Universität Duisburg-Essen, Institut für Evangelische Theologie 

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Schart, Aaron: VL Geschichte Israels, SS 2000, Stand: 2007-04-05

Metzger, Martin (1988) Grundriss der Geschichte Israels. Neukirchen-Vluyn. S. 114-

6. Kapitel Die Vorherrschaft Assurs (841-612)

1. Die Zeit der Dynastie Jehu (845-747)

Quellen: Tagebuch der Könige von Israel: 2Kön 14,25; 15,10; Tagebuch der Könige von Juda: 2Kön 14,7-14.19-22; 15,5; Alte Quelle über Wehrbauten: 2Chr 26,9; 27,4; Prophetenerzählung: 2Kön 9,1-10,27; Amos; Hosea 1; 2,4-17; 3,1-5; 4,1-5,7; Jesaja 6,1-11; 1,2-3.10-31; 2,6-22; 3,1-9; 3,12-4,1; 5,1-23; 10,1-4. Inschriften Salmanassars 111. über seine Feldzüge gegen Damaskus: TGI² Nr. 20; AOT S. 342-344.

Lit. zur Geschichte und Kultur des Neuassyrischen Reiches: A. Scharff, A. Moortgat, Ägypten und Vorderasien im Altertum, 1959², S. 397-431; H. Schmökel, Ur, Assur und Babylon, 1955 (Große Kulturen der Frühzeit); M. A. Beek, Bildatlas der assyrisch-babylonischen Kultur, 1961; H. A. Parrot, Ninive und das AT (Bibel und Archäologie 1), 1955; W. v. Soden, Herrscher im alten Orient, 1954 (S. 90-93 zu Tiglatpileser III.); A. Alt, Das System der assyrischen Provinzen auf dem Boden des Reiches Israel, Kl. Schr. 11, S. 188-205; ders., Tiglatpilesers III. erster Feldzug nach Palästina, a. a. 0. S. 150-162; H. Donner, Israel unter den Völkern, 1964; ders., Herrschergestalten in Israel, 1970, S. 55ff

Jehu hatte seine Revolution gegen das Haus Omri im Namen der reinen, ungeteilten Jahweverehrung gegen den religiösen Synkretismus der Omriden geführt. Unmittelbar nach seinem Regierungsantritt ließ Jehu die Heiligtümer kanaanäischer und phönizischer Gottheiten in Samaria zerstören, deren Kulte unterbinden und das Kultpersonal töten. Er löste das Bündnis mit den Phönizern und gab die Ausgleichspolitik gegenüber der kanaanäischen Minderheit auf. Außenpolitisch mußte Jehu manche Niederlage hinnehmen. Er hat sich offenbar nicht mehr, wie einst Ahab, an antiassyrischen Koalitionen beteiligt. Im Jahre 841 zog Salmanassar III. zum vierten Male nach Syrien. Er schloß Damaskus ein, konnte es aber nicht erobern. Wie die phönizischen Städte, so entrichtete auch Jehu dem assyrischen König Tribut. Auf dem in Kalah (heute nimrud) gefundenen »schwarzen Obelisken« wird die Darbringung des Tributes durch Jehu ausdrücklich berichtet und bildlich dargestellt, übrigens die einzige uns bekannte altorientalische Darstellung eines israelitischen Königs. - In der Zeit der Syrienfeldzüge Salmanassars blieb Israel <114:> vor Übergriffen der Aramäer verschont. Als aber nach Salmanassars fünftem und letztem Feldzug nach Syrien (838) die Assyrer für einige Jahrzehnte von Vorstößen nach dem Westen absahen, richteten die

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Abb. 9 Jehu von Israel unterwirft sich Salmanassar III. In der Mitte oben die geflügelte Sonnenscheibe und der Stern der Ischtar. Die Darstellung trägt die Beischrift: »Tribut Jehus vom Hause Omri: Silber, Gold, eine Schale aus Gold, Näpfe aus Gold, Becher aus Gold, Eimer aus Gold, Bleistücke, Zepter für den König und Balsamodendronhölzer empfing ich von ihm« (Detail aus dem schwarzen Obelisken Salmanassars III. zu Kalah/Nimrud).

Aramäer ihr Augenmerk wieder auf Israel. In Damaskus war, etwa zur Zeit der Königserhebung Jehus, Hasael durch Ermordung seines Vorgängers Ben-Hadad I. auf den Thron gekommen. Hasael wurde zu einem äußerst gefährlichen Gegner für Jehu und seine beiden Nachfolger Joahas und Joasch. Durch grausame Kriegführung (2Kön 8,12; Amos 1,3) verwüstete er das Ostjordanland und brachte eine Reihe von israelitischen Städten in seinen Besitz. Die Schwäche Israels veranlaßte die Ammoniter zu Überfällen auf das Gebiet südlich des Jabbok (Amos 1,13).

Die ständige Bedrohung Israels durch die Aramäer fand ein Ende, als im Jahre 8oo v. Chr. der Assyrerkönig Adadnirari III. nach Westen vordrang, Damaskus einschloß, die Unterwerfung erzwang und damit die Macht des Aramäerreiches brach. Bereits Joasch konnte einige der von Hasael eroberten Städte zurückgewinnen. Durch die Entmachtung der Aramäer kam es unter Jerobeam II., der die lange Zeit von 41 Jahren regierte, zu einer letzten Scheinblüte des Staates Israel im Schatten der Politik Assurs. Jerobeam gelang es, das Gebiet von Israel wie- <115:> derherzustellen von Lebo-Hamat bis zum Toten Meer (2Kön 14,25), d. h., er gewann offenbar die von den Aramäern, Ammonitern und Moabitern entwendeten Gebiete wieder zurück. Auch wirtschaftlich nahm das Land einen Aufschwung. Handel und Gewerbe blühten. Es bildete sich eine begüterte Oberschicht, deren luxuriöse Lebenshaltung der Prophet Amos anschaulich schildert.

Die Ostraka von Samaria (Begleitschreiben zu Naturallieferungen aus den Krongütern) lassen einen Blick in die königliche Verwaltung und die reichen Einnahmen tun, die dem König aus seinen Ländereien zuflossen.

Abb. 10 Stempelsiegel aus Megiddo. Es trägt die Inschrift: »Dem Schema (gehörig), Diener (= Minister) des Jerobeam« s handelt sich um Jerobeam II.).

Die Dynastie Jehu, die fast 100 Jahre lang die Herrschaft in Israel behauptete und damit das am längsten regierende Herrschergeschlecht in Israel war, nahm ein plötzliches Ende, als Sacharja, der Sohn Jerobeams, nach kurzer Regierungszeit im Jahre 745 von Schallum ermordet wurde. Mit dem Ende des Hauses Jehu war die letzte Glanzzeit Israels endgültig erloschen. Es standen Ereignisse vor der Tür, die eine grundlegende Änderung der Lage für Israel und Juda bringen sollten: Dieselbe Großmacht Assur, durch deren Druck auf Damaskus dem Staat Israel eine letzte Zeit des Aufatmens vergönnt worden war, wurde bald zur lebensgefährlichen Bedrohung für Israel.

Zur Zeit der Dynastie Jehu herrschten in Juda die Könige Joasch (840-801), Amazja (801-773) und Asarja (= Usija, 773-735). Joasch und Amazja wurden aus uns unbekannten Gründen ermordet. Möglicherweise waren die Gegner der beiden Könige nicht mit deren Politik einverstanden. Während im Nordstaat durch die Ermordung eines Königs jeweils ein Dynastiewechsel herbeigeführt wurde, blieb in Juda auch bei einem Königsmord die Herrschaft der Dynastie David unangefochten. - Auch der Staat Juda bekam, indirekt und direkt, die Macht der Aramäer zu verspüren. Unter der Rückendeckung der Aramäer unternahmen die Philister Überfälle auf judäische, vielleicht auch auf israelitische Dörfer und verkauften deren Bewohner in die <116:> Sklaverei (Amos 1,6-8). Hasael von Damaskus eroberte, wahrscheinlich als Bundesgenosse der Philister, in den Tagen Joasch' von Juda die damals in judäischer Hand befindliche ehemalige Philisterstadt Gat und bedrohte sogar Jerusalem. Nur durch eine Tributleistung aus dem Tempel- und Palastschatz konnte Joasch die Gefahr abwenden (2Kön 12,17f).

Während der Herrschaft der Omriden bestanden freundschaftliche, seit Ahab sogar verwandtschaftliche Beziehungen zwischen dem israelitischen und dem judäischen Königshaus. Da Atalja, die Gemahlin Jorams von Juda und Mutter Ahasjas, eine Tochter Ahabs war, sagen seit Ahasja direkte Nachkommen Ahabs auf dem Thron Judas. Von daher ist es verständlich, daß der Revolution Jehus, die sich gegen die Omriden richtete, auch Angehörige des judäischen Königshauses zum Opfer fielen und während der Herrschaft der Dynastie Jehu das Bündnisverhältnis zwischen Israel und Juda aufgehoben war, wenngleich man sich nicht feindlich gegenüberstand. Nur einmal kam es zu einem Zwischenfall: Durch einen Kriegserfolg gegen die Edomiter ermutigt, forderte Amazja von Juda den König Joasch von Israel heraus. In der Schlacht bei Bet-Schemes in Juda siegte Joasch. Er nahm Amazja gefangen, eroberte sogar Jerusalem, plünderte Tempel und Palast und ließ eine Bresche in den Nordteil der Stadtmauer reißen, wo Jerusalem am meisten gefährdet war. Nach dem Tode Joaschs regierte Amazja bis zu seiner Ermordung weitere 15 Jahre in Jerusalem (2Kön 14,8-20).

Der judäische Zeitgenosse Jerobeams II. war Asarja (Usija), 773-735. Auch dem Staat Juda war in dieser Zeit eine Periode friedlicher Entwicklung vergönnt. Nachdem schon Amazja kriegerische Erfolge gegen die Edomiter beschieden waren (2Kön 14,7), gelang es Asarja, wieder Zugang zum Golf von Akaba zu erlangen und Elat zu befestigen (2Kön 14,22). Ob diese Erfolge von Dauer waren, ist nicht bekannt. Asarja starb an Aussatz. Sein Sohn Jotam wurde schon zu Lebzeiten Asarjas als Mitregent eingesetzt.

In dieser Zeit der Prosperität hat es nicht an Mahnern gefehlt, die die Unsicherheit der Lage erkannten, die religiösen, sozialen und politischen Schäden schonungslos aufdeckten und das nahende Verderben ankündigten. Gemeint sind die Propheten, die, durch ein Berufungs- <117:> erlebnis in Dienst gestellt, als Boten Gottes den Menschen ihrer Zeit eine von Jahwe vernommene Botschaft verkündeten. Amos, der älteste der »klassischen Propheten«, stammte aus dem Südstaat Juda, trat aber im Nordstaat auf. Durch seine Verkündigung gewinnen wir u. a. einen instruktiven Einblick in die sozialen und religiösen Verhältnisse des Nordreiches zur Zeit Jerobeams II.: Die Angehörigen der begüterten Oberschicht leben in luxuriös ausgestatteten Häusern von Quadersteinen, sie besitzen Sommer- und Winterhäuser, feiern üppige Gelage mit auserlesenen Speisen (6,1-6). Die Kehrseite des Wirtschaftsaufschwungs sind krasse Standesunterschiede, Verarmung eines großen Teiles der Bevölkerung, soziale Ungerechtigkeit, mitleidlose Unterdrückung und Ausnutzung der Armen, betrügerische Geschäftsführung (2,6ff; 8,4-6), korrupte Rechtsprechung.

»Sie verwandeln das Recht in Wermut und werfen die Gerechtigkeit zu Boden. Sie hassen den, der im Tor für das Recht eintritt, und verabscheuen den, der Wahrheit redet. Sie bedrängen den Unschuldigen, nehmen Bestechungsgelder an und unterdrücken den Armen im Tor« (5,7.10.12).

Daß auch im Staat Juda die Wirtschaftsblüte unter Usija von Mißständen aller Art begleitet war, lassen die Propheten Micha und Jesaja erkennen:

»Wehe denen, die Arges sinnen auf ihren Lagern und, wenn der Morgen tagt, es vollbringen, weil es in ihrer Macht steht; die nach Äckern gieren und sie rauben, nach Häusern, und sie wegnehmen; die Gewalt üben an dem Mann und seinem Haus, an dem Besitzer und seinem Erbgut!« (Micha 2,1-2) »Wehe denen, die Haus an Haus reihen und Acker an Acker rücken, bis kein Platz mehr ist und ihr allein Besitzer seid mitten im Lande!« (Jes 5,8; vgl. 5,18-23).

Bei alledem ist man von einem übersteigerten religiösen Erwählungsbewußtsein erfüllt, berauscht sich an glänzenden kultischen Festen, verweigert aber im Alltag Jahwe den Gehorsam und wiegt sich obendrein in trügerischen Endzeithoffnungen. Demgegenüber verkündigt Amos, daß der »Tag Jahwes« ein unentrinnbares Vernichtungsgericht für Israel bringe, das die Gnadenzuwendung Jahwes mißbraucht. Ein Kultus, der nur dazu dient, religiöses Hochgefühl zu erzeugen, dessen Teilnehmer sich aber im übrigen dem Anspruch Jahwes entziehen, ist Jahwe ein Greuel. Jahwe fordert statt dessen soziale Gerechtigkeit und gerechte Rechtsprechung, wie es im Gottesrecht Israels verkündigt wird:

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»Ich hasse, ich verschmähe eure Feste und mag nicht riechen eure Feiern. An euren Opfergaben hab ich keinen Gefallen, und das Opfer eurer Mastkälber sehe ich nicht an. Hinweg von mir mit dem Lärm deiner Lieder! Das Spiel deiner Harfen mag ich nicht hören l Aber es ströme wie Wasser das Recht und die Gerechtigkeit wie ein unversieglicher Bach!« (Amos 5,21-24).

Auch im Staat Juda sind schwerste Korruption unter den führenden Kreisen des Volkes und religiöse Sicherheit miteinander verbunden. Micha deckt diesen Selbstbetrug auf und kündigt ein Gericht an, das selbst vor der heiligen Stadt Jerusalem und vor dem Tempel, mit dem man so falsche Hoffnungen verbindet, nicht Halt macht:

»Höret doch dieses, ihr Häupter des Hauses Jakob, ihr Fürsten des Hauses Israel, die ihr das Recht verabscheut und alles Gerade krumm macht, die ihr Zion mit Blut baut und Jerusalem mit Unrecht! Seine Häupter sprechen Recht um Bestechung, seine Priester geben Weisung um Lohn, und seine Propheten wahrsagen um Geld und dabei verlassen sie sich auf Jahwe und sprechen: >Ist nicht Jahwe in unserer Mitte? Es kann kein Unglück über uns kommen! Darum wird Zion um euretwillen zum Feld umgepflügt, Jerusalem wird zum Trümmerhaufen und der Tempelberg zur Waldeshöhe!« (Micha 3,9-12).

Als Amos am Staatsheiligtum in Bet-El auftrat und dem König den Untergang ankündigte, wurde er auf Befehl des Königs vom Oberpriester des Heiligtums des Landes verwiesen.

Während sich Amos gegen eine Entartung des legitimen Jahwekultes wendet, geißelt Hosea den Abfall von Jahwe zu kanaanäischen Gottheiten. Seine Botschaft deckt auf, in welch erschreckendem Maße der kanaanäische Fruchtbarkeitskult in Israel an Boden gewonnen oder sich mit dem Jahwekult vermischt hatte. Von der Teilnahme an kultischer Prostitution und an Sexualriten des kanaanäischen Baal-Astarte-Kultes erhoffte man sich Fruchtbarkeit für Mensch und Vieh und gesteigerten Ertrag der Felder. Die Güter des Kulturlandes, die ein Geschenk Jahwes waren, schrieb man der Wirksamkeit kanaanäischer Gottheiten zu. Israel >>hat nicht erkannt, daß ich es bin, der das Korn und den Wein und das 01 gegeben und der Silber in Menge geschenkt und Gold, das sie zum Baalsbild gemacht haben« (2,8). Hosea, der für den Bund zwischen Jahwe und Israel als erster das Bild von der Ehe gebraucht, bezeichnet den Abfall von Jahwe und die Teilnahme am kanaanäischen Fruchtbarkeitskult als Ehebruch, als Hurerei. »Das <119:> Land treibt beständig Hurerei von Jahwe hinweg« (1,2). Weil sich Israel durch sein Verhalten von Jahwe geschieden hat, erklärt Jahwe seinerseits den Bund für aufgehoben: »Ihr seid nicht mein Volk, und ich bin nicht euer Gott« (1,9). Das Verderben sitzt so tief, daß die Priester, von Jahwe beauftragt, dem Volk Weisung zu erteilen, geradezu zum Baalskult verführen (4-5). - Dem Abfall von Jahwe auf kultischem Gebiete entspricht Israels Eigenmächtigkeit im politischen Handeln. Die dauernden Königsmorde sind eine Folge davon, daß Israel seine Politik ohne Gott gemacht hat, und ein Zeichen dafür, daß Israel bereits unter dem Gericht Gottes steht. »Sie haben Könige eingesetzt, doch ohne meinen Willen, haben sich Fürsten gewählt, doch ohne mein Wissen« (8,4). »Ich gebe dir einen König in meinem Zorn, und ich nehme ihn wieder in meinem Grimm« (13,11). Weil Israel nicht auf seinen Gott vertraut, schwankt es unschlüssig zwischen Ägypten und Assur. »Efraim ist geworden wie eine einfältige Taube, ohne Verstand. Sie haben die Ägypter hergerufen, zu den Assyrern sind sie gegangen. Während sie hingehen, spanne ich mein Netz über sie aus, hole sie herunter wie Vögel des Himmels und züchtige sie wegen ihrer Bosheit. Wehe ihnen, daß sie von mir gewichen! Verderben über sie, daß sie von mir abgefallen sind!« (7,11-13; vgl. 5,13; 7,9; 8,9; 12,2). In schockierenden Bildern kündet Hosea das hereinbrechende Verderben als ein Gerichtshandeln Jahwes, dem sich Israel auch nicht durch Verträge mit den Großmächten entziehen kann:

»Ich aber bin wie die Motte für Ephraim und wie Wurmfraß für das Haus Juda. Und Ephraim sah seine Krankheit Und Juda sein Geschwür. Da ging Ephraim zu Assur und sandte zum Großkönig. Der aber kann euch nicht heilen, und das Geschwür wird nicht von euch weichen. Denn ich bin wie ein Löwe gegen Ephraim und wie ein Jungleu gegen das Haus Juda: Ich, ich zerreiße und gehe davon, ich trage hinweg, und niemand rettet« (5,12-24; vgl. 13,7.8).

2. Die letzten Jahre des Staates Israel (747-721)

Quellen: Tagebuch der Könige von Israel: 2Kön 15,14.16.19.20.25.29.30a; 17,3.4; Tagebuch der Könige von Juda: 2Kön 15,35b; 16,5-18; 17,5.6.24.29-31, 18,9-11. - Der Prophet Hosea (Zeit des syrisch-efraimitischen Krieges: Hos 5-8; vor und nach dem Tode Tiglat-Pilesers III.: Hos 9-12; kurz vor dem Fall Samarias: Hos <120:> 13-14). - Jes 7,1-9,6; 9,7-20+5,25-30; 17,1-6; 28,1-4. - Inschriften Tiglat-Pilesers III. und Sargons II über Feldzüge nach Syrien/Palästina: TGI² Nr. 26-30; AOT S. 345-349.

Nach der Ermordung Sacharjas, des letzten Vertreters der Dynastie Jehu, der nur sechs Monate regiert hatte, kam es in Israel zu keiner Dynastiebildung mehr. Von den fünf Königen, die innerhalb von 2o Jahren auf Sacharja folgten, wurden allein drei ermordet. Schallum (747/46), der Mörder Sacharjas, fiel bereits nach einem Monat der Verschwörung eines gewissen Menahem (746145-737136) zum Opfer. Menahems Sohn Pekachja (736135-735134) wurde nach zweijähriger Regierungszeit von Pekach (734/33-733/32), einem Offizier des Heeres, ermordet. Pekach wiederum erlag dem Anschlag Hoscheas (732/31-724/23), unter dessen Herrschaft der Staat Israel ein Ende fand.

 

Abb. 11 Assyrisches Feldzeichen mit dem Reichsgott Assur.

Im Jahre 745, also etwa gleichzeitig mit dem Sturz der Dynastie Jehu, kam in Assyrien Tiglat-Pileser III. auf den Thron. Damit begann eine neue Periode in der Expansionspolitik Assurs. Salmanassar III. hatte sich damit zufriedengegeben, in mehreren Zügen nach Palästina Syrien Tribut einzufordern, ohne selbst in diesen Ländern dauernd Fuß zu fassen. Tiglat-Pileser III. hingegen verfolgte das Ziel, den gesamten Vorderen Orient seiner Herrschaft zu unterwerfen. Hinter dem Eroberungsstreben der Assyrer stand das weitgesteckte religiöse Ziel, die gesamte Welt ihrem Reichsgott Assur, der ihnen als der Beherrscher der Welt galt, zu unterwerfen. Darum mußten Könige, die sich den Assyrern als Vasallen unterwarfen, in ihren Staatsheiligtümern neben ihren angestammten Kulten dem assyrischen Staatskult, der dem Gott Assur geweiht war, den Hauptplatz einräumen. Syrien <121:> und Palästina als Landbrücke nach Südostkleinasien und Ägypten mußten Tiglat-Pileser zuerst zum Opfer fallen- 740 fiel er in Nordsyrien ein, unterwarf 738 den Staat Hamat und machte mehrere Kleinstaaten tributpflichtig. Auch Menahem von Israel unterwarf sich rechtzeitig und entging damit der Besetzung seines Landes. Er erhoffte sich außerdem eine Stärkung seiner Macht von seiten des Assyrers. Die enorme Tributleistung von 1000 Talenten Silber (über 1000 Zentner) brachte er durch Besteuerung der heerbannpflichtigen Grundbesitzer auf (2Kön 15,17-20). 734 drang Tiglat-Pileser bis in den Südwesten Palästinas vor und unterwarf dabei den Philisterstaat Gaza. In dieser Lage verbündete sich im Jahre 733 eine Reihe von syrisch-palästinensischen Kleinstaaten unter Führung des Königs Rezin von Damaskus und des Königs Pekach von Israel, um sich gegen Tiglat-Pileser zu erheben. Als sich Ahas von Juda weigerte, der antiassyrischen Koalition beizutreten, kam es zum sog. »syrisch-efraimitischen Krieg«. In der Absicht, Juda zum Bündnis zu zwingen, Ahas abzusetzen und einen Aramäer auf den Thron von Juda zu erheben, zogen Rezin und Pekach gegen Juda und bedrohten Jerusalem. Gegen den Rat des Propheten Jesaja, der Ahas zum Stillhalten und Vertrauen auf das Eingreifen Jahwes aufrief, unterwarf sich daraufhin Ahas dem Assyrerkönig freiwillig, sandte ihm Tribut und bat ihn, gegen Israel und Damaskus einzuschreiten, was wahrscheinlich ohnehin im Plane Tiglat-Pilesers lag (2Kön 15,37; 16,5-9; Jes 7,1-17). Noch im selben Jahr ging Tiglat-Pileser III. gegen Israel vor und eroberte ganz Galiläa und das Ostjordanland. Es gehörte zur Praxis assyrischer Eroberungspolitik, die politische, geistige und wirtschaftliche Oberschicht eroberter Gebiete zu deportieren und an deren Stelle eine fremde Oberschicht aus weit entfernten Gebieten des assyrischen Großreiches zu setzen, um dadurch die Eigenprägung der eingegliederten Gebiete weitgehend aufzuheben und die Möglichkeit von Aufständen gegen die assyrische Zentralgewalt zu erschweren. So verfuhr Tiglat-Pileser auch mit den eroberten Teilen Israels. Er teilte das Gebiet in die drei Provinzen »Dor«, »Megiddo« und »Gilead« und unterstellte sie assyrischen Statthaltern (2Kön 15,29). Die von den Assyrern geschaffene Provinzeinteilung blieb auch während der babylonischen und persischen Zeit bestehen. Dem König von Israel verblieben nur noch das Gebirge Efraim und der Stadtstaat Samaria. Nach seiner Niederlage wurde Pekach von Hoschea ermordet, der sich sofort Tiglat-Pileser unterwarf, Tribut zahlte und vom Assyrer als Vasallenkönig anerkannt wurde. - 732 eroberte Tiglat-Pileser Damaskus und machte das ganze Aramäergebiet zu assyrischen Provinzen. - Ahas von Juda war damit von seinen Gegnern befreit, aber selbst zum abhängigen Vasallen des Assyrerkönigs geworden. Das hatte auch kultische Folgen: der König von Assyrien war nun Kultherr des Staatsheiligtums zu Jerusalem geworden. Das kam u. a. dadurch zum Ausdruck, daß der Privatzu-

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Abb. 12 Deportierte unterwegs (Relief Assurbanipals, Ninive).

gang des Königs von Juda, des bisherigen Kultherren, zum Tempel zugemauert werden mußte. Der assyrische Staatskult hielt damit Einzug im Jerusalemer Tempel. Ein der assyrischen Hauptgottheit Assur geweihter Altar trat an die Stelle des Jahwealtars, der als Nebenaltar beiseite gerückt wurde (2Kön 16,10-18).

 

Abb. 13 Assyrischer Belagerungsturm (Relief Assurbanipals, Ninive).

Tiglat-Pileser III. beherrschte nunmehr das gesamte Gebiet von Syrien-Palästina, dessen Staaten entweder, wie z. B. Damaskus und der Nordteil von Israel, als Provinzen seinem Reiche eingegliedert oder, wie Juda und der Reststaat Israel, als tributzahlende Vasallenstaaten von ihm abhängig waren.

Unter Salmanassar V. (727-722), dem Nachfolger Tiglat-Pilesers III., knüpfte Hoschea Beziehungen zu Ägypten an und wagte es, 724 die Tributzahlungen an Assur einzustellen und damit das Vasallenverhältnis zu kündigen. Salmanassar V. zog sofort gegen Israel zu Felde, setzte Hoschea gefangen, bemächtigte sich seines gesamten Gebietes und belagerte Samaria, das nach dreijähriger Belagerung unter Sar- <123:> gon II., Salmanassars V. Nachfolger, erobert wurde (721). Auch dieses Mal wanderte die Oberschicht in die Verbannung, und zwar nach Mesopotamien und Medien. Damit war der Staat Israel endgültig aus der Geschichte ausgelöscht. Sargon berichtet darüber in seinen Annalen: »Am Anfang meiner Regierung, in meinem ersten Regierungsjahre, belagerte und eroberte ich Samaria. 27 290 Leute, die in ihr wohnten, führte ich weg 5o Wagen als Streitmacht meines Königtums hob ich unter ihnen aus ... Meine Beamten setzte ich als Statthalter über sie, und Abgabe und Tribut, wie den assyrischen, legte ich ihnen auf « (TGI Nr. 28). An Stelle der nach Medien deportierten Oberschicht trat eine Oberschicht, die Sargon aus Hamat, Babylon und anderen Orten hierher verpflanzte. Die Angehörigen dieser neuen Oberschicht brachten ihre eigenen Kulte mit, nahmen daneben aber auch den Jahwekult an. Im Laufe der Zeit gingen die fremden Bevölkerungsele

mente in der ansässigen Bevölkerung auf (2Kön 17)

Abb. 14 Sargon II. (Relief aus dem Palast Sargons zu Chorsabad). Sargon trägt die kegelförmige Königsmütze und ein kreuzförmiges Ohrgehänge. Der Bart und das lange Haupthaar sind gelockt. Die Gesichtszüge, in denen Energie und Tatkraft, aber auch rücksichtslose Entschlossenheit trefflich zum Ausdruck kommen, sind mit außergewöhnlicher Sorgfalt herausgearbeitet.

 

3. Hiskija und seine Nachfolger (725-640)

Quellen: Tagebuch der Könige von Juda: 2Kön 18,4b.13-16; 20,20; 21,23.24.

Alte Quelle über Wehrbauten: 2Chr 32,30 (vgl. V. 4f); 33,14. - Jesajaerzählung: 2Kön 18,13-20,19 (= Jes 36-39). - Der Prophet Jesaja: Zeit der ersten Erhebung gegen Assur, 713: Jes 14,28-32; 18,1-7; 20,1-6; 28,7-22; 29,1-14; 30,8-17; Zeit der Erhebung Hiskijas gegen Sanherib, 705-701: 10,5-15,27b-32; 14,24-27; 22, 1-19; 28,23-29; 29,15-16; 30,1-7.27-33; 31,1-9; 1,4-9; 32,9-14. -Micha 1, <124:> 2-16. - Tonprisma Sanheribs über seinen Feldzug gegen Jerusalem (701): TGI Nr. 31; AOT S. 352-354. -Assyrische Inschriften aus der Zeit Sargons Il. (TGI ² Nr. 33-36) und Sanheribs (TGI ² Nr- 39.40)

Lit.: B. S. Childs, Isaiah and the Assyrian Crisis, 1967; W. v. Soden, Herrscher im Alten Orient, 1954, S. 94-118 (Sargon II. und Sanherib); H.Donner, Herrschergestalten in Israel, 1970, S. 74ff.

Als König Hoschea von Israel sich der Vorherrschaft der Assyrer zu entziehen versuchte, beteiligte sich der Staat Juda, der sich 733 unter Ahas Assur unterworfen hatte, nicht an dieser Abfallbewegung. Darum hatte der Untergang des Staates Israel keine unmittelbaren Folgen für Juda. Hiskija (725/24-697/96), der Sohn und Nachfolger Ahas', hielt zunächst dem Assyrer die Treue. Als sich aber im Jahre 713, wie aus assyrischen Quellen hervorgeht, eine Reihe von Kleinstaaten, u. a. Edom und Moab, unter Führung des Philisterstaates Aschdod gegen Assur erhob, nahm Hiskija Verbindung zu den Aufständischen auf, denen Pharao Schabaka, Gründer der 25., äthiopischen, Dynastie in Ägypten, seine Unterstützung zusagte. Auf eine äthiopische Gesandtschaft in Jerusalem spielt Jes 18,1-6 an. Jesaja, der wieder, wie einst in den Tagen Ahas', zum Vertrauen auf die Hilfe Jahwes aufrief und vor einem Vertrauen auf die Hilfe Ägyptens warnte (Jes 20,1-6), sollte recht behalten; denn als Sargon 711 den Aufstand niedergeworfen hatte, lieferten die Ägypter den König von Aschdod, der bei ihnen Zuflucht gesucht hatte, an den Assyrer aus. Das Gebiet von Aschdod wurde zu einer assyrischen Provinz gemacht. Diesem Schicksal entging Juda dadurch, daß es sich, wie Edom und Moab, schnell dem Assyrer unterwarf.

Nach Sargons Tod (705) kam es überall im assyrischen Reich zu Aufstandsbewegungen. Unter Merodoch-Baladan (Marduk-apla-iddin)

Abb. 15 Lachisch im 8-/7. Jahrh. v. Chr. (Rekonstruktion auf Grund von Grabungsergebnissen). Die Stadt war durch einen doppelten Mauerring und eine stark befestigte Toranlage geschützt. Auf der Höhe der Siedlung lag der Gouverneurspalast.

<125:> machte sich Babylon von Assur selbständig. Dadurch war Sanherib, der Nachfolger Sargons, zunächst vor die Aufgabe gestellt, seine Herrschaft im Osten zu befestigen. Angesichts dieser Lage kündigte Hiskija das Vasallenverhältnis und stellte die Tributzahlungen ein. Dazu gehörte auch, daß er den assyrischen Staatskult, den Ahas im Heiligtum zu Jerusalem hatte einrichten müssen, beseitigte. Im Zuge dieser Maßnahmen stellte Hiskija auch andere kultische Mißstände, so z. B. die Verehrung des Schlangenidols »Nehustan«, ab und ließ die kanaanäischen Lokalheiligtümer entweihen. Dafür erhielt er vom Verfasser der Königsbücher uneingeschränktes Lob.

Hiskija knüpfte Verbindungen nach Babylon und Ägypten an und wurde zum Haupt eines antiassyrischen Bündnisses südpalästinischer Kleinstaaten, zu denen auch die Philisterstaaten Aschkelon und Ekron gehörten. Wieder warnte Jesaja eindringlich vor dem Vertrauen auf ägyptische Hilfe (Jes 30,1-5; 31,1-3). Hiskija ließ die Befestigungsanlagen in Jerusalem verstärken und im Zusammenhang damit den Schiloachkanal, der noch heute vorhanden ist und dessen Bauinschrift 1880 entdeckt wurde, anlegen, um das Wasser der Gihonquelle auf geschütztem Wege in die Stadt zu leiten . Nachdem Sanherib der Aufstände im Osten Herr geworden war und nunmehr freie Hand hatte, zog er im Jahre 701 gegen die Aufständischen in Palästina-Syrien. Er unterwarf die phönizischen Küstenstädte und wandte sich dann dem Süden zu. Aschdod, Moab, Ammon und Edom unterwarfen sich sofort. Ein ägyptisches Heer, das den Verbündeten zu Hilfe kommen wollte, schlug Sanherib bei Elteke zurück. Ohne Schwierigkeiten bezwang er nunmehr Aschkelon und Ekron, besetzte das gesamte Gebiet des Staates Juda und eroberte hier 46 Städte, unter ihnen auch Lachisch, die damals größte und stärkste Festung Judas, und schloß Jerusalem ein. Er berichtet darüber in seinen Annalen: »Und Hiskija, vom Lande Juda, der sich meinem Joch nicht gebeugt hatte, 46 seiner befestigten Städte, mit Mauern versehene, und die kleinen Städte in ihrer Umgebung, ohne Zahl, durch Niedertreten mit Bohlenbahnen und durch Ansturm mit Belagerungsmaschinen, durch Kampf der Fußtruppen, durch Einbruchstellen, Breschen und Mauerbrecher, belagerte und eroberte ich sie ... Ihn selbst, wie einen Käfigvogel, inmitten der Stadt Jerusalem, der Stadt seines Königtums, schloß ich ihn ein« (Galling, TGI² Nr. 39). Um der völligen Vernichtung zu entgehen, mußte sich Hiskija unterwerfen und schwersten Tribut zahlen. Sanherib entzog Hiskija die Herrschaft über Juda, das er in mehrere Bezirke aufteilte <126:> und der Herrschaft philistäischer Könige, die Assur treu geblieben waren, unterstellte. Hiskija selbst verblieb nur die Herrschaft über den Stadtstaat Jerusalem, das Eigentum der Davididen.

Treffend umreißt Jesaja die notvolle Situation jener Zeit: »Euer Land liegt wüst, eure Städte sind verbrannt; die Frucht des Ackers vor euren Augen verzehren Fremde. Eine Wüste ist es, wie das zerstörte Sodom. Nur die Tochter Zion ist übriggeblieben wie ein Häuslein im Weinberg, wie eine Nachthütte im Gurkenfeld, wie ein Turm zur Wacht. Wenn nicht der Herr der Heerscharen von uns einen Rest gelassen, fast wären wir wie Sodom geworden und gleich wie Gomorrha« (Jes 1,7-9). Mit Bestürzung und Trauer nimmt Jesaja wahr, wie die Bewohner Jerusalerns nach dem Abzug Sanheribs von einem maßlosen Freudentaumel hingerissen werden (22,1-14)

 

Abb. 16 Assyrischer Schleuderer (Lachisch-Relief Sanheribs, Ninive).

Später, entweder noch unter Hiskija oder unter seinen Nachfolgern, ist auf uns unbekannte Weise den Davididen die Herrschaft über Juda wieder zuteil geworden. Unter Sanheribs Nachfolger Assarhaddon gelang Assur die zeitweilige Unterwerfung Ägyptens. Damit hatte das assyrische Reich seine weiteste Ausdehnung erreicht. Bis zum Fall des assyrischen Reiches, also über sieben Jahrzehnte, blieb Juda als abhängiger Vasallenstaat unter der Vorherrschaft Assurs. Damit war Juda jegliche eigenständige politische Betätigung genommen. Die Nachfolger Hiskijas, Manasse (696/95-642/41) und Amon (641/40-640/39), mußten daher auch den assyrischen Staatskult, den Hiskija bei seiner Erhebung 705 beseitigt hatte, wieder einführen. Daneben hielten der kanaanäische Fruchtbarkeitskult und Kulte von Astralgottheiten Einzug im Zentralheiligtum. Auch auf dem Lande blühten die kanaanäischen Kulte an den Heiligtümern, die Hiskija <127:> hatte unterbinden lassen, wieder auf. Wie Ahas, so brachte auch Manasse einen Sohn als Molochopfer dar. Religiöser Synkretismus drohte den Jahweglauben zu zersetzen und zu überfremden (2Kön 21). Doch gab es auch Kräfte, die dem allgemeinen Zerfall auf religiösem Gebiet entgegenwirkten. Hier sind vor allem die Leviten zu nennen, die Priester an den Jahweheiligtümern auf dem Lande. Sie waren die Hüter der alten Sakraltraditionen, vor allem der Rechtstraditionen, des Stämmeverbandes. überall auf dem Lande verkündigten sie das alte Gottesrecht und legten es aus. Sie fanden vor allem Widerhall in den Kreisen der freien Grundbesitzer (hebr. am ha'aräz, »Landvolk«). Im Kreise der Leviten ist das deuteronomische Gesetz entstanden, das bei der Kultreform Joschijas eine große Rolle spielen sollte.

In die Zeit vom Tode Usijas (735) bis zur Belagerung Jerusalems durch Sanherib (701) fällt die Wirksamkeit des Propheten Jesaja. Er nimmt in seiner Botschaft direkt Bezug auf den syrisch-efraimitischen Krieg (7,1-9,7), auf den Tod Ahas' (14,28-32), die Eroberung von Damaskus (17,1ff) und Samaria (28,1-4), die äthiopische Gesandtschaft in Jerusalem (18,1-3) und die Bedrohung durch Sanherib (1, 7-9; 22, 1-14). Von seiner Berufungsvision an (6,1-11) bis in die letzte Zeit seines Wirkens (30,8-11) steht die Heiligkeit Jahwes im Zentrum seiner Botschaft. Die Heiligkeit Jahwes schließt seine Unnahbarkeit, Unvereinbarkeit mit jeglicher Sünde, seine Hoheit, Erhabenheit und Majestät, seine königliche Herrschaft, die sich auf die ganze Welt erstreckt, und darum auch seine Geschichtsmächtigkeit in sich. Die Prägung »der Heilige Israels«, die auf Jesaja zurückgeht, besagt, daß dieser heilige und mächtige Gott sich Israel zugewendet hat, für Israel da ist und für sein Volk eintritt.

Die Sünde und Entartung Israels besteht darin, daß es die Heiligkeit und die gnädige Zuwendung Jahwes gleichermaßen mißachtet. Das zeigt sich in Selbstsicherheit und Hochmut (2,11; 3,16; 5,19; 32, 9-14), in entleertem Kultus (1,10-17; 29,13) und in mannigfacher übertretung des alten Gottesrechtes, durch das Handlungen ausgegrenzt werden, die mit der Heiligkeit Gottes unvereinbar sind, wie Rechtsbruch und Unrecht auf sozialem Gebiet (1,21-23; 5,8-23). Auf der anderen Seite traut Israel der Zusage Jahwes nicht und weist die Hilfe, die er seinem Volk in politischer Notlage anbietet, von sich. Als Jesaja in der Bedrängnis des syrisch-efraimitischen Krieges und der Bedrohung durch Sanherib die Hilfe Jahwes zusagte und zum Vertrauen auf Jahwe, zum Stillesein und Warten auf sein Eingreifen aufrief, griff er auf die Traditionen vom heiligen Krieg und von der Erwählung des Zion zurück. Der Aufruf zur Furchtlosigkeit und zum Glauben, das Angebot eines Zeichens, die Zusage des Sieges durch ein plötzliches Eingreifen Gottes, all diese Elemente des heiligen Krieges nimmt Jesaja in seine Botschaft auf. »Hüte dich und bleibe ruhig! Fürchte dich nicht, und dein Herz verzage nicht! « »Glaubt ihr nicht, so <128:> bleibt ihr nicht!« (7,4-9). Wie sich ein Traumbild beim Anbruch des Tages in Nichts auflöst, so wird die Ohnmacht der gegen den Zion anstürmenden Feinde offenbar werden (29,7f; 17,12-14)- Wie ein Löwe seine Beute festhält, so schützt Jahwe den Zion (31,4-9). Da aber Israel von seinem falschen Wege nicht umkehrt, Jahwe den Glauben verweigert und zur Selbstsicherung durch politische Bündnisse (17,10; 30,1-14), durch verstärkte Rüstung und Festigung der Wehranlagen (22,8-11) greift, zieht es sich selbst das Verderben zu und verfällt dem Gericht.

»Wehe denen, die nach Ägypten hinabziehen um Hilfe, die sich auf Rosse verlassen und auf Streitwagen vertrauen, weil ihrer viele sind, und auf Reiter, weil sie zahlreich sind, aber auf den Heiligen Israels nicht schauen und Jahwe nicht befragen« (31,1). »Denn so spricht der Herr, Jahwe, der Heilige Israels: In Umkehr und Ruhe liegt euer Heil; in Stillehalten und Vertrauen besteht eure Stärke. Doch ihr habt nicht gewollt! Ihr sprachet: >Nein, auf Rossen wollen wir rasen!< Darum sollt ihr davonrasen (d. i.: vor den Feinden). >Auf Rennem wollen wir reiten!< Darum werden rennen eure Verfolger. Tausend werden fliehen vor dem Dräuen eines einzigen. Vor dem Dräuen von fünf werdet ihr fliehen, bis ihr ein Rest seid wie ein Heerzeichen hoch auf dem Berge und wie ein Panier auf dem Hügel« (30,15-17).

Jahwe hatte angeboten, den Krieg für Israel gegen die Feindmächte zu führen - nun führt Jahwe Krieg gegen Israel und bedient sich der Feinde als Werkzeug. Im Ansturm der Assyrer überfällt Israel darum kein neutrales Geschehen, noch viel weniger wird darin die Überlegenheit des Gottes Assur offenbar. Jahwe treibt vielmehr sein »Werk«, sein »Ratschluß« geht in Erfüllung (5,12.19; 28,21), er führt das Unheil herbei (31,2). Wie Axt und Säge in der Hand des Holzfällers, wie das Schermesser in der Hand des Barbiers, so muß die assyrische Großmacht Jahwe dienstbar sein (7,20; 10,15). Er »pfeift« die assyrischen Heere von den Enden der Erde herbei wie Fliegen und Bienen (5,26; 7,18), er benutzt sie als Stock und Zuchtrute (10,5), um das Gericht an Israel, dem widerspenstigen, hoffärtigen, selbstsicheren, ungehorsamen Volk zu vollziehen. Aber Assur überschreitet seine Befugnisse. Statt Züchtigung hat es Vernichtung Israels im Sinn. Weil es seine Erfolge der eigenen Kraft zuschreibt und dem Hochmut verfällt, wird auch Assur das Gericht treffen (10, 5-19).

<129:> In einer Zeit geistlichen Zerfalls und politischen Niederganges setzt Jesaja seine ganze Hoffnung auf den Heiligen Israels (8,16f), der allein für Israel noch Möglichkeiten jenseits des Gerichtes hat. Jesaja verkündigt ihn als den Gott, dessen Machtbereich die ganze Erde umspannt (6,3), der in Gelassenheit dem Treiben der Völker zuschaut (18,4-6) und bei aller Wirrnis der Ereignisse sich als der Herr des Geschehens erweist.

»wie ich mir's vorgenommen, so geschieht es, und was ich beschlossen, das kommt zustande ... Das ist der Ratschluß, der über die ganze Erde beschlossen, und das die Hand, die über alle Völker ausgestreckt ist. Denn Jahwe der Heerscharen hat es beschlossen; wer wilI's zunichte machen? Seine Hand ist ausgestreckt; wer will sie zurückbringen?« (14,24-27).

<130:>  Herrscher in Assur, Israel und Juda:

Juda

Atalja 845/44-840/39

Joasch 840/39-801/00

Amazja 801/00-773

Asarja (Usija) 773/72-735/34

Jotam 757/56-742/41

Ahas 742/41-726/25

 

 

 

Hiskija 725/24-697/96

 

Manasse 696/95-642/41

 

Amon 641/40-640/39

Joschija 639/38-609/08

 

Joahas 609

Jojakim 608/07-598/97

Israel

Jehu 845/44- 818/17

Joahas 818/17-802/01

Joasch 802/01-787/86

Jerobeam II. 787/86-747/46

Sacharja 747/46

Schallum 747/46

Menahem 746/45-737/36

Pekachja 736/35-735/34

Pekach 734/33-733/32

Hoschea 732/31-724/23

(Samaria erobert) 722/21

Assur

Salmanassar III.858-824

Samsi-Adad V. 823-810

Adadnirari III. 809-782

Salmanassar IV. 781-772

Assurdan III. 771-754

Assurnirari 753-746

Tiglat-Pileser III. 745-727

 

 

Salmanassar V. 726-722

Sargon II. 721-705

Sanherib 704-681

Assarhaddon 680-669

Assurbanipal 668-626

Assur-etil-ilani 625-621

Sin-sar-iskun 620-612

Assur-uballit II.  611-606

 

<131:> 4. Joschija und die deuteronomische Reform (639/38-609/08)

Quellen: Tagebuch der Könige von Juda. 2Kön 23,4-20-29.30.33-35; Denkschrift überAuffindung des deuteronomischen Gesetzes: 2Kön 22,3-23,3; Jeremia 1-6 (Zeit Joschias); 7-20 (Zeit Jojakims). - Babylonische Chronik (über den Fall Nini- ves): TGI Nr. 33

Lit.: G. v. Rad, Theologie des AT I, 1969, Die restaurativen Bemühungen (S. 82-97); ders., Das Deuteronomium (S. 232-244); ders., Deuteronomiumstudien, 1948²; M. Noth, Die Gesetze im Pentateuch, 1940 (Ges. Stud., bes. S. 58-67, Der Bundesschluß unter Josia); H. Donner, Herrschergestalten in Israel, 1970, S. 86ff (Josia); A. Alt, Judas Gaue unter Josia, 1925, Kl. Schr. II, S. 276-288; S. Herrmann, Die konstruktive Restauration, Das Deuteronomium als Mitte biblischer Theologie, in: Probleme biblischer Theologie (Festschrift G. v. Rad), 1971, S. 155-170

Durch den Niedergang der Macht Assurs in der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts sollte dem Staate Juda noch einmal eine kurze, vorübergehende Periode der Eigenständigkeit beschieden sein. Der Nachfolger Assarhaddons, Assurbanipal (669-626), trat nicht mehr, wie seine Vorgänger, durch kriegerische Taten hervor. Er hatte vor allem künstlerische und geistige Interessen. Er ließ seinen Palast in Ninive mit prächtigen Jagdreliefs schmücken und ist vor allem durch seine großangelegte Keilschriftbibliothek bekannt geworden, der umfangreichsten Sammlung akkadischer Literatur. In den Jahren 650-648 hatte Assurbanipal den Aufstand seines Bruders Samas-sum-ukin, des Vizekönigs von Babylon, niederzuschlagen. Unter Assurbanipals Nachfolgern Assur-etil-ilani und Sin-sar-iskun ging das assyrische Reich schnell seinem Ende entgegen. 625 entzog sich Babylon unter dem Chaldäer Nabopolassar (Nabu-apal-usur), der sich zum König von Babylon gemacht hatte und damit zum Begründer des neubabylonischen Reiches geworden war, endgültig der Vorherrschaft Assurs. Die wechselvollen Kämpfe der folgenden Jahre endeten damit, daß 612 die assyrische Hauptstadt Ninive der vereinten Macht der Meder und Skythen erlag, wobei Sin-sar-iskun getötet wurde.

Der Niedergang Assurs ermöglichte, wie schon gesagt, Juda noch einmal eine kurze Zeit der Eigenständigkeit. Im Jahre 640/39 wurde Amon, der Sohn Manasses, aus uns unbekannten Gründen von einem Verschwörerkreis ermordet. Um weitere Folgen der Verschwörung zu verhindern, griff der Landadel ein und erhob Joschija, den Sohn Amons, als Achtjährigen zum König von Juda. Sobald er mündig geworden war, nutzte Joschija die Ohnmacht Assurs, sich Zug um Zug seiner Macht zu entziehen und die Selbständigkeit Judas zurück- <132:> zugewinnen. Ein entscheidender Schritt in dieser Richtung bestand in der Maßnahme, den assyrischen Staatskult, den Joschijas Vorgänger als Vasallen Assurs hatten einführen müssen, aus dem Jerusalemer Heiligtum zu verbannen. Im Zusammenhang damit beseitigte Joschija auch Kulte astraler Gottheiten, die im Tempel einen Platz gefunden hatten. In 2Kön 22,3-23,3 wird erzählt, daß zur Zeit des Königs Joschija bei Restaurationsarbeiten im Tempel von Jerusalem ein Gesetzbuch gefunden worden sei, und daß Joschija seine Reform auf Grund dieses Gesetzes durchgeführt habe. Alle Anzeichen sprechen dafür, daß mit diesem Gesetzbuch das »deuteronomische Gesetz«, das den Grundbestand des 5. Buches Mose bildet, gemeint ist. Es ist wenig wahrscheinlich, daß dieser »Auffindungsbericht« einer alten Quelle entstammt. Er ist aus stilistischen und inhaltlichen Gründen dem »Deuteronomisten«, dem Verfasser eines Geschichtswerkes, das in exilischer Zeit entstand und die Königsbücher einschließt (Näheres s. u. S. 143f), zuzuschreiben. Der historische Gehalt dieser Erzählung dürfte darin bestehen, daß das deuteronomische Gesetz im Laufe des 7. Jh. entstanden und nicht ohne Einfluß auf kultische Maßnahmen Joschijas geblieben ist.

Das deuteronomische Gesetz enthält alte Gesetze und Gesetzesreihen aus vorstaatlicher Zeit. Diese alten Rechtsordnungen wurden im Verlauf des 7. Jahrhunderts von den Leviten, den Priestern der Jahweheiligtümer auf dem Lande, gesammelt und mit predigtartigen Erläuterungen und Rahmenstücken versehen. In diesen aktualisierenden Erläuterungen und Rahmenstücken und der Art der Anordnung kommt das Anliegen der Redakteure des Deuteronomiums zum Ausdruck. Das deuteronomische Gesetz ist als Moserede stilisiert und spiegelt in seinem Aufbau den Ablauf eines Bundesschlußfestes wider. Dadurch soll Israel wieder in die Sinaitradition versetzt (s. vor allem Dtn 5,3!) und in die Entscheidung für oder gegen Jahwe gestellt werden. »Das Leben und den Tod habe ich euch vorgelegt, den Segen und den Fiuch. So wähle das Leben, auf daß du lebst!« (Dtn 30,19).

Durch die Konfrontation mit den alten Gesetzen sollen alte Ordnungen wiederhergestellt werden. In einer Zeit, in der Israel der Gefahr des Synkretismus zu erliegen drohte, legt das deuteronomische Gesetz vor allem den Ton auf die Pflicht zur alleinigen Jahweverehrung (Dtn 6,4). Darum fordert es auch die Zentralisation des Kultes und die Verehrung Jahwes an nur einer Kultstätte (Dtn 12), da die vielen lokalen Kultstätten einer pluralistischen Auffassung von Jahwe Vorschub leisten und zudem die Gefahr in sich bergen, daß sich die Verehrung Jahwes mit der Verehrung anderer Gottheiten, vor allem der kanaanäischen Lokalnumina, vermischt.

In einem feierlichen Bundesschlußakt verpflichtet sich Joschija, dem dieses neu gefundene Gesetz vorgelegt worden war, und zugleich das Volk, die Bestimmungen dieses Gesetzes zu erfüllen. Joschija setzte <133:> staatliche Machtmittel ein, um dem deuteronomischen Gesetz Geltung zu verschaffen. Außer dem assyrischen Staatskult beseitigte er andere Fremdkulte, die einen Platz im Jerusalemer Heiligtum gefunden hatten. Er ließ ferner die Kultstätten zerstören, die einst Salomo auf dem Ölberg für die Götter seiner ausländischen Frauen hatte errichten lassen. Darüber hinaus ließ er, der Grundforderung des deuteronomischen Gesetzes folgend, den Jahwekult der Lokalheiligtümer des Landes einstellen. Die Priester der Lokalheiligtümer wurden nach Jerusalem gezogen. Dort durften sie zwar auch weiterhin Abgaben entgegennehmen, aber entgegen den Bestimmungen des deuteronomischen Gesetzes und wahrscheinlich auf Betreiben der Jerusalemer Priesterschaft keinen vollen Kultdienst ausüben, sondern bildeten eine Art clerus minor.

Durch die deuteronomische Reform ist die Bedeutung Jerusalerns und des Jerusalemer Heiligtums beträchtlich gestiegen. Jerusalem, das seit David zentrale Kultstätte war, war nun zur alleinigen legitimen Kultstätte Israels geworden. Das sollte auch in der Folgezeit so bleiben. Aus Jer 22.15f kann man schließen, daß Joschija bemüht war, nicht nur den kultischen, sondern auch den sozialen Forderungen des deuteronomischen Gesetzes Geltung zu verschaffen, allerdings mit weniger nachhaltigem Erfolg.

Über die Restauration im Inneren heraus erstrebte Joschija das Ziel, die Ansprüche der Davididen auf das Gebiet des ehemaligen Staates Israel geltend zu machen und die Grenzen des alten davidischen Reiches wiederherzustellen. Zu einem Teil hat er dieses Ziel auch erreicht. Es gelang ihm zunächst, die Grenze ein Stück weit nach Norden, Westen und Osten vorzuschieben. Das geht aus den Ortslisten hervor, die in Jos 13.15.18.19 verarbeitet sind und, wie A. Alt gezeigt hat, nur aus der Zeit Joschijas stammen können. In diesen Ortslisten erscheinen die Städte Bet-EI, Ofra und Jericho, die einst zum Gebiet des Nordstaates und dann zur assyrischen Provinz Samaria gehörten, ferner der ehemalige Philisterstaat Ekron mit einem Teil seines Territoriums und ehemals israelitische Teile des Ostjordanlandes als Teile von judäischen Gauen. Dieser Stand der Dinge muß bereits zur Zeit der Kultreform Joschijas erreicht worden sein, da Joschija im Zuge seiner Kultreform das ehemalige Staatsheiligtum von Bet-EI beseitigen lieg (2Kön 23,15ff). Später konnte Joschija die Provinz Samaria (2Kön 23,19) und schließlich auch die Provinz Megiddo (Galiläa mit Jesreelebene) annektieren. Damit verfügte zum ersten Mal seit Salomo wieder ein Davidide über das Gebiet des ehemaligen Staates Israel. Es war Joschija nicht allein gelungen, seinen eigenen Staat Juda der Vorherrschaft Assurs zu entziehen, er hatte darüber hinaus Provinzen, die Teile des assyrischen Großreiches waren, seinem Herr- <134:> schaftsgebiet hinzugefügt. Das war nur möglich durch die völlige Ohnmacht und schließlich den Zusammenbruch des assyrischen Reiches. Jede Macht, die dem gefallenen assyrischen Reich wieder einporzuhelfen trachtete, mußte daher von vornherein zum Feinde Joschijas werden.

Nach dem Fall von Ninive 612 und dem Tode des Königs Sinsariskum machte sich in Harran ein gewisser Assur-uballit zum König von Assyrien, wurde aber 610 von den Babyloniern und Skythen, die Harran erobert hatten, vertrieben. Bei dem Versuch, Harran zurückzugewinnen, fand Assur-uballit die Unterstützung des Pharao Necho, eines Herrschers der 26., saitischen, Dynastie, der die Übermacht Babylons fürchtete und darum sich anschickte, Assur zu Hilfe zu kommen. Damit wurde er zum Gegner Joschijas, der kein Wiederaufleben der assyrischen Macht wünschen konnte. Joschija trat der heranrückenden Macht Ägyptens bei Megiddo entgegen, um ihr den Weg nach Syrien, wo Necho sich mit Assur-uballit vereinigen wollte., zu verstellen. Dieses Unternehmen scheiterte jedoch, und Joschija fand dabei den Tod. Der Versuch Nechos, Harran für Assur-uballit zurückzugewinnen, blieb ebenfalls ohne Erfolg. Als Necho von jenem gescheiterten Unternehmen zurückkehrte, erhob er den Anspruch, die Nachfolge der assyrischen Vorherrschaft über Palästina-Syrien anzutreten. In Jerusalem hatte inzwischen der Landadel Joahas, den Sohn Joschija, auf den Thron erhoben. Necho setzte Joahas, der offenbar gewillt war, die Politik seines Vaters fortzusetzen, nach dreimonatiger Regierungszeit ab und ließ ihn gefangen nach Ägypten führen, wo Joahas später gestorben ist. An seiner Stelle setzte Necho einen anderen Sohn Joschijas, Eljakim, ein und gab ihm den Namen Jojakim, wodurch die Vormundschaft des Pharao über den König von Juda zum Ausdruck kommen sollte. Dem Land legte Necho eine schwere Tributzahlung auf, die durch Umlage auf die Bevölkerung aufgebracht werden mußte. Damit fand die kurze Episode der Unabhängigkeit und der Machtentfaltung Judas unter Joschija ein schnelles und gewaltsames Ende. Juda stand wiederum unter der Vorherrschaft einer Großmacht. Nach kurzer Zeit politischer Eigenständigkeit hatte es die Abhängigkeit von Assur eingetauscht gegen die Abhängigkeit von Ägypten.

Neuere Literatur: