Universität Duisburg-Essen, Institut für Evangelische Theologie 

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Schart, Aaron, Stand: 2007-04-05

Koch, Klaus, (1926-).: Die Profeten II. Babylonisch-persische Zeit. Urban-Taschenbücher, no. 281. Stuttgart u.a.: Kohlhammer, 1980. [UB Essen 11 JNE 70]:

<140:> 5.4. Knecht Jahwä-Liturgien

(1) 5.4.1. Belege. An vier Stellen verzichtet Deuterojesaja darauf, die Wende der Verhältnisse durch Erhörungsorakel oder Streitgespräche anzukünden. Statt dessen spricht er in liturgischem Rahmen von einem geheimnisvollen Knecht (äbäd), der zu Jahwä in einem innigen Verhältnis steht und in der eschatologischen Kehre religiöse Funktionen übernimmt, die offensichtlich für die beteiligten Menschen von ausschlaggebender Bedeutung sind. (Die Übersetzung »Knecht« hat sich eingebürgert, deshalb behalte ich sie bei, obwohl hier eine Position bezeichnet wird, die einmalig ist und <141:> nichts mit »niederen« Arbeiten zu tun hat. »Bevollmächtigter« wäre die angemessenere Wiedergabe.)

(2) 1) Es beginnt 42,1ff., wo Jahwä der (Welt?)Öffentlichkeit die Person seines Vertrauens präsentiert auf eine Art, wie altorientalische Könige ihre Wesire einzuführen pflegten:

‚Siehe' mein Knecht, ich stütze ihn,/mein Erwählter, der mein Wohlgefallen besitzt.
Ich gebe meinen Geistwind (ruach) auf ihn,/mishpat führt er zu den Völkern hinaus.
Nicht wird er schreien und sich laut bemerkbar machen,/nicht wird man auf der Gasse seine Stimme hören.
Ein angeknicktes Rohr zerbricht er nicht,/einen verglimmenden Docht löscht er nicht. Verläßlich führt er mishpat hinaus ...

(3) An die feierliche Vorstellung schließt sich ein Erhörungsorakel an den eben mit weltweiten Aufgaben Betrauten an (V. 5-9):

So hat die Gottheit Jahwä gesprochen.
Erschaffend den Himmel und ihn ausdehnend,/verdichtend die Erde und ihren Bewuchs,
gebend Atem dem Volk auf ihr,/Geistwind (ruach) den auf ihr Wandelnden:
Ich, Jahwä, habe dich berufen in (meiner) sädäq-Macht,/ ergriffen bei deiner Hand.
Ich habe dich gebildet und dich eingesetzt/zum Bund eines Volkes und zum Licht von Völkern,
zu öffnen die Augen der Blinden,/herauszuführen aus dem Kerker den Gefangenen ...

(4) Die eingeführte Gestalt wird überraschenderweise in einen Schöpfungskontext hineingestellt. Was bei ihrer Berufung sich vollzieht, hat gleichen Rang wie die Erschaffung von Himmel und Erde. Die Wirkungsgröße der göttlichen ruach, die jeder Mensch durch den Atem in sich erfährt (auf ihn führen die Hebräer die geistige Beweglichkeit des Menschen zurück Ezech 36,26), ruht auf dem 'äbäd in konzentrierter Fülle. Seine Hauptaufgabe besteht darin, mishpat weltweit aufzurichten. Was der Begriff besagt, ist bei Exegeten umstritten. Mir scheint es geboten, ihn semantisch aus dem deuterojesajanischen Kontext zu begreifen und mit dem Pfad des mishpat (40,14 s. o.) zu verbinden, der als göttlicher däräk seit der Schöpfung durch die Zeit läuft und als sinnvolle Weltordnung auf den - monanthropologisch begriffenen - Menschen zuläuft. Was bei der Präsentation des Knechts dreimal als mishpat (V. 1.3.4) <142:> hervorgehoben wird, erklärt das Erhörungsorakel als »Bund eines Volkes, Licht von Völkern«. Gemeint ist vermutlich, daß der Bevollmächtigte für die Gefangenen den neuen Bund schließt, den Jeremia und Ezechiel geweissagt haben, nachdem er sie aus dem Kerker befreit, sprich aus der babylonischen Gefangenschaft in die Heimat zurückgeführt hat. Den Bund schließt er nicht nur als Vollzugsbeamter, sondern als Auskörperung der corporate personality Israel, welche durch den Bund hinfort eine bessere Zukunft erreicht. Nicht nur die kultisch-nationale Wiederaufrichtung leitet er ein. In einem nicht näher bestimmten Umfang wird er den Völkern als Licht leuchten, also als Garant einer internationalen Friedensordnung dienen; denn Licht ist hebräisch zugleich Metafer für Leben und Frieden. Offensichtlich kann sich Deuterojesaja, was für sein politisches Urteilsvermögen zeugt, eine erneuerte israelitische Gesellschaft nicht vorstellen, wenn sie nicht nach außen durch das Aufhören jener kriegerischen Verwicklungen abgesichert ist, welche die altorientalische Geschichte so düster gemacht hatten. Der göttliche mishpat einer geschichtlich veränderten Epoche trägt also der überlieferten konzentrischen Monanthropologie insofern Rechnung, als im Zentrum der Völker dann Israel wohnt, durch eine spezielle Bundesordnung in Recht und Pflicht gesetzt. Im Zentrum Israels aber steht der `äbäd, der gleichsam den Bundeskern repräsentiert. Diesem inneren Kreis entspricht ein äußerer Kreis der Völker der Erde, deren Existenz in der israelitischen Existenz prototypisch dargestellt ist.

(5) Für eine solche umfassende Stellung bedarf der 'äbäd neben dem Geistwind zugleich göttlicher Heilskräfte. Wenn er »in sädäq« Jahwäs berufen wird, schließt das ein, daß dessen Wirkungssfäre auf ihn übergeht, er also als Mensch »in sädäq hinein«gestellt wird. Seine Fähigkeit, gemeinschaftstreu zu handeln, hebt sich von aller Herrschaft der laufenden Geschichte dadurch ab, daß er auf Gewalt verzichtet und sich vornehmlich um die Entrechteten, Machtlosen, den angeknickten Stab und das verlöschende Licht kümmert. Verglichen mit dem kriegerischen Kyros, schlägt der 'äbäd also die entgegengesetzte Bahn ein.

(6) 2) 49,1 ff. präsentiert der seltsame Jahwä-Knecht sich selbst den Völkern. »Hört auf mich, ihr (fernen) Inseln!« Von verschiedenen Stadien seines Lebensweges berichtet er. Schon vom Mutterleib an durch Jahwä berufen und mit einem Namen benannt, mit Gabe wirksamer Sprache ausgezeichnet, wurde er zuerst als Bevollmächtigter für Israel eingesetzt, »die Stämme(-Organisation) Jakobs wieder aufzurichten und die überlebenden Israeliten zur Umkehr zu bringen«. Bei dieser Aufgabe drohte ihm das Scheitern: »Ich <143:> dachte, für nichts mühe ich mich ab,/für Wirrung und Wind verschleiße ich meine Kräfte.« Doch die ihn fordernde innere Stimme Jahwäs gab nicht nach, erweiterte vielmehr sein Aufgabengebiet:

»Ich bestimme dich zum Licht von Völkern, damit meine Heilshilfe geschehe bis zum Ende der Erde.«

(7) Wieder schließt sich ein Erhörungsorakel an, diesmal sogar ein doppeltes (V. 7.8-12), das sich an den äbäd unmittelbar richtet. Verheißen wird ihm, gegenwärtig »verabscheut vom Volk, ein Knecht der Herrschenden«, daß einst Könige vor ihm aufstehen und mit Fürsten zusammen sich vor ihm niederwerfen, um »des Heiligen Israels willen, der dich erwählt hat.« Wird hier ein internationaler, so wird im zweiten Teil ein innervölkischer Wirkungskreis umrissen. Zwar scheinen seine wie Israels Lage derzeit hoffnungslos, doch währt das nicht mehr lange.

In einer Zeit von Wohlgefallen werde ich dich erhören./An einem Tage von Heilshilfe dich unterstützen.
Dann schaffe ich dich um und mache dich/zum Bund des Volkes. 

(8) Der 'äbäd hat dann die Heimkehr der Verschleppten auf der wunderhaften Straße durch die Wüste zu leiten und schließlich - wie einst Josua (Jos 13 ff.) - »die verlassenen Erbländereien (nachala) (neu) zuzuteilen«.

(9) 3) Von einer Ich-Stimme, die sich nicht näher zu erkennen gibt, wird 50,4ff ein Vertrauenspsalm (ähnlich z. B. Ps 23) vorgetragen vor einer mit Jahwä bekannten Zuhörerschaft, also einer israelitischen Gemeinde. Stolz bekennt der Sprecher, daß der Allherr ihm die »Zunge eines Jüngers« verliehen hat und »ihn Morgen um Morgen« mit Auditionen (?) weckt. Das verleiht ihm Widerstandskraft angesichts der schweren Mißhandlungen, denen er ausgesetzt ist: 

Meinen Rücken biete ich Schlägern dar,/meine Backen denen, die mir den Bart raufen ...
Mein Angesicht mache ich wie ein Kiesel,/und ich weiß, ich werde nie zuschanden.

(10) Denn sein göttlicher Beistand wird ihm in Bälde aufhelfen und dafür sorgen, daß sich seine Gemeinschaftstreue in einem entsprechenden Geschick durchsetzt (masdiq). Auf dieses Bekenntnis hin fällt eine andere Stimme ein - vermutlich der Profet, der Zusammenhang ist also wieder liturgisch:

<144:> Wer unter euch Jahwä fürchtet,/wird auf die Stimme seines Knechtes hören,
Der da im Finstern wandeln muß,/kein Licht gibt es für ihn.
Er traut auf den Namen Jahwäs,/und er wird gestützt durch seinen Gott (V. 10).

(11) Dann wendet sich Gott selbst an seine Verfolger: »Also: Ihr alle ... geht in die Flamme eures eigenen Feuers! ... Von meiner (Jahwäs) Hand wird euch dieses bereitet.« Die Zugehörigkeit des Abschnitts zum Gottesknechtzyklus ist nicht unumstritten, da vom Aufgabenbereich, der sonst der Gestalt zugewiesen wird, nichts verlautet und rein persönliches Leid zur Sprache kommt. (Handelt es sich V.4-9 um eine deuterojesajanische Konfession [gleich den jeremianischen o. 2.6.], die mit den 'äbäd-Liedern nichts zu tun hat? V. 10f. wird häufig als Nachtrag ausgeklammert.)

(12) 4) Die längste und berühmteste Gottesknechtsliturgie findet sich 52,13-53,12. Nochmals steht eine Präsentation des äbäd durch seinen Gott voran. Vorausgesagt wird dabei, daß er, der jetzt aussieht, als wäre er kein Mensch mehr, in Zukunft »aufragend, erhaben und sehr groß werden wird« (im A.T. königliche Prädikate), so daß Könige vor ihm keinen Laut von sich zu geben wagen.  Dann wird anscheinend ein ganz anderes Thema angeschlagen; das Lied einer Mehrzahl setzt ein, die von dem soeben gestorbenen und begrabenen äbäd bekennen, daß er für »uns« gelitten hat und getötet wurde:

Da waren keine Schönheit und Hoheit bei ihm./,' Kein Ansehen, das uns begeistert hätte.
Verachtet war er, von Menschen verlassen,/ein Schmerzensmann und von Krankheit gezeichnet ...
Jedoch unsere Krankheiten - er trug sie !/Unsere Schmerzen lud er auf sich.
Wir aber hielten ihn für einen Gezeichneten,/geschlagen von Gott und erniedrigt.
Er aber war durchbohrt von unseren Auflehnungen (päsha`) zermalmt von unseren Schuldenlasten (awon).
Die für unser Heil notwendige Züchtigung kam über ihn,/und durch seine Striemen wurde uns Heilung ...
Jahwä ließ treffen auf ihn/die Schuldenlast von uns allen ...
Obwohl er keine Gewalttat getan/und kein Betrug aus seinem Munde kam.

(13) Die Strofe ist dem Christen aus der Karfreitagsliturgie bekannt, wo <145:> sie eindrucksvoll den Sinn des Todes des Heilands umreißt. Für die Christenheit war es durch Jahrhunderte selbstverständlich, daß Jes 53 nichts anderes als den Tod des Einzigen, nämlich Jesu Christi, schildere. Moderne historische Interpretation aber hat davon auszugehen, daß Deuterojesaja an eine Person allernächster Zukunft gedacht hat die er woh1 selbst noch zu erleben meinte. Wenn schon nicht die Person Jesu, hatte er dann etwas wie das Werk Jesu im Auge, den Tod eines einzelnen zur Vergebung der Sünden anderer? Oder hat die jüdische Auslegung recht, die hier den Leidensweg ihres Volkes vorgezeichnet sieht?

(14) Auf jeden Fall geht es um Stellvertretung. Das Lied wird auf dem Hintergrund israelitischer Sühneanschauung durchsichtig. Die für den Hebräer selbstverständliche Auffassung von schicksalwirkenden Tatsfären setzt voraus, daß jeder, der gemeinschaftswidrig handelt (rsh’) oder an Gott sündigt (cht'), sich selbst unausweichlich den Untergang bereitet und auf die Dauer seine Untat zu »tragen« (nasa) hat bis zum bitteren Ende. Nur eine Möglichkeit, diesem bitteren Geschick zu entrinnen, besteht. Unter gewissen Voraussetzungen ist Jahwä in der Lage, am Heiligtum die negative Tatenfülle von menschlichen Subjekten auf ein Tier übergehen zu lassen, das dann die Untat »trägt« und vertretend für den menschlichen Eigentümer stirbt (Lev 16,21 f.). Sühne, hebräisch gedacht, bedeutet nämlich, daß Mensch und Erde von Untat-Unheil-Sfären durch göttliche Beihilfe befreit werden. Das dargebrachte Tier stirbt anstatt des Menschen; das hat mit einem Opfer zur Besänftigung der Gottheit nichts zu tun (ein entscheidender Unterschied zur mittelalterlichen christlichen Satisfaktionstheorie!). Deuterojesaja rühmt anderwärts den ständigen Einsatz Jahwäs für die Schuldabwendung in der israelitischen Geschichte, ohne die das Volk längst zugrunde gegangen wäre. In einem opferkritischen Abschnitt 43,23 f. kündet er, daß Gott durch die Opfer nichts gewinne, durch die Sühneriten aber gewaltig gefordert werde:

Nicht habe ich dich arbeiten lassen ('bd hi.) mit Speisopfern,/ nicht dir Mühe bereitet mit Weihrauchopfern ...
Vielmehr hast du mich arbeiten lassen ('bd hi.) mit deinen Sündensfären,/mir Mühe bereitet durch deine Schuldenlasten.

(15) Doch die ständig wachsenden Vergehen Israels haben den göttlichen Einsatz zwecklos werden lassen, so daß Jahwä zuletzt die »Würdenträger des Heiligtums entweihen« mußte (in der Katastrofe von 587/6) und jede Abwendung von selbstbeschafftem Unheil seither für Israel ausgefallen ist.

(16) <146:> Tritt nach unserer Stelle der Knecht in die Bresche? Wird er angesichts einer verfahrenen Lage, wo kein Tier mehr zur Sühne ausreicht, durch seine Person zum Sündenbock, auf den eine ungeheure Sündensfäre Israels übertragen wird, daß er sie in den Tod »trägt« (nasa V. 4)? Das Lied, von Leuten gesungen, die sich zu Jahwä bekennen, weckt solche Vermutung. Doch sie ist keineswegs gesichert. Die Liturgie schließt nämlich mit einem Jahwä-Wort, das vielleicht einen anderen Kreis von Betroffenen in Blick nimmt:

Getrennt von der Mühsal seines Lebens wird er,Licht' sehen,/ wird sich sättigen an Erkenntnis(?).
Heilvoll machen (sdq) wird (oder: gemacht hat) er, der Gemeinschaftstreue (saddiq), mein Knecht, die Vielen./Ihre Schuldenlasten,hat er sich aufgeladen'.
Deshalb gebe ich ihm Anteil an (unter?) den Vielen,/bei den Gewaltigen wird er Beute verteilen.
Weil er ausgeleert hat seine Lebenskraft in den Tod/und unter die Empörer gerechnet wurde.
Und ein Sündenäquivalent (chet') für Viele stellt er dar, er hat es getragen,/so daß für die Empörer er eintrat (oder: Gott es ihn treffen ließ, vgl. V. 6).

(17) Der Gottesspruch ist vielleicht als ausgeführter Ritualbescheid gestaltet (vgl. »das [stellt] die Sünde des NN [dar]« Lev 4,21). Gott selbst bestätigt, daß die Entsündigung wirksam veworden ist. Die der äbäd durch seinen Tod geleistet hat. Allerdings werden nicht Israel, sondern mehrfach die Vielen (rabbim) genannt als die, denen Leiden und Sterben zugute kamen. Wer sind sie? In Qumran bezeichnet später »die Vielen« die Gesamtheit der Gemeindeglieder (vgl. Dan 12,2). Sind hier analog die israelitischen Massen gemeint? Da jedoch im nächsten Glied V. 12 die »Gewaltigen« angeführt und damit Könige bezeichnet werden (Ps 135,10), wird bisweilen angenommen, daß die Vielen die Heiden sind, für die, ohne daß sie es wissen, der 'äbäd sein Leben geopfert hat. Ist eine solche Deutung aber nicht zu weit hergeholt? Als vertretende sühnende Instanz kann Jahwä nach israelitischer Auffassung nur benutzen, was Glied an einer »Gesamtperson« ist, a1so ein Haustier für den Hausherrn oder einen hervorragenden Israeliten für die Volksgemeinschaft. Der Knecht aber steht zu den Völkern (noch) in keiner engen Lebensgemeinschaft. Auch setzt wirksame Sühne Einsicht des zu entlastenden Subjekts voraus. Wie sollten die Völker dazu jählings gelangen? So bleibt ein Bezug auf Israels Sünden am wahrscheinlichsten.

(18) <147:> Das abschließende göttliche Urteil bestätigt nicht nur, was die Gemeinde vorher gesungen, sondern bringt zugleich eine Verheißung. Der äbäd wird wieder zum Leben gelangen, Nachkommenschaft sehen, ein beachtliches Erteil erlangen und den Vielen, die er entsündigt hat, ein gemeinschaftsbzogenes Heil vermitteln. Das klingt nach Auferstehung. Jes 53 wäre dann die älteste Stelle im Alten Testament, in der solche Hoffnung laut würde (neben Ezech 34,23? o. 4.5.1.). Eine solche Interpretation entspricht in der Tat dem Wortlaut. Doch bleibt leiser Zweifel, ob hier nicht die Vorstellung einer corporate personality durch die Generationen hindurch hereinspielt, also an einen Sohn gedacht ist, der den Stab des Vaters aufnimmt und mit Erfolg weiterträgt. (Als dann der Glaube an die Auferstehung erwacht, wird die Stelle selbstverständlich als ein Beleg dafür verstanden.)

(19) 5) Schließlich ist noch 55,3-5 als fünfter Abschnitt heranzuziehen, bei dem der liturgische Zusammenhang nicht so greifbar ist wie bei den anderen und der von den meisten Exegeten nicht zu den Gottesknecht-Stücken gezählt wird. Nach einer Verheißung an die Angeredeten wird durch die göttliche Stimme hier noch einmal der `äbäd präsentiert:

Neigt eure Ohren und kommt zu mir!/Hört, daß eure Lebenskraft lebe!
Ich werde euch einen Bund für immer schließen/(mit den) beständigen Bundesgnaden für David.
Also: Zum Zeugen für,Völker' setze ich ihn ein,/zum Vorsteher und Befehlshaber von Nationen!
Hier wird deutlich der angeredeten Mehrzahl eine Einzelgestalt gegenübergestellt. Jahwä wendet sich ihm dann persönlich zu:
Also: Ein Volk, das du nicht kennst, wirst du aufrufen,/und ein Volk, das dich nicht kennt, wird zu dir gelaufen kommen.
Um Jahwä, deines Gottes willen,/und des Heiligen Israels, denn er hat dich verherrlicht.

(20) Wieder wird zuerst auf den Bundesschluß mit Israel angespielt, die Angeredeten sind Glieder dieses Volkes, dann aber auf die Weltsendung des Gottesknechtes hinausgeblickt. Neu ist, daß die Bundesgnaden (chasdim) erwähnt werden, die einst David geschenkt waren. Da das davididische Reich sich weit über die Volksgrenzen hinaus erstreckte, kann es als urzeitliches Vorbild für die bevorstehende eschatologische übernationale Aufgabe dienen.  

(21) 5.4.2. Kollektive oder individuelle Deutung? Wer ist die geheim- <148:> nisvolle Gestalt, welcher der Gott Deuterojesajas eine Aufgabe zumißt, die alles übersteigt, was je einem Menschen der alttestamentlichen Überlieferung zugewiesen war? Im Neuen Testament wird einmal von einem äthiopischen Kämmerer erzählt, der auf der Rückfahrt von Jerusalem in einer Jesaja-Buchrolle nach damaliger Gewohnheit laut vor sich hin liest. Als er bei Jesaja 53 angelangt ist, tritt plötzlich der Evangelist Philippus an die Kutsche heran und fragt: »Verstehst du auch, was du liest?« Der Kämmerer erwidert: »Ich bitte dich, von wem sagt dies der Profet? Von sich oder einem anderen?« (Apg 8,26ff.)

(22) Die Frage es Kämmerers wird noch heute in der Bibelwissenschaft diskutiert. Ein Konsens zeichnet sich nicht ab. Immerhin gibt es einige Indizien, die mich mit einiger Zuversicht eine bestimmte Lösung mutmaßen lassen. Dazu sind jedoch zuerst die verschiedenen Möglichkeiten vorzuführen.

(23) 1) Kollektive Deutung: Der Gottesknecht ist danach das vorfindliche oder das ideale Israel oder eine wesentliche Teilgruppe (die Exilsgemeinde). Liest man Deuterojesaia im Zusammenhang, bietet sich diese Ansicht wie von selbst an. Denn Israel wird an anderen Stellen ausdrücklich 'äbäd genannt (41.8, s. o.), und zudem häufig wie eine Einzelperson singularisch angesprochen. Umgekehrt wird die durch die Liturgien gefeierte Gestalt 49,3 (textkritisch allerdings unsicher) »Israel« genannt. Schon die vorchristliche griechische Übersetzung (Septuaginta) entscheidet sich für kollektive Deutung, ebenso fast die gesamte jüdische Auslegung. - Trotz hohen Alters ist jedoch gegen diese Ansicht einzuwenden, daß die individuellen Züge in den Gottesknecht-Liturgien ungleich schärfer hervortreten als anderwärts und vor allem, daß dem 'äbäd die Aufgabe der Befreiung der Exilierten und der Neukonstitution des Zwölf-Stämme-Verbandes zugewiesen wird, also ein deutliches Handeln an Israel.

(24) Wie steht es dann um die andere Möglichkeit, die individuelle Erklärung? Sie wird von der überwiegenden Mehrheit der Exegeten vertreten. Nacheinander gelesen, ergeben die Liturgien eine Art Kurzbiografie einer religiösen Persönlichkeit. Strittig bleibt dann, welche soziale Funktion dem Individuum zukommt, und ob und wieweit der Profet sich an Prototypen der israelitischen Vergangenheit ausrichtet.

(25) 2) Die individuell-profetische Deutung: Der Gottesknecht hat vornehmlich eine profetische, missionierende und seelsorgerliche Aufgabe. Hierfür läßt sich ins Feld führen, daß schon nach dem ersten Lied die Inseln auf seine Weisung (tora 42,4) warten, daß ihm ein Mund wie ein scharfes Schwert gegeben wird (49,2) und er einen <149:> Bund schließt wie einst Mose, der der Exilszeit gewiß als Nabi galt. »Die Grundfunktion, die das Prophetenbild damals konstituierte, die des Verkündigens und des Leidens, ist das Thema der Lieder« (von Rad). Was für ein Profet aber ist ins Auge gefaßt? Manche halten dafür, daß ein wiederkehrender Mose profezeit wird, andere sehen in Jeremia das Vorbild des eschatologischen Profeten. Doch auch die bereits vom äthiopischen Kämmerer erwogene Möglichkeit, daß der Profet sich selbst meine, die Stücke also autobiografisch zu verstehen sind, findet ihre Anhänger. Wenn das Ich der Berufungsvision 40,3 ff. Deuterojesaja selbst betrifft, warum dann nicht auch das Ich in den Gottesknecht-Reden? Kap. 53 wäre dann als ein Trauerlied von Anhängern des Profeten nach seinem Tod zu erklären. - Gegen eine profetische Deutung spricht jedoch, daß kein einziger Zug auftaucht, der nur für Profeten typisch ist. Einen dabar hat der Gottesknecht nicht vorzutragen, ein spezifisch profetisches »Verkündigen« oder einen Botendienst im Auftrage Jahwäs übt er gerade nicht aus. Weist die Hochachtung, die ihm mehrfach fremde Könige nach den Texten zollen müssen, nicht eher auf einen Herrscher (49,7; 52,13-15)?

(26) 3) Individuell-königliche Deutung. Zwar taucht der Titel mäläk nie auf und fehlt jeder kriegerische Zug beim Wirken des 'äbäd. Jedoch legt schon der Rahmen durch die höfische Form der Präsentation 42,1 ff.; 52,13-15 eine königliche Stellung nahe. Dazu tritt der Titel 'äbäd, betont verwendet für einen einzelnen Bevollmächtigten Jahwäs auf Erden (vgl. Nebukadnezzar bei Jeremia, o. 2.8.3.). Eine Anzahl weiterer Motive stammt aus der Königsideologie: Berufung im Mutterleib, Handergreifung, Gnadengaben für David (zum Bundesmittler vgl. 2Kön 23). Die königlichen Züge überwiegen also die profetischen bei weitem. Insofern gebührt dieser Deutung wohl der Vorzug.

(27) Welche Art von König aber wird erwartet? Die wohl vorchristliche aramäische Übersetzung (Targum) hat wie die christliche Auslegung durch die Jahrhunderte die Aussagen wie selbstverständlich auf den endzeitlichen Messias als den von Gott gesandten Heilskönig der Zukunft bezogen (so auch Apg 8). Da jedoch Deuterojesaja bei seinen sonstigen Voraussagen an die unmittelbar bevorstehende Zukunft denkt und trotz hymnischen Überschwangs in seiner Metahistorie stets von den vorhandenen Verhältnissen ausgeht, könnte ebenso ein Mann aus der Dynastie Davids gemeint sein, der damals mit dem Profeten das Exil teilte, also entweder der abgesetzte König Jojachin selbst oder einer seiner Söhne oder Enkel (wie Serubbabel, der später den zweiten Tempel wieder aufbaut, aber selbst kaum in Frage kommt, da er nicht zu Deuterojesajas <150:> Zeit gewaltsam den Tod gefunden hat). Er wäre dann der ausgezeichnete Knecht als Auskörperung des kollektiven Knechtes Israel.

(27) Der Bezug auf einen Mann aus der Umgebung Deuterojesajas liegt also am nächsten. Die Liturgien klingen so, als wären sie bei einer Versammlung im Exil tatsächlich vorgetragen worden. Dann war der zum Gottesknecht Ausersehene entweder gegenwärtig oder seine Gegenwart zumindest vorstellbar. - Dagegen wird eingewandt, daß die einzigartigen Prädikate, die Deuterojesaja für die Herrschaft des Kyros verwendet, das gleichzeitige Wirken einer anderen königlichen Gestalt ausschließen. Der Perser soll Jerusalem wieder aufbauen (44,28) und dafür Sorge tragen, daß alle Völker Jahwä erkennen. Eine gewisse Spannung zu den Aufgaben des Gottesknechtes, der ebenfalls mit der Heimkehr nach Jerusalem zu tun hat und der Erkenntnis der Völker, läßt sich nicht leugnen. Vielleicht hat Deuterojesaja in einer, ersten Epoche auf Kyros gesetzt, dann in einer zweiten auf den Gottesknecht (so Begrich). Oder, und das erscheint mir wahrscheinlicher, Kyros hat nach deuterojesajanischer Ansicht die äußeren, gewaltsamen militärischen Aktionen durchzuführen, nämlich Babel zu zerschlagen und den Befehl zur Rückkehr der Israeliten zu erteilen. Dem Gottesknecht hingegen obliegen die inneren und geistlichen Aufgaben, die Leitung der Heimwanderer (unter denen er selbst einherzieht), die Errichtung eines neuen israelitischen Staates und Kultzentrums, von da aus eine weltweite Verbreitung der Jahwä-Verehrung. (Der ersten Gottesknechtliturgie steht eine Kyros-Aussage voran, die vielleicht in die Liturgie einbegriffen war; 41,21 ist Neueinsatz, nicht 42,1.)

(28) 4) Zur Nachtgeschichte: Wer immer es war, den Deuterojesaja als Gottesknecht erahnt hat, in den nächsten fünf Jahrhunderten taucht niemand in der israelitischen Geschichte auf, der als Erfüller solch hoher Erwartungen angesehen werden kann. Erst die Urchristenheit greift mit Begeisterung auf diese Aussagen zurück, insbesondere auf Jes 53, und bringt sie mit Jesus und seinem Kreuz in Verbindung. Ohne jenes alttestamentliche Kapitel wäre die Urgemeinde schwerlich darauf verfallen, den Tod Christi als weltentscheidendes Sühnegeschehen zu bekennen! Daß Christus »für uns« gestorben ist, wie es jede Abendmahlsfeier verkündet, gründet in einem Rückbezug auf Jesaja 53.

(29) Das Judentum lehnt dagegen heute wie ehedem diese Verknüpfung ab. Es verweist darauf, daß Jesus nichts von dem bewerkstelligt hat, was die primäre Aufgabe des Gottesknechts sein sollte, nämlich die zwangsverschleppten Israeliten zu befreien und nach Palästina <151:> einzuführen sowie einen neuen Staat und neuen Kult zu gründen. Wenn jemand auf Erden außergewöhnlich gelitten hat in der Geschichte, dann das jüdische Volk. Sollte sich nicht hinter der jahrhundertelangen Brutalität von Progromen bis in unsere jüngste Vergangenheit hinein, bis zum Holocaust, das Geheimnis sich verbergen, daß Israel um der übrigen Menschheit willen leidet? Daß Juda stellvertretend die Sünde der anderen trägt? Kann ein Christ hier entschieden widersprechen?

(30) Stellvertretung im Rahmen alttestamentlicher Sühne ist meistens im Kollektiv wirksam, nie aber exklusiv und einmalig gedacht. Haben Christen das Recht, das »Ein-für-allemal« des Todes Jesu so zu pressen, daß hinfort ausgeschlossen ist, daß andere das Leiden Christi »vollmachen« (Kol 1,24). Christen wie Nicht-Christen und erst recht Juden? Das Leiden und die Stellvertretung des Gottesknechtes sind Jes 53 gewiß nicht exklusiv verstanden. (Vielleicht sollten auch wir Christen lernen, die in Christus gerühmte Stellvertretung inklusiv zu verstehen, so daß sie nicht aus-, sondern einschließt alles Geschehen, wo unschuldige Menschen durch andere gewaltsam zu Tode gebracht werden.)