gehört wurden und das Unheil eingetreten ist. Im klassischen Fall: nachdem Israel als Staat nicht mehr existierte und die Elite in die Ferne deportiert war. Da bleibt den erlegten oder zumindest waldwunden Institutionen nur Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Sie sind von den ihnen eigenen Möglichkeiten her am Ende. Nur von der Seite des Nichtinstitutionellen, des Charismas, aus kann Wille zum Durchhalten aufgrund weiterlebender Hoffnung erwachsen. Dann entwirft gerade das Charisma die neue, bessere, zukünftige Institution. Es produziert wirksame Utopie, wie man das heute ausdrücken würde.

(23) Diese Wende im Schwergewicht der prophetischen Botschaft ist in Israel nicht erst mit der Apokalyptik gekommen. Nicht einmal erst im Zusammenhang mit dem Untergang Jerusalems und Judas am Anfang des 6. Jahrhunderts. Sondern schon im Zusammenhang mit dem Untergang Samarias und des Nordreichs in der 2. Hälfte des 8. Jahrhunderts. An diesen Punkt der Geschichte gehört zum Beispiel Hosea. Schon seine Unheilsprophetie verbindet sich mit Heilszusagen für die Zeit nach der Katastrophe. Die Heilsansagen seines Buchs müssen keineswegs alle spätere Eintragungen sein, wie viele Exegeten annehmen.

 

<188:> Prophetie in der Welt von heute

(24) Soweit der Versuch, die Propheten Israels in ihrer Funktion in den Blick zu bekommen. Nun wäre das Phänomen des Prophetischen unter der Rücksicht seiner Funktion bis in unsere Welt und Zeit hinein zu verlängern. Wie sieht also heute die Spannung Institution -Charisma auf? Wo finden sich heute die Korrespondenzen zum Prophetischen von damals? Ich möchte diesen Teil der Frage durchaus auch theologisch angehen. Deshalb muß ich nun sogar noch einmal auf die alttestamentliche Prophetie zurückgreifen.

(25) War das Charisma in den frühen vorstaatlichen und auch noch staatlichen Gesellschaften eine Sache herausragender einzelner, so kam in Israel eine neue Sicht auf. Man könnte von einer „Demokratisierung" des Charismas sprechen, doch erfaßt dieses Wort dann nur die eine Seite der Sache. Die neue Sicht gründet schon im gesellschaftlichen Ansatz Israels von seinen Anfängen her, der dieses Volk im Namen seines Gottes in Gegensatz zu den anderen Gesellschaften der Welt brachte und es gewissermaßen zu deren lebender Kritik machte. Doch das mag am Anfang noch weithin unreflektiert gewesen sein. Anders wurde es spätestens bei den messianischen Zukunftswelten, die die exilische und nachexilische Prophetie und die Apokalyptik entwarfen.

(26) Nach Joel 3 wird am „Ende der Zeiten" der prophetische Geist über alle Glieder Israels, nicht nur über einzelne Propheten ausgegossen. Das meint: Das messianische Gottesvolk ist als ganzes prophetisch. Es hat nun die Rolle des Charismas rargegenüber der in ihren alten Institutionen festgefahrenen Weltgesellschaft. Die Urkirche war überzeugt, daß mit Jesus das angesagte „Ende der Zeiten" angehoben hatte. Sie hat sich selbst auch entsprechend erfahren und verstanden. Petrus hat sich in seiner Pfingstrede nach Apostelgeschichte 2 auf die Joelstelle berufen und von ihr her die gerade entstehende neue Welt der Nachfolge Jesu in der Gottesherrschaft interpretiert.

(27) Wenn man daher heute theologisch fragt, wo in unserer Welt das Charisma sei, das als kritische Kontrastinstanz die ihrer eigenen Selbstzerstörung zutaumelnde Weltgesellschaft wieder ins Lot bringen solle, dann kann man von der Bibel her nur sagen: Die Kirche müßte es sein. In der seit Jesus von Nazaret währenden letzten Stunde der Weltgeschichte ist die Kirche als ganze der Ort des Prophetischen für die Welt als ganze. In diese Aussage eingeschlossen ist die andere, daß alle Christen Propheten und alle Christen Charismatiker sind - wobei es nicht notwendig um äußere Erscheinungsformen, sondern um eine Funktion geht.

(28) Sind wir Christen die Propheten von heute? Irgend etwas dieser Art haben wir schon an uns oder beanspruchen es zumindest. Sehen wir Papst und Kirchenleitungen als unsere Sprecher an, dann können wir zum Beispiel sagen, daß der Papst und die Bischöfe ein wenig so etwas sind wie ein öffentliches Weltgewissen. Die kirchliche Soziallehre und ihre Dokumente könnte man nennen, oder auch EKD-<189:> Erklärungen zu aktuellen Fragen, dazu aus nichtamtlichem Bereich etwa in die Öffentlichkeit dringende Theoriekomplexe wie die Theologie der Befreiung oder Handlungsimpulse wie die der Basisgemeinden der Dritten Welt.

(29) Aber warum verhallt und verpufft dies alles doch weithin wieder, und an den Konstruktionen der Weltgesellschaft ändert sich nichts? Wohl, weil eigentlich eben alle Christen zusammen erst im Rahmen der Weltgesellschaft die Kraft echten Charismas hätten. Und wenn man auf die Gesamtheit derer, die sich Christen nennen, schaut, muß man doch sagen, daß ihre prophetische Rolle eine angemaßte ist. Sie ist angemaßt, weil den Worten ihrer Päpste und Kirchenleitungen und auch ihrer Befreiungstheologie und ihrer Basisgemeindenromantik zu wenig Lebenswirklichkeit entspricht, weil die Christenheit als ganze durchaus der herrschenden Gesellschaft angepaßt ist und nur wenige in ihr bereit wären, sich wie die Propheten für eine von ihnen vertretene und gelebte Botschaft eventuell auch umbringen zu lassen.

(30) Da die Kirche also als Charisma der Welt von heute versagt, da der charismaerzeugende Impuls aber gewissermaßen wesensnotwendig in allen menschlichen Gesellschaften in die Wirklichkeit drängt, tritt heute das Charisma in anderen Gestalten auf, als die Bibel es für die Periode ab Jesus von Nazaret eigentlich vorsieht. Von der Stufe der Geschichte her, die, theologisch gesehen, erreicht ist, kann man das nur als Gestaltung von ehedem bezeichnen. Aber infolge der auf anderen Ebenen des Gesellschaftlichen inzwischen abgelaufenen Evolution und Differenzierung gibt es natürlich durchaus neuartige Erscheinungsformen. Zu ihnen gehört zum Beispiel weithin, daß die alten ekstatischen, visionären und schaustellerischen Züge des Prophetischen fehlen oder nur noch in sehr verwandelter Form da sind.

(31) Fragt man nach dem Charisma in der Welt von heute, dann muß man die Antwort außerdem in zwei getrennten Zusammenhängen suchen. Einmal auf derEbene unser Weltgesellschaft und der Einzelgesellschaften in ihr. Da die Kirche hier ihre Aufgabe als volkshaftes Charisma nicht erfüllt, müssen diese ihr eigenes prophetisches Charisma in sich entwickeln. Zum andern aber ist die Kirche selbst infolge ihrer Anpassung an die Strukturen der Welt ebenfalls eines in ihr wirkenden kritisch-prophetischen Charismas bedürftig. Fragen wir also getrennt nach den beiden Bereichen.

(32) Auf der Ebene der allgemeinen Gesellschaft ist das Charisma, das die sich zu sehr verfestigenden oder die in die falsche Richtung steuernden Institutionen in Frage stellt, erstens wesentlich rationaler und technischer als in den Frühzeiten der Geschichte. Zweitens tritt es innerhalb der heutigen funktional differenzierten Gesellschaft, in der die Religion nur noch einen Teilsektor darstellt, nicht mehr notwendig in religiöser Gestalt und mit dem Anspruch des Gotteswortes auf. Ich würde zum Beispiel sagen, daß seit dem Humanismus die Wissenschaft und mit ihr die Universität einen Teil der Funktion des prophetischen Charismas übernommen <190:> haben. Dabei können die Leitwissenschaften wechseln. Im Augenblick ist es vermutlich die Soziologie, die die stärkste kritische Funktion ausübt.

(33) Natürlich hat hier längst das Spiel der Domestizierung der Propheten eingesetzt. Ein großer Teil der Wissenschaft steht inzwischen in Staats- und Wirtschaftsdiensten und legitimiert deren Interessen. Schon im vorigen Jahrhundert ist deshalb die eigentlich charismatische Funktion bisweilen aus dem offiziellen Wissenschaftsbetrieb ausgewandert und hat sich in großen Außenseitergestalten zu Wort gemeldet, etwa in Karl Marx.

(34) Neben die Wissenschaft sind aber inzwischen längst auch andere Formen des institutionskritischen Charismas getreten. Es erscheint bei uns heute vor allem auch in der Gestalt der Kunst, die konstant in Reibung mit dem ist, was allgemein gilt; in der Gestalt von Jugendkulturen, die immer wieder neu Fragen anmelden, die die Erwachsenenwelt verbietet, die aber dann immer erstaunlich schnell assimiliert und damit domestiziert werden; in der Gestalt der Medien und der von ihnen gestalteten sogenannten „Öffentlichkeit", wo aber auch alles ständig zwischen Heils- und Unheilsprophetie schillert.

(35) Denn ist so etwas wie die Aufdeckung des Falls Barschel nicht zugleich selbst schon wieder ein Teil des Spiels der Institutionen von heute? Gehört nicht der Enthüllungsjournalismus selbst zum institutionellen System der demokratischen Gesellschaft hinzu? Ist nicht vielleicht er sogar schon ein domestiziertes Prophetentum, das gerade verhindert, daß die wahren Übel und die Wurzeln aller Übel aufgedeckt werden, indem er das Publikum im Namen einer von niemandem mehr wirklich praktizierten bürgerlichen Moralität auf letztlich oberflächliche Skandale ablenkt?

(36) Hier wäre noch unglaublich viel zu fragen und zu analysieren. Dennoch sollte man festhalten, daß in der Kunst, in der Jugendkultur, in der medienerzeugten sogenannten Öffentlichkeit Rollen realisiert werden, die den Rollen der Propheten im alten Israel entsprechen und von dorther sogar zum Teil insgeheim ihre Kraft beziehen. Wenn wir diese Zusammenhänge nicht sehen, begreifen wir im Grund die Propheten nicht, und ihre Bücher werden für uns zu Museumsstücken. Was in diesen Bereichen heute an ständiger Kritik und Verwandlung des Festgefahrenen unserer Gesellschaft läuft, lief im alten Israel beim Auftreten der Propheten.

 

Prophetie in der Kirche

(37) Analoges läuft, da die Kirche als ganze in ihrer prophetischen Aufgabe gegenüber der Gesellschaft weithin versagt und sich dieser Gesellschaft in ihrem eigenen Gefüge so sehr angepaßt hat, nun natürlich auch noch einmal innerhalb der Kirche selbst. Und zwar schon sehr lange Zeit: seitdem die Kirche mit der Anpassung begonnen hat, also - sagen wir - seit der konstantinischen Wende. Seitdem <191:> staatsförmige Institutionen und Strukturen in die Kirche eingezogen sind, erstand auch in ihr neu das Charisma und begann, wider den Stachel zu löcken.

(38) Es erschien, in Kontinuität zum alttestamentlichen Prophetentum, vor allem in der Gestalt von charismatischen Einzelpersönlichkeiten. Katholisch formuliert: in den (kanonisierten und nichtkanonisierten) Heiligen. Oft sind sie Ordensstifter. Das heißt: Als Propheten initiieren sie breite Bewegungen in der Kirche. Katholisch sind das meist Orden.

(39) Natürlich setzen dann auch die uns wohlbekannten Domestikationsprozesse ein. Heiligsprechungen, Ordensanerkennungen, gar erst kirchenrechtliche Entwicklung eines eigenen Ordensrechts können, so positiv alles oft gemeint ist, durchaus auch schon wieder den Charakter der Domestikation des Charismas haben. Ein anderer Weg, mit dem Charisma fertig zu werden, über den die Kirche mehr als die allgemeine Gesellschaft verfügt, weil es ja zu ihr ein gesellschaftliches Außen gibt, ist die Abdrängung und Ausscheidung des Prophetischen. Daraus kann Kirchenspaltung entstehen (Beispiel: Luther und die Reformation), ja sogar nichtchristliche Gegenwirklichkeit (massivstes historisches Beispiel: Muhammed und der Islam).

(40) In der Moderne gibt es natürlich im innerkirchlichen Charisma auch Formentsprechungen zu den Erscheinungsformen des weltlichen Charismas: also etwa in der Wissenschaft oder der Presse. Insofern hat auch die Theologie unter Umständen Prophetisches an sich. Doch auch sie kann in der Kirche schon wieder domestiziert sein.

(41) Umgekehrt ist nicht alles, was sich in der Kirche heute gewissermaßen in der theologischen Außenseiter- oder Ketzerposition befindet, schon dadurch allein als echtes Prophetentum garantiert. Hier wären die gleichen Fragen zu stellen wie bei der heutigen Medienwelt innerhalb der Gesamtgesellschaft. Gilt die Frage, ob ein Hamburger Nachrichtenmagazin, trotz aller Aufsässigkeit, nicht vielleicht doch schon wieder ein domestiziertes Element im institutionellen Gesamtgefüge der Bundesrepublik ist, nicht analog auch von manchen theologischen Bestsellerautoren, die aus dem kirchlichen Bannstrahl erhöhte Auflagenzahlen saugen? Wir Theologen müssen so harte Fragen auch an uns selber stellen, weil die Kirche in ihrer Anpassung an diese Welt eben in vielen ihrer Erscheinungen nicht von ihren eigenen Gesetzen, sondern von denen dieser Welt her erklärt werden muß - so traurig das ist.

(42) Die dem Wesen des Christentums am meisten gemäße Form der Prophetie in der Kirche - wenn es sie schon wegen des Elends dieser Kirche geben muß - wäre die Gestalt von Gemeinden, die als Gemeinden, also in schon kirchengemäßer Form, gegenüber der Kirche als ganzer prophetische Funktion hätten. Unter dieser Rücksicht ist es ein außerordentlich hoffnungsvolles Zeichen, daß es heute in der Kirche so etwas wie eine Gemeindebewegung gibt.

(43) Da in Gestalt von Gemeinde auftretende Prophetie der eigentlichen Aufgabe der <192:> Kirche als solcher innerhalb der Weltgesellschaft entspricht, können wirklich neutestamentlich verfaßte Gemeinden gewissermaßen zwei prophetische Funktionen zugleich ausüben: einerseits die prophetische Kritik innerhalb der Kirche selbst, deren Anpassungsgestalt dadurch in Frage gestellt wird, andererseits aber auch schon direkt jene prophetische Kritik gegenüber der Gesamtgesellschaft, die eigentlich die Aufgabe der ganzen Kirche wäre.

(44) Manches an dem Gesagten mag zur Diskussion herausfordern. Einiges mag korrigiert werden müssen. Alles ist, wie ich anfangs betont habe, auch nur ein bestimmter Aspekt des Phänomens Prophetismus. Doch genau diesen Aspekt dürfen wir nicht verdrängen. Wir dürfen nicht darauf verzichten, mit Korrespondenzen zwischen der alttestamentlichen Welt, in der es die Prophetie gab, und dem, was heute in Welt und Kirche vor sich geht, zu rechnen. Wenn wir damit rechnen, dann kommen wir nicht an der Frage vorbei, wo und wie wir heute Prophetisches vermuten und wo wir uns selbst in diesem Zusammenhang unterbringen wollen.